Was es heißt, lebendig zu sein

Lyrikkolumne Unser Kolumnistin Beate Tröger liebt die Lyrik. Was sie dieses Mal fasziniert: Viele Gedichte handeln zwar vom Tod, aber gerade da spricht aus ihnen eine Liebe zum Lebendigsein

Es sind vornehmlich Werke von toten Dichtern, um die es diesmal in dieser Kolumne geht. Die große amerikanische Dichterin Mary Ruefle schreibt in Über die Toten, einer Kurzvorlesung, die im Schreibheft Nummer 97 unter dem Titel Die Natur der Dinge erschienen ist: „Dichter, egal, welchem Lager sie angehören, sind Menschen, die von einer Sache besessen sind, von der niemand eine Ahnung hat. Das wäre der Tod.

Sie sprechen mit den Toten und haben einen Draht zu den Toten und schreiben über den Tod, als hätten sie ihn vollbracht (…) AB DEM AUGENBLICK, IN DEM SIE TOT SIND, KÖNNEN SIE UNS ALLES BEIBRINGEN. Wieso – warum ist das so? Ich glaube, es liegt daran, daß all ihre Gedichte über den Tod ab dem Augenblick, in dem sie tot sind, zu Gedichten darüber werden, lebendig zu sein.“ Folgt man Mary Ruefle, wird es in dieser Kolumne also trotz toter Dichter.innen sehr lebendig und lehrreich zugehen.

Beginnen wir mit dem gestalterisch schönsten Band des Frühjahrs: Sich selber sehen möchte die Welt mit Nachlassgedichten, Prosa und Essays der bedeutenden dänischen Lyrikerin Inger Christensen aus dem Kleinheinrich-Verlag. Der Künstler Olav Christopher Jenssen hat den Band mit Aquarellen wunderbar illustriert. Der Band stellt eine bisher nicht auf Deutsch zugängliche Auswahl von Gedichten vor, wie etwa das Langgedicht Ich weiß noch der Tag hat begonnen, in dem es heißt: „Leben ist etwas zu überstehen / Leben ist etwas durch das wir hindurch müssen / Leben ist etwas“.

Auszusprechen, was existiert, die Existenz als Existenz durch Sprache zu affirmieren, ohne dabei pathetisch zu werden, ist zentral für das Werk dieser Autorin. Die Intensität dieser Gedichte wird balanciert durch häufig strenge formale Vorgaben. Man kannte diese Entscheidung für radikale Formexperimente bereits von Christensens bekanntestem Gedicht alphabet. In Sich selber sehen möchte die Welt wird die meisterhafte Balance von existenzieller Wucht und formaler Strenge in ihrem gesamten Schaffen erfahrbar.

Beate Tröger, geboren 1973 im oberfränkischen Selb, studierte Germanistik, Anglistik und Theater- und Filmwissenschaft. Tröger arbeitet als Literaturkritikerin, Moderatorin und Jurorin. Am allerliebsten schreibt, spricht und streitet sie über Lyrik. Sie lebt in Frankfurt am Main

Christensen hatte auch eine Vorliebe für die stark formalisierte japanische Haiku-Dichtung. Wer von ihren Kleiner Regenbogen-Haikus weiter in Richtung Osten lesen möchte, kann dies tun mit Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten, herausgegeben von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Die prachtvolle Anthologie will die Entwicklung dieser in Japan entstandenen, strengen Dichtungsform intensivster Bildlichkeit von ihren Anfängen bis zur Jahrtausendwende fassbar machen.

305 Gedichte sind hier chronologisch geordnet und zweisprachig abgedruckt. Den drei überragenden Dichtern der Edo-Zeit, Matsuo Bashō, Yosa Buson und Kobayashi Issa, werden neben Autoren aus japanischen Sammlungen auch zahlreiche Autorinnen zur Seite gestellt, die bisher oft unbeachtet geblieben waren, unter ihnen Shina Sonome (1664 – 1726), die in diesem Haiku von der unerträglichen Sommerhitze spricht, die durch ein Kind auf dem Rücken der weiblichen Sprecherin noch gesteigert wird: „Auf dem Rücken das Kind / – es reißt mir an den Haaren – / o diese Hitze!“

Die Verwandtschaft zwischen Christensens Werk und der Haiku-Dichtung lässt sich umgekehrt über die sprachlich verknappende Praxis dieser Dichtung konstatieren: „Wasserspiegelung – der Widerschein / reicht jetzt herein bis an den Pfosten / Heute morgen: Herbstbeginn“, dichtet Narita Sōkyū (1761 – 1842) in einem der Haiku, die in der Anthologie sämtlich mit Interpretationsansätzen versehen sind.

Von der Wasserspiegelung und dem für ein Haiku erforderlichen Bezug zu einer der vier Jahreszeiten, die in Japan sehr extrem ausfallen können, gelangt man zu den Gedichten von Erika Burkart, die im Februar 2022 ihren 100. Geburtstag hätte feiern können. Nachdem sie mit 33 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hatte, konnte Burkart ihrem Beruf als Lehrerin nicht länger nachgehen und lebte und schrieb von da an im Kanton Aargau im barocken Landhaus Kapf, das ihr Vater erworben hatte und als Gasthof betrieb.

Erika Burkarts Lyrik kommt von Annette von Droste-Hülshoff, Rainer Maria Rilke und Stefan George her, wie ihr Ehemann Ernst Halter, der die Auswahl getroffen hat, im Vorwort bemerkt. Burkarts Gedichte, die im Frühwerk unreflektiert eine Einheit zwischen Sprecher-Ich und göttlicher Schöpfung behaupten, erfahren nach einem biografischen auch einen inneren Bruch.

Ab dem Jahr 1973, mit dem Band Die Transparenz der Scherben, bis zu ihrem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Band Geheimbrief (2009) entstehen Verse von mystischer Tiefe, von klarer, fast schneidender Konzentration, eine Lyrik, die sich von ihren Vorbildern emanzipiert hat, ein Werk, das mit der Frage nach der An- oder Abwesenheit Gottes ringt, eines, in dem die Nähe zur Natur immer wieder zur Quelle wird, das „einsame Sprechen schriftlich“ ein höchst skrupulöses ist: „In die späten, die kurzen / immer kürzeren Jahre kommen, / da Gott sich zerstreut / in seine Dämonen, / du kleben bleibst am Gedanken, / dass praktisch alles, womit du so lebst, /Morgenbäume, geliebte Menschen, / Bücher und Abendfenster, // untergeht, / erwachst du im tieferen Schlaf / aus dem Traum vom Leben“, dichtet Burkart in Der Traum vom Leben, in dem charakteristische Aspekte ihrer späten Lyrik gut erkennbar sind, in dem sich aber auch die von Ruefle konstatierte enge Beziehung der Dichter zum Tod ablesen lässt.

Große Liebe zum Lebendigsein spricht aus den Gedichten des katalanischen Dichters Joan Maragall, den nun der Münchner Lyriker Àxel Sanjosé in Auswahl ins Deutsche übertragen hat. Maragall, der von 1860 bis 1911 lebte und dessen Werk zum katalanischen Kulturgut gehört, ist hierzulande praktisch unbekannt. Die Überschrift des Bandes stammt aus dem Gedicht Blicke aufs Meer, wo es heißt: „Der Himmel, ganz heiter, / färbt blauer das Meer, / ein Blau, das verliebt macht / am Mittag so hell: / ich schau unter Pinien … / Zwei Dinge gibt’s, / seh ich sie zusammen, / wird weiter mein Herz: / der Pinien Grün / des Meeres Blau“.

Bezaubernd ist diese Dichtung, in denen neben mediterraner Heiterkeit hin und wieder auch Melancholie, Freude am Traurigsein, aufblitzt.

Info

Schreibheft. Zeitschrift für Literatur Norbert Wehr (Hrsg.), Ausgabe 97. August 2021, 180 S., 15 €

Sich selber sehen möchte die Welt. Gedichte, Erzählungen und Essays aus dem Nachlass Inger Christensen Klaus-Jürgen Liedtke (Hrsg. und Übers.) mit einigen Übersetzungen von Hanns Grössel, Kleinheinrich Verlag 2022, 376 S., 40 €

Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten Japanisch/Deutsch Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller unter Mitwirkung von Kaneko Tōta und Kuroda Momoko, Reclam Verlag 2022, 422 S., 30 €

Spiegelschrift. Gedichte – die große Auswahl Erika Burkart Ernst Halter (Hrsg.), Limmat 2022, 336 S., 39 €

Der Pinien Grün, des Meeres Blau. Gedichte Katalanisch/Deutsch Joan Maragall Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Àxel Sanjosé, Stiftung Lyrik Kabinett 2022, 168 S., 24 €

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