Macht Feng Shui!

Die Ratgeberin Warum Ausmisten sogar gegen Diktatoren hilft
Susanne Berkenheger | Ausgabe 18/2016
Macht Feng Shui!
Wird Kim Jong-un bald platzen?

Bild: Woohae Choo/AFP/Getty

Hunderte von ekstatischen Entrümplern preisen im Internet den Ratgeber Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags von Karen Kingston: „Hab mir dieses Buch vor ca. 1/2 Jahr gekauft. Seit diesem Zeitpunkt bin ich am Räumen bei mir zu Hause.“ – „Sie sollten vielleicht beim Buchkauf gleich 2-3 Wochen Urlaub einplanen. Ich miste jetzt seit 3 Wochen aus. War 3x auf der Mülldeponie, habe mind. 10 Säcke Altkleider weggebracht usw.“ – „In einem Zug durchgelesen. Und seither bin ich am Aufräumen, Ausmisten, Aussortieren und fühle mich so gut wie schon seit Monaten nicht mehr, total frei und unbelastet.“

So weit bin ich noch nicht, weil ich seit der Lektüre des Ratgebers plötzlich wahnsinnig viel außerhalb der Wohnung zu tun habe und nur noch zum Schlafen heimkomme. Falls ich doch mal wach zu Hause bin, stelle ich mich auf den Balkon und versuche von dort aus schlotternd zu erspähen, ob die Nachbarin vom Seitenflügel in einem bestimmten Bereich ihrer Wohnung einen Spiegel aufgestellt hat, um dadurch zu mehr Geld zu kommen. Das funktioniert, behauptet Karen Kingston. Kaum hat man den Wohlstandsbereich entrümpelt und den Spiegel aufgestellt, gewinnt man im Lotto. Neue, großartige Kunden rufen an, oder man erbt von Verwandten, die vor der Entrümpelung nicht mal existierten. Und genau das ist ein Punkt, der mir keine Ruhe lässt: Denn durch einen ungünstigen Wohnungszuschnitt liegt unser Wohlstandsbereich nach dem Feng-Shui-Raster nicht in unserer Wohnung, sondern in der der Nachbarin vom Seitenflügel. Was, wenn die jetzt dort alles zugerümpelt hat?

Gerümpel wirkt ja wohnungsübergreifend. Wie sonst sollte das Aufräumen der eigenen Wohnung Menschen in ganz anderen Wohnungen dazu bringen, einem Geld zu schicken? Und je nachdem, wo Gerümpel lagert, behindert es bestimmte Lebensbereiche. Alles bewiesen! Karen Kingston hat es getestet. Dazu hat sie einmal ganz viel Gerümpel an einen bestimmten Platz ihrer Wohnung geschafft. Und: Katastrophal habe sich danach der entsprechende Lebensbereich entwickelt. Feng-Shui-Skeptiker könnten es gerne selbst ausprobieren! Und da ereilt mich die erlösende Idee, endlich: Könnte nicht Gerümpel, richtig eingesetzt, auch viel Gutes bewirken? Aber ja. (Wahrscheinlich hat die liebe Nachbarin rechts von uns gerade unseren ebenfalls aushäusigen Kreativitätsbereich aufgeräumt. Danke! Danke!) Tschüss Balkon, ich werde wieder ohne schlechtes Gewissen drinnen wohnen.

Im Flur stolpere ich über den Schlitten, einen leeren Bierkasten sowie den Raclettepfannenkarton und spüre ganz deutlich: Wegen eines weltweiten Tohuwabohus unter den Feng-Shui-Energieströmen ist dies von heute an der Ruhmesbereich von Donald Trump. Tjaha. Präsident wird der schon mal nicht. Geistesgegenwärtig lege ich noch zwei volle Müllbeutel mit alten Einzelsocken dazu. Sicher ist sicher! Dann werfe ich einen Blick ins Kinderzimmer, alles schick: Kim Jong-un wird bald platzen. Ich schwebe weiter, immer freier, hin zum Schrank, öffne und erkenne: Putin ist am Ende. Und unser Bad! Ich sag mal: Burn-out für Erdoğan. Zufrieden blicke ich auf all das wunderbare Gerümpel, das die Welt zu einer besseren machen wird. Aber jetzt – was ist das denn? – Der Mann kommt vorbei, schnappt sich Kartons und Kisten: „Ich bring die mal zum Müll.“ – „Nein! Bist du des Wahnsinns.“ Manche Leute haben echt keine Ahnung, was sie mit ihrem Aufräumfimmel alles anrichten.

Von Susanne Berkenheger erschien zuletzt das Taschenbuch Ist bestimmt was Psychologisches. Für den Freitag verteilt sie gute Ratschläge

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