Macht wird nicht geteilt

Vatikan 26 Priesterfrauen haben Papst Franziskus in einem Brief aufgefordert, den Zölibat abzuschaffen. Ob das funktionieren kann? Eine persönliche Umfrage
Petra Reski | Ausgabe 22/2014 6
Macht wird nicht geteilt
Illustration: Otto

Als meine Freundin Patrizia und ich neulich vom Unterwäschekaufen kamen und Espresso am Campo San Luca tranken, lag es nahe, sie zu fragen, was sie von dem Brief hält, in dem 26 Priesterfrauen Papst Franziskus aufforderten, das Zölibat abzuschaffen. Patrizia ist mit einem Polizeichef verheiratet, geht jeden Sonntag zur Kirche und stammt aus Süditalien, wodurch sie ein Weiblichkeitsdestillat darstellt – keine ist so kompetent im Verhüllen und Verheißen, im Andeuten, Weglassen, Vorenthalten und Hinzufügen, kurz: den wesentlichen Eigenschaften der katholischen Kirche.

„Was für ein Brief?“, fragte Patrizia, denn weder sie noch ihr Mann oder ihre Freundin Loredana, die immerhin eine Katechismusgruppe leitet, hatten etwas davon gehört. Ich murmelte etwas von dem Drama der Frauen und Priester, die nicht zu ihrer Liebe stehen können, und beklagte nicht nur das Zölibat, sondern bei der Gelegenheit auch den Zustand der Pressefreiheit: Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Rai 1 hatte kein Wort über den Brief der Priesterfrauen verloren, und selbst die Repubblica hatte die Meldung im Vermischten versteckt – aber da schwärmte Patrizia schon von Don Gaetano, dem schönen Priester, Sohn einer Nachbarin, der sie als Kind immer im Sonntagsstaat ihre Aufwartung machen musste, zusammen mit Mutter, Tante, Schwester. Bis die Nachbarin bei der Frage nach dem Sohn in Tränen ausgebrochen war: Don Gaetano hatte geheiratet. Und sein Amt niedergelegt. Ende der Sonntagsbesuche.

Patrizia zählte all die Priester auf, von denen sie wusste, dass sie mit einer Frau zusammenlebten: der Bischof ihrer apulischen Heimatstadt, ein Priester in Venedig, auch dafür bekannt, Flüchtlinge nur dann aufzunehmen, wenn er Geld dafür bekommt, sowie der Priester, der Patrizias Tochter getauft hatte. Nicht, dass sie das empört hätte, Italiener verzeihen jede menschliche Schwäche. Meiner kleinen, persönlichen Umfrage zufolge würden die Italiener das Zölibat abschaffen. Aber Italiener sind nicht nur tolerant, sondern auch pragmatisch. Papst Franziskus mag ausgetretene Straßenschuhe tragen und Italiens korrupte Politikerklasse verdammen: Päpste kommen und gehen, der Vatikan aber bleibt. Als Staat im Staat. Wer die Seelen hat, hat die Macht. Und die wird nicht mit Frauen geteilt.

Petra Reski lebt seit 1991 als freie Autorin in Venedig und bloggt unter petrareski.com


ausgabe

06:00 30.05.2014

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