Lust auf Extras

E-Book „Schnelle Nummer“ heißt der jüngste Titel von Hanser Box. Was hat die neue Reihe zu bieten?
Lukas Latz | Ausgabe 46/2014
Lust auf Extras
Digitaler Mehrwert: Nora Bossongs Reportage ist verlinkt mit Stundenhotel-Rezensionen
Foto: Julian Röder/Ostkreuz

Das Programm läuft: Seit dem 1. Oktober hat der Hanser Verlag ein gutes Dutzend 30 bis 70 Seiten umfassende E-Books zu niedrigen Preisen zugänglich gemacht, jeden Mittwoch soll eine weitere Publikation erscheinen. In der Reihe finden sich Erzählungen, Reportagen und politische Essays.

Neue Formate sollte man danach beurteilen, ob sie die kulturelle Vielfalt tatsächlich vermehren oder ob sich ihr Gehalt vom etablierten Angebot nicht unterscheidet. Sind sie ästhetisch innovativ, oder verfolgen sie nur werbliche, kommerzielle Zwecke? Und wenn sie Letztgenanntes verfolgen: Macht das Format auf junge, noch nicht so bekannte Autoren des Verlags aufmerksam?

Zwar gibt es mittlerweile ein paar kleine, reine Digitalverlage wie den Frohmann Verlag (Freitag 31/2014), der Hanser Verlag ist jedoch das erste etablierte Haus, das eine solche E-Book-Reihe führt. Setzte sich das Format auch in anderen etablierten Verlagen durch, würde die Literaturszene grundsätzlich offener und vielstimmiger, der Einstieg für neue Autoren erleichtert. Ebenso könnte sich die Kritik an dem neuen Format messen. Das gilt für relativ konventionelle Texte, die als E-Book erscheinen, es gilt aber natürlich noch mehr für Texte, die mit dem Medium spielen, denn ein solches Programm mit ausschließlich elektronischer Literatur würde sich auch als Plattform für formale Experimente eignen. Will die Literaturkritik nicht nur als Werbetrommel instrumentalisiert werden, schenkt sie auch Autoren Aufmerksamkeit, die nicht schreiben, als wäre der Text ein Buch oder ein Feuilleton.

Der Begriff E-Book bezeichnet bislang nur, dass Texte, die fürs Printformat konzipiert sind, zusätzlich in digitaler Form vertrieben werden. Aber das sollte sich ändern: Ein elektronisches Dokument bietet für Literatur ein ganz anderes Medium als ein gedrucktes und gebundenes Buch. Aus dem E-Book könnte der E-Text hervorgehen. Und der E-Text könnte in absehbarer Zeit eine relativ autonome Literaturform werden.

Kein ganz neuer Traum: Schon 1992 hat Robert Coover, der große Schriftsteller der US-amerikanischen Postmoderne, in der New York Times auf die Möglichkeiten der Literatur im Zeitalter vernetzter Computer aufmerksam gemacht. Seitdem haben sich die Vertriebsmöglichkeiten für elektronische Literatur dank des Internets so entwickelt, dass sie ein Konsumartikel wie gedruckte Literatur wird.

Mein Kommerz so dreist

Die Hyperfiction der 90er Jahre wurde zwar von Coovers Lob geehrt, ihre unüberschaubaren Kollektivprojekte bleiben aber nur eine literaturhistorische Randnotiz. Das den Werken inhärente Chaos machte die gezielte Vermarktung und eine sinnvolle Rezeption unmöglich, das gilt noch für eine Seite wie netzliteratur.net, die die Beiträge von damals bis heute versammelt.

Dabei liegt das innovative Potenzial der Netzliteratur auf der Hand. In elektronischen Dateien kann eine lineare Erzählstruktur viel leichter umgangen werden, man kann mit einer freieren Form arbeiten. Die Seite ist nun kein Sinnabschnitt mehr, in den sich jeder Text zwangsläufig unterteilt. Der Text kann in sich und nach außen viel stärker verlinkt werden. Plot-Elemente können in einem höheren Maß verschoben werden. Der Leser blättert nicht mehr, er scrollt, und er aktiviert Links. Beim Lesen muss er selbst Entscheidungen treffen. Inwieweit die Linearität eines Texts dekonstruiert werden kann und er dennoch eine Form von Einheit des Kunstwerks wahrt, also etwas Schönes und die Einbildungskraft Anregendes schafft, muss für die elektronische Literatur neu ausgelotet werden.

Von diesen Verheißungen des Genres – junge Autoren präsentieren und innovative Texte publizieren – ist bisher wenig bei der Hanser Box zu finden. In den ersten Folgen der Reihe fanden sich fast ausschließlich Texte von Erfolgsautoren wie Roberto Saviano, R. J. Palacio oder Javier Marías, kaufmännisch zweifellos eine sinnvolle Entscheidung. Zuerst muss eben ein breiteres Publikum für das neue Format gewonnen werden.

Für die weitere Entwicklung bleibt nun aber doch zu hoffen, dass Debütanten und vor allem formale Experimente in die Reihe eingeschlossen werden. Die Literaturkritik ist von den bisher publizierten Texten unterfordert. Für Javier Marías, der durch sein Romanwerk internationales Renommee genießt, war die Reisereportage In Venedig wohl nicht mehr als eine Fingerübung. Es braucht niemanden, der die Qualität dieses Texts überprüft. Der Wikipedia-Artikel zu seiner Person reicht in diesem Fall als Hilfe bei der Kaufentscheidung aus. Die Preise, die Marías gewonnen hat, rechtfertigen allein, dass man sich mal mit einem kurzen Text von ihm beschäftigt.

Natürlich darf mit dem Format auch Selbstmarketing betrieben werden. Dass Autoren hier Kostproben aus ihrem Werk geben und damit neue Leser für die längeren Publikationen gewinnen, ist vollkommen legitim. Der Inhalt des Texts sollte sich aber nicht wie eine Werbebroschüre lesen. Diese Fehlentwicklung findet sich in Ilija Trojanows Essay Wissen und Gewissen. Die Warnung vor einem kommenden Totalitarismus wird verbunden mit Reklame für sein eigenes Schaffen – Heuchelei. Ausführlich stellt Trojanow den Roman vor, an dem er gerade arbeitet, nennt Thema und Titel seines zuletzt erschienenen Romans und erweist seinem politischen Buch Angriff auf die Freiheit aufdringliche Reminiszenzen.

Vor allem die erwähnten eigenen Romane passen mit dem Essay thematisch schlecht zusammen. Zur Erwähnung von Dave Eggers’ kürzlich auf Deutsch veröffentlichtem Roman fügt Trojanow einen Hyperlink hinzu, über den man das Buch bei Kiepenheuer und Witsch direkt bestellen kann. Er verwirklicht somit eine Gegendystopie zu Eggers’ Roman, in dem die Mitarbeiter des Circle gleichsam professionelle Konsumenten sind. In der Fiktion bekommen sie alle erdenklichen Konsumgüter geschenkt, da sie sie evaluieren und für sie werben.

Trojanows Leser müssen dagegen selbst für die Werbung bezahlen, die den Autor anpreist. Der Gehalt verflacht dabei, Trojanows politischer Idealismus wird unglaubwürdig. Der Autor formuliert keine Argumente, er verbreitet Gesinnung. Statt evident zu machen, warum die Entwicklung um die NSA gefährlich ist, will er die persönlichen Motive von Andersdenkenden stigmatisieren: „Wieso stört es die wenigsten, dass ihre Freiheit derart eingeschränkt wird?“ Eine mögliche Antwort könnte sein: weil Mahner wie Trojanow zu oft zwischen Aufklärung und Werbung nicht genügend unterscheiden können.

Eine andere Preisklasse

Viel interessanter ist dagegen der bis dato neueste Beitrag der Reihe: Nora Bossongs Reportage Schnelle Nummer, die diese Woche erscheint. Bossong beschreibt Stundenhotels in Deutschland und Österreich und deren von Stadt zu Stadt wie von Preisklasse zu Preisklasse sehr unterschiedliche Atmosphären. Sie exponiert die eigene Person in der Aura des Flittchenhaften. In den Text streut sie klare Hinweise, dass sie zu häufigen Partnerwechseln und Orgien neige, dazu zitiert sie Sigmund Freud und Michel Foucault, verweist auf Flirt-Apps und Seitensprungportale. Erotik wird beschworen. Will man die fortschrittliche permissive Sexualmoral verbreiten und vorantreiben, ist Reklame dieser Art in dem Text gut aufgehoben. Zudem verlinkt Bossong ihren Text mit Foren, in denen Prostituierte buchstäblich rezensiert werden und Erfahrungen mit Stundenhotels ausgetauscht werden. Dies ist ein so einfaches wie wirkungsvolles Mittel, um die Szenerie und den Geist der Branche vor Augen zu führen. In der Entscheidung, ob man den Hyperlink aktiviert oder nicht, wie lange man sich in diesen Foren durchklicken will, wird man als Leser schnell mit der eigenen Schamhaftigkeit konfrontiert.

Schwächen hat auch dieser Text. Wie eine strebsame Abiturientin geht Bossong kurz auf das Motiv des Fremdgehens bei Goethe, Mann, Brecht, Grass und Frisch ein. Das ist langweilig, man vermisst analytische Originalität. Interieurs, Zimmer, der systemgastronomische Umgang mit anderer Menschen Sexualität, den man beim Personal zweifellos wahrnimmt, oder das Bewusstsein von kundenorientierter Optimierung in den teuren Lokalitäten haben wohl einen verstörenden Einfluss auf die Erotik. Bossong deutet das an, wenn sie von „eingetakteter Lust“ spricht oder einmal ein Wort gegen die Omnipräsenz von Spiegeln erhebt. Diese Erfahrungen präzisiert sie jedoch nicht in argumentativen Pointen.

Altgediente Textformate, wie man sie gedruckt in Büchern und Zeitungen finden würde, sind in einer E-Text-Reihe nicht von überragendem Interesse. Gebührenpflichtige Reklame, wie Ilija Trojanow sie bietet, ist scharf zu verurteilen. Aber Ansätze wie bei Nora Bossong, die die technischen Möglichkeiten elektronischer Literatur ernsthaft zu nutzen versuchen – bitte ausbauen.

In Venedig Javier Marías Hanser Box 2014, 33 S., 2,99 €

Wissen und Gewissen Ilija Trojanow Hanser Box 2014, 35 S., 2,99 €

Schnelle Nummer Nora Bossong Hanser Box 2014, 36 S., 2,99 €

Lukas Latz studiert Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin

06:00 17.11.2014

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