Macht sucht Fleisch

Politik & Sex Regenten zeigen sich gern halbnackt. Doch tatsächlich hat sich die Herrschaft vom Körper des Herrschers weitgehend abgelöst. Aber es gibt Versuche der Wiedervereinigung

Dies ist die mythische Urszene: wie sich der König an der Spitze seiner Truppen dem eindringenden Feind entgegenstellt, mit erhobenem Schwert, als Denkmal dann gern halbnackt – König Harold, 1066 bei Hastings, gegen William, den Normannen, meinetwegen. Ein Pfeilschuss ins Auge erledigt ihn, und an William fällt die britische Königswürde. Der Körper des Königs repräsentiert das Reich. Stirbt einer als Person, ist gleich der Nachfolger zur Stelle, als Eroberer oder als dynastischer Erbe Der König ist tot, es lebe der König.

In der modernen Welt löst sich die politische Herrschaft vom Körper des Herrschers ab. Aber es bleibt in Erinnerung, dass 1945 Adolf Hitler seinen Selbstmord vom Radio nach dem mythischen Modell verklären ließ. Bis zum letzten Atemzug respektive Blutstropfen gegen die asiatisch-bolschewistischen Horden kämpfend sei der Führer in seiner Hauptstadt gefallen – und es gibt ja diese Fotos fröhlicher Rotarmisten, die sich um den Leichnam eines falschen Hitler in der Reichskanzlei versammeln.Eine solche Pathosformel kam weder bei Lenin noch bei Stalin, weder bei Mao noch bei Kim Il-sung zur Anwendung. Sie starben in keiner auch nur metaphorischen Art von Krieg. Castro verzichtete auf die Herrscherwürde – dass er heroisch während der Zuckerrohrernte stirbt, womöglich mit entblößtem Oberkörper, ist ausgeschlossen.

Präsidenten in der Badehose

Aber es gibt Fotos von Mussolini, wie er mit blanker Brust zum Arbeitseinsatz aufruft, und dazu passt das letzte Bild des Duce, wie er tot und halbnackt und kopfüber von einem Gerüst herabhängt wie die Jagdbeute, ein Bild der vollkommenen Niederlage. Klar, ein solches Bild hätte man gern von Hitler – wie er in seinem Bunker mit der Schusswunde im Kopf auf dem Sessel hängt. Dass er mit blanker Brust den ersten Spatenstich zum Autobahnbau tätigte, ist ganz undenkbar. Hitler fühlte sich, wie die Fotos und Filmaufnahmen zeigen, linkisch unwohl in seinem Körper; es heißt, nicht einmal sein Arzt habe ihn je nackt gesehen. Die letzten Wochen im Bunker soll er in Uniform geschlafen haben, weil ihn der Gedanke, die Rote Armee könnte ihn im Nachthemd aufstöbern – das wäre ein Foto geworden! – unerträglich peinigte.

Was seine erfolgreichsten Gegner angeht, so kann ich mich nicht erinnern, Churchill je in der Badehose gesehen zu haben – von Roosevelt gibt es solche Bilder. Der dreimal ins amerikanische Präsidentenamt gewählte Mann, weitblickend, entschlussfreudig, initiativ, lebte ja in einem verkrüppelten Körper, Polio mit 40 Jahren. Auf den Fotos, wo er zu stehen scheint, wird er massiv gestützt; normalerweise präsentiert er sich im Sitzen – interessante Frage, welche grundlegenden Veränderungen stattgefunden haben müssen, damit heute eine Inszenierung Wolfgang Schäubles im Stehen – just for show – absolut geschmacklos erschiene.

Unverkennbar präsentieren die Körper von Churchill und Roosevelt, von Wolfgang Schäuble sich als politische Figuren anders als die von Hitler, Mussolini, Mao. Die Diktatoren in der modernen Welt wollten wieder Könige sein, die abgelöste politische Funktion – die sich in einem ganzen Apparat von Institutionen und Verfahren verkörpert – sollte wieder eins sein mit ihrem Fleisch. Deshalb mussten Mao ebenso wie Herr Deng demonstrieren, dass sie als Greise noch im großen Fluss schwimmen konnten.

Der Skandal von 1919

Es gibt Badehosenbilder des alten Präsidenten Reagan und des hübschen Obama. Aber sie sollen kein politisches Fleisch enthüllen, vielmehr zeigen, dass der Herrscher einen persönlichen Körper hat, ganz unabhängig von seiner Funktion. Klar, dies ist immer noch Propaganda, PR, Reklame, aber sie zielt auf eine Darstellung des Informellen. Während ja die Putin-Pinups wiederum auf jene Einheit von Fleisch und politischer Macht zielen, welche die moderne Welt auflöst, Putin als Heldendenkmal. (Und deshalb verfallen die Fotos so rasch der Lächerlichkeit: Guck mal, wie er den Bauch einzieht!)

Hierher gehört der Skandal, den 1919 das Titelbild der Berliner Illustrierten machte, das Foto von zwei dicklichen älteren Männern, die nur mit Badehosen bekleidet in der Ostsee stehen. Der kleinere ist Friedrich Ebert, der Reichspräsident; der große Krumme ist Gustav Noske, Reichswehrminister, der sich auf der Linken als Bluthund einen fürchterlichen Namen erwarb. Das informelle Foto dieser mächtigen Herren lehrte die herrschende Klasse der neuen Weimarer Republik, dass mit ihr kein Staat zu machen sei. Sie sehnten sich nach ihrem Kaiser und seiner Verkörperung der Einheit von Fleisch und Macht – dass der linke Arm von Wilhelm II. gelähmt war, musste stets kaschiert bleiben, und noch heute verfügt Seine Majestät in irgendwelchen TV-Dokumentarspielen merkwürdigerweise stets über zwei tadellos funktionierende Arme.

Ja, das war ein mühsamer Lernprozess in der modernen Welt, dass ein durch demokratische Wahlverfahren bestimmter Herrscher seiner Herkunft nach Sattler und, wie sein Foto in der Badehose zeigt, ohne jede persönliche Denkmalsmajestät sein kann. So ganz und gar glauben wir es ja immer noch nicht, oder?

Die Wiederverzauberung

Wer sich an die Ermordung des Präsidenten Kennedy erinnert, dem schwebt ein Ereignis von beinahe kosmischen Dimensionen vor – dass bald auf Malcolm X und Robert Kennedy und Martin Luther King (und Rudi Dutschke) geschossen wurde, erscheint in dämonologischer Perspektive als zwingende Folge. Gehört nicht sogar John Lennon, Friedensfürst, in diese Reihe?

Vielleicht muss man es sich so vorstellen, dass der Attentäter, der Kennedy oder irgendeinen anderen Funktionsträger ermordet, dergestalt eine Wiederverzauberung des politischen Körpers zustande bringt. Plötzlich sind Fleisch und Macht wieder eins.

Wer sich an die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnert, dem erscheint die Baader-Meinhof-Gruppe, die Rote Armee Fraktion genau damit beschäftigt. Sie wollten ja in kein Funktionssystem hinein, um es anderswohin zu steuern; sie forderten keine umrissene politische Macht – sie drohten Politikern und anderen Funktionären mit dem Tod und transferierten sie damit in eine andere Bedeutungssphäre. Sie verwandelten einen Mann wie Hanns-Martin Schleyer, der, um das Mindeste zu sagen, gewiss kein Heiliger war, durch seine Entführung und Ermordung in einen solchen; die Videobilder des erschöpften, deprimierten, machtlosen Wirtschaftsführers mit dem RAF-Emblem im Rücken prägten sich tief ein.

Hierher gehören natürlich auch die Fotos des entblößten Holger Meins, schreiend im Polizeigriff, und des feisten, schmerzverzerrten Andreas Baader, bei ihrer Verhaftung in Frankfurt 1972. Kurzfristig verwandelte die RAF die Politik wieder in eine körperliche Auseinandersetzung, in Kampf, als wäre seit den mythischen Zeiten von König Harold und König William (oder welchen Häuptlingen immer) nichts geschehen. Wie unendlich viel sich gerändert hat, erkennt man eben daran, dass es für die RAF gar kein Reich gab, das sie hätten erobern können.

Die Wiederverzauberung betraf den Körper der Opfer ebenso wie den der Attentäter – allein die kunstvolle Inszenierung der Selbstmorde 1977, mittels deren die Leichen aussagen sollten, dass es gar kein Selbstmord, dass es der Gegner, der Staat war; Baader setzt sich akrobatisch die Pistole in den Nacken, damit es wie der typische Genickschuss aussieht, und noch Jahrzehnte später rumort es zuweilen in unseren Kreisen, ob vielleicht doch Helmut Schmidt…

Festhalten am Bürgerkörper

Dass Körper, die jenseits der Schmerz-, der Todesvermeidung agieren, ungeheuerliche politische Folgen zeitigen könne, die alle Funktionssysteme erschüttern – ohne ein einziges zu erobern – ist seit dem 11. September offenbar. Die Gotteskrieger, Selbstmordattentäter, Märtyrer zielen nicht auf die modernen Abkömmlinge des Königs, die Politiker, Wirtschaftsführer, Staatsbeamten persönlich (wie die RAF), während das Publikum vom sicheren Ufer aus der Medienerzählung vom Schiffbruch der Mächtigen zuschaut und ihn genießt oder beklagt und befürchtet.

Die Gotteskrieger perfektionieren die Wiedervereinigung von Fleisch und Macht, indem sie Alltagskörper in Alltagsszenen mit Schrecken, Schmerz und Tod bedrohen und Alltagsreaktionen darauf blockieren. Politische Reaktionen sowieso, sie proklamieren halt keine umrissklaren Ziele; es geht ihnen darum, Allahs Antlitz zu schauen. Der Mann in Stockholm zeigte es gerade wieder mal, wie gegenwärtig die unmittelbarste Verbindung von Fleisch und Macht ausschaut: mittels einer Bombe sich selbst und die Umstehenden zerstören, Angst und Schrecken verbreiten.

Dagegen an der Alltäglichkeit, der Profanität des Bürgerkörpers – der nicht urplötzlich in die alles entscheidende, die apokalyptische Schlacht hineingerissen werden will – unbeirrt festzuhalten, scheint aber das Publikum fest entschlossen.

Michael Rutschky ist freier Schriftsteller. Von 1985 bis 1997 war er Redakteur der Zeitschrift Der Alltag

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09:30 01.01.2011

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