Petra Reski
Ausgabe 2214 | 30.05.2014 | 06:00 6

Macht wird nicht geteilt

Vatikan 26 Priesterfrauen haben Papst Franziskus in einem Brief aufgefordert, den Zölibat abzuschaffen. Ob das funktionieren kann? Eine persönliche Umfrage

Macht wird nicht geteilt

Illustration: Otto

Als meine Freundin Patrizia und ich neulich vom Unterwäschekaufen kamen und Espresso am Campo San Luca tranken, lag es nahe, sie zu fragen, was sie von dem Brief hält, in dem 26 Priesterfrauen Papst Franziskus aufforderten, das Zölibat abzuschaffen. Patrizia ist mit einem Polizeichef verheiratet, geht jeden Sonntag zur Kirche und stammt aus Süditalien, wodurch sie ein Weiblichkeitsdestillat darstellt – keine ist so kompetent im Verhüllen und Verheißen, im Andeuten, Weglassen, Vorenthalten und Hinzufügen, kurz: den wesentlichen Eigenschaften der katholischen Kirche.

„Was für ein Brief?“, fragte Patrizia, denn weder sie noch ihr Mann oder ihre Freundin Loredana, die immerhin eine Katechismusgruppe leitet, hatten etwas davon gehört. Ich murmelte etwas von dem Drama der Frauen und Priester, die nicht zu ihrer Liebe stehen können, und beklagte nicht nur das Zölibat, sondern bei der Gelegenheit auch den Zustand der Pressefreiheit: Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Rai 1 hatte kein Wort über den Brief der Priesterfrauen verloren, und selbst die Repubblica hatte die Meldung im Vermischten versteckt – aber da schwärmte Patrizia schon von Don Gaetano, dem schönen Priester, Sohn einer Nachbarin, der sie als Kind immer im Sonntagsstaat ihre Aufwartung machen musste, zusammen mit Mutter, Tante, Schwester. Bis die Nachbarin bei der Frage nach dem Sohn in Tränen ausgebrochen war: Don Gaetano hatte geheiratet. Und sein Amt niedergelegt. Ende der Sonntagsbesuche.

Patrizia zählte all die Priester auf, von denen sie wusste, dass sie mit einer Frau zusammenlebten: der Bischof ihrer apulischen Heimatstadt, ein Priester in Venedig, auch dafür bekannt, Flüchtlinge nur dann aufzunehmen, wenn er Geld dafür bekommt, sowie der Priester, der Patrizias Tochter getauft hatte. Nicht, dass sie das empört hätte, Italiener verzeihen jede menschliche Schwäche. Meiner kleinen, persönlichen Umfrage zufolge würden die Italiener das Zölibat abschaffen. Aber Italiener sind nicht nur tolerant, sondern auch pragmatisch. Papst Franziskus mag ausgetretene Straßenschuhe tragen und Italiens korrupte Politikerklasse verdammen: Päpste kommen und gehen, der Vatikan aber bleibt. Als Staat im Staat. Wer die Seelen hat, hat die Macht. Und die wird nicht mit Frauen geteilt.

Petra Reski lebt seit 1991 als freie Autorin in Venedig und bloggt unter petrareski.com


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Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/14.

Kommentare (6)

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Ehemaliger Nutzer 30.05.2014 | 09:39

Wer sein Kind verleugnet, verleugnet Gott

Ich gestehe, ein einziges Mal die BILD gekauft zu haben. Die Überschrift war einmalig:

Verzeiht mir, ich bekomme ein Kind.

Der ehemalige Bischof von Basel hatte sein Kind nicht verleugnet, wie das alle anderen verehelichten Priester tun und taten, sondern sich zu seinem Kind und seiner Ehe bekannt.

Bei dem Titel konnte ich einfach nicht widerstehen.

Der Zölibat als Rechtspraxis der katholischen Kirche zwingt die Priester, ihre Ehe zu verleugnen, ihre Frau und ihre Kinder.

Ehe ist ein Gesetz seit eh und je, eine durch Naturrecht, Gesellschaftsrecht und Religionslehren begründete und anerkannte Verbindung zweier Menschen zur sicheren Aufzucht der Nachkommen.

Der katholische Zölibat, im Mittelalter wegen der Erbmasse entstanden, leugnet dieses natürliche Ewigkeitsgesetz und stellt damit den Anspruch der katholischen Kirche auf weltlichen Besitz über den Ewigkeitsanspruch.

CS Spuhr 30.05.2014 | 21:11

Es gibt aber auch Priester die zwar nicht zu ihren Kindern stehen, trotzdem alles fuer sie tun.

Der nicaraguanische Kardinal Obandy y Bravo hat zum Beispiel 2006 der Wiederwahl Daniel Ortegas (des nicaraguanischen Praesidenten) nur unter drei Bedingungen zugestimmt (und ohne seine und die Hilfe der katholischen Kirche waere Ortega niemals gewaehlt worden):

1. die Abschaffung des Sexualkundeunterrichts an allen Schulen, 2. die Abschaffung des Rechts auf Abtreibung, in allen Faellen (auch bei Vergewaltigung und wenn das Leben der Frau auf dem Spiel steht) und

3. Wenn sein Sohn, Roberto Rivas, einen politischen Posten bekommt und waehrend der Regierungszeit Ortegas auch behalten darf.

Ist doch ganz nett vom Herrn Kardinal so gut fuer die seinen zu sorgen. Wenn der Vatikan nichts davon weiss, dann fress ich n Besen. Aber ich denke so lief das in der katholischen Kirche schon immer: Was ich (oeffentlich) nicht weiss, macht mich nicht heiss. Bzw. Solange man Dinge unter den Teppich kehren kann, solange man paedophile Priester einfach in eine andere Stadt versetzen kann, solange die reichen in Privatkliniken abtreiben und so tun koennen als waeren sie gute Katholiken, solange die Priester ihre Frauen und Kinder verstecken, so lange ist alles ok, und man kann an dem Schwachsinn festhalten und so tun als waere nichts.

Hunter S.T. 31.05.2014 | 11:29

Na dann sollen die ach so armen Priester doch aus der katholischen Kirche austreten und evangelisch werden oder das fliegende Spaghetti-Monster anhimmeln. Wie scheinheilig kann man denn sein, jedem der bei dem Verein mitmacht muss doch klar sein, welche Entbehrungen auf ihn zukommen. Erst von den Vorzügen profitieren wollen und dann rumflennen, wenn einem die Nachteile auffallen.

Lethe 03.06.2014 | 14:20

Ich sehe das auch eher zwiespältig. In der Tat wird wohl kaum noch ein Mann zum Priesteramt gezwungen, man kann also im Prinzip, seltene Ausnahmen zugestanden, von der Freiwilligkeit der Entscheidung ausgehen und auch davon, dass vor der Entscheidung gewusst wurde, worauf man sich einlässt.

Zu fragen wäre, an welcher Stelle der Vertrauensbruch entsteht. Wenn ein ordinierter Priester sich verliebt, weiß er, dass er einem kirchenrechtlich bindendem Gelübde zuwider handelt, dem er aus freien Stücken zugestimmt hatte. Er spielt dann der Frau seines Herzens vielleicht nicht die Liebe vor, aber er willigt darin ein, diese Frau beinahe sicher Nöten auszusetzen, die nicht entstünden, wenn er sich an dieses Gelübde hielte. Ist das Liebe? Ich weiß es nicht, geht mich auch nichts an. Als betroffene Frau würde ich mir allerdings genau diese Frage stellen.

Ich bin insgesamt skeptisch, ob es die Pflicht einer Organisation, deren Gründungsidee in einer ideologischen Bindung besteht, ist, ihre Ideologie zur Disposition zu stellen. Was ich von dieser Ideologie halte, ist eine ganz andere Frage. Die Auffassung, dass Glaubens- und Lehrinhalte einfach so zur Disposition stehen, kann im Prinzip aber beinahe nur von Menschen kommen, die für eine spezifische Gläubigkeit und Lehrenkonformität keinen Sinn haben. Zu diesem Menschenkreis sollte ein Priester allerdings nicht a priori gehören - was zu überprüfen hat er genug Zeit im Seminar hat - und wenn er sich dahin entwickelt, wäre es wünschenswert, wenn er seinerseits daraus die Konsequenzen zieht, statt über an dieser Stelle nichtvorhandene Ungerechtigkeit zu jammern.

Und den betroffenen Frauen würde ich raten, sich vorher genauestens zu überlegen, worauf sie sich einlassen.