Märchenonkel der Mobilität

Wirtschaft Die Autoindustrie baut massenweise Stellen ab – angeblich wegen des ökologischen Umbaus. Die IG Metall gibt darauf die falsche Antwort
Märchenonkel der Mobilität
600-PS-Elektro-Porsche, aua!

Foto: Thomas Meyer/Ostkreuz

Lohnzurückhaltung im Tausch für Arbeitsplatzsicherung – das ist der Vorschlag, mit dem die IG Metall in die anstehende Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie geht. Sie strebt ein „Moratorium für einen fairen Wandel“ an. Wenn sich die Unternehmen bereit erklären, auf „einseitige“ Standortschließungen, Stellenstreichungen und Produktionsverlagerungen ins Ausland zu verzichten und in Verhandlungen über ein „Zukunftspaket“ einsteigen, werde die IG Metall keine „bezifferte Lohnforderung“ aufstellen. Bis Ende März will man auf betrieblicher Ebene in Verhandlungen über „Zukunftstarifverträge“ einsteigen, in denen alles Konkrete geregelt werden soll. Die Strategie ist riskant.

Denn absehbar ist, dass Unternehmen Belegschaften mit der Drohung von Arbeitsplatzabbau unter Druck setzen und ihnen die Zustimmung zu rabiaten Sparprogrammen abpressen werden. Dennoch dürfte die Idee des „Moratoriums“ in vielen Betrieben Hoffnungen wecken. Gerade in der Automobilindustrie, wo die IG Metall ihre höchsten Organisationsgrade hat, ist die Verunsicherung groß. Noch vor zwei Jahren ging eine Fraunhofer-Studie davon aus, dass durch den Trend zum Elektroauto in der hiesigen Industrie einschließlich Zulieferern bis 2030 um die 80.000 Arbeitsplätze wegfallen. Vor zwei Wochen nun veröffentlichte die „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“, wichtigstes Expertengremium der Bundesregierung, ein Worst-Case-Szenario, demnach zum Ende des Jahrzehnts bis zu 410.000 Automobilarbeitsplätze wegfallen könnten. Die Hälfte der 800.000 Beschäftigten der Branche würde innerhalb weniger Jahre ihren Job verlieren.

Was ist daran nun ernst zu nehmen und was gezielte Stimmungsmache? Fakt ist, dass Unternehmen schnell erkannt haben, wie sie das Narrativ der „Transformation“ nutzen können, um Produktionsstätten noch unverschämter in Niedriglohnländer zu verlagern, als sie das ohnehin schon seit Jahren tun. Zwei- bis dreitausend Zulieferunternehmen gibt es in Deutschland, gut jedes dritte hat in den letzten Jahren bereits Arbeitsplätze nach Osteuropa verlagert, so eine Studie des IMU-Instituts Stuttgart. Aktuell nimmt der Trend Fahrt auf – technologischer Wandel und „ökologischer Umbau“ dienen als willkommene Legitimationsmuster. Dabei geht es um nichts anderes als Profitmaximierung. Denn die Unternehmen arbeiten hierzulande keineswegs defizitär: Die Gewinnmargen liegen um die fünf Prozent bei seit Jahren steigenden Umsätzen. Aber in Osteuropa mit seinen um gut zwei Drittel niedrigeren Arbeitskosten, längeren Arbeitszeiten und schwächeren Schutzgesetzen sind Margen von sieben, acht und mehr Prozent drin.

600-PS-Elektro-Porsche, aua!

Genau hier liegt ein Problem der IG-Metall-Initiative. Weitgehend unkritisch übernimmt sie die Erzählung der Unternehmer von der technologie- und ökologiegetriebenen „Transformation“ – ohne zu fragen, wie viel davon lediglich kalkulierter Etikettenschwindel ist. Mit dem Angebot, eine zurückhaltende Lohnpolitik zu betreiben, wenn die Unternehmen bei Personalabbau und Arbeitsplatzverlagerung den Fuß vom Gaspedal nehmen, bestätigt sie ungewollt das platteste aller kapitalistischen Propagandamärchen: Wären die Löhne nur nicht so hoch! Tatsächlich ist weder die ökologische noch sonst irgendeine Modernisierung der deutschen Industrie am zu hohen Lohnniveau gescheitert. Und genauso wenig wie die Globalisierung der 1990er und 2000er Jahre ist die real stattfindende Transformation kein naturwüchsiger, alternativloser Prozess, sondern ein Bündel strategischer Entscheidungen von Unternehmen und Finanzinvestoren.

Was fehlt, ist der Mut, dieser kapitalistischen Transformation eine eigene Vision von sozial-ökologischer und humanistischer Transformation entgegenzusetzen. Ist etwa ein zweieinhalb Tonnen schwerer 600-PS-Elektro-Porsche die Antwort auf Klima- und Mobilitätskrise? Greift die Idee, man könne den Automobilismus unendlich fortsetzen, wenn man nur vom Verbrenner- auf den E-Antrieb umsteigt, nicht viel zu kurz? Ist nicht offensichtlich, dass wir aus der Technologiefalle Auto rausmüssen? Zugegeben: Für eine Automobilarbeitergewerkschaft, die die IG Metall im Kern ist, keine einfache Debatte. Sie wird aber auch nicht leichter, wenn man sie hinausschiebt.

Jörn Boewe schreibt über die Arbeitswelt und hat jüngst mit Johannes Schulten Der lange Kampf der Amazon-Beschäftigten veröffentlicht

06:00 31.01.2020

Ausgabe 08/2020

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