Männergrippe

A–Z Ist es eine Hochzeitsangina, wenn sein Hals kratzt? Beweist Niesen Potenz? Es tut doch alles so weh! Noch mehr sogar, wenn man dazu Grönemeyer hört. Das Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 05/2018 1
Männergrippe

Foto: Denver Post/Getty Images

A

Abgrenzung Potenzieller Männlichkeitsverlust erschütterte schon frühere Generationen. Martialisch (Kita) gerät mitunter die Inszenierung der selbstvergewissernden Abgrenzung.

Die neue Aesthetik der musikalischen Impotenz heißt ein Manifest gegen die Neue Musik von 1920. Männlichkeit wird als von außen durch das weibliche Andere gefährdet erfahren, oder durch sich selbst. Könnte nicht jederzeit homoerotisches Begehren ins Bewusstsein schießen? Darum halten sich verunsicherte Männer an fixen Rollen und sexuellen Orientierungen fest. Bernd Höcke erntete heftigen Applaus, als er zeterte, Deutschland habe seine „Männlichkeit verloren“. Es müsse „mannhaft“ werden, um „wehrhaft“ zu sein. In seiner Dankesrede zum Schirrmacherpreis beklagte der Autor Michel Houellebecq die Rückkehr des Matriarchats. Der „erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft versucht auszurotten, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst“. Tobias Prüwer

B

Bericht Männer leben durchschnittlich fünf Jahre kürzer als Frauen. Sie bekommen öfter als Frauen einen Herzinfarkt, und das schon in einem Alter, in dem sie sich noch voll fit und voll jung fühlen, so mit 50 also. In diesem Alter begehen drei Mal mehr Männer als Frauen Suizid. Dass das so ist, weiß die Wissenschaft schon lange. Aber warum das so ist, erst seit Kurzem. Das hat viel mit dem Männergesundheitsbericht der 2005 gegründeten Stiftung Männergesundheit zu tun. Der Bericht beleuchtet die Zusammenhänge von Biologie, Gesellschaft und Männlichkeitsbildern. Der erste Bericht 2010 war damals sensationell, weil er auf unaufgeregte Weise sagte: Männer, kümmert euch um euch. Hustet dem Erwartungsdruck eurer Chefs, Frauen und Fußballkumpels was. Und lebt lieber wild, aber nicht so gefährlich wie früher (Grönemeyer). Simone Schmollack

G

Grönemeyer Sein Superhit aus dem Jahr 1984 ist ein Song, der Männer versteht, aber ihre Unzulänglichkeiten auch voller Genuss und Ironie markiert. Der Mann, das wehleidige Wesen: Das ist eine Botschaft des Liedes. „Allzeit bereit“, „ständig unter Strom“, bekommen Männer leider viel zu früh nicht nur eine Männergrippe, sondern nicht selten einen Herzinfarkt (Bericht). Und so hyperventiliert singt Grönemeyer das Lied auch: als stünde er selbst kurz davor.

Männer mögen das Lied. Vielleicht, weil sie sich erkennen – und weil es keine Frau geschrieben hat. Vielleicht, weil es gut ist, wenn ein Mann von den Fehlern der Männer singt. In jedem Fall war die Platte 4630 Bochum ein Riesenerfolg und verkaufte sich in Deutschland besser als Michael Jacksons Thriller. Außen hart und innen ganz weich: War Grönemeyer selbst der Mann, den er mit so viel Furor besang? Männer ist ein guter Song, auch weil er sich in viele Richtungen interpretieren lässt. Eben auch in jene: Die Verletzlichkeit der Männer, ihre Zartheit, ihr Hang zum Leiden, ist groß. Größer, als es der Mainstreampop in Deutschland zuvor erzählt hat. Marc Peschke

H

Hochzeitsangina nannte ein schon etwas älterer Ratgeber für Paare ein Phänomen, das vor allem junge Männer signifikant heimgesucht haben soll. Einen Tag vor der Trauung kriegten die einen dicken Hals und hohes Fieber, das Ereignis musste ausfallen. Wahrscheinlich betraf es solche Ehekandidaten (Molière), die beim Gedanken an eine Bindung sowieso schon schwer schlucken mussten – statt der Hochzeit entgegen zu fiebern. Ein Grund kann das einstmals in Ost und West recht niedrige Alter bei Eheschließungen gewesen sein. In der DDR wurde oft mit 18 Jahren schon geheiratet. Auch aus Zwängen. Ein ungeplantes Kind oder ein Trauschein als Berechtigungsnachweis für eine Wohnung. Magda Geisler

I

Immunsystem Gibt es bei der Immunabwehr geschlechtsspezifische Unterschiede? Die Forschung geht der Frage schon länger auf den Grund. Siehe da: Während Östrogene, die im Falle von Bakterien und Viren notwendig spezifische Immunantwort fördern, wird sie durch Testosteron eher gehemmt. Siehste! Aber: wenn die Immunantwort bei Frauen viel heftiger ausfällt als bei Männern, müssten die sich dann nicht elender fühlen? Tatsächlich kommen andere Studien zu dem Ergebnis, dass Männer und Frauen gleichermaßen unter Erkältungen leiden. Die Wissenschaft bleibt unserer Alltagswahrnehmung den Realitätscheck (Kita) also vorerst schuldig. Sophie Elmenthaler

K

Kita Wann immer meine Frau krank ist, bin ich kränker – das sagt zumindest meine Frau. Ich kann dem natürlich so nicht zustimmen, vor allem wenn sie sagt, dass ich besonders leiden würde. Fakt ist aber, dass wir uns, seitdem wir zwei Söhne haben, von Krankheit zu Krankheit hangeln.

Es liegt am Wetter und vor allem an der Kita. Da können sich die Kinder richtig austoben, lernen mit Gleichaltrigen umzugehen und lernen zu teilen – leider auch alle Arten von Krankheiten. So ist unser Alltag abwechslungsreich (Mansplaining) und immer voller Überraschungen. Sie heißen Hand-Fuß-Mund, Dreitagefieber, Hüftschnupfen, Bindehautentzündung, Pseudo-Krupp, Magen-Darm, Blasenentzündung, Bronchitis. Nicht zu vergessen ist die gemeine Erkältung. Und wenn unsere Söhne mal nichts haben, aber es uns Eltern getroffen hat, geht der Alltag unerbittlich weiter – und die Debatte, wer denn kränker ist und liegen bleiben darf. Behrang Samsami

M

Molière Der eingebildete Kranke, 1673 uraufgeführt, ist ein Stück, über das man sich nur wundern kann. Warum wird es heutzutage so viel gespielt? Warum steht es bis heute auf den Spielplänen von Provinztheatern und den ganz großen Häusern? Es gibt nur eine Erklärung: Das Thema der eingebildeten Krankheiten ist ein zeitgenössisches Phänomen. Die Krankheiten, das Selbstmitleid – sie halten am Leben. Das Leiden (zartbesaitet) schafft Leidenschaft. Die Hypochondrie macht zum Tyrannen, aber: Sie hält fit.

Die Krankheit, natürlich, ist eine Metapher für das, was uns umgibt: Erschöpfungszustände, Angst, Kontrollwahn. Molières Komödie ist reine Gegenwart. Die tragische Komponente des Ganzen ist bekannt: Molière starb 1673 während der vierten Vorstellung des Stücks, in dem er selbst die Hauptrolle gespielt hatte. Marc Peschke

Mansplaining Zumindest den Leserinnen unter Ihnen muss das Phänomen nicht erst dargelegt werden. Und sollte ausgerechnet ein Mann Ihnen erklären, was Mansplaining ist? Nun denn, die Redakteurin hat entschieden: Die Publizistin Rebecca Solnit erfand das Kofferwort (Man=Mann, Explaining=Erklären) vor genau zehn Jahren in einem Blogbeitrag und gab einem alten Problem (Präsentismus) den passenden Namen.

Übersetzt heißt der Beitrag: „Männer erklären mir Dinge; Fakten stören sie dabei nicht.“ Solnit schildert eine legendäre Partybegegnung. „Sie schreiben also Bücher, worüber?“, fragte er. Sie antwortete, dass ihr letztes Werk die Industrialisierung des Alltags und den Fotopionier Eadweard Muybridge behandelte. Sobald dessen Name fiel, unterbrach der Mann: „Wissen Sie, dass über Muybridge gerade ein wichtiges Buch erschien?“ Er plapperte einfach weiter, bis er verstand, dass er Solnits Buch referierte. Kurz wurde der Mann bleich, dann ging der Redeschwall weiter. Ein klassisches Beispiel für eine Machtasymmetrie in Kommunikationssituationen – zahlreiche Studien belegen die kürzere Redezeit von Frauen. Tobias Prüwer

P

Präsentismus ist gewissermaßen das Gegenteil der Männergrippe. Arbeitspsychologen bezeichnen so das Verhalten von Arbeitnehmern, trotz Krankheit am Arbeitsplatz zu erscheinen. Der Präsentismus greift besonders stark in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit um sich. In Deutschland scheint er sogar eine Art Volkskrankheit zu sein. Zwei Drittel (Statistik) gehen krank zur Arbeit, ermittelt der Deutsche Gewerkschaftsbund. Denn im neoliberalen Zeitalter gelten Krankheiten als Zeichen der Schwäche. Dabei rechnen Wirtschaftswissenschaftler vor, dass die ökonomischen Einbußen durch Präsentismus höher sind, als wenn Kranke sich einfach auskurieren.

Der Kranke kann sein Kranksein also so ökonomisch legitimieren – dem einzigen Kriterium, das zählt. Marlene Brey

R

Rothaarige „Der Schmerz ist aber überhaupt der Verlauf der Endlichkeit und subjektiv die Zerknirschung des Gemüths“, spekulierte G.W.F. Hegel und ging munter darüber hinweg, welch haarige Angelegenheit eben diese Subjektivität des Schmerzes in Wirklichkeit ist.

Menschen mit rotem Haar seien schmerzempfindlicher, so eine Studie der International Association for the Study of Pain, sie brauchen eine stärkere Narkose-Dosis. Zudem seien sie empfindlicher gegenüber Wärme und Kälte. Eine Extremerfahrung ist die Erkältung für den rothaarigen Mann: Er leidet doppelt an „man flu“, was Fieber und Schüttelfrost (Immunsystem) angeht. Und dann noch diese Gliederschmerzen! Pepe Egger

S

Statistik „Diskriminierung!“, rufen männerbewegte Aktivisten – auch Maskulisten genannt –, weil Männer statistisch öfter Opfer von Gewalt werden als Frauen. Es ist in der Tat beunruhigend, dass Männer gerade in der Öffentlichkeit viel stärker durch körperliche Gewalt bedroht sind. Es sind aber in der Regel andere Männer, die die Täter sind. Circa sechsmal häufiger verursachen sie schwere Körperverletzungen. Also macht die Geschlechtskategorie hier wenig Sinn, von Diskriminierung zu sprechen sowieso nicht. Laut der Pilotstudie Gewalt gegen Männer hat ein Viertel der Befragten körperliche Gewalt innerhalb der heterosexuellen Partnerschaft erfahren. Problematisch ist, dass Männergewalt noch immer als normal gilt. Vielleicht sollten wir weniger Männlichkeit (➝ Hochzeitsangina) wagen. Dann können sich alle sicherer fühlen und eine Gesellschaft ohne Gefängnisse wird realistischer. Denn in deutschen Haftanstalten standen 2016 rund 3.125 Frauen 47.733 inhaftierten Männern gegenüber. Tobias Prüwer

Z

Zartbesaitet Klar, es gibt sie, die Weicheier und Mimosen. Lappen, die nicht mal einen Hocker ins Dachgeschoss schleppen können und Angst vorm Flaschenteilen oder Löcher-in-Wände-Bohren haben. Ich beobachte verweichlichte Unter-dem-Schirm-Steher statt fröhlicher Durch-den-Regen-Renner in den Straßen, erlebe Menschen, die mit Schnupfen sofort daheimbleiben.

Ein typisches Mann/Frau-Phänomen? Nicht auszumachen. Meine Mutter setzt riesige Spinnen mit bloßen Händen nach draußen, eine Freundin geht 640 Kilometer St. Olavsweg bei Regen und Sturm, ein Freund klebt seine abgesägte Fingerkuppe einfach mit Gaffa-Tape wieder an und ein anderer spielt noch Fußball – trotz Schlüsselbeinbruchs. Es scheint, trotz Achtsamkeitsdiktats – es gibt sie noch, die harten Kerle (Grönemeyer) und die taffen Deerns. Oda Hassepass

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06:00 23.02.2018

Ausgabe 38/2020

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