Luxus-Wohnen am Lietzensee

Verdienen statt erinnern Die Entsorgung des ehemaligen Reichskriegsgerichtes in Berlin

Für das Unrechtssystem der NS-Justiz stehen neben vielen kleineren und mittleren Kammern vorrangig die zwei höchsten Gerichte des III. Reiches, die beide in Berlin aburteilten: Der Volksgerichtshof, dessen Gebäude an der Bellevuestraße im Zweiten Weltkrieg total zerstört wurde, und das Reichskriegsgericht, das in der Charlottenburger Witzlebenstraße in einem Anfang des 20. Jahrhunderts als Reichsmilitärgericht errichteten Gebäude residierte. Neben dem einstigen Reichsgericht in Leipzig findet sich hier die bundesweit wichtigste Erinnerungsstätte zur NS-Justiz.

Der im Wilhelminischen Stil errichtete Prachtbau war unversehrt geblieben - jedenfalls galt das noch vor einem Jahr. In seinen Mauern fällten Richter allein zwischen 1939 und 1945 etwa 1.400 Todesurteile - gegen den Widerstand in Deutschland (unter anderem Mitglieder der "Roten Kapelle") und den besetzten Ländern, gegen so genannte Wehrkraftzersetzer und Kriegsdienstverweigerer.

Etwas Tolles, Repräsentatives

Es hätte nahe gelegen, dort eine - in der Bundesrepublik beschämender Weise noch immer fehlende - Gedenk- und Dokumentationsstätte einzurichten und an die erbarmungslose Wehrmachts- wie mörderische NS-Justiz überhaupt zu erinnern. Es hätte nahe gelegen, damit auch die jämmerliche Art der Aufarbeitung in den Jahrzehnten nach 1945 auszuweisen. Ein Angebot gab es mit der jüngst auf den Weg gebrachten Wanderausstellung zur NS-Militärjustiz, für die es sonst keine dauerhafte Unterbringung gibt. Dafür jedoch erschien dem Eigentümer - der Bundesvermögensverwaltung - und der Stadt Berlin ein solch historischer Ort offenbar als ungeeignet. Man suchte nicht nach Gedenken oder Respekt, sondern nach wirtschaftlich lukrativer Verwertung. "Hier muss doch was gehen: Irgend etwas Tolles, Repräsentatives", rief der Berliner Tagesspiegel - und die Berliner Behörden folgten brav dem begeisterten Vorsänger und den Begehrlichkeiten der auf neue Vermögensanlagen bedachten Investoren.

Kaum nachvollziehbar willigte auch die Denkmalschutzbehörde ein und ließ anfängliche Bedenken fallen, so dass einem Verkauf des Gebäudes an die holländische Investmentgruppe allodImmobilien- und Verwertungsgesellschaft nichts mehr im Wege stand. Man konnte damit beginnen, für gut betuchte Bürger mehr als 100 "Schlosslofts" - sprich: luxuriöse Mietwohnungen - einzubauen und das Gebäude bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Zwischendecken und Galerien wurden eingezogen, Treppenhaus und Flure getäfelt - Gerichtssäle, in denen einst Menschen ihre letzte Hoffnung auf Gnade aufgeben mussten, sollen bald als komfortable Wohnsalons dienen, ergänzt durch wie Schwalbennester anmutende Bäder und Schlafräume. Schon im November werden erste Mieter ins "Atrion" - so der künftige Name - einziehen.

Gegenüber einer informierten Öffentlichkeit wären derart rigide Eingriffe in die Innenarchitektur eines geschichtsbeladenen Baus kaum durchsetzbar gewesen, doch eine solche Öffentlichkeit gab es nie. Die Berliner Presse wahrte Stillschweigen, als wollte sie den Deal nicht stören.

Ein guter Abschluss

Allein der Tagesspiegel hatte erkannt, dass es im Sog der Privatisierung nun auch historischer Bauwerke mehr auf Gewinnmaximierung denn auf Denkmalschutz ankommt. Als mit fortschreitendem Innenausbau vollendete Tatsachen geschaffen waren, schien dem Blatt die Zeit reif für die angemessene Berichterstattung. Allerdings widmete man sich mitnichten dem Konflikt zwischen Erinnerungskultur und kommerziellen Begierden, sondern rührte die Werbetrommel für die prächtigen Lofts. Unter Anpreisung der "begehrten Wohnlage am Lietzensee" lobte ein ganzseitiger, mit großformatigen Innenaufnahmen garnierter Bericht, wie sehr die Teilung der vormals großen Räume in kleine "gelungen" sei. Geschäftsführer, Vorstände und Firmeninhaber hätten sich die Wohnungen bereits gesichert, so dass die Hälfte davon inzwischen vermietet sei. Es müsse sich also beeilen, wer noch unterzukommen wünsche. Redaktionelle Werbung nennt man das. Verschwiegen wurde, dass nicht einmal die Gebäudefassade unverändert blieb und mit Balkonen behängt wurde. An weniger wohl situierte Leser, die Mietpreise von 18 Euro pro Quadratmeter für die geräumigen Etablissements nicht aufbringen können, dafür aber an Details der auf Kosten des Denkmalschutzes getroffenen Entscheidung der Berliner Behörden interessiert sein mochten, richtete sich der Artikel verständlicherweise nicht. Erwähnt wurde nur, dass der Regisseur Dani Levy kurz vor Beginn der Bauarbeiten in den Räumen des ehemaligen Reichskriegsgerichtes noch den Film Mein Führer habe drehen können - für das Haus "ein guter Abschluss des dunkelsten Teils seiner Geschichte". So sieht es auch Thomas Grothe, Geschäftsführer der allod Immobilien- und Vermögensverwertungsgesellschaft, in seiner Antwort auf die Frage des Tagesspiegel, wie er denn mit der NS-Vergangenheit seines Investitionsobjektes umgehe: "Diese Zeit macht zum Glück nur einen Bruchteil der ›Lebenszeit‹ des Gebäudes aus." Dass sich viele Berliner in Kenntnis der Vorgeschichte des Hauses für das Wohnen im "Atrion" entschieden hätten, zeige nur, "dass sie nach vorn sehen".

Schlussstrichmentalität, die sich mit der Weigerung einer Bundestagsmehrheit trifft, die vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilten Kriegsdienstverweigerer zu rehabilitieren.

s. auch Norbert Haase, Das Reichskriegsgericht und der Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Berlin 1993


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