Annika Joeres
Ausgabe 3613 | 10.09.2013 | 06:00 12

Madame macht ernst

Egalité Vom Kindergarten bis zum Elysée: Unter Frankreichs Frauenministerin wird das Land gleichgestellt

Madame macht ernst

Foto: Lecarpentier/Rea/Laif

Passend zur Rentrée, so nennen die Franzosen das Ende der Sommerpause, prescht Najat Vallaud-Belkacem, die Pariser Frauenministerin, mit einigen ambitionierten Forderungen nach vorn: So sollen sich künftig nur noch Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen dürfen, deren Leitungsebene gleichberechtigt besetzt ist. „Die Gleichheit ist gesetzlich festgeschrieben, aber die meisten Frauen leben noch immer schlechter als ihre Ehemänner“, sagt die Sozialistin. Einer ihrer typischen Sätze.

Für Vallaud-Belkacem ist es nun Zeit für den nächsten Fortschritt – nach dem Wahlrecht und dem Recht auf Abtreibung. Denn trotz formaler Gleichberechtigung werden französische Frauen auf dem Weg in machtvolle Positionen ähnlich benachteiligt wie die in Deutschland. Zwar gehen mit 70 Prozent fast doppelt so viele einer Vollbeschäftigung nach – auch, weil Frankreich das Zuverdienermodell nicht durch Ehegattensplitting forciert und 50 Prozent der Untereinjährigen in eine Kita gehen, die ganztags geöffnet hat. Gleichzeitig geben Mütter in Umfragen aber an, mehr als 80 Prozent der Haus- und Kinderarbeit zu übernehmen. Und keines der börsennotierten französischen Unternehmen wird von einer Frau geleitet.

Heute Feminist ...

Diesen Oktober wird Vallaud-Belkacem ein Ranking von Firmen veröffentlichen, in dem Frauen ihre Chancen auf gute Posten ablesen können. In einem offenen Brief an die 528 größten französischen Unternehmen forderte sie die Chefs auf, bis zum Herbst mindestens zwei Frauen in die Aufsichtsräte zu entsenden, um sie langfristig an die oberste Stelle hieven zu können. Paris hat bereits 2011 eine Quote von 40 Prozent in den Führungsetagen ihrer börsennotierten Unternehmen verabschiedet – noch unter Führung des Konservativen Nicolas Sarkozy und ohne großen Widerstand. Auch Vallaud-Belkacem erntet meist Zustimmung.

Zwar will der Arbeitgeberverband die Quoten am liebsten senken, er stellt sie aber grundsätzlich nicht infrage. In Talkshows ist die Ministerin höchstens mit der etwas süffisanten Frage konfrontiert, ob sie „die Geschlechter abschaffen“ wolle. Die Politikerin pariert das locker: Sie wolle für Frauen dieselben Chancen wie für Männer. Sie habe in ihrem eigenen Leben ebenfalls unterschiedliche Rollen einnehmen können. Zuerst arbeitete sie als Anwältin, dann beim Bürgermeister ihrer Geburtsstadt Lyon, und schließlich trat sie in Literatursendungen im Fernsehen auf. Najat Vallaud-Belkacem ist verheiratet, hat zwei Kinder und sitzt im Zentrum der Macht – sie ist nicht nur eine sehr populäre Ministerin, sondern auch Sprecherin von François Hollande. „Unsere Gesellschaft schätzt Frauen geringer, das ist der wahre Grund, warum sie schlechter verdienen, seltener Karriere machen und Gewalt erfahren“, erklärt sie und meint einen tief verankerten Machismo.

Sie möchte schon französischen Kleinkindern die Gleichwertigkeit von Mann und Frau vermitteln und Schulbücher und Lehrpläne von Stereotypen befreien – die etwa Männer vornehmlich in handwerklichen und Frauen in pflegenden Berufen zeigen oder Jungen als draufgängerisch und Mädchen als schüchtern abbilden. Lehrer sollen Schülerinnen zu einem technischen Studium ermutigen.

Deutschland hingegen debattierte noch in der Sommerpause einheitliche Qualitätsstandards für Kitas – aus französischer Sicht eine lächerliche Diskussion. Es gibt in Frankreich bereits doppelt so viele Kitaplätze, und sie alle folgen den von Paris festgelegten pädagogischen Normen. Ginge es nach Vallaud-Belkacem, müssen künftig auch Führungsgremien bei Sportvereinen, nationalen Theatern und Handelskammern von Frauen und Männern gleichermaßen besetzt werden. Parteien, die wie die oppositionelle UMP zuletzt lieber Strafen kassierten als ihre Listen paritätisch zu besetzen, müssten künftig dreimal so viel zahlen. Im Bundestagswahlkampf kümmert man sich dagegen wenig um die einst heiß umkämpfte Quote. Zwar haben Parteien vor Monaten heftig gestritten – auch über das Betreuungsgeld und Kitaplätze wurde intensiv debattiert. Diese Kontroversen spiegeln sich jedoch nicht im Wahlkampf wider – sofern man den so nennen kann. Was ist übrig von der „Aufschrei“-Lawine nach Brüderles sexistischem Bar-Auftritt? Die CDU benutzt in ihrem gesamten Wahlprogramm nicht einmal das Wort Gleichberechtigung. Präsident Hollande hingegen nannte sich bei seiner Amtseinführung vor gut einem Jahr „Feminist“.

Jeder Gehaltsvergleich in Deutschland zeigt den um 20 Prozent geringeren Lohn von Frauen, deutsche DAX-Vorstände sehen aus wie alternde Burschenschaften. „Die Deutschen sind noch konventioneller und vorurteilsbehafteter als beispielsweise südeuropäische Bürger“, sagt Sabine Hark, Professorin am Berliner Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Die Parteien drückten sich davor, sich für Frauenrechte einzusetzen. „Sie glauben, auf die Wählerinnen besser verzichten zu können als auf die Männer.“ Hark ist überzeugt, dass etwa die Grünen auf 20 Prozent kommen könnten, wenn sie sich der Herabsetzung von Frauen offensiver annehmen würden. „Minijobs oder Mindestlohn sind absolute Frauenthemen, das müsste auch so benannt werden“, sagt die Soziologin.

... früher Patriarch

Politikwissenschaftler haben in einer langjährigen Studie Deutschlands Parteien als „konfliktscheu und konsensual“ ausgemacht. Simon Munzert aus Bern und Paul Bauer aus Konstanz konstatieren in einer aktuellen Veröffentlichung, die deutsche Öffentlichkeit sei mittlerweile viel weniger polarisiert als noch vor 30 Jahren. Die Parteien seien bei wesentlichen Themen wie der Energiewende einer Meinung. Bis auf eine Ausnahme: „Die Geschlechterpolitik führt zu den heftigsten Reaktionen aller Befragten“, so die Wissenschaftler. Während die Aufregung um Einwanderung deutlich gesunken ist, stieg sie bei Fragen zur gerechten Verteilung der Hausarbeit oder Kinder und Karriere deutlich an.

Im aktuellen Wahlkampf sucht man oft vergeblich nach Differenzen, dabei könnte das Thema Emanzipation politisieren. Die CDU könnte sich zu ihrem konservativen Mütter-Ideal bekennen, dem sie schon mit dem Betreuungsgeld Ausdruck verliehen hat, die FDP ihre marktradikalen und meist männlichen Wähler erfreuen, indem sie die Quote öffentlich verbannt. Grüne könnten sich stark machen für gesetzliche Regelungen wie die der Französin Vallaud-Belkacem. Und die Linke könnte Gleichberechtigung als eine natürliche Eigenschaft des demokratischen Sozialismus bewerben.Und die SPD? Steinbrücks Mindestlohn könnte als Rettung für schlecht verdienende Frauen herhalten.

In französischen Medien wundern sich Feministinnen darüber, dass Deutschland in Fragen der Gleichberechtigung so stillsteht. „In einem Land, das von einer ostdeutschen Frau regiert wird, müsste es den Frauen doch besser gehen, heißt es häufig“, sagt Wissenschaftlerin Hark. „Aber die Rechte von Frauen zu thematisieren, wird dadurch besonders schwer, weil die Notwendigkeit weniger offensichtlich ist.“ Merkel habe sich dazu entschieden, eher den konservativen Männerkreisen in der CDU entgegenzukommen als den Frauenrechtlern.

Allerdings hat auch bei Frankreichs Sozialisten lange das Patriarchat regiert. Ihre frühere Frontfrau Ségolène Royal wurde mit Fragen nach ihrem Mutterdasein traktiert. Dabei hat sie ihre vier Kinder gemeinsam mit ihrem Ex-Partner Hollande großgezogen – dieser wurde nie auf seinen Nachwuchs angesprochen. Die sozialistische Männerriege wollte Royal als Mutti degradieren. Nachdem sich dann der ausgemachte Spitzenkandidat Dominique Strauss-Kahn durch Affären und Übergriffe auf Frauen ins Abseits schoss, drohten den Sozialisten ihre treuesten Anhängerinnen wegzubleiben. Also haben sie ihr Regierungsprogramm auf die Französinnen zugeschnitten, und die Hälfte der Ministerposten wurde Frauen versprochen. Frankreichs Regierung hat jetzt ein hohes Ziel ausgerufen: Bis 2025 soll die Hälfte aller Firmen von Frauen geleitet werden, sie sollen dieselbe Rente erwarten können und ihre Kinder genauso intensiv betreuen wie ihre Männer. Mit Vallaud-Belkacems Gesetzespaket könnte dies gelingen – es beginnt schon im Kindergarten und reicht bis in die Machtzentralen der Wirtschaft.

Annika Joeres schreibt für den Freitag aus Frankreich, zuletzt über Korruption

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 36/13.

Kommentare (12)

anne mohnen 10.09.2013 | 09:39

Danke für die Draufsicht.

Dass "Deutschland hingegen (debattierte) noch in der Sommerpause einheitliche Qualitätsstandards für Kitas debattierte", mag aus französischer Sicht eine lächerliche Diskussion" sein. In Deutschland ist ja auch das Thema "Kita- und Kindergärten & Kleinkindpädagogkik" in der Umsetzung ein Länderthema, während es in Frankreich zentral gelöst wird. Das macht sicherlich einiges einfacher, wenn es um die Formulierung und Durchsetzung und Einhaltungvon Qualitätsstandards geht.

"Es gibt in Frankreich bereits doppelt so viele Kitaplätze, und sie alle folgen den von Paris festgelegten pädagogischen Normen."

Es ist wichtig, die Diskussion bzw. Berichterstattung fortzusetzen. Mich interessierte, wie es z.B. um die Qualität der pädagogischen Normen in Frankreich steht . Wie regeln die anderen 50% die Unterbringung von Kleinkindern?

Also, weiter, weiter am Thema bleiben.

LG am

MaxKretzschmar 10.09.2013 | 11:52

Ich würde mich freuen, wenn Parteien nicht pauschalisierend über einen Kamm geschert werden. Der Blick ins Wahlprogramm 2013 der LINKEN hätte der Autorin ein umfassendes Kapitel zur Gleichstellung und Emanzipation von Frauen, vielfältigen Lebensweisen und moderner Familienpolitik vermittelt - verknüpft mit der Vorstellung eines demokratischen Sozialismus. Und auf linken Plakaten im BTW 2013 heißt es: "Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit". Dies nur verkürzt zum Wahlkampf, denn die jahrzehntelange gute Frauenpolitik innerhalb der PDS und der LINKEN kann hier nicht abgebildet werden.

Pickelhaube 10.09.2013 | 12:10

"Kitas" gibt es in Frankreich überhaupt nicht. Es gibt dort die Ecole Maternelle, eine freiwillige, kostenlose Vorschule.

Dort herrscht ein ziemlicher Drill, Disziplin wird groß geschrieben, man unterrichtet gern auch mal frontal.

Ergebnis: Man versaut den Kindern die Kindheit, und schafft es zu allem Überfluss, sogar schlechter bei PISA abzuschneiden als Deutschland.

Ich wüßte nich, in welchem Punkt das französische System besser sein sollte.

B.V. 10.09.2013 | 13:57

Gut das mal darauf hingewiesen wird. Das alles was in Frankreich geschieht ist eine oberflächliche bürgerlich-feministische Gleichmacherei vor allem also eine Umsetzung von Quantitäten, weniger Qualitäten. Es drückt nicht die wirklichen Bedürfnisse der Menschen aus, sondern ist eine Bedürfnisanpassung an einen Mangel, der irgendwann als der Eigne empfunden werden mag, aber im Grunde nur der besseren verwertung der Arbeitskraft im globalen Kapitalismus Rechnung trägt.

THX1138 10.09.2013 | 22:22

Die Quotenforderung klingt auf den ersten Blick nach einer Vernichtung des Wirtschaftsstandorts Frankreich. Erst auf den zweiten Blick wird einem klar, was hier wirklich abläuft: Wieviele der sicherlich (weit) über einer Million französischen Unternehmen aller Rechtsformen kommen wohl in den Genuss staatlicher Aufträge? In der Schweiz gibt es insgesamt 550'000 Firmen (Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Kommanditgesellschaften, Einzelhandelsgesellschaften, Stiftungen, etc.). Immerhin sind auch die französischen Sozialisten in der Wirklichkeit angekommen. Nur geben sie es nicht zu.

Columbus 11.09.2013 | 01:09

Ich freue mich regelmäßig, Frau Joeres, dass Sie dem Trend in der deutschen Öffentlichkeit widerstehen, die poltitische Performanz an den Umfragewerten abzulesen. Das ist nämlich die billige Masche, mit der Vorurteile auch in Qualitätszeitungen zementiert werden, wenn hauptsächlich über den Absturz oder Aufstieg in der Gunst der Befragten berichtet wird. - Die Ansichten den Bürgers, sie sind häufig wie die Biegung des Schilfs. Es kommt auf die Windrichtung an.

Die reformerischsten Regierungen in Demokratien oder Transformationsländern haben häufig das Pech, meist nicht lange gegen den schnell drehenden Volkswillen anregieren zu können.

Das galt einst für Gorbatschow, das galt für Jimmy Carter. In Frankreich galt es einst für einen der klügsten und weitsichtigsten Politiker, Pierre Mendès France, der Frankreich aus Vietnam holte.

Nur Mitterand konnte linke Politik etwas dauerhafter gestalten, wenn auch erheblich ausgebremst durch seine unfreiwillige Vereinigung mit den Konservativen.

Die Sozialisten Hollandes kennen ein Programm und Wahlziele, und sie arbeiten ab, was sie sich vorgenommen haben , was schon angesichts der großen wirtschaftlichen Probleme eine Leistung ist. Dafür werden sie zur Rechenschaft gezogen, obwohl die dringlich nötigen Arbeitsmarkt und Sozialreformen von dem kleinen aufgeregten Herren an der Staatsspitze verschlafen und verpasst wurden und der lieber die Reichen entlastete. Es steht knapp in Frankreich und der Widerstand der Konservativen ist stark.

Neben den Reformen in der inneren Sicherheit (Polizei weg von der Kontrolltruppe hin zur lokalen Bürgerpolizei) und denen in der Wirtschaft, ist die Gleichstellung aller Franzosen und erst Recht der 50% Französinnen nicht nur eine Eintagsfliege der PS, sondern vielleicht das älteste Konzept dieser Partei, wenn sie mal an die Macht kommt.

Es reicht in die Zeit Mitterands zurück und begleitete, wie sie scharfsinnig beobachteten, den Aufstieg Ségolène Royals und ihres Ex-Partners Hollande.

Ich bin erstaunt über den Mut der PS, der hierzulande, angesichts mancher altbackener Linker und massiver konservativer Ansichten, niemals auch nur in die Nähe der Regierungsfähigkeit kommen würde.

Wir wissen leider viel zu wenig über unsere Nachbarn und da ist ein solcher Artikel fast schon wie eine Reportage von einem fremden Stern.

Danke dafür.

Christoph Leusch

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Ehemaliger Nutzer 11.09.2013 | 09:59

Die Bereitschaft Kinder und Karriere zu vereinbaren liegt wohl auch darin begründet, dass die Höhe der französischen Einkommenssteuer sehr von der Kinderzahl abhängt und nicht nur (wenn überhaupt) am fehlenden Ehegattenspilitting.

Eine ähnliche Regulierung durch Steuerpolitik würde bei uns vermutlich zu Widerstand führen, weil arme Leute nichts davon haben. Aber insgesamt ist es ein starker Motor für Arbeit und Kinder.

anne mohnen 11.09.2013 | 13:21

Zustimmung und Ergänzung:

Das Betreuungsangebot ist vor allem breitgefächerter in Frankreich, so das Handelsblatt 2007. Bei 80% Prozent berufstätiger Frauen ist das auch nachvollziehbar. Zu den Zahlen die konservative Konrad-Adenauer-Stiftung: (S. 15) Tagesmütter spielen unter den verschiedenen Formen der Kinderbetreuung in Frankreich eine besonders wichtige Rolle. Familienkrippen (s.u.) werden von einer oder mehreren Tagesmüttern in ihrer eigenen Unterkunft oder spezielle n Räumen betrieben. Sehr häufig kommt eine Tagesmutter aber auch in die Wohnung einer Familie und betreut die Kinder dieser Familie (Kinderfrau, garde à domicile). Die Zeiten der Betreuung können zwischen den Eltern und den Tagesmüttern frei vereinbart werden. Die durchschnittliche Betreuungszeit beträgt mehr als acht Stunden pro Tag. Die Tagesmutter benötigt eine entsprechende Erlaubnis des Départements (assistante maternelle agréée). Hierfür muß die Tagesmutter eine medizinische Untersuchung absolvieren. (:…)

Ein Tagesmutter, die ein oder mehrere Kinder (max. drei Betreuungsplätze) in ihrer eigenen Wohnung betreut, kostet mindestens 600 € pro Monat.

Eine Kinderfrau, die ein oder mehrere Kinder in der Wohnung der Kinder betreut kostet (bei einer Vollzeitstelle und je nach Qualifikation) bis zu 2.500 € pro Monat (einschließlich der Sozialabgaben)“

Assistantes maternelles partagées Die relativ hohen Kosten für eine Kinderfrau im eigenen Haus haben in jüngster Zeit dazu geführt, daß sich

immer häufiger zwei Familien eine Kinderfrau teilen. Die rechtliche n Rahmenbedingungen entsprechen den oben genannten. Meist erfolgt die Betreuung abwechselnd in den Wohnungen der beiden Familien.

Familienkrippen (crèche familiale)

Familienkrippen sind, trotz ihrer Bezeichnung, keine Betreuung innerhalb einer Krippe im engeren Sinne, sondern eine besondere Art der Betreuung durch Tagesmütter. In einer Familienkrippe (familiärer Betreuungsdienst) betreuen meist eine oder auch mehrere Tagesmütter (assistantes maternelles agréées), jeweils bis zu drei Kinder in ihrer eigenen Wohnung oder in speziell hier für angemieteten Räumen. Die maximale Kapazität ist auf 150 Plätze begrenzt (diese hohe Zahl wird

allerdings selten erreicht). Die vorherrschende Form ist eine Tagesmutter, die bei sich zu Hause bis zu drei Kinder betreut. Die Tagesmütter stehen unter Aufsicht

einer Kindergärtnerin oder sonstigen Fachkraft:“

Inzwischen ist hinsichtlich der Tagesmütter Deutschland nun auch mehr Bewegung gekommen.

Dennoch stellt sich doch gerade bei den U-3 Kindern die Frage nach der Qualifikation!

Auch in Frankreich ist die U-3_Betreuung nicht optimal. Drum legt die Ministerin sich ja ins Zeug. Wer z.B. außerhalb der großen Metropolen lebt, hat zu kämpfen. Welcher Alleinerziehende könne bei guten Gehalt und welche einkommensschwächeren Elternpaare sich die Mietpreise in Paris leisten

Um das zu kompensieren, hat sich der Französische Staat etwas einfallen lassen: „Seit Mitte der 80er Jahre gibt die französische Regierung, nicht zuletzt aus Kostengründen, anstelle der Krippenbetreuung der staatlich unterstützten, individuellen Betreuung den Vorzug. Die Inanspruchnahme einer Tagesmutter ist, besonders in der Mittelschicht, zur Hauptbetreuungsart der Kleinkinder berufstätiger Eltern geworden (58). Mit dem

„Prestation d`accueil du jeune enfant” („PAJE”) genannten Gesetz von 2004 werden die Ressourcen der Familienpolitik noch stärker von den Strukturen kollektiver Erziehung in monetäre Transfers und private Betreuungsformen umgeleitet. Nach diesem Gesetz können Eltern sich entscheiden, ob sie staatliche Zuschüsse für die Tagespflege von Kindern oder Leistungen „für die freie Wahl der Betreuungsform” in Anspruch nehmen. Dieses bis zum dritten Geburtstag des Kindes gezahlte Erziehungsgeld beträgt 533 € für nichterwerbstätige und 406 € für teilzeitbeschäftigte Eltern (59). Die jüngsten familienpolitischen Reformen in Frankreich haben damit das Bild der „selbst erziehenden” Mutter gestärkt (60).“ (http://familiengerechtigkeit-rv.info/?p=87)

Leider führt diese zu Verwerfungen insbesondere fbei den unteren Einkommensgruppen: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/1765146/ Deshalb versucht die Ministerin nun nachzujustieren!

Und hier ein alte Vergleichsstudie : Mehr Staat, weniger Mama - Beruf & Familie gGmbH (2006) (vgl. http://www.beruf-und-familie.de/system/cms/data/dl_data/5ef6ee2a779aba93e4b1ae14b60027f8/WZB_Erwerbstaetigkeit_von_Muetter_06_2007.pdf)

Ein von der Hans-Böckler-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt zu „Generationenbeziehungen im Wohlfahrtsstaat“ greift unter anderem das Thema Kinderbetreuung auf. In einem Vergleich zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und Schweden haben WZB-Wissenschaftler untersucht, inwieweit die von staatlichen Institutionen wie die durch Familienmitglieder angebotenen Betreuungsoptionen für Kinder unter drei Jahren die Erwerbstätigkeit von Müttern erleichtern. Das Zusammenspiel zwischen Staat und Familie in verschiedenen Wohlfahrtsstaaten im Zeitraum 1990 bis 2005 stand im Mittelpunkt der Studie. Besonderes Interesse galt dabei den Hilfen zwischen den Generationen. Im Fall der Kinderbetreuung sind es zumeist die Großeltern, die die Eltern unterstützen.

„Nach der Geburt eines Kindes reduzieren Frauen in Deutschland ihre Erwerbstätigkeit im Ländervergleich am stärksten. Zum einen fehlt es an einem flexiblen und qualitativ hochwertigen Betreuungsangebot f

r Kleinkinder wie in Schweden und Frankreich. Dort sind Mütter in ähnlichem Umfang wie vor der Geburt erwerbstätig. Zum anderen sind die Familiennetzwerke nicht so eng wie in Italien, wo vor allem Großeltern einen wichtigen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf von jungen Müttern leisten. Nicht zuletzt spielen auch unterschiedliche Präferenzen eine Rolle: insbesondere in den alten Bundesländern tendieren Frauen dazu, bei ausreichendem Einkommen des Partners ihre Erwerbstätigkeit einzuschränken:“

(…)Die französische Sozialpolitik verzichtet auf eine explizite Zuschreibung von familiärer Aufgabenteilung und bietet insofern die größten Entscheidungsspielräume. Einerseits fördert ein weit reichendes und flexibles Betreuungssystem fr Kleinkinder die Beschäftigungschancen von Müttern, andererseits reicht das Arbeitseinkommen eines Partners in noch höherem Maße als beispielsweise in Schweden für die Versorgung der Familie aus. Das französische Beispiel zeigt jedoch, dass auch eine optionale Politik im Sinne der Förderung der Frauenerwerbstätigkeit die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht verhindert. Frauen sind auch in Frankreich hauptsächlich für die Betreuung, Pflege und Hausarbeit zuständig. Dabei ist zu bedenken, dass ein Ausbau der Kinderbetreuung ebenfalls einen Einfluss auf die Präferenzen haben kann. Wenn die erwerbstätige Mutter auf. Grund veränderter Betreuungsstrukturen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist, dann ist es wahrscheinlich, dass positive Einstellungen zur Müttererwerbstätigkeit und zur öffentlichen Betreuung in Westdeutschland mehrheitsfähig werden und das Bild der „Rabenmutter“, die ihre Kinder in Verwahranstalten abgibt, verschwindet. Wie das schwedische Beispiel zeigt, kann die Erwerbstätigkeit von Müttern wie von Frauen insgesamt eine soziale Normalität darstellen: Das Angebot an staatlichen Kinderbetreuungsplätzen in Schweden deckt den Bedarf; die Verfügbarkeit öffentlicher Kinderbetreuung ist kein Faktor mehr, der einen signifikanten Einfluss auf die Arbeitszeit der Mutter hat.“

Und dann – ganz wichtig!

„Aus dem Beispiel der ostdeutschen Bundesländer ist aber auch zu lernen, dass Betreuungsoptionen für Eltern nur die eine Seite der Medaille darstellen. Die andere Seite ist das Arbeitsmarktangebot. Während in Westdeutschland die Kinderbetreuung ein Manko darstellt, so ist es in den neuen Bundesländern vor allem das fehlende Arbeitsplatzangebot, das die im Vergleich zu Schweden geringen Erwerbsquoten erklärt.

Die Debatte in Deutschland um den Ausbau der Einrichtungen ist stark an der anzustrebenden Betreuungsquote ausgerichtet. Aspekte der Qualität wie die Flexibilität der Einrichtungen, Betreuungs- und Lehrinhalte oder die Ausbildung des Personals wurden zwar durch die neuen Bundesländer oder Fachverbände angesprochen, kamen jedoch in der politischen Debatte zu kurz.

Dabei spielen diese Aspekte eine wesentliche Rolle: Die Flexibilität, die der Arbeitsalltag von Erwerbstätigen fordert, muss sich auch bei den Betreuungseinrichtungen in Form von längeren Öffnungszeiten widerspiegeln. Für die Entwicklung von Kleinkindern und ihr Wohlbefinden muss eine qualitativ wertvolle Betreuung durch gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher gewährleistet werden.“

LG am

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Ehemaliger Nutzer 11.09.2013 | 13:55

Das ist gewagt, ich bin weniger Familienexperte als WiWi:

Renault und Peugeot sind noch nicht an VW oder BMW vorbeigezogen, also muss es doch etwas mit Effizienz zu tun haben, also Kinder UND Karriere in Eintracht zu bringen, scheint zumindest in Chicagoboyskapitalismen nicht ganz so produktiv zu sein.

Ehegattensplitting hin, Steuervergünstigung her, aber insgesamt ist es bestimmt ein starker Motor für Stresskrankheiten in Deutschland, dafür verkaufen wir mehr Autos (Kotz)...

Einen schoenen Gruss

Columbus 11.09.2013 | 20:57

Liebe Frau Mohnen

Es bliebe noch einzugestehen, dass unter dem Blickwinkel der UNICEF (2012), Deutschland mit den nordeuropäischen Ländern besser eingeschätzt wird, was das Wohlbefinden der Kinder (ganzheitlicher Ansatz) in den höchstentwickelten Volkswirtschaften angeht, während Frankreich zu einer mittleren, immer noch guten Gruppe von Ländern gehört.

Sie beschreiben sehr anschaulich, dass die Möglichkeit, Geldleistung und Betreuungsangebote nur dann eine wirkliche Wahl ist, wenn nicht, wie unter "Sarko" geschehen, aus der Wahl durch Auflösung und Reduzierung lokaler Angebote für Familien und Kinder, ein sanfter Druck wird. Der Staat hat sich auch in Frankreich zurückgezogen. - Allgemein ist der Trend, die Leistungen des Staates (Geld und Einrichtungen) an das Kind, nicht die Erwachsenen mit Einkommen in der Familie zu bringen. Bei dieser Verknüpfung war Frankreich ein wenig weiter und litt stark unter dem Rückzug des Staates aus den Problemzonen, die nur noch kontrolliert, aber nicht mehr sozial saniert werden sollten.

Über den Daumen sind in Deutschland und Frankreich ungefähr gleich viele Kinder von relativer Armut bedroht. Je nach Statistik und Rechenmethode, zwischen 10 und 19, 5%., im Mittel 12-14%.

Umso erstaunlicher der Reformeifer der PS. Umso höher allerdings auch das Risiko, wenn es mit den Steuereinnahmen und der Einsparung an anderer Stelle nichts wird.

Wähler sind wetterfühlig, nicht klimasensibel.

Beste Grüße

Christoph Leusch

anne mohnen 12.09.2013 | 21:10

„Über den Daumen sind in Deutschland und Frankreich ungefähr gleich viele Kinder von relativer Armut bedroht. Je nach Statistik und Rechenmethode, zwischen 10 und 19, 5%., im Mittel 12-14%.- Umso erstaunlicher der Reformeifer der PS“

Lieber Columbus, DANKE für die Replik bzw. den Hinweis.

Fakt ist ja, dass in die Kinderfreibeträge signifikant erhöht wurden. Fakt ist auch, dass der mittlere und gehobene Mittelstand mit mehreren Kindern davon profitiert.

Meines Wissens warenbzw. sind in Frankreich jene Familien steuerlich besser bestellt, für die es sich rechnet eine Hausangestellte oder ein Kindermädchen anzustellen. Es wäre interessant herauszufinden, ob das noch so stimmt. Vieleicht bleibt die Autorin ja diesbezüglich am Ball. Denn nicht ohne Grund stellte ich die Frage nach den restlichen 50%.-

LG am

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Ehemaliger Nutzer 14.09.2013 | 12:51

Renault und Peugeot sind noch nicht an VW oder BMW vorbeigezogen, also muss es doch etwas mit Effizienz zu tun haben, also Kinder UND Karriere in Eintracht zu bringen, scheint zumindest in Chicagoboyskapitalismen nicht ganz so produktiv zu sein.

Ach das seh ich nicht. Das ist nur eine Frage der Umsetzung wie Familie und Berufstätgikeit vereinbar sind. Klar einerseits ist es für Unternehmer einfacher, wenn sie bei ihren Arbeitnehmer/innen das Alleinverdienermodell haben und Überstunden etc. leichter durchsetzbar sind als wenn die Hälfte der Angestellten das Kind von der Kita abholen muss. Aber andererseits sind mehr Fachkräfte, auch durch Frauen, schon jetzt, zukünftig noch stärker wegen des demograhischen Wandels von der Wirtschaft dringend benötigt.

Die Firmen werden sich ein bisschen umstellen müssen und sehr gute Kinderbetreuungseinrichtungen auf eigene Kosten anbieten müssen, wenn sie nicht zu spät kommen wollen.