„Ich will dir helfen, Laura“

Machtmissbrauch Tanguy Viels „Das Mädchen, das man ruft“ war für Frankreichs höchsten Literaturpreis nominiert
Der französische Schriftsteller Tanguy Viel
Der französische Schriftsteller Tanguy Viel

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Ist Macht ein Verbrechen? „Kommt darauf an“, sagt der Polizist, der auf dem Revier in der bretonischen Kleinstadt die Aussage einer jungen Frau aufnimmt. Die junge Frau, die Anzeige erstattet, heißt Laura. Sie ist zwanzig Jahre alt und hat bereits einige Jahre als Model in Rennes gearbeitet. Direkt vom Schulhof wurde sie abgeworben, sie hat nicht mal ihr Abitur gemacht. Immer noch blendend schön, aber schon etwas ausgebremst vom Leben, kehrt sie an die Küste zurück zu ihrem Vater, der als Boxer einst eine Berühmtheit war. Doch die prächtigen Zeiten von Max Le Corre sind vorbei, in seinem Leben war das Hell-Dunkel „erschütternder als auf einem Gemälde von Caravaggio“. Immerhin hat er Arbeit gefunden als Fahrer des Bürgermeisters. Und weil er seiner Tochter nicht viel fürs Leben mitgeben konnte, möchte er wenigstens seinen guten Draht nutzen. Er bittet den Chef, Laura bei der Suche nach einer Wohnung zu helfen.

Quentin Le Bars steht kurz vor seiner Ernennung zum Minister in Paris, er ist durch und durch ein Mann der Macht, die weniger auf starrer Strenge beruht, wie dieser Typus Mensch instinktiv weiß, sondern auf Geschmeidigkeit, auf kalkulierter Verführung und gezielter Sanftheit. Der Bürgermeister ist Laura nur zu gern behilflich. Er bringt sie bei Franck Bellec unter, dem Besitzer des Casinos an der Strandpromenade. Dort bekommt Laura eine Wohnung mit Blick aufs Meer, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellt, aber sie muss dafür natürlich auch in der Bar arbeiten. Als Animiermädchen? „Wir hier sagen eher Hostess.“ Härte, lernt Laura, verschreckt nicht, sie macht gefügig.

Auch Bellec wird Laura für seinen Gefallen bezahlen lassen. Er wird ihr keine Gewalt antun, keine Forderungen erheben, wenn er sie in ihrer Wohnung aufsucht. Er versteht es, seine Herrschaft mit subtileren Mitteln durchzusetzen. In seinem Reich gilt die Wehrlosigkeit einer jungen Frau als Bereitschaft, und niemand würde sein vornehmes Begehren als plumpe Vulgarität deuten. Er wird sich auf ihr Bett setzen, ihre Hand nehmen und Freundlichkeiten von sich geben: „Ich will dir helfen, Laura.“ Gegenüber der Polizei wird Laura bestätigen, dass er nichts von ihr verlangt hat. „Also haben Sie es aus freiem Willen getan?“ „Nein, ich sage ja, ich habe es tun müssen.“

Auf welche Straftat soll da der Staatsanwalt erkennen: Zuhälterei? Missbräuchliche Ausnutzung? Oder doch eher auf missbräuchlichen Handel mit Einfluss? Und schließlich wollte sie doch was von ihm, sie hätte sich weigern können, hat sie es denn nicht kommen sehen. Es ist eine alltägliche Geschichte, die Tanguy Viel erzählt, die Geschichte einer jungen Frau, der es nicht gegeben ist, eigene Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Die wie bereits ihr Vater glaubte, den eigenen Körper als ein Kapital einsetzen zu können, die nicht unbedingt wegen ihrer Schönheit zur Beute wird, sondern wegen ihrer sozialen Schwäche. Denn die Tochter des Notars würden die Herren bestimmt nicht so behandeln.

Prix-Goncourt-nominiert

Der 1973 in Brest geborene Viel (Wjell gesprochen) ist ein Meister der subtilen Spannung, die er auch in diesem Roman aufbaut, auch wenn dessen unglückliches Ende von vornherein absehbar ist. Denn mehr als für jede Tat interessiert sich Viel für ihre Bedeutung. In seinen schlanken Romanen erzählt er von Verbrechen, für die Täter mit Geld und Status belohnt werden, und von Gewalttaten, die ein Richter nicht einmal verurteilen möchte, wenn sie ganz und gar unbereut bleiben. Das Abgeklärte ist diesem Autor so fremd wie das Konventionelle. Doch die Beherztheit seiner früheren Romane Paris-Brest oder Selbstjustiz findet sich nicht in Das Mädchen, das man ruft. Hier schreibt Viel verhaltener und fast schon ein bisschen unsicher in seiner Erzählposition, als fürchtete er, seiner Protagonistin zu nahe zu treten.

Psychologisch und stilistisch jedoch ist der Roman, der für Frankreichs höchsten Literaturpreis, den Prix Goncourt, nominiert war, ungeheuer präzise gearbeitet. Seine Satzgirlanden entrollen sich in eleganter Leichtigkeit, sie schwingen von einer feinsinnigen Metapher zur nächsten. Wie genau Viel dabei seine Worte wägt, deutet sich im Titel an. Im französischen Original ist La fille qu’on appelle nicht nur die wörtliche Übersetzung eines Callgirls, also das „Mädchen, das man ruft“, sondern auch das Mädchen, für das man Bezeichnungen findet – schmeichelhafte, wenn man sich mit ihm umgibt, abfällige, wenn man ihm selbst die Verantwortung für seine Lage geben will.

Für Tanguy Viel ist Laura eine machtlose Figur in einem System, in dem sich mächtige Männer die Körper anderer Menschen dienstbar machen und ihnen den Platz in der Gesellschaft zuweisen, der ihnen aufgrund ihrer Herkunft zusteht. Es ist nichts anderes als Feudalismus, und Viel zeigt uns, dass auch in Frankreich das Ancien Régime nicht außer Kraft gesetzt ist.

Info

Das Mädchen, das man ruft Tanguy Viel Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), Wagenbach 2022, 160 S., 20 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare