Lumpensammler der Geschichte

Inseln der Organisation in der Empirischen Suppe Zum 100. Geburtstag des Ethnologen und Anthropologen Claude Lévi-Strauss

Man könnte es für Koketterie halten: Seit seinem wohl bekanntesten Werk Traurige Tropen (1955) hat Claude Lévi-Strauss immer wieder auf sein schlechtes, wahlweise "verheerendes", ja "selbstzerstörerisches Gedächtnis" hingewiesen, das ihn Teile seines Berufs- und Privatlebens verdrängen lasse. Jetzt wird der Mann 100 Jahre alt und wirkt, wie erst jüngst in einem Gespräch mit dem renommierten Anthropologen Constantin von Barloewen in der Frankfurter Rundschau, hinsichtlich seines Erinnerungsvermögens praktisch nicht beeinträchtigt.

Wie soll man sich seinem gewaltigen Werk heute nähern? In aller Bescheidenheit bezeichnet Lévi-Strauss sich selbst als "gewöhnlichen Kantianer" und "wahrscheinlich geborenen Strukturalisten". Einer Erzählung seiner Mutter zufolge hat er bereits als Kleinkind allein aus der graphischen Ähnlichkeit geschlossen, dass die erste Silbe in ›boucher‹ (Metzger) und ›boulanger‹ (Bäcker) ›bou‹ lauten muss. Viel später sieht er genau darin das Wesen des strukturalistischen Ansatzes, den er in die Ethnologie einführen sollte - die "Suche nach den invarianten (unveränderlichen) Elementen unter den Verschiedenheiten der Oberfläche". (1980)

Wie man Ethnograf wird

Der Weg dahin verläuft nicht gerade. Mit 17 liest Lévi-Strauss Karl Marx, später studiert er Jura und Philosophie. In einem Kapitel von Traurige Tropen beschreibt er, "wie man Ethnograf wird". Die Philosophie besteht für ihn bald nur noch aus verbalen Kunststücken, aus "schierem Wortgeklingel". Statt Fortschritt der Erkenntnis immer komplexere geistige Konstruktionen - das Bezeichnende (Signifikant) verweist nicht mehr auf ein Bezeichnetes (Signifikat), Know-how ersetzt die Liebe zur Wahrheit. Als dem jungen Lehrer am Gymnasium von Laon zudem klar wird, dass er den Rest seines Lebens damit verbringen wird, seine Lektionen zu wiederholen, greift er zur "Rettungsplanke der Ethnografie". Er liest Robert Lowies Treatise on Primitive Sociology und ahnt, wie seine Berufsausbildung sich mit der Liebe zum Abenteuer verbinden lässt. 1935 geht er nach Brasilien.

Damals sind die Grenzen zwischen Soziologie und Ethnologie noch fließend. Doch zunehmend verbreitet sich das Bewusstsein von einer neuen Disziplin namens Ethnologie, die nach offizieller Anerkennung strebt. Lévi-Strauss reist mit seiner Frau Dina in den Mato Grosso zu den Caduveo und Bororo, später zu den Nambikwara. Das sind ausgedehnte und gefährliche Expeditionen, die man nur mit Mut und körperlicher Robustheit durchhält. Geschützt habe ihn dabei vor allem ein "Mangel an Vorstellungskraft" hinsichtlich möglicher Gefahren. Dem Reisen steht Lévi-Strauss zwiespältig gegenüber. Traurige Tropen beginnt etwa mit dem Satz "Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende", vor dem Hintergrund seiner Zweifel am Sinn des ganzen Unternehmens sicher auch als Provokation gemeint. Doch "Reisen an sich" hat Lévi-Strauss nie begeistert. Mit Mme. de Stael nennt er es später "eines der traurigsten Vergnügen der Welt".

Ethnologen und Anthropologen beschäftigen sich einer klassischen Definition von Edward Tyler zufoge mit "Kenntnissen, Glaubensinhalten, Kunst, Moral, Recht, Gebräuchen und allen anderen Fähigkeiten oder Gewohnheiten, die vom Menschen als Mitglied der Gesellschaft erworben wurden". Grundlegend dabei sind Mythen. Doch was ist eigentlich ein Mythos? "Eine Geschichte aus der Zeit, als die Menschen und die Tiere noch nicht voneinander geschieden waren" - so würde die Frage vermutlich ein amerikanischer Indianer beantworten, und Lévi-Strauss stimmt dem zu. Mit Blick auf Sigmund Freuds Totem und Tabu präzisiert er andernorts, dass ein Mythos uns nicht sage, "wie die Dinge sich wirklich abgespielt haben. Er sagt, wie die Menschen sich vorstellen müssen, dass die Dinge sich abgespielt haben, um Widersprüche zu überwinden." So erklären Mythen, "warum die Dinge, die anfangs ganz anders waren, so geworden sind, wie sie sind, und warum sie nicht anders sein können". Im Gegensatz zur cartesianischen Methode, die eine Schwierigkeit in Teile zerlegt und sich mit Teilantworten zufrieden gibt, besteht der Mythos dabei auf Erklärungen, die alle Phänomene einbeziehen.

Respekt gegenber den Kulturen

20 Jahre arbeitet Lévi-Strauss an den vier Bänden Mythologica, in denen er über 800 Mythen interpretiert, dazu noch mal 1.000 Varianten. Während der Arbeit ist er gleichsam mythendurchtränkt. Er lebt mit all diesen Völkern und ihren Geschichten "wie in einem Feenmärchen", brütet über ihnen, bis er in einem unerklärlichen Detail eines Mythos in transformierter Form ein Detail eines anderen Mythos wiedererkennt und sie schließlich zu einer Einheit zusammenfügt. Dabei kommt ihm seine Detailversessenheit zugute. Hier folgt er dem 50 Jahre älteren Ethnologen Franz Boas, der gezeigt hat, dass man bei der Untersuchung einer unbekannten Kultur über das, was wichtig sei und was nicht, nicht im voraus urteilen könne.

Boas ist es auch, der Lévi-Strauss den "Kulturrelativismus" nahebringt. Meint Kulturrelativismus zunächst den Verzicht auf eine allen Kulturen gemeinsame, evolutionäre Entstehungsgeschichte, wird er bald zu einer Maxime der Lévi-Strauss´schen Reflexion: Kein Kriterium erlaubt, eine Kultur höher einzustufen als eine andere. Denn keine Gesellschaft ist vollkommen: "Man entdeckt ..., dass keine Gesellschaft grundlegend gut ist; aber auch, dass keine von ihnen absolut schlecht ist. Jede von ihnen bietet ihren Mitgliedern gewisse Vorteile" (1955).

Ausdruck dieses Respekts ist nicht zuletzt sein Vorschlag, die gängige Rede von "primitiven" Gesellschaften durch "schriftlose" Gesellschaften zu ersetzen. Damit wendet sich Lévi-Strauss gegen jede Art von Kolonialismus, den er als "Todsünde des Westens" sieht. Gleichwohl verkennt er nicht die historische Tatsache, dass die Ethnologie im Schatten des Kolonialismus entstanden ist. Doch hätten Ethnologen stets versucht, Glaubensinhalte und Lebensweisen zu retten, die sonst rasch in Vergessenheit geraten wären.

Strukturen gehen nicht auf die Straße

Ist der Strukturalismus geschichtsvergessen, wie Jean-Paul Sartre ihm vorwarf? "Die Strukturen gehen nicht auf die Straße", lautet ein Slogan im Mai 1968. Claude Lévi-Strauss auch nicht, könnte man ergänzen. Sartre zufolge geht es dagegen "immer darum, für oder gegen die Geschichte zu denken". Jede Generation nehme zu den Strukturen ein anderes Verhältnis ein, und dies erlaube den Wandel der Strukturen selbst. In Das wilde Denken (1962), dem Freund Maurice Merleau-Ponty gewidmet, setzt Lévi-Strauss sich mit Sartre auseinander. Dabei ist "wildes" Denken nicht das Denken der Wilden, sondern eine Form schriftlosen Denkens, die nicht ausdrücklichen Regeln unterliegt. Damit steht es nicht dem "zivilisierten" Denken gegenüber, sondern einem "domestizierten Denken", das gezähmt wurde, um effektiver zu sein.

Lévi-Strauss lässt die Position Sartres und der Marxisten gelten. Doch beansprucht er, sich als Strukturalist mit Dingen zu befassen, die "keine praktischen Auswirkungen haben". Dabei gesteht er zu, dass große Teile des sozialen Lebens einer strukturalen Analyse nicht zugänglich sind, und nennt sie "aleatorisch". Hier geschieht alles nach Wahrscheinlichkeiten, nicht nach Notwendigkeiten. Das gilt ihm zufolge auch für die Geschichte. Aufgrund der Vielzahl möglicher Variablen ist sie immer erst im nachhinein erklärbar.

Von frühen sozialistischen Parteinahmen abgesehen, sieht Lévi-Strauss sich nicht als engagierten Intellektuellen. Seine intellektuelle Autorität beruhe auf seinem wissenschaftlichen Beitrag, mit dem er sich in begrenzten Bereichen das Recht auf Gehör erworben habe. Damit ist die Beantwortung menschheitsentscheidender Fragen nicht sein Metier. Sein Interesse gilt den "Inseln von Organisation" inmitten einer "gewaltigen empirischen Suppe". Stets ist er sich bewusst, dass die strukturalistische Methode die Totalität der Phänomene nicht erschöpfen kann. Claude Lévi-Strauss - mit anderen steht sein Name für die Blütezeit neuer Wissenschaften und ihre Zusammenarbeit, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Am 8. November wird er 100 Jahre alt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare