Macht & Maier

Sportplatz Um über Sepp Maier zu schreiben, muss man einen Moment über Macht nachdenken.

Sepp Maier war bis zum vergangenen Sonntag der Bundestorwarttrainer. Er hat viel erreicht und hat mächtige Freunde, denn Maier hat das Zentrum des deutschen Fußballs, den FC Bayern München, nie verlassen.

Maiers besondere Fähigkeiten, die man nicht mal dann gering schätzen sollte, wenn er zwischen Alice Schwarzer und Norbert Blüm auf einer Ratebank sitzt, passen optimal in Strukturen, die andernorts gerne Rheinischer Kapitalismus genannt werden. Es gibt Hackordnungen und es gibt dabei auch ein funktionierendes Wohlfahrtssystem. Bei Maier war das so: Er war selbstverständlich nie die Nummer eins, denn das war immer der Franz Beckenbauer gewesen und eingebettet in Strukturen, die von Leuten wie dem Bayern-Manager Uli Hoeneß repräsentiert wurden. Diese Leute wiederum standen auch immer für eine Art gelebte katholische Soziallehre: dem früheren Mittelstürmer und trockenen Alkoholiker Gerd Müller gab Hoeneß einen Job bei Bayern; der frühere Nationalspieler Hansi Pflügler leitet jetzt den Bayern-Fanshop; "Katsche" Schwarzenbeck, der nach seiner Karriere den Schreibwarenladen seiner Tanten übernahm, ist Cheflieferant der Bayern-Geschäftsstelle für Büromaterialien.

In der Ruhe liegt die Kraft des Fußballerfolgs. Der Manager ist seit 25 Jahren der Manager, der Kaiser seit beinahe 40 Jahren der Kaiser, und der Maiersepp seit 60 Jahren der Maiersepp. Es hat etwas heimelig-feudales, wie beim größten und erfolgreichsten deutschen Club der Fußball organisiert ist.

Nicht viel anders ging es beim DFB zu, der, schon aufgrund der Erfolge der Münchner, immer auch von Bayern geprägt war. Nur, der DFB ist spätestens mit dem frühen Ausscheiden bei der diesjährigen Europameisterschaft in die Krise geraten. Bisherige Strukturen und Arbeitsabläufe erwiesen sich im Weltmaßstab, wo der DFB sich ja behaupten muss, als nicht mehr effektiv. Nach dem Rücktritt Rudi Völlers wurde die Not offensichtlich, weil keiner der in Frage kommenden Fußballlehrer diesen Job machen wollte. Alle wussten, dass klassische Trainertätigkeit, die im Aufstellen der Mannschaft, Informieren der Öffentlichkeit und Leiten des Trainings besteht, hier nicht mehr helfen kann.

Es kam Jürgen Klinsmann. Einer, der mit dieser klassischen Trainertätigkeit nichts zu tun hatte, weil er noch nie in einem solchen Job tätig gewesen war. Er brachte Erfahrungen aus anderen Sportsystemen und Sportarten mit und krempelte um.

Für die Nationalmannschaft heißt sein Programm, dass um jede Position ein ständiger Konkurrenzkampf stattfinden muss, weshalb jeweils der Spieler, der gerade am besten in Form ist, in der Nationalelf spielt. Dabei galt bislang immer, dass es Ausnahmen gebe. Der Torwart brauche etwa, hieß es immer, Vertrauen, auch wenn es mal nicht so laufe, und die Vordermannschaft müsse sich an seine Kommandos gewöhnen.

Dies vertrat Sepp Maier, der doch selbst in diesen Strukturen groß geworden war. Wenn Klinsmann nun bezüglich der Konkurrenz der aktuellen Torleute Jens Lehmann und Oliver Kahn verkündet, der Beste solle im Tor spielen, konnte einer wie Maier nur mit den Schultern zucken. "Lehmann kann sich aufhängen - Kahn ist der Bessere", hat Maier gesagt. Wenn man seinen Torwarttrainerjob so versteht, dass er der aktuellen Nummer eins Sicherheit und Vertrauen geben soll, hat Maier richtig gehandelt. Wenn man allerdings, wie es Klinsmann fordert, sagt, dass Maier jeweils neu die Leistung der zwei Konkurrenten beobachten soll, hat er etwas Unverzeihliches getan.

Das hat natürlich alles mit Macht zu tun. Indem Sepp Maier als Bundestorwarttrainer rausgeflogen ist, fehlt ein Vertreter des FC Bayern München im Trainerstab des DFB. Außerdem ist die Position von Oliver Kahn geschwächt. Mit welchen Bandagen der Machtkampf geführt wird, erstaunt nicht. Ausgerechnet Bayern-Manager Hoeneß warnt vor "Vetternwirtschaft". Franz Beckenbauer fordert, dass der Konkurrenzkampf der Torwarte "zumindest fairer geführt werden" sollte, "doch da habe ich meine Zweifel." Hoeneß kündigte an, die Nationalmannschaft "ganz genau zu beobachten und darauf zu schauen, dass unser Spieler keine Nachteile hat."

Vielleicht kann man das Nachdenken über Macht und Maier so zusammenfassen: Maier war einerseits an einem sensiblen Punkt des Machtkampfs im deutschen Fußball eingesetzt, andererseits verhielt er sich nicht so abgebrüht machtbewusst, wie etwa Uli Hoeneß oder Jürgen Klinsmann. Man kennt solche Spielchen aus dem Schach und auch aus anderen Bereichen.

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00:00 15.10.2004

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