Mach' mal Pause

A-Z Auszeit Popstars kokettieren mit dem Abschied auf Zeit. Bundesliga-Trainer schlagen Jobs aus, um auszusetzen. Und viele, die es sich nicht leisten können, träumen vom Sabbatical

Aristoteles

Man kann Aristoteles als politischen und pädagogischen Praktiker verachten, immerhin unterrichtete er mit Alexander dem Großen den gierigsten Feldherrn der Antike. Mit der Natur des Menschen aber kannte sich der Philosoph aus, betonte er doch, dass der Mensch im Leben nach Glück strebe. Und weiter: „Die Glückseligkeit scheint in der Muße zu bestehen.“

In seiner Nikomachischen Ethik hebt Aristoteles geradezu zum Lob des Müßiggangs an. Dort preist er die kleine Auszeit im Alltag: Krieg führen ist leidlich anstrengend und die Staatsgeschäfte tätigt man nicht um ihrer selbst willen, sondern für Macht und Geltung. Im müßigen Innehalten aber ist der Mensch ganz bei sich. Abschweifendes Denken, spazierendes Schwelgen und Spielen hätte Aristoteles nicht zur Zeitverschwendung erklärt, sondern als lustvolle Mußestunde abgenickt. Und das ist bei ihm sogar ein Gebot der Tugend. Tobias Prüwer

Berg

Ich wollte wissen, wie es ist, allein zu sein. Ich wollte mich den Gefahren der Natur aussetzen und wissen, was passiert, wenn ich zwei Tage lang nichts esse, nicht rede und drei Nächte nicht schlafe. Also flog ich zusammen mit Freunden zu einer Visionssuche nach Kreta.

Wir fuhren in die Berge. Allein stieg ich so hoch wie möglich. Ich bereitete mein Lager am Rand eines Abhangs und fragte mich, warum ich mir das antue. Ich hörte auf zu reden, aber nicht zu denken. Anfangs hielt mich die Angst wach. Sie und der Hunger verflogen schnell. Drei Tage später hatte ich viel über mich erfahren. Ich wusste nun, dass es viel häufiger wegen des Windes als wegen wilder Tiere raschelt. Als ich vom Berg herunterkam, fühlte ich mich sehr mutig. Ulrike Bewer

Beziehung

„Nur Gulasch schmeckt aufgewärmt gut.“ Mit diesen weisen Worten bekundete meine Großmutter ihre Meinung zum Thema Neuanfänge gescheiterter Beziehungen. Hart, aber realistisch: Die Auszeit ist in Beziehungsangelegenheiten wohl das am häufigsten verwendete Synonym für Schlussmachen auf Raten. Wer zu feige oder zu schwach ist, einen Schlussstrich zu ziehen, beansprucht „mehr Zeit für sich“ oder „Raum, um sich über seine Gefühle klar zu werden“. Meist erfolgt dann, nach ein paar Wochen der Einsamkeit und Sentimentalität, ein intensives Revival, doch spätestens nach einem halben Jahr ist die Trennung fix. In manchen Fällen erlaubt die Auszeit auch die Aufhebung der Monogamie und dient dazu, den Partnern neue sexuelle Erfahrungen zu bescheren. Dass danach die nagende Eifersucht selten ausbleibt, liegt in der Natur der Sache.

Ein klarer Schnitt könnte daher oft einfacher sein, aber was ist schon wirklich einfach, wenn es um Liebe, Sex und Zärtlichkeit geht? Sophia Hoffmann

Erzwungene Pausen

Die unfreiwillige berufliche Auszeit ist ausschließlich privilegierten Berufsgruppen wie erfolgreichen Schauspielern, Politikern, Managern oder Fußballtrainern vorbehalten. Beim Otto Normalbürger nennt man das hingegen Arbeitslosigkeit oder Hartz IV. Zwangsauszeiten zwischen zwei Engagements, Posten oder Aufträgen gelassen zu nehmen, kann sich nur leisten, wer genug auf der hohen Kante hat (➝ Luxusproblem). Politiker schreiben dann gern ein Buch. Schauspieler machen eine Yogalehrer-Ausbildung oder eröffnen ein Restaurant/Saftbar/Schmuckboutique. Fußballtrainer oder Ex-Spitzensportler sorgen durch ihr Privatleben für Schlagzeilen, im schlimmsten Fall blamieren sie sich in einer persönlichen Reality-Doku-Soap. Voraussetzung für ein solch sorgenfreies Leben ist einerseits ein gewisser Nimbus (Legende, Machtmensch, Idol, Macher) oder aber der rechtzeitige Aufbau eines funktionierenden „Freunde“-Netzwerks. Dann kann eigentlich auch in der Auszeit nichts mehr schiefgehen ... SH

Fasten

Die große Sause ist seit Aschermittwoch vorbei und schon steht das nächste Projekt an: Fasten. Viele verwechseln Fasten mit einer Diät. Ein bisschen Hungern und fertig ist der Bikini-Bauch. Beim Fasten geht es jedoch nicht ums Abnehmen. Es geht um Entschleunigung, Entsagung, Einkehr. Den Zeitpunkt dieser Zäsur lassen sich die meisten nicht mehr von der Kirche vorschreiben. Er kann zwischen Karneval und Ostern liegen, muss aber nicht. Die einen schwören auf Brötchen mit Milch, andere auf den Wechsel von Trocken- und Trinktagen, wieder andere auf Glaubersalz und Säfte. Rein physiologisch ist das Hormon Ghrelin entscheidend. Es macht hungrig und angstfrei. Das hat mit der Evolution zu tun: Wer von Angst gelähmt ist, kann sich nichts zu essen besorgen. Mark Stöhr

Kloster

Erst waren es Einzelne, die es in die Einsamkeit zog. Plötzlich tauchten dann immer mehr auf, die je nach Temperament verschämt, selbstbewusst oder gar messianisch von dieser neuen Interims-Lebensform berichteten. Für mehrere Wochen, manchmal sogar über Monate, verschwinden Bekannte und Freunde alljährlich hinter Klostermauern, um abzuschalten, an gar nichts zu denken und vor allem, um zu schweigen. Was, wie mir eine Freundin mal erzählte, ganz schön anstrengend sein kann. Für die nachwuchsgeplagten Ordensleute sind die Pilger ein willkommenes Zubrot. Und dass es im Kloster ganz weltlich zugeht, weiß man ja aus dem TV-Longseller Um Himmels Willen. Dort wird – im Unterschied zum realen Kloster – allerdings viel geplappert. Ulrike Baureithel

Luxusproblem

Trotz Krise ist die berufliche Auszeit weiterhin ein gepriesener Trend. Das zeigt eins: Das ➝ Sabbatical ist ein Luxusproblem, denn man muss es sich erst mal leisten können. Neben dem Einkommensverlust müssen die privaten Interessen wie die oft erwähnte Weltreise erst einmal finanziert werden. Schaut man sich die betreffenden Berufsgruppen an, ist die Zahl der Geringverdiener darunter klein. Kein Wunder: Um aus der Tretmühle namens Maloche auf Zeit auszusteigen, reicht die Einsicht nicht, dass der Lebenssinn anders aussieht.

Wer würde nicht alles hinschmeißen, wenn er nur könnte? Auch zum Um- und Neuorientieren, was die Auszeit ja oft ermöglichen soll, braucht es aber monetäre Freiheit. Den leeren Magen und das Arbeitsamt kümmern die Fragen der individuellen Persönlichkeitsentfaltung schließlich wenig. Das Sabbatical als Massenphänomen kann sich der neoliberale Staat nicht leisten. TP

Sabbatical

Das Sabbatical leitet sich von der religiösen Tradition des Sabbatjahres her. Am siebten Schöpfungstage legte Gott eine Rast ein und forderte ebensolche von seinen Kreaturen. Wie der Mensch am siebten Tage, dem Sabbat, ruhen soll, habe man auch alle sieben Jahre Land und Leuten eine Pause zu gönnen. Weinberg und Ackerscholle sollen ein Jahr brach liegen, so heißt es bei Moses. Schulden und Sklaven sollen er- beziehungsweise entlassen werden. Das brachte den Juden bereits seitens der Römer den Vorwurf ein, faul zu sein – ein fortwährendes antisemitisches Klischee.

So wie der Sonntag heute von vielen Atheisten als kleine Auszeit vom Stress der Woche geschätzt wird, wurde auch das Sabbatical verweltlicht. An anglophonen Universitäten wurde der Begriff zunächst für das Forschungssemester der Professoren üblich, bis er branchenübergreifend die bewusste Karrierepause bezeichnete. TP

Schlaf

Rund ein Drittel unseres Lebens bekommen wir so gut wie gar nicht mit: Wir schlafen. Ohne diese Auszeit unseres Bewusstseins würde unser Wachzustand nicht funktionieren. Für Teile unseres Gehirns bedeutet das nachts: Schwerstarbeit. Sie sind viel stärker durchblutet als sonst. Denn während des Schlafes wird unser kompletter interner Speicher aktualisiert. Dieser Speicher enthält alle Mittel und Methoden, die uns den Alltag meistern lassen: für den Umgang mit Stress, die Taktung des Stoffwechsels, die optimale Ausrichtung der Immunabwehr.

Neurowissenschaftler bezeichnen dieses Update als „Gedächtnisbildung des Organismus“. Dieser Vorgang spielt sich hauptsächlich in der REM- oder Traumphase des Schlafes ab, wenn die Augen hinter den Lidern zu zucken beginnen und die Herzfrequenz unregelmäßig wird. Träumend räumen wir also unsere persönliche Festplatte auf und trennen die wichtigen von den unwichtigen Informationen. Alles andere bedeutete über kurz oder lang: Systemabsturz. MS

Time-Out

Ein mit den Händen geformtes T bedeutet Time-Out. Von Schiedsrichtern kennt man dieses T oder von Trainern, vor allem in den populärsten US-Sportarten American Football, Basketball und Eishockey. Ein Time-Out kann verschiedene Funktionen haben: In ihm können mithilfe von Videobildern die Entscheidungen des Schiedsrichters einer Revision unterzogen werden. Es kann dem Trainer die Chance geben, taktische Anweisungen zu aktualisieren. Oder es kann schlicht ein Werbefenster zum Geldverdienen sein. Doch ausgerechnet der Weltfußballverband FIFA, der ansonsten keine Gelegenheit zur Kapitalakkumulierung auslässt, wehrt sich vehement gegen Unterbrechungen solcher Art. Für die Traditionalisten in Zürich gibt es nur zwei Auszeiten: eine zwischen den Spielhälften und eine vor der Verlängerung. MS

Werbung

Bereits 1955 warb ein Limonadenhersteller mit dem Slogan: „Mach mal Pause – trink Coca Cola“. Die Plakate sind heute im Besitz des Deutschen Historischen Museums, werben mit einer Auszeit aber ist weiter angesagt. Die Werbung heißt uns im Land qualmender Cowboys willkommen, jodelt uns auf der Bergalm entgegen, dass die schönsten Pausen lila seien und selbst auf der Entenjagd, die für gestresste Städter an sich nach Freizeitaktivität ausschaut, werden wir aufgefordert: „Have a break, have a Kitkat.“ Auffällig ist die Korrelation zwischen Unvernunft und Auszeit: Geworben wird mit Pausen für Limo, Schoki, Kippen – und Bier. Kaum ein Motiv begleitet uns so lange, wie das Schiff mit den grünen Segeln, das mit dem Pils eines Bremer Bierbrauers beladen verspricht: „Sail away, dream your dreams.“ Christine Käppeler

Zigarettenpause

Als Nichtraucher verzichte ich nicht nur aufs Rauchen an sich. Ich kann auch Raucher nicht mit Nichtrauchen belästigen, was ich manchmal bedaure. Beim Passivrauchen entgeht mir zudem der haptische Mehrwert, denn ich kann mir nicht lässig eine Zigarette anzünden. Außerdem stinkt kalter Rauch. Aber was mir am meisten stinkt, ist, dass ich keine Zigarettenpause machen kann.

Die Zigarettenlänge bemisst den entspannten Abstand zu Unerledigtem. Glückshormone als Belohnung beim Rauchen zwischendurch und die Großhirnrinde zwingt mit programmierter Erinnerungsfunktion alsbald wieder zur Pause. Bekannt ist aber auch: Regelmäßige, kurze Auszeiten erhöhen die Leistungsfähigkeit. Und regelmäßige Gespräche fördern kurze Kommunikationswege, was einem guten Betriebsklima dient. Gründe genug, auch als Nichtraucherin gemeinsam mit Kollegen zur Raucherpause zu gehen. ube

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11:00 25.02.2012

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