Mach mal, Pam

Porträt Pamela Rendi-Wagner lernt als SPÖ-Vorsitzende die Parteifreunde gerade als ihre besten Feinde kennen
Mach mal, Pam
Wenn man sich ansieht, wer alles gegen Rendi-Wagner ist, wird sie einem durchaus sympathisch

Foto: Imago Images/Viennareport

Weder hat sie das Amt angestrebt noch erkämpft, es wurde ihr einfach nach dem unrühmlichen Abgang von Vorgänger Christian Kern im Herbst 2018 aufgedrängt. Niemand sonst wollte es haben. Schon gar nicht die mächtigen Männer in der Partei, die allesamt spürten, dass da unmittelbar nichts zu gewinnen sei. Folglich ließen sie die Finger davon. „Mach mal, Pam, wir stützen dich eh.“ Pamela Rendi-Wagner, die nie eine Funktionärin, ja bis vor Kurzem nicht einmal Parteimitglied gewesen ist, soll es jetzt richten. Sie hat keine Hausmacht, keinen Stallgeruch, keine wirklichen Mentoren und Freunde. Ein paar Freundinnen, zweifellos, aber das Gewicht der Frauen in der Sozialdemokratischen Partei Österreichs entspricht nicht dem Quantum ihrer Posten.

Trotz Gender und Quoten gilt die Macht der Männer. Formelle Verluste werden informell ausgeglichen. Auch die vorgeschickte oder vorgeschaltete Frau ist eine Variante männlichen Machtgebarens. Zwar gelten Männer als Aufräumer, doch in Wirklichkeit sind Frauen zum Aufräumen da. Man will gar nicht wissen, was die führenden Genossen (die „Innen“ sind da jetzt nicht mitgedacht) in bierseligen Gesprächen so über sie unken. Da wird viel geredet, worüber nicht gesprochen wird. „Mach mal, Pam, wir stützen und stürzen dich eh“, signalisieren sie in geradezu abgefeimter und triefender Hinterfotzigkeit.

Auf die Frage, ob sie die richtige Spitzenkandidatin der SPÖ sei, antwortet der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil kryptisch: „Es ist immer der beste Kandidat, der zum gegenwärtigen Zeitpunkt Kandidat ist.“ Und auf die Frage, ob sie nicht aufgrund des schlechten Europawahlergebnisses zurücktreten sollte, erwidert derselbe ganz überschlau: „Das müsste sie selber entscheiden. Ich für mich persönlich weiß, wann der Zeitpunkt gekommen wäre.“ Wer solche Freunde hat, braucht seine Feinde nicht mehr zu fürchten. Und auch der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser meint es nur gut, wenn er festhält, man stehe „neben, hinter und vor“ Rendi-Wagner. Das nennt man wohl eine Umzingelung. Wenn Parteimänner gelegentlich glauben, Kante zeigen zu müssen, sollte es doch andere Objekte geben als die eigene Parteiobfrau. Statt bei einer Demontage mitzuspielen, könnte man auch überlegen, wie eine erfolgreiche Montage zu bewerkstelligen ist. Die Aufräumer könnten so beim Aufräumen helfen.

Wir leben in Zeiten, wo hemdsärmeliger Unsinn als Potenz daherkommt, vorsichtiges Lavieren hingegen als Manko erscheint. Pamela Rendi-Wagner wirkt beirrbar, manchmal selbstverloren. Sie klammert sich ans Mikro, sie stolpert im Interview, ja, sie lächelt an unpassenden Stellen, um sich sinngemäß fragen zu lassen, warum ihr das Lachen nicht schon längst vergangen sei. Das sitzt. Aber trifft es auch? Oder agiert hier nicht bloß mediale Brutalität, die Verletzungen als Treffer verwertet? Es sind spätpubertäre Schlägertypen, die heute Politik und Journalismus bevölkern. Einschaltziffern und Wählerstimmen geben ihnen aber – trotz aller Politikverdrossenheit – recht, so autoaggressiv und autodestruktiv ihr Spiel auch geworden sein mag.

Dass man Rendi-Wagner ungestraft abwatschen darf, zeugt mehr von emanzipatorischen Defiziten als davon, dass irgendwo die Quote nicht erfüllt ist. Dass solche Kommunikationsketten den Populismus antreiben und beschleunigen, sollte einleuchten.

Politik ist ein beschädigendes Geschäft. Frauen, die da mitspielen, erscheinen meist als Männer in Frauenkleidern, Margaret Thatcher war der Prototyp. Frauen, die da nicht mitspielen, haben keine Chance. Und Frauen, die da halb mitspielen, kommen schon nach einigen Jahren als verhärmte Amtsträgerinnen daher. Erscheinen Männer bloß als erbittert, so Frauen gleich als verbittert.

Zweifellos gibt es viele Leersätze und Leerstellen in Rendis Aussagen. Aber da ist sie alles andere als allein, da ist sie vielmehr in trauter Gesellschaft. Gleiche Gesten, ähnliche Sätze, dieselben Argumente können so souverän wie dilettantisch wirken, je nach Aufbereitung und Nachrede. Sebastian Kurz zum Beispiel ist ein Großmeister von Hülsen und Phrasen, doch kommt das bei ihm anders rüber. Da haben sich Begehrende und Begehrter in gemeinsamer Hysterie gegenseitig immunisiert. Hype nennt sich das. Zur medialen Differenz zwischen Rendi und Kurz sei festgehalten: Rendi-Wagner weiß nicht, ob sie recht hat. Da hat sie recht. Kurz wiederum ist überzeugt, dass er recht hat. Da hat er unrecht.

Die SPÖ-Vorsitzende ist nicht abgebrüht, daher wird sie von Freunden und Feinden auch dauernd gesotten, auf dass man sich schon fragt, wie sie das aushält. Die Aufführung ist altbekannt. Es ist das obligate suggestive Theater: Rendi-Wagner wird so lange schlechtgeredet, bis sie endlich die schlechten Werte vorweist, die man ihr zuschreibt. Bashing ist angesagt.

Wenn man sich ansieht, wer alles gegen sie ist, wird sie einem aber durchaus sympathisch. Wer solche Gegner hat, kann keine so Üble sein. Insofern gilt es, unabhängig davon, was Pamela Rendi-Wagner sagt oder tut, sie gegen diese konzertierte Wut und Wucht zu verteidigen. Natürlich wirkt Pam etwas peinlich, sobald sie selbst auf Patriarchin macht, von Führungsanspruch und ähnlichen Lächerlichkeiten spricht. Da wird sie dann zum Politmacho, den sie nicht kann, was alles andere als eine Kritik sein soll. Rendi-Wagner ist keine autoritäre Persönlichkeit, was meint: Als sie selbst hat sie eine gewisse Chance, als verdonnerter Mann kann sie nur die Nahles machen. Wenn Pamela Rendi-Wagner scheitert, dann nicht an sich. Diese Frau hat keinen Killerinstinkt. Wenn nur noch mehr für sie sprechen würde.

06:00 23.06.2019

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