„Die Dinge ändern sich rasch und profund“

Interview Der Philosoph Paul B. Preciado wurde als Frau sozialisiert. Er kennt die Härten der Transition und liebt ihre Chancen
„Die Dinge ändern sich rasch und profund“
Vom Schillern können wir viel lernen

Foto: Adobe Stock

Paul B. Preciado pendelt durch die Welt, überquert Genderkategorien und träumt von einer Wohnung fernab irdischer Normen. Sein 2019 veröffentlichtes Buch Ein Apartment auf dem Uranus: Chroniken eines Übergangs erschien im Mai auf Deutsch und analysiert globale Transformationen sowie seine eigene geschlechtliche. Ein Gespräch über Transition, Genderdissens und die Covid-19-Pandemie.

der Freitag: Herr Preciado, Sie führen ein nomadisches Leben und haben in New York, Kassel, Athen, Barcelona und Paris gewohnt. Wo ist für Sie zu Hause?

Paul B. Preciado: Nach dem Ende der Documenta in Kassel 2017 zog ich wieder nach Paris, wo ich bereits zehn Jahre gelebt hatte. Es ist das erste Mal seit einer sehr langen Zeit, dass ich irgendwo zur Ruhe komme. Das klingt ein bisschen lächerlich, aber: Philosophie in Paris ist wie Fußball in Barcelona: Man geht in ein Café und die Menschen reden darüber. Insofern fühle ich mich hier zu Hause. Ich kann hier an einer öffentlichen Debatte teilnehmen, die ich in vielen anderen Ländern nicht sehe. Dabei möchte ich nicht sagen, dass die französische Gesellschaft eine bessere sei – sie ist extrem konservativ, rassistisch und sexistisch.

In Frankreich gibt es die Rolle des „public intellectual“. Verstehen Sie sich als einer von denen?

Diese öffentlichen Intellektuellen hauen gerne Thesen zu Themen heraus, von denen sie keine Ahnung haben. Manchmal gelingt es mir, als queerer, transgeschlechtlicher Intellektueller diese Position zu besetzen. Das ist an sich ein Oxymoron, eine Unmöglichkeit, da man, um diese Position innezuhaben, die Mainstream-Gesellschaft vertreten muss – und das bedeutet, cis-männlich, weiß und heterosexuell zu sein. Houellebecq hat neulich einen Text veröffentlicht, in dem er schrieb, nach der Pandemie bliebe alles beim Alten – oder werde schlimmer. Das hat einen politischen Konsens im Land geschaffen. Michel Onfray schrieb, dass wir zu vermeintlich echten Werten von Familie und Nation zurückkehren müssen.

Und Sie sehen das anders?

Die Einzigen, die nach der Krise genau so bleiben werden, sind Menschen wie Houellebecq und Onfray. Die Dinge ändern sich rasch und profund.

Im März erkrankten Sie an Covid-19. Hat diese Erfahrung Sie verändert?

Für mich ist die Pandemie nicht nur eine hygienische oder politische, sondern auch eine ästhetische Krise. Plötzlich war die Stadt leer, waren die Straßen ruhig, die Luft sauber, der Berufsstress weg – vor allem für Menschen, die alleine und nicht in Familien wohnen. Das steht im Kontrast zu dem neoliberalen Axiom, dass es keine Alternative zur gegenwärtigen politischen und ökonomischen Realität gibt. Aber nichts war möglich, bis es plötzlich möglich wurde – auch wenn die Bedingungen außergewöhnlich und furchtbar sind.

Das klingt, als würden Sie die Krise als Chance begreifen. Sind Sie so optimistisch?

Ich war früher pathologisch optimistisch. Leute halten mich aufgrund meines Enthusiasmus für verrückt. Aber ich verstehe Optimismus als politische Pflicht. Er gibt uns die Kraft zur Veränderung. Manchmal verursachen geringfügige Änderungen extraordinäre Brüche in der Geschichte. Wer hätte gedacht, dass das römische Reich kollabieren und von einer verrückten esoterischen Hippie-Sekte in Form des Christentums übernommen werden könnte? Die menschliche Geschichte ist die Geschichte des kollektiven Wahnsinns. Genau in dem Moment, wo Machtsysteme äußerst kohärent und stark erscheinen, können sie plötzlich kollabieren.

Auch das Patriarchat?

Viel wurde über Kollapsologie geschrieben, jedoch eher aus einer ökonomischen und ökologischen Perspektive. Aber auch die Taxonomie der sexuellen und geschlechtlichen Differenz kollabiert. Epistemologische Verschiebungen sind dafür sehr wichtig. Hier weiche ich vom traditionellen Feminismus ab, der Rechte und Gleichheit für Frauen will. Hören wir auf, binäre Geschlechter bei der Geburt zuzuweisen oder Gender und Sexualität zu segmentieren. Für mich ist das radikale Demokratie.

Der Titel Ihres Buches „Ein Apartment auf dem Uranus“ bezieht sich auf Karl Heinrich Ulrichs’ Begriff des Uranismus. Ulrichs betrachtete das „Urnige“, was wir heute das Homosexuelle nennen, als weibliche Seelen, die in männlichen Körpern gefangen sind. Sie sehen sich als Gender-Dissident und wollen solche Kategorien sprengen. Warum haben Sie sich trotzdem von Ulrichs inspirieren lassen?

Das war keine Inspiration per se, sondern ich habe tatsächlich von einem Apartment auf dem Uranus geträumt. Das hat vermutlich damit zu tun, dass ich nomadisch bin und keinen Platz in der Welt habe. Aber im Traum ging es auch um meine eigene politische Genealogie. Insofern ist Ulrichs wie mein Vater: Ich trete in seinen Fußstapfen gegen ein gewisses Regime – und diese Kämpfe sind noch nicht vorbei, auch wenn meine Vorstellungen von sexueller Subjektivität anders sind.

Zur Person

Foto: Lea Crispi

Paul B. Preciado, geboren 1970 in Spanien, ist Philosoph und Queer-Theoretiker. 2017 war er Kurator der Öffentlichen Programme der Documenta 14 in Kassel und Athen. Zurzeit ist er Assoziierter Philosoph am Centre Pompidou in Paris

Was schätzen Sie an Ulrichs?

Ulrichs war nicht nur ein Jurist, sondern eigentlich auch ein Künstler: Er dachte sich eine lächerliche Geschichte aus von Seelen und Körpern, die sich kreuzen, um zu erklären, warum manche Männer Männer lieben. Das ist das Schöne daran: zu sehen, wie die Wahrheit über Sex durch die Fiktion erfunden werden kann. Die Werkzeuge der Philosophie und das Gebiet des akademischen Denkens sind zu eng und elitär, homophobe oder migrantenfeindliche Menschen zu erreichen. Dafür brauchen wir die Sprache der Poesie.

Ihr Buch ist auch ein chronologischer Bericht Ihrer eigenen geschlechtlichen Transition von Beatriz zu Paul zwischen 2013 und 2018. Sie schreiben, dass dieser Übergangsprozess uns hilft, globale Transformationen zu verstehen. Wie meinen Sie das?

Als ich für die Documenta gearbeitet habe, musste ich viel reisen. Plötzlich hatte ich einen Reisepass, der mir nicht erlaubte, Grenzen zu passieren. Laut meinen Papieren war ich eine Frau, obwohl ich als Trans-Mann lebte. Ich sah mich auf der Seite von Migrant*innen, die Grenzen überqueren müssen, aber nicht den richtigen Pass besitzen. Das stärkte mein Bewusstsein dafür, dass manche Körper keine politische Anerkennung haben.

Sehen Sie Transition als revolutionären Akt?

Absolut. Als Philosoph kann ich mir keine bessere experimentelle Kondition vorstellen als Transition. Als Frau sozialisiert fand ich manche Aspekte der Männlichkeit entsetzlich. Als Mann muss ich feststellen, dass sie noch schlimmer sind als befürchtet. Frauenhass und Homophobie sind im männlichen Körper und im Patriarchat so tief verwurzelt. Gleichzeitig bin ich in einer privilegierten Position, den Prozess der Transition zu genießen. Durch diesen Prozess verliert der Körper und die eigene Subjektivität politische Anerkennung. Das macht einen sehr verletzlich. Offiziell transitioniere ich nicht mehr. Ich habe Papiere, die sagen, dass ich ein Mann sei. In Spanien gibt es keine nicht-binäre Option für Geschlecht bei den Behörden.

In Ihrem Essay „Vom Virus lernen“ beschreiben Sie eine Transition hin zu einem „pharmapornografischen Regime“. Bei diesem Wandel ist das neue Zentrum des Konsums und der politischen Kontrolle das Zuhause. Die traditionell getrennten Sphären von Produktion und Reproduktion sind vereint. Das erleben wir gerade verstärkt. Dabei sehen Sie einen Vorreiter dieses neuen Arbeitsmodus ausgerechnet in Hugh Hefner ...

Wie Sie sich bestimmt vorstellen können, war ich kein Playboy-Leser. Trotzdem finde ich die Architektur der Playboy-Mansion sehr interessant. Mitten im fordistischen Zeitalter, das auf der Idee der heteronormativen bürgerlichen Kernfamilie basierte, kommt jemand, der sagt: Masturbation ist geil. Er betrieb ein Medienimperium von seinem Bett aus – durch Technologien wie Kameras und Tonaufnahmegeräte. Auch seine sexuelle Begegnungen wurden gefilmt und tauchten im Heft auf.

Das Private ist also politisch?

Das ist für mich der kritische Punkt: Immer wenn wir versuchen, den Übergang von einem System zum anderen zu erfassen, vergessen wir Gender und Sexualität. Wir sind auf das Ökonomische fixiert. Es erfolgt aber keine wirtschaftliche Änderung ohne eine Transformation der Reproduktionstechniken – wie etwa die Anti-Baby-Pille oder Pornografie. Etwas Ähnliches passiert gerade: Wir können ein Ende der binären Epistemologie sehen. Ich sage nicht, dass alles sofort besser wird. Aber wir haben die Möglichkeit, diese Epistemologie zu debattieren.

Info

In der Printversion dieses Artikels hatte die Redaktion im Teaser eine Formulierung benutzt, die nicht vom Autor stammt und den Interviewten missverständlich beschrieb. Dies wurde am 18. Juni korrigiert.

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06:00 30.06.2020

Ausgabe 28/2020

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