Macht zum Plündern

Interview Der Ökonom Daron Acemoğlu über den Einfluss von Wirtschaftseliten und seine Absage an das Weltwirtschaftsforum in Davos
Macht zum Plündern
„Es ist beunruhigend, wenn Reichtum und Weisheit gleichgesetzt werden“

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Der Freitag: In Ihrem Buch „Warum Nationen scheitern“ analysieren Sie Ursachen sozialer Ungleichheit. Darüber wollte das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos mit Ihnen diskutieren. Sie fahren nicht hin – warum?

Daron Acemoğlu: In Davos treffen sich vorzugsweise Leute, die sehr viel Geld erwirtschaften – was ich vollständig respektiere. Doch macht sie das zu Experten, die eine Mangelernährung von Kindern oder globale Ungleichheit beheben können? Es ist beunruhigend, wenn Reichtum und Weisheit gleichgesetzt werden.

Ist der Einfluss von Finanzinvestoren und Konzernchefs auf die Politik heute zu groß?

Ja, und diese Macht der Superreichen offenbart einen beunruhigenden Trend.

Wie zeigt sich dieser Einfluss?

In den USA geben die Wirtschaftseliten viel dafür aus, Wahlkämpfe von Politikern zu finanzieren. Das erzeugt Abhängigkeiten. Wobei diese Art der Einflussnahme wegen gesetzlicher Vorschriften wenigstens noch transparent ist. Anders sieht es beim Lobbying aus, das nicht die Reichen selbst, sondern ihre Unternehmen betreiben. Und zwar im Verborgenen, was besonders gefährlich, weil schlecht nachvollziehbar ist. Zudem nutzen die Superreichen ihre Vermögen mehr und mehr, um mittels der Medien öffentliche Debatten zu beeinflussen. Insgesamt führt dies dazu, dass die implizite öffentliche Macht der Wirtschaftseliten zugenommen hat.

Sie argumentieren, dass Wachstum, Wohlstand und eine sozialverträgliche Verteilung von Einkommen davon abhängen, wie inklusiv die Institutionen eines Landes arbeiten. „Inklusiv“ heißt, das politische System und die Regulierung der Märkte sollten vielen Bürgern zugänglich sein, doch beherrscht die Industriestaaten eine andere Tendenz.

Eben, und das bereitet mir Sorgen, auch wenn ich nicht alarmistisch klingen will. Es wäre übertrieben zu sagen, dass die US-Politik nur den Interessen einer kleinen Elite dient. Das tut sie nicht, noch funktionieren die Institutionen und gewährleisten eine relative Machtbalance.

Wenn in den USA und in Deutschland Einkommen und Vermögen stetig auseinanderdriften, ist das auch die Folge einer zu geringen Inklusivität von Institutionen?

Ein Teil der Ungleichheit ist darauf zurückzuführen. Etwa gehört die Finanzindustrie – Banken, Hedge-Fonds, Vermögensverwalter, Versicherungen – zu den wichtigsten Geldgebern für Wahlkämpfe und Lobbying. Dies ist eine Ursache dafür, warum der Finanzsektor schlecht reguliert war und ist. Geldinstituten wird gestattet, zu große Risiken einzugehen. Die gesetzlichen Auflagen für Eigenkapital, das in Reserve zu halten ist, sind zu schwach – die Konsequenz sind gigantische Gewinne. Doch glaube ich nicht, dass darin der wichtigste Grund für wachsende soziale Ungleichheit besteht.

Welcher ist es dann?

Der hängt mit dem technologischen Wandel und der Globalisierung zusammen. Nehmen wir den Konzern Apple: Die gesamte Wertschöpfung geht an Designer, Manager oder Aktionäre. Die Jobs mit minderer Qualifikation wurden nach China ausgelagert, wo sie billiger sind als in den alten Industriestaaten. Dies bedeutet, dass Beschäftigte mit höherer Ausbildung profitieren, schlechter qualifizierte Bevölkerungsgruppen hingegen Verluste hinnehmen müssen.

Die Auswirkungen des technologischen Wandels wären nicht so gefährlich, könnten vor allem die männlichen Beschäftigten ihre Ausbildung verbessern. Aber die Hälfte der Arbeitskräfte, die heute auf den Markt kommt, ist überhaupt nicht in der Lage, mit modernen Technologien umzugehen. In den USA sind High Schools oft zu ineffizient und die Lehrer zu schlecht ausgebildet, um ihren Schülern wirklich etwas mitgeben zu können.

Was ist mit dem Steuersystem – sollten nicht die Reichen einen größeren Teil an Einkommen und Vermögen abgeben, damit wirklich umverteilt werden kann?

Besonders für öffentliche Ausgaben wird mehr Geld gebraucht, wobei die Steuersätze für hohe Einkommen schon progressiv genug sind. Nur gibt es viele Schlupflöcher, die Superreiche nutzen. Die muss die Politik schließen.

Worauf gründet sich Ihre Hoffnung, dass sich etwas ändert?

Ich vertraue auf die Zivilgesellschaft, auf Organisationen wie Human Rights Watch und die American Civil Liberties Union. Die sind wachsam gegenüber dem Missbrauch von Macht. Dieses Potenzial hilft, damit die Interessen der Superreichen nicht die der Allgemeinheit aushebeln.

Zur Person

Daron Acemoğlu (47) lehrt am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA). Mit James Robinson schrieb er 2012 das Buch Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut

06:00 23.01.2015
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