Made in Taiwan

Wirtschaft Warum die große ökonomische Abhängigkeit zwischen Peking und Taipeh das Kriegsrisiko klein hält
Made in Taiwan
Vor allem auf die in Taiwan hergestellten Halbleiter ist China angewiesen

Foto: STR/AFP/Getty Images

Trotz martialischer Formeln auf beiden Seiten der Taiwan-Straße – China wird nicht versuchen, Taiwan zu erobern. Mit einem Krieg ist vorerst nicht zu rechnen, und das nicht zuletzt aus profanen ökonomischen Gründen. In Peking versteht man etwas von Weltwirtschaft und weiß, die Isla Formosa – die „wunderschöne Insel“, wie die Portugiesen Taiwan nannten – gehörte zu den kleinen „asiatischen Tigerstaaten“, die in den 1980er und 1990er Jahren die Welt in Erstaunen versetzten. Seit der Asienkrise von 1997/98, die Taiwan weit besser überstanden hat als andere „neue Industrieländer“ Asiens, Südkorea etwa oder Indonesien, galt die „Republik China“ (Taiwan) sogar als Modell für die Volksrepublik China. Wachstumsraten um die neun Prozent pro Jahr waren nicht ungewöhnlich.

Die rohstoffarme, karge Insel hat mehrere Wirtschaftswunder in Folge zu verantworten und wurde zum Paradebeispiel für einen erfolgreichen Entwicklungsstaat, der heute als Schwergewicht der globalen Hightech-Ökonomie gilt. In allen Sparten der ICT-Industrie – bei Monitoren, Scannern, Laptops, Smartphones – spielen taiwanesische Firmen in der ersten Liga mit. Die Zeiten, in denen man vorwiegend billige Massenware – Textilien und Spielzeug – in die USA exportierte, sind vorbei.

Dabei ist die Industrienation Taiwan mit keinem Land der Welt wirtschaftlich so eng verflochten wie mit der Volksrepublik China, dem mit weitem Abstand wichtigsten Handelspartner. Taiwanesische Investoren engagieren sich mit gewaltigen Summen in Festlandchina, wo inzwischen mehr als eine Million junger und hochqualifizierter Taiwanesen leben und arbeiten. Da sie als Landsleute gesehen und behandelt werden, wächst ihre Zahl stetig. Jeder Einwohner Taiwans kann einen chinesischen Pass bekommen, was die Einreise in China ohne Visum erlaubt, auch um dort zu studieren. Wegen steigender chinesischer Löhne kam es in jüngster Zeit allerdings zu einer Abwanderung taiwanesischer Firmen nach Vietnam, Thailand und Malaysia. Doch bleibt die Volksrepublik China (inklusive Hongkong) der wichtigste Absatzmarkt für die boomende Hightech-Industrie taiwanesischer Provenienz. Um zwölf Prozent stieg das Volumen des Warenverkehrs von Taiwan nach China seit 2019, sodass gegenwärtig gut 45 Prozent aller Ausfuhren aufs Festland gehen, vom Wert her fast viermal mehr als in die USA.

Für die Mikrochips

Im Handel mit China erzielt Taiwan seinen größten Außenhandelsüberschuss. Neben Maschinen und Bauteilen entfällt der Löwenanteil des Transfers auf Halbleiter, ohne die Chinas IT-Branche nicht auskäme. Bei der Knappheit an Halbleitern, die noch für einige Zeit auf dem Weltmarkt herrschen wird, haben die Chip-Giganten von der schönen Insel eine starke Position. Drei Viertel der globalen Produktion von Halbleitern finden in Ostasien statt. Taiwan, Südkorea und Japan sind die mit Abstand wichtigsten Lieferanten von Wafern, etwa einen Millimeter starken Scheiben, die das Ausgangsprodukt für die Produktion von Mikrochips sind. In Taiwan produzieren die Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation (TSMC) und die United Microelectronics Corporation (UMC), der größter und der drittgrößte Auftragsfertiger für Chips weltweit. Nur die TSMC und Samsung (die Nummer zwei der Branche) sind heute imstande, die leistungsfähigsten Speicherchips und Prozessoren mit den geringsten Kosten herzustellen. Das Geschäft mit diesen Super-Chips beherrscht die TSMC mit uneinholbarem Vorsprung.

Da China mehr Chips braucht, als die eigene Fertigung hergibt (davon lassen sich nur 15 Prozent des Bedarfs decken), ist das Land größter Halbleiter-Importeur der Welt. Allein 2020 wurden für mehr als 350 Milliarden Dollar Halbleiter im Ausland gekauft, Tendenz 2021 weiter steigend. Nur eine Handvoll Firmen wie die TSMC stellen heute die für eine Produktion hochspezialisierter Mikrochips notwendigen Maschinen(teile) her – da sind und bleiben chinesische Produzenten noch für Jahre auf Einfuhren angewiesen.

Käme es zu einer Invasion auf der Insel, dürften die globalen Wertschöpfungs- und Lieferketten für Mikrochips zumindest zeitweilig zusammenbrechen. Die verfeindeten Brüder würden sich selbst schwer schädigen, und die Verluste wären auf lange Zeit nicht zu beheben, für ein oder zwei Jahre nicht, besagen seriöse Schätzungen. Obendrein wäre China durch Sanktionen, die unweigerlich folgen würden, schwer getroffen. Warum also sollte man in Peking die Chip-Importe aus Taiwan für eine reine Machtdemonstration aufs Spiel setzen?

So verstiegen sind die Festlandchinesen auf keinen Fall. Den kleinen Tiger Hongkong haben sie schon im Sack, der große Tiger Taiwan kann ihnen nicht davonlaufen, im Gegenteil, er frisst ihnen wirtschaftlich längst aus der Hand. Es empfiehlt sich, ihn gut zu behandeln, da man sein technologisches Wissen und Können noch braucht. Chinas Interesse kann nur darin liegen, den Status quo zu erhalten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 12.11.2021

Kommentare 1