"Lulu!"

Alltag Überall in der Welt pflegen die Ritter der Schlaraffia ihren eigenwilligen Sinn für Humor

Alles beginnt mit dem Gong des Tamtam. Immer freitags und "Glock acht des Abends" mutieren gestandene Männer in dunklen Anzügen zu Rittern. Sie kehren der profanen Welt den Rücken und tauchen ein in Schlaraffia, ins "Hohe Reych der Berolina", um für Stunden einem merkwürdigen Schauspiel nachzugehen - gestreng nach alten Regeln.

Was kann man halten von erwachsenen Männern, die einen ausgestopften Uhu verehren? Männer, die sich mit "Lulu" begrüßen, im Pluralis Majestatis anreden und zur Strafe gegenseitig in den Kerker sperren - was kann man nur von solchen Männern halten? Ihr Regelwerk ist mehr als hundert Jahre alt. Es besagt: "Schlaraffia ist die innige Gemeinschaft von Männern, die in gleich gesinntem Streben die Pflege der Kunst und des Humors unter gewissenhafter Beachtung eines gebotenen Zeremoniells bezweckt und deren Hauptgrundsatz die Hochhaltung der Freundschaft ist!" Doch kommen und schauen Sie selbst. Die Arminburg, der Sitz des "Hohen Reyches Berolina, Tochter der Allmutter Praga", steht nicht an steilen Felsen. Das Schlaraffenland liegt nicht hinter sieben Bergen, sondern in einem Keller, zweiter Hinterhof eines gründerzeitlichen Gewerbehofes in Berlin-Tiergarten. "In arte voluptas", in der Kunst liegt Vergnügen, steht in großen Lettern über dem Eingang zur Burg, in der man sich winters wöchentlich zur "Sippung" trifft - von "Lethemond" bis "Ostermond", will heißen von Oktober bis April. Man gibt sich verschlossen, doch eine Loge ist man nicht.

Erster Akt, erste Szene. Ritter Bötrix der reegängige Wellenreyter wandelt durch einen schummrigen Raum mit Bar und niedriger Decke - die "Vorburg". Er begrüßt eilends einreitende Gäste und ruft: "Lulu!" Im profanen Leben heißt der Ritter Köpcke. Rolf Köpcke. 42 Jahre lang war er Verwaltungsangestellter. Heute ist er Rentner in Berlin und Marschall im Reych. Seit zwei Dutzend Jahren, immer freitags und "Glock acht des abends", legt Rolf Köpcke die Rüstung an, setzt den Helm auf die spitzen Ohren und vergisst für ein paar Stunden, dass er 68 Jahre alt ist. Die Rüstung ist ein rot-blauer Umhang aus Baumwolle, übersät mit Orden und Abzeichen und klimpert deshalb. Auch der Helm kann keiner Lanze trotzen. Rolf Köpcke sieht aus wie der Präsident eines Karnevalsvereins. Oberflächlich betrachtet. "Bei uns geht es zwar auch humoristisch zu, aber wir pflegen doch mehr die künstlerische Komponente", sagt Bötrix, blättert im Vademecum, dem Sippungskalender, und zeigt auf die Zeile: "28.12. Sippung - Lyrik." Ein Abend ganz im Zeichen von "Err Emm Rilke", schwärmt der Ritter.

Erster Akt, zweite Szene. Ceremonienmeister Ritter Strukturello der Aufgeräumte stampft mit dem reich verzierten Ceremonienstab auf das Linoleumparkett und ruft gewichtig: "Das Reych werde sesshaft." Ritter Bötrix schlägt das Tamtam, ein Gong ertönt und Seine Herrlichkeit Oberschlaraffe Ritter Simsalabim von Marzipanien betritt die Burg, durchmisst erhabenen Schrittes den holzvertäfelten Saal und besteigt unter "Lulu"-Gebrüll den Thron, eine flache Bühne, postiert sich hinter einer mit Kerzen und Schnickschnack geschmückten Opferbank und breitet gebieterisch die Arme über die versammelten Ritter. Rund 30 Personen sind zugegen. Man feiert das 136. Stiftungsfest. Die Herren haben an hellen Holztischen Platz genommen, sagen "E-he" statt Prost und laben sich an "Quell" statt Bier und an "Lethe" statt Wein. Die "Styxin" flitzt zwischen Burg und Bar und bringt die Gläser. Frauen dulden die Ritter in der Burg ausschließlich, wenn sie Getränke servieren. Nur auf Sommerfesten und Weihnachtsfeiern ist die Anwesenheit der angetrauten Damen, der "Burgfrauen", ausdrücklich erwünscht.

Erster Akt, dritte Szene. Der Oberschlaraffe erteilt der Kapelle das Kommando. In einer seitlichen Nische des Saales hauen Musikanten in die Tasten des Clavicimbel und greifen in die Saiten des Minneholzes. Und jetzt alle! Man singt das Sippungslied - bei der Zeile "dem Uhu gilt der erste Gruß" erheben sich alle Schlaraffen und verneigen sich in Richtung des ausgestopften Federviehs, das an der Wand vor sich hin staubt. Dann nehmen alle wieder Platz. Die profane Welt mag das ganze Getue lächerlich finden. Doch Tradition ist Tradition und das ritterliche Ceremonial bleibt reformresistent. Deshalb widmen sich Schlaraffen ihren Sippungen mit dem gebotenen Ernst - unter Verwendung eines sehr speziellen Humors.

Zeitreise zu den Ursprüngen: Im k.u.k.-regierten Prag pflegt die bessere Gesellschaft höfischen Standesdünkel, eitle Prunksucht und furchtbare Titelei. Ein Klub namens Arkadia gibt den Ton an. Bis im Herbst 1859 Schauspieler vom deutschsprachigen Theater, Akademiker, Bürger und sonstige Künstler einander finden, um eben jene Zustände zu persiflieren. Man gründet den "Proletarierklub", ruft das "Schlaraffische Reych" aus, stellt unmögliche Regeln auf, verkleidet sich ritterlich und verleiht einander aus nichtigsten Gründen sinnlose Orden. Kurzum: Die Schlaraffen schnüren ein enges Regel-Korsett, um dank Übertreibung alles Profane ad absurdum zu führen. An der Türe des Prager Lokals, in dem man sich trifft, heftet das Bild eines Uhu, und wir schreiben das Jahr Null a. U., "anno Uhui".

Von Prag aus trat die schlaraffische Idee ihren Siegeszug durch das Uhuversum an. Schon sechs Jahre später wurde in Berlin das erste Tochterreych gegründet: Berolina. Die Allschlaraffische Stammrolle verzeichnet heute 418 Reyche. 251 leben noch. Von Stockholm bis Buenos Aires, von L.A. bis Bangkok und Kobe "sippen" weltweit über 11.000 Ritter aller Nationalitäten, die unter sich ausschließlich Deutsch sprechen - altertümliches Deutsch vermengt mit Schlaraffenlatein und der Sprache germanischer Polizeiprotokolle.

Noch heute, im Jahre 142 a. U., verbindet die Schlaraffen ein tief empfundener Unbill gegen Rotary- und Lions-Club und elitären Gestus. Bei ihnen darf jeder Mann mitmachen, sofern "von unbescholtenem Ruf, in reiferem Lebensalter und gesicherter Stellung". Den Ritterschlag erhält jedoch erst, wer die Stadien "Pilger", "Prüfling", "Knappe" und "Junker" überstanden hat und sich an die Order hält: keine Politik, keine Religion, keine Geschäfte in Schlaraffia. Erst dann darf er die Rolandnadel am Revers tragen - eine Stecknadel mit weißer Perle, an der die Schlaraffen einander auch im profanen Alltag erkennen. Erst dann darf er sich einen Ritternamen geben, eine kleine Holztafel mit Phantasiewappen bemalen lassen und sie zu den anderen hängen, die schon die Wände der Burg zieren.

Zweiter Akt, erste Szene. Seine Herrlichkeit Oberschlaraffe Simsalabim von Marzipanien befiehlt, die Ritter zu bewaffnen. Ritter Strukturello will "keine lange Reden halten, sondern meines Amtes walten" - Lachen und Lulu - und teilt die langen, eisernen Schwerter aus. Die Trompete ertönt zur schrägen Fanfare und die Ritter bilden längs des Weges zum Thron ein Spalier, durch das die Gäste aus befreundeten Reychen einmarschieren. Über ihnen klappern die gekreuzten Schwerter. Zeit für ein Lied: "Willkommen unsere Gäste, Euch allen ein donnernd Lulu", skandieren die Ritter. Das Clavizimbel begleitet.

Zweiter Akt, zweite Szene. Oberschlaraffe Simsalabim ruft Ritter Duden. Er hatte den weitesten Weg, aus Cleveland/Ohio, und deshalb steht es ihm zu, am Thron die blaue Kerze zu entzünden - in Gedenken an alle Reyche, die nicht mehr sind und Freunde, die schon gen "Ahalla" ritten. Ein freundlicher kleiner Ritter jenseits der 70 lächelt nachdenklich. Früher einmal war Wolfgang Schaller Pressesprecher der Berliner AOK. Heute ist er Ritter Info-fix, der Schnee von morgen, weil er alles immer etwas früher weiß. Ihm gegenüber sitzt Ritter Peniblius der Fabelhafte, eingeritten aus dem zweiten Berliner Reych der Litzowia. Ein Schlaraffe mit Leib und Seele und Uhu-gemusterter Krawatte. Bötrix verliest das amtliche Protokoll der letzten Sippung. Sendbotschaften anderer Reyche werden verkündet und Vereinsinterna besprochen. Info-fix klappt seinen Sippungskalender auf und hakt den heutigen Termin schon mit dem Rotstift ab. Zäh fließt die Liturgie des Abends. Noch findet sich kein Ritter, der all zu freche Reden schwingt, den Thron beleidigt oder sonst für Unmut sorgt - und dafür in den Kerker wandert. In dieser aussenklo-großen Wandnische, verriegelt mit schwerem Eisengitter, müsste er bei Wasser und Brot mindestens fünf Minuten ausharren, derweil die Rittersleute johlen würden. Mit Sicherheit ein Höhepunkt. Doch bisher nichts dergleichen: Die Kunst lässt auf sich warten, Humor wird strukturiert.

Zweiter Akt, dritte Szene. Ein mittelalter Ritter erhebt sich bedächtig und vermeldet mit leiser Stimme den Austritt des Ritters Macmalticus. "Dort liegen seine schlaraffischen Utensilien", sagt der Ritter und zeigt auf eine weiße Plastiktüte neben dem Thron. Seine Herrlichkeit befindet, das sei "eine traurige und eine sehr ernste Sache", denn Macmalticus hat als Grund angegeben, keine Freunde gefunden zu haben. Raunen, kein Lulu. Wo doch die Freundschaft hohes Ziel des Bundes ist. Ein Vertreter vom Tisch der Krawall-Ritter erhebt sich und den Einwand: "Auch enge Freundschaft ist machtlos gegen den Groll der heimischen Burgfrau." Ritter Info-fix beugt sich herüber und teilt vertraulich mit, seine Frau sei auch nicht eben begeistert gewesen, als er heute Abend wegging. Am Mittwoch wollen sie nach China reisen, da gäbe es noch alle Hände voll zu tun. Nach der schrecklichen Nachricht eine kurze Pause. Anschließend beginnen die "Fechsungen" - kurze, gern humoristische, aber bitte kunstvolle Beiträge - gesprochen, gesungen, gespielt.

Dritter Akt, erste Szene: Seine Herrlichkeit Oberschlaraffe des Äußeren, Ritter Aksellance der Rechte Scout, im profanen Leben Rechtsanwalt, hat nun die Leitung übernommen und moderiert sich holpernd durch den kulturellen Teil der Sippung. Erst einmal ruft er in Erinnerung, dass man heute das 136. Stiftungsfest begeht. Und weil kein Jubiläum ohne Rede bleiben darf, "freuen wir uns nun auf die weisen Worte des Ritters Citasso der Hellebarde". Ein hochgewachsener Mann über 70 erklimmt die Stufen der reich verzierten Kanzel. "Ich habe eigens einige Ausarbeitungen gemacht", beginnt Citasso, "diese aber dann auf dem Couchtisch vergessen". Es wird eine kurze Rede. In den aufmerksamen Gesichtern der Ritter macht sich Enttäuschung breit. Doch die wesentlichen Formeln fehlen zum Glück nicht: "auch in schweren Stunden", "im Wandel der Zeiten", "Kunst, Humor und Freundschaft". Schön war die Rede trotzdem, findet Ritter Aksellance und verleiht Citasso einen weiteren Orden, heftet ihn sogleich an dessen blitzende Brust und verordnet den restlichen Rittern ein "dreifach-donnerndes Lulu". Hernach marschiert der namenlose Knappe 829, geschätztes Alter: Ende 40, zur Fechsung, und trägt das Protokoll der letzten Sippung in Reimform vor. Orden und Lulu. Ein anderer Ritter verteilt Gummibären an die Mannen und hält einen populärwissenschaftlichen Vortrag über den Stammbaum der Bären. Orden und Lulu. Ein Gast aus dem Reyche der Lubeca musiziert auf dem Dudelsack "Freude schöner Götterfunken". Orden und Lulu. Die beschwingte Atmosphäre erfährt ihren vorläufigen Höhepunkt, als zwei Ritter und ein Junker, der ob seines fehlenden Haupthaares einmal den Namen Locke tragen soll, zu bekannten Melodien humorige Schlaraffenschlager singen. Sie haben sich selbst gebastelte Schiffchen aus Goldfolie umgehängt. Zum Dank wird ihnen der Berner-Bären-Orden verliehen und ein vierfach donnerndes Lulu geschmettert. Die Begeisterung wächst gar ins Uferlose, als ein Ritter aus dem Hohen Reych Potsdamia zum Clavizimbel schreitet und ein Stück des Richard Clyderman zu besten gibt. Seine Herrlichkeit besingt zum Dank das Hohelied der Kunst, verleiht einen extrawichtigen Orden und fordert ein fünffaches Lulu.

Letzter Akt, letzte Szene. Der Abend neigt sich dem Ende entgegen. In Nachtwächters Gesang fasst Strukturello die Highlights protokollarisch zusammen. Dann fassen sich die Ritter bei den Händen und singen das Sippungsschlusslied - "Drum preiset den Aha und ehrt den Uhu und scheidet, ihr Brüder, mit lautem Lulu." Dann wird die blaue Kerze gelöscht. Ritter Bötrix schlägt das Tamtam, der Schlussgong ertönt.

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00:00 30.11.2001

Ausgabe 42/2021

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