Männer in Uniform

Bühne Anton Tschechows „Drei Schwestern“ vermissen ihr geliebtes Moskau. Mit der Krim-Krise und den NATO-Soldaten im Baltikum bekommt der Stoff neue Brisanz
Thomas Irmer | Ausgabe 12/2017

Enhanced Forward Presence, neudeutsch: „ein bisschen Kante zeigen“ – so heißt die Anfang März angelaufene Aktion der NATO in den drei baltischen Republiken und Polen. Der militärpolitische Terminus lautet „leichte Präsenz“. Es ist eine Formel mit großer Brisanz. Denn mit Russland wurde vereinbart, dass es auf dem Gebiet der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten und jetzigen NATO-Mitglieder keine permanente Truppenstationierung geben dürfe. Die nun jeweils 1.000 Mann starken Zusatztruppen werden daher demonstrativ in Zelten und Containern untergebracht. Man könnte das als billligen Trick belächeln. Wenn es nicht so ernst wäre.

Andererseits hat es ganze drei Jahre gedauert, den Ländern des Baltikums, die sich nach der Krim-Annexion und dem Beginn des Kriegs im ukrainischen Donbass von Russland besonders bedrängt fühlen, einen psychologisch wirksamen Beistand zukommen zu lassen. Die Bundeswehr entsendet 420 Offiziere und Soldaten nach Litauen, stationiert in Rukla, 80 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Vilnius. Das dürfte für die Soldaten im Vergleich mit einem Einsatz in Afghanistan ein Standort mit Urlaubsqualitäten sein – zumal sich die Litauer gleichsam als gute Gastgeber über die von Sigmar Gabriel persönlich eingeführten deutschen Militärs freuen. Was aus der „leichten Präsenz“ einmal werden wird, ist freilich völlig unklar. Ungefährlich ist jedenfalls auch diese Mission nicht.

Unheimliches Timing

Am Nationaltheater Vilnius hatte am vergangenen Wochenende Tschechows Drei Schwestern Premiere. In dem 1900 weitgehend auf der Krim geschriebenen Stück langweilen sich die Töchter eines Generals, der mit seiner Familie einst dienstlich aus Moskau an den Ural versetzt wurde und vor einem Jahr starb. Olga, Mascha und Irina sehnen sich nach nichts mehr, als nach Moskau zurückzukehren, während das Haus des Generals von den dort stationierten, ebenfalls gelangweilten Offizieren wie ein guter Salon besucht wird. Bis die Truppe nach Polen verlagert wird, dessen östlichen Teil das Zarenreich zusammen mit Litauen besetzt hält und als ständigen Unruheherd praktisch kolonial verwaltet.

Diese von Tschechow nur beiläufig gesetzte Brisanz wurde in Inszenierungen, zumal in Deutschland, bislang höchst selten bemerkt. Jetzt war sie der Ausgangspunkt für die Regisseurin Yana Ross und ihren Dramaturgen Mindaugas Nastaravičius, das Stück in der unmittelbarsten Gegenwart anzusiedeln – mit einem geradezu unheimlichen Premierentiming.

Die Schwestern erhalten also Besuch von NATO-Soldaten. Baron Tuzenbach, ohnehin ein Deutscher, kommt von der Bundeswehr, der Batteriekommandant Werschinin ist nun der Pole Wierszynski, und neben zwei Litauern in Tarnuniform gibt es auch noch einen lauten, jungen Amerikaner, Lieutenant James Rode. Alle tragen ihre jeweiligen Landesfarben zum NATO-Badge an der Brust, und die Inszenierung ist der Situation entsprechend mehrsprachig gehalten. Der deutsche Tuzenbach lernt mit einem Handy Litauisch, um damit Irina zu beeindrucken, und Rode benutzt erwartungsgemäß den berühmten amerikanischen Fluch, das F-Wort, in seinen Reden.

Aber wieso hat es die russischen Schwestern ins Baltikum verschlagen? Man erfährt, dass ihr Vater 1984 als Ranghoher der Sowjetarmee in die litauische Sowjetrepublik gekommen war. Mehr als 25 Jahre nach dem Zerfall des Imperiums und der Unabhängigkeit Litauens begrüßen Mascha, Olga und Irina jetzt ihre militärischen Gäste. Ihre Moskau-Sehnsucht ist komplett gestrichen, sie würde in dieser Adaption auch keinen Sinn ergeben. Der Grund der internationalen Mission wird indes auch nicht erwähnt, er steht für das gebannt über diesen Tschechow staunende Premierenpublikum ohnehin ganz selbstverständlich mit im Raum.

Man trifft sich in einem Salon, der wie ein Flugzeughangar aussieht, oder eben, im Sinne der Bühnenbildnerin Simona Bieksaite, an die provisorischen Soldatenunterkünfte erinnert. Es ist dort aber auch – den inszenierungstypischen Samowar erwartet man in dieser völlig entrussifizierten Version schon gar nicht mehr – recht ungemütlich. Regisseurin Ross hat bei der Vorbereitung sogar eine litauische Einheit kontaktiert, um herauszufinden, wie sich die Soldaten fühlen und bewegen. Überraschend selbstbewusst! Und so nimmt auch eine kleine Abordnung in Tarnuniformen an der Premiere teil.

Dass diese Adaption im heutigen Litauen, dem Schwerpunktland der diesjährigen Leipziger Buchmesse, so gut funktioniert, hat auch damit zu tun, dass der eigentliche emotionale Gehalt von Tschechows Stück – die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit in einer tief tragenden Nostalgie – überhaupt nicht vermisst wird. Litauen ist ein Land ohne Nostalgie, Symbole der sowjetrussischen Herrschaft muss man hier nicht, wie in der Ukraine, extra verbieten. Sie sind schon lange aus der Öffentlichkeit vollständig entfernt. Eine alternative Geschichtsnostalgie bietet sich, weil zu fern, ebenso wenig an wie ländliche Folklore, die anderswo als Zierkante des Nationalismus dient. Man ist als kleines Land allein in der heutigen Welt – und das ist auch ein Abgrund, wie der Schlussmonolog der von der Regie hinzuerfundenen Figur Agnieszka Wierszynska deutlich macht. Schutz im existenziellen Sinn gibt es nicht.

Info

Trys Seserys (auf Litauisch mit englischer Übertitelung) Regie: Yana Ross Nationaltheater Vilnius, Litauen

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