Macht über das Gesinde

Unfassbar? Leute wie Herr Fritzl rennen viele durch die Gegend

Man sagt, was halt in solchen Fällen gesagt wird: Eins ist entrüstet, die Sache sei "unglaublich" und "unfassbar", vor allem "unvorstellbar". Warum eigentlich? Letztlich können Menschen, auch wenn ihnen die Taten durch deren Dynamik entgleiten, nur das Vorstellbare anstellen. Es sind geistige Reglosigkeit und emotionelle Unbedarftheit, die diesen banalen Gedanken stets ins Unvorstellbare verdrängen. Diese Haltungen sind jedoch Voraussetzung der allgemeinen Ignoranz, die jetzt allerorten beklagt wird. Warum haben alle weggeschaut, fragen alle, fragen besonders die Medien ganz blauäugig. Ich frage mich, warum schauen die meisten noch immer nicht hin?

Ignoranz und Indifferenz sind jedenfalls kein individuelles Manko, sondern ein strukturelles Moment. Ideelle Nachbarschaftshilfe besteht auch darin, dass man den Leuten gar manches durchgehen lässt. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß, sagen viele, die wissen hätten können, wenn sie wissen hätten wollen. Viele wurden getäuscht, weil sie sich täuschen lassen wollten. Bis vor kurzem glaubte man die Schauergeschichten des Herrn Fritzl. Die seit Jahren vermisste Tochter sei bei einer ausländischen Sekte, erzählte er den Behörden. Die glaubten das auch noch, als die Verschwundene drei Kinder vor des Vaters Haustüre legte. Da jettete die der Sekte Hörige dann über den Ozean, düste nach Amstetten, lieferte das Kind ab und schon war sie - von niemandem gesehen und beobachtet - wieder in Übersee. Derweil saß sie in der Unterwelt, im Hades des allmächtigen und grausamen Hausherrn, eingesperrt mit ihren vom Peiniger gezeugten Kindern.

Gerade nach den Fällen Kampusch und Fritzl ist anzunehmen, dass in den österreichischen Kellern noch manche Gesuchte zu finden wären. Nicht wenige der verschwundenen Jugendlichen sind wohl nicht durch Fremde (oder gar Fremdländische!) entführt, sondern von den Eigenen inhaftiert und der Außenwelt entzogen worden. Der primäre Tatort ist die Familie. Die Keimzelle des Schutzes ist die Keimzelle des Übergriffs.

Galt der 73-jährige Josef Fritzl früher als ein nach außen freundlicher, älterer Herr, als ein adretter und geschäftstüchtiger Zeitgenosse, so erscheint er plötzlich als ein bestialisches Ungeheuer, ja als ein Alien, als einer, der mit uns und den gesellschaftlichen Zuständen so gar nichts zu tun hat. Ein Sonderling eben, ein Irrer! Nur, wie kommt dieser Normalo dazu, so absonderlich irre zu werden? Gibt es hier einen Zusammenhang zwischen der Normalität und der Abnormalität? Lasst uns doch über die Konstitution der Typen reden, nicht nur über die psychische, sondern in erster Linie über die gesellschaftliche Dimensionierung der Sexualtriebe. Es geht nicht um "ein Verbrechen, das nicht zu verstehen ist", wie die Süddeutsche Zeitung behauptet. Die Frage nach dem "Warum", ist nicht zu entsorgen oder gar überflüssig. Sie entschuldigt auch nicht den Typus und seine Exponate, sie macht diese und jenen erst kenntlich.

Es ist der durch und durch autoritäre Charakter, der in Form eines Haustyrannen sein häusliches Gewaltmonopol über Frau, Kind und Hund errichtet hat. Und jenen gibt es - blickt man hinter die Kulissen - gar nicht so selten. In seinem Herrschaftsgebiet verfügt er über Zuwendung und Übergriff, da ist er ganz Gott. Es ist eine Sorte Mann, die sich nötigenfalls an Töchtern ebenso vergreift, wie sie Kinder systematisch unterdrückt und erniedrigt. Obligate Mittel sind Drill und Züchtigung. Nach außen sind diese Herren meist unauffällig und vor allem eins: tüchtig. Keine Zivilversager! Auch Josef Fritzl war geschäftstüchtig, hat es zu etwas gebracht, selbst wenn da vieles sich an der Grenze der Legalität abspielte. Ein kleines Immobilienreich hat er sich in den Jahren so nebenbei "aufgebaut". Was nicht ohne ist, denkt man an seinen familiären Stress.

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00:00 09.05.2008

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