Made in China

Ausstellung Im Westen hält sich der Glaube, dass Leonardo da Vinci die Landschaftsmalerei erfunden hat. Eine Londoner Schau widerspricht
Made in China

Foto: John Lamberton / The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City

Am 5. August 1473 zeichnete ein junger Künstler als Erster eine reine Landschaft. Das Datum ist so genau bekannt, weil Leonardo da Vinci es auf dem Papier festhielt, als sei er sich der revolutionären Bedeutung seiner Tat bewusst gewesen. Berge und Bäume nur um ihrer selbst Willen zu betrachten – so etwas hatte es bis dahin nicht gegeben.

Die Erfindung der Landschaftsmalerei gilt als einer der wichtigsten Momente der europäischen Kunstgeschichte. Bis heute wird die Arbeit mit Wasserfarben im Freien als eine Form der Meditation geschätzt. Leonardos Entdeckung der Wunder der Natur – die in Form von verträumten Felsen und Teichen in all seinen Gemälden gegenwärtig ist – ist die Erfindung einer neuen Form des Innenlebens.

Eine Ausstellung im Victoria and Albert Museum in London legt nun jedoch nahe, dass wir einem Mythos aufgesessen sind. Masterpieces of Chinese Landscape Painting zeigt deutlich, welche Ähnlichkeit zwischen Leonardos Felsen, Bäumen und Flüssen und den Felsen, Bäumen und Flüssen chinesischer Künstler besteht. Es ist kurios: Leonardo da Vincis Landschaft von 1473 sieht wie die Überarbeitung von Werken der klassischen chinesischen Malerei aus, allen voran Li Gongnians Landschaft an einem Winternachmittag, das 1120 entstand – 353 Jahre vor Leonardos Zeichnung also.

Zwar wird heute pro forma anerkannt, dass weltweit und unter allen Lebensbedingungen große Kunstwerke entstanden sind. Verinnerlicht haben wir aber eine andere Geschichte. Selbst Ernst H. Gombrich stellt in seiner 1950 erstmals erschienenen und bis heute richtungsweisenden Geschichte der Kunst europäische Innovationen in den Mittelpunkt: Alle Völker haben Kunst, aber der Westen bringt sie voran.

Die Ausstellung Masterpieces of Chinese Painting ist die vernichtendste Antithese zu diesem Eurozentrismus, die ich bisher gesehen habe. Sie zeigt, dass während der Song-Dynastie chinesische Künstler die Malerei zu höchster Empfindsamkeit und Poesie brachten. Die Europäer führten unterdessen barbarische Kreuzzüge und sollten bis zu Leonardo – oder nimmt man die radikalsten chinesischen Arbeiten, Van Gogh – an diese Kunstfertigkeit nicht herankommen.

Der iPad-Vergleich

Ich würde sogar noch weiter gehen. Ich glaube, Leonardo da Vinci hat die Idee der Landschaftsmalerei von den Chinesen geklaut. Ist es nicht möglich, dass er ein chinesisches Gemälde zu Gesicht bekam? Könnten Exponate über die Seidenstraße in den Westen gelangt sein? Ich lade mir also in der Ausstellung Leonardos Landschaft mit Fluss von 1473 auf mein iPad und vergleiche es mit den chinesischen Landschaften aus dem 12. Jahrhundert. Die Formen der Hügel und Bäume in da Vincis Zeichnung spiegeln perfekt die zuckerhutartigen Gipfel und gertenschlanken Bäume auf den 900 Jahre alten chinesischen Gemälden.

Leonardo ist übrigens nicht der einzige europäische Pionier der Landschaftsmalerei, der „chinesisch“ aussieht. Zhang Hongxing, Kurator der Ausstellung im V&A, verweist etwa auf das „Chinesische“ bei Pieter Bruegel dem Älteren. Bruegels Die Jäger im Schnee weist alle Elemente auf, an denen auch chinesische Landschaftsmaler im Mittelalter Gefallen fanden, inklusive Schnee.Wie aber kam es überhaupt zur Erfindung der Landschaftsmalerei in China? Warum fingen Künstler damit an, die Größe der Natur darzustellen und nicht länger wie andernorts üblich Götter und Schlachten? Die Antwort hat mit dem Buddhismus zu tun, der sich in China vor über 1.000 Jahren ausbreitete und eine Kultur der Kontemplation inspirierte. Dazu kamen die technischen Errungenschaften der Song-Dynastie: Der wissenschaftliche Verstand, der das Porzellan perfektionierte, blickte mit einer anderen Klarheit auf die Natur.

Eines der ersten Exponate, die man in der Ausstellung zu sehen bekommt, wurde sogar von einem Kaiser der Song-Dynastie gemalt – wobei das anderen Herrschern eher zur Warnung gereichen sollte, trug Kaiser Huizongs verträumte Kunstbegeisterung doch dazu bei, dass er seinen Thron verlor. In China, so erklärt der Kurator, sei Malerei seit jeher mit Rückzug und Eskapismus in Verbindung gebracht worden. Nach der Eroberung Chinas durch die Mongolen im frühen 13. Jahrhundert wurde Kunst eindeutig mit der Ablehnung der Herrschenden assoziiert. Die Intellektuellen wandten dem Hof den Rücken zu und schufen stattdessen Gärten, schrieben Gedichte und malten ausdrucksstarke Szenen mit winterlichen Bäumen. Sie gaben die Natur auf eine freie, subjektive Art und Weise wieder, die Van Gogh vorwegnahm – und natürlich auch beeinflusste.

Ich bin überzeugt, dass Leonardo Zugang zur chinesischen Kunst hatte. Der Osten faszinierte ihn. Wir wissen, dass er sich um eine Stelle in Istanbul bewarb und dem osmanischen Reich seine Dienste anbot. Vielleicht hat ihn sein Interesse an Asien in eine Bibliothek geführt, wo er eine Rolle aus Seidenpapier entrollte, auf der er Berge, Kirschblüten und Wasser erblickte. Zhangs Ausstellung in London stellt jedenfalls die Geschichte der Kunst gehörig auf den Kopf.

Masterpieces of Chinese Painting
Victoria and Albert Museum London, bis 19. Januar 2014

Jonathan Jones ist Kunstkritiker des Guardian

Übersetzung von Holger Hutt
06:00 20.11.2013
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