Madame Nhu sprach von Barbecue

Der Vietnam-Krieg (I) 1955 - 1963 Sturz eines Mandarins

Am 30. April 2005 jähren sich zum 30. Mal das Ende des Vietnam-Krieges und der Niederlage der USA in Indochina. Daran zu erinnern, heißt auch, nach Parallelen zur US-Intervention im Irak zu fragen, auch wenn bei Vergleichen Vorsicht geboten ist. In Vietnam wurde vor dem Hintergrund einer bipolaren Weltordnung gekämpft. Wir beginnen in dieser Ausgabe mit einer Folge von Artikeln, die bis zum 30. April den Verlauf des Krieges und dessen Folgen in Erinnerung rufen sollen.

Am 11. Juni 1963 fährt der buddhistische Mönch Quang Duc mit seinem Austin nach Saigon, um in der brodelnden Atmosphäre der Millionenstadt ein Zeichen zu setzen. Er steigt an der Rue Catinat aus dem Wagen, geht auf den Platz vor der Nationalversammlung zwischen den Hotels Continental und Caravelle, übergießt seinen Körper mit Benzin und verbrennt sich. Der Opfertod Quang Ducs sorgt weltweit für Entsetzen und löst mit der "Buddhistenkrise" die bis dahin schwerste Erschütterung des südvietnamesischen Staates aus, der im Oktober 1955 gegründeten Republik Vietnam.

Ihr Präsident Ngo Dinh Diem wird von diesem 11. Juni 1963 an noch 142 Tage im Amt und am Leben sein. Eine Schnecke auf der Schneide eines Rasiermesser. Der fanatische Katholik hat sich in einem von Buddhismus und Konfuzianismus geprägten Land als Glaubenskrieger und Autokrat mächtige Feinde verschafft. Das von den Franzosen hinterlassene Korruptionskartell der Saigoner Halbwelt gehört ebenso dazu wie die buddhistischen Sekten der Cao Dai (zu deren Heiligen Victor Hugo gehört) und der Hoa Hao. Geheimbünde, die schon unter der einstigen Kolonialadministration als unberechenbar gelten, Privatarmeen unterhalten und sich gegen Diems christliche Bekehrungskampagnen zu Wehr setzen. Der "Messias ohne Botschaft", wie Diem von seinen Gegnern geschmäht wird, hat sie kurzerhand zu Staatsfeinden erklärt - nach der Devise, wer mich nicht unterstützt, wird als Kommunist bekämpft. Nach dem Tod des Mönchs Quang Duc mehr denn je ein selbstmörderisches Kalkül.

Ho Chi Minhs Sparta

Aber noch hat Ngo Dinh Diem auch die mächtigsten Freunde an seiner Seite, die man sich nur denken kann. Seit der Genfer Indochina-Konferenz von 1954 haben die Amerikaner im Süden Vietnams die Franzosen beerbt. Dezent und diskret zunächst. "Der stille Amerikaner", wie ihn Graham Greene in der Gestalt des Alden Pyle beschreibt, ist Ausbilder von Diems Nationalarmee, Wirtschaftsberater oder CIA-Agent. Eine Mischung aus Kolonialwarenhändler und Missionar im Sinne der westlichen Wertegemeinschaft, der sich kümmert, damit die Dinge nicht aus dem Ruder laufen.

Am 21. Juli 1954 hat das Genfer Abkommen die jahrzehntelange Kolonisierung Indochinas durch Frankreich beendet. Während Laos und Kambodscha ihre vollständige Unabhängigkeit erhalten, wird zwischen Nord- und Südvietnam entlang des 17. Breitengrades am Fluss Ben Hai eine Demarkationslinie gezogen, die nicht als dauerhafte Grenze gedacht ist, sondern als Rückzugslinie für die noch im Süden operierenden Einheiten der Vietminh*. Beide Landesteile sollen spätestens im Juli 1956 eine gemeinsame Nationalversammlung wählen - eine Abstimmung, die jedoch nie stattfinden wird. Diems Mentoren im Süden rühren keinen Finger für ein solches Votum und müssen sich dabei nicht einmal Wortbruch vorwerfen lassen. Zwar haben die Amerikaner mit am Verhandlungstisch in der Schweiz gesessen, doch als es zum Schwur kam, verweigerten sie dem Indochina-Abkommen ihre Unterschrift.

In Saigon wird nun - nicht zu Unrecht - befürchtet, im Norden könne die Lao-Dong-Partei - die nationalkommunistische Partei der Werktätigen - mit 90 Prozent aller Stimmen rechnen. Ihrer Armee, den erwähnten Vietminh, ist der Sieg über die französische Dschungelfestung von Dien Bien Phu im Mai 1954 und damit das Ende kolonialer Fremdherrschaft zu verdanken. Außerdem hat Präsident Ho Chi Minh die Demokratische Republik Vietnam (DRV) - zusammen mit einer Proklamation der Unabhängigkeit für das gesamte Land - bereits am 2. September 1945 ausgerufen, als die feudal-religiöse Oberschicht des Südens mit der Union Française noch im besten Einvernehmen lebt.

Ho Chi Minh ist ein kompromissloser Patriot. Als die Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg ihr altes Kolonialimperium wieder in Besitz nehmen, bittet er Präsident Truman in sechs persönlichen Briefen um Hilfe, ohne je einer Antwort gewürdigt zu werden. Inzwischen pflegt er eine "brüderliche Freundschaft" mit der Volksrepublik China und achtet gewissenhaft darauf, in diesem Bruderbund nicht erdrückt zu werden. Das heißt, Mao Zedong und die Seinen sehen sich durch gleichfalls "brüderliche Beziehungen" zur Sowjetunion auf Abstand gehalten.

1955 führt Ho Chi Minh eine allgemeine Wehrpflicht ein, aber es soll noch fast ein Jahrzehnt dauern, bis aus den Barfuß-Soldaten des Generals Vo Nguyen Giap, des Bezwingers von Dien Bien Phu, eine Streitmacht wird, die der südvietnamesischen Nationalarmee und später den US-Truppen, nicht unbedingt ein ebenbürtiger, aber letzten Endes überlegener Gegner ist.

Ngo Dinh Diems Parolen

Noch am Genfer See, im Frühsommer des Jahres 1954, präsentieren die Amerikaner Ngo Dinh Diem, der nie ein Hehl aus seiner Verachtung für die Franzosen gemacht hat, als ihren Mann für die neue Ordnung in Saigon. Diem wartet mit drei Parolen auf, die er zum Credo seiner Regierung erhebt. Er ruft zum "Kampf gegen den Feudalismus" und meint damit das ancien régime des Kaisers Bao Dai, einen dekadenten Lebemann und politischen Bankrotteur, der im Oktober 1955 endgültig abdankt, um der Republik Platz zu machen. Parole Nr.2 lautet: "Kampf dem Kolonialismus" und fordert dazu auf, mit dem Erbe der Franzosen, der Korruption und den Geheimlogen der Buddhisten zu brechen. Parole Nr. 3 beschwört den "Kampf gegen den Kommunismus" und bedeutet Krieg gegen das sozialistische Sparta im Norden.

Der US-Diplomat Roger Hilsman, im Juni 1963, bei Ausbruch der "Buddhisten-Krise", Berater von Präsident Kennedy, erinnert sich, Diem habe keinen Nerv für das savoir vivre des Südens besessen, doch hielt man ihn in Washington für den zu dieser Zeit kompetentesten politischen Führer, um im "Kampf gegen den Kommunismus" bestehen zu können.

Anfang 1960 hat sich im Süden die Nationale Befreiungsfront (FLN) formiert, die den Widerstand gegen die Fremdherrschaft dort fortsetzt, wo die Vietminh bei ihrem Rückzug 1954 innehalten mussten. Zunächst sind es kleine Guerilla-Einheiten, die aber bald in den mittelvietnamesischen Provinzen erste "befreite Zonen" beherrschen und die Kraft zu Kommandounternehmen in den Metropolen Saigon, Bien Hoa oder Hue besitzen. Der Vietcong (VC), wie er im Westen genannt wird, hat sich auf einen "langen Marsch" eingerichtet und mit dem Ho-Chi-Minh-Pfad eine Nachschublinie aus dem Norden, die nie unterbrochen sein wird.

Um dem Vietcong das Hinterland und mögliche Rekrutierungsbasen zu entziehen, lässt Diem bereits Anfang der sechziger Jahr überall im Süden "strategische Wehrdörfer" errichten. 500 bis 600 dieser künstlichen Siedlungen entstehen, deren Bewohner jeder kommunistischen Infiltration widerstehen und kleinere Angriffe der FLN-Kader selbst abwehren sollen. Die Wehrdörfer sind Teil des Counter-Insurgency, des Anti-Guerilla-Krieges gegen die Macht des Dschungels. Die US-Stäbe empfehlen diese Strategie unter der Bezeichnung "Clear and hold" (Säubern und Besetzen) und schwärmen von "befriedeten Zonen", in denen der Vietcong "den Boden unter den Füßen verlieren" werde.

Doch das Programm scheitert. Es misslingt allein schon deshalb, weil die Bewohner der Wehrdörfer zuvor aus ihren Heimatgemeinden evakuiert werden. Für die in der Regel buddhistischen Familien ein Sakrileg. Die Umsiedlung zwingt sie, die Gräber ihrer Vorfahren zu verlassen. Immer in deren Nähe zu leben, ist ein religiöses Gesetz. Dagegen zu verstoßen, beschwört Unglück herauf, möglicherweise über Generationen hinweg. Präsident Diem missachtet diese Bräuche als spirituellen Zauber und brüskiert den besonders in der Landbevölkerung tief verwurzelten Glauben. Allein schon deshalb sind die Wehrdörfer ein Fehlschlag, der Diem teuer zu stehen kommen soll, auch wenn ihn die Amerikaner zunächst bestärken, daran festzuhalten.

Als Eisenhowers Präsidentschaft 1960 zu Ende geht, sind mehr als 5.000 US-Berater in Südvietnam. John F. Kennedy erhöht ihre Zahl bis 1963 auf 25.000. Er ist der Auffassung, die USA sollten sich weiter engagieren, gehe Vietnam an den Kommunismus verloren, werde morgen Laos folgen, übermorgen Thailand. Aber man sollte stets nach dem günstigsten Zeitpunkt Ausschau halten, um aussteigen zu können. "Wir werden einen Krieg in Vietnam nicht gewinnen. Subventionen ja, aber keine Truppen, keinen Kampfeinsatz", sagt er Außenminister Dean Rusk.

Im Juni 1963, als die "Buddhistenkrise" ausbricht, werden die südvietnamesischen Streitkräfte von den US-Advisern längst aktiv unterstützt, ihre Stäbe gehen mit in den Dschungel, liegen unter Feuer und greifen ins Kampfgeschehen ein. Auch wenn erst Präsident Lyndon B. Johnson reguläre Kampfeinheiten schicken wird - schon unter Kennedy sind die USA nicht nur in den Indochina-Krieg verwickelt, sie führen ihn bereits.

Der 1. November 1963

Zurück zur Selbstverbrennung Quang Ducs. Danach kommt es in Saigon tagelang zu Protestdemonstrationen gegen Diem, die zusehends den Charakter wütender Tumulte annehmen. Noch steht die Armee hinter dem Staatschef, aber dessen Schicksal hängt bereits an einem seidenen Faden. Auf einer Rundreise durch die Vereinigten Staaten spricht Diems Schwägerin, Madame Thi Nhu, mit deutlichem Bezug auf Quang Ducs Flammentod davon, in Saigon habe "so etwa wie ein buddhistisches Barbecue" stattgefunden. Kurz darauf gibt Madame Nhu in einem Interview zu erkennen, dass sie endgültig jedes Gespür für die Situation verloren hat: "Wenn wir den Buddhisten Religionsfreiheit gewähren, dann werden sie uns weiter zum Affen machen. Es reicht ihnen ja leider nicht, ihre Safran-Roben zu tragen und in die Pagode zu gehen ..."

Dieser Hochmut aus der Familie eines katholischen Präsidenten in einem buddhistischen Land bringt das Fass zum Überlaufen. Als erneut eine Protestwelle mit bis dahin ungekannter Wucht über Saigon rollt, beginnen Teile der südvietnamesischen Generalität mit der Vorbereitung eines Staatsstreichs. Doch losschlagen wollen die Militärs nur mit dem Rückhalt der Amerikaner. Die zaudern noch. Botschafter Cabot Lodge kennt die Putschgerüchte und fragt bei Außenminister Rusk in Washington an, ob und in welcher Form Diem gewarnt werden soll. Gleichzeitig gibt er zu verstehen: Wenn wir Diem ins Bild setzen, dürfte er zur Abschreckung ein Massaker unter den Generälen veranstalten - der Volkszorn wird überkochen, die südvietnamesische Armee enthauptet und im Kampf gegen den Kommunismus geschwächt sein. Daraufhin entscheiden Kennedy und Rusk, gar nichts zu tun. Sie warten ab. Das Todesurteil für Diem.

In der Nacht zum 1. November 1963 warnt die US-Botschaft in Saigon alle in Südvietnam eingesetzten Militärs, auf jeden Fall in ihren Quartieren zu bleiben. Kurz nach 3.00 Uhr starten die Putschisten ihren Angriff. Panzer durchbrechen die Tore des Präsidentenpalastes. Präsident Diem versucht zu entkommen, doch es gelingt ihm nicht, zusammen mit seinem Bruder Ngo Dinh Nhu wird er standrechtlich erschossen.

Als am Morgen danach in der Rue Catinat die ersten Garküchen öffnen, wird Südvietnam bereits von einer Junta der Obristen regiert, geführt von General Duong van Minh, der bald darauf in Ungnade fällt und nach Thailand emigriert. Ihm folgt General Le Khanh, der Sohn einer Schauspielerin und damit Spross eines Standes, der in Südvietnam als nicht salonfähig gilt. Erst im März 1965, fast anderthalb Jahre nach dem Sturz von Diem, gelingt es, in Saigon wieder eine stabile Regierung zu installieren, den Nationalen Verteidigungsrat unter General Nguyen Van Thieu, den neuen Präsidenten. Bis dahin hat sich viel ereignet - nach einem Zwischenfall im Golf von Tonking, bei dem im August 1964 angeblich nordvietnamesische Patrouillenboote einen US-Zerstörer beschossen haben, beginnt die Air Force mit der Bombardierung Nordvietnams. US-Marine gehen an den Stränden von Da Nang und Nha Trang an Land. Und Präsident Johnson riskiert viel. Ende 1966 wird die Stärke der US-Verbände in Südvietnam bei mehr als 600.000 Mann liegen.

Nächste Folge: Suchen und Zerstören

(*) Kämpfer der bereits Anfang der vierziger Jahre entstandenen Befreiungsbewegung, die zunächst gegen die Japaner, später die Franzosen kämpft.


Raketenkrise und Mauerbau - die Jahre 1955-1963

1955 - die beiden deutschen Staaten treten den sich in Europa gegenüber stehenden Militärpakten bei - die BRD der NATO und die DDR dem Warschauer Vertrag. Es kommt zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Moskau.

1956 - auf dem XX. Parteitag der KPdSU übt Nikita Chruschtschow am 24. Februar eine vernichtende Kritik an den Verbrechen und dem Personenkult der Stalin-Ära.

1957 - mit den "Römischen Verträgen" wird von Frankreich, der BRD, Italien und den Benelux-Staaten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegründet. Polens Außenminister Rapacki legt seinen Plan für eine kernwaffenfreie Zone in Mitteleuropa vor.

1958 - Charles de Gaulle wird zum französischen Staatschef gewählt und begründet mit einer neuen Verfassung die V. Republik.

1959 - auf Kuba wird der von den USA unterstützte Diktator Batista gestürzt. Fidel Castro bildet eine revolutionäre Regierung.

1960 - John F. Kennedy wird mit knapper Mehrheit gegen den Republikaner Nixon zum US-Präsidenten gewählt. Spannungen zwischen Peking und Moskau weiten sich zum heftigen ideologischen Konflikt aus.

1961 - mit dem Bau der Berliner Mauer werden die Grenzen zwischen beiden deutschen Staaten sowie zwischen der DDR und Westberlin endgültig geschlossen. Beim Wiener Gipfel Kennedy-Chruschtschow wird auch über Vietnam gesprochen.

1962 - nach der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba kommt es zu den schwersten Spannungen zwischen der UdSSR und den USA seit langem. Als die US-Regierung erklärt, weitere Aktionen zum Sturz der Castro-Regierung zu unterlassen, zieht Chruschtschow die Raketen wieder ab.

1963 - der Teststopp-Vertrag verpflichtet die USA, die UdSSR und Großbritannien zu einer begrenzten Einstellung ihrer Kernwaffenversuche. Am 22. November wird US-Präsident Kennedy Opfer eines Attentats.

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00:00 11.03.2005

Ausgabe 38/2021

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