Mäzen mit magischen Kräften

Fünf-Sterne-Bewegung Die graue Eminenz hinter Beppe Grillo heißt Roberto Casaleggio. Der ist Unternehmer und sieht sich als Wegbereiter einer neuen, internetbasierten Demokratie
| Ausgabe 10/2013 12

Es ist wie bei Jesus Christus und den Aposteln“, sagt Roberto Casaleggio, „auch seine Botschaft wurde zum Virus.“ Mit der schwarz-grauen, schulterlangen Lockenmähne würde der 58-Jährige selbst einen guten Messias abgeben. Der Web-Guru, der in nur drei Jahren den Fanclub eines Comedians in die nunmehr größte politische Partei Italiens verwandelt hat (wenn man in Betracht zieht, dass Pier Luigi Bersanis Partito Democratico und Silvio Berlusconis Popolo della Libertà beim jüngsten Parlamentsvotum in Wahlallianzen antraten), wirkt nicht nur so, sondern ist die graue Eminenz der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S).

Im Mai 2012 überraschte der vom Komiker Beppe Grillo inspirierte Zusammenschluss, als er bei einer Lokalwahl in Parma den Sieg errang. Im Oktober ging M5S aus den Regionalwahlen auf Sizilien als stärkste Kraft hervor. Seit gut einer Woche krönen diesen Aufstieg 108 Mandate in der Abgeordnetenkammer und 54 Sitze im Senat. Die meisten Analysten erklären den Erfolg mit der Eurokrise und der Empörung über die Sparsturheit der Regierung Monti, was darauf hinausliefe, das Muster von der klassische Protestpartei zu bemühen, die wieder verschwindet, wenn der Anlass des Aufruhrs entfällt.

Leben in der Matrix

Für Roberto Casaleggio hingegen sind die „Grillini“ Ausdruck eines dauerhaften Phänomens: Der vom Internet beförderten Erosion einer tradierten Kommunikation. So wie Zeitungen dem Untergang geweiht seien, weil sie zwischen Journalisten und Lesern stehen, würden auch Parteien verschwinden, weil sie zwischen den Wählern und Verwaltungsbehörden stehen. M5S bereite den Weg für eine „neue, direkte Demokratie, in der alle Schranken zwischen Bürgern und Staat fallen“. Wie WikiLeaks-Gründer Julian Assange vertraut auch Casaleggio auf sein Vermögen, den Einfluss des Internets zu deuten und sich dabei eines jungenhaft-genialischen Auftretens zu bedienen. Er habe Grillo zum ersten Mal „vor etwa zehn Jahren“ getroffen, als der Comedian aus einem von ihm verfassten Buch las. Seinerzeit war Casaleggio schon ein erfolgreicher Manager der Informationstechnologie und hatte 2004 mit Casaleggio Associati ein eigenes Unternehmen gegründet. „Ohne das Netz hätten Beppe und ich überhaupt nichts erreicht“, resümiert er heute. „Es ist das Netz, das alle Gleichgewichte verändert hat.“ Casaleggio richtete Grillo eine eigene Website ein, die 2007 bereits von ihrer Resonanz her weltweit an siebter Stelle lag, obwohl die Texte in der Sprache eines Landes verfasst waren, dessen Bevölkerungszahl bei einem Fünftel der US-Bürger liegt, und in dem damals weniger als 40 Prozent der Haushalte einen Computer besaßen. Casaleggio hielt das nicht davon ab, „Goldene Regeln“ für eine erfolgreiche, netzbasierte Bewegung zu entwerfen. Die besagten, man dürfe das Internet nicht „für etwas Zusätzliches halten, sondern für eine neue Realität – eine neue Welt“, und müsse die Sprache des Netzes sprechen. Es gelte, „nichts zu sagen, was nicht im Netz verifizierbar ist“, und zu begreifen, dass man andere handlungsfähig mache. „Die Zellen, die du schaffst, werden ein eigenes Leben annehmen.“

Den Erfolg des Blogs von Beppe Grillo schreibt Casaleggio der einmaligen Lage in Italien zu. Fünf Jahre lang, von 2001 bis 2006, habe Berlusconi die sechs wichtigsten Fernsehsender kontrolliert. „Es war ein Leben in der Matrix. Was Grillo kommentierte, war dagegen frei von Selbstzensur. Die Leute spürten, dass er ihnen ganz einfach die Wahrheit sagte. So begannen sie, an Informationen zu zweifeln, die sie bis dahin erhalten hatten.“

Der nächste Schritt bestand darin, „Liste Civiche“ aufzustellen – Listen unabhängiger Bewerber, die bei Lokalwahlen antreten sollten. Bei einem Treffen in Florenz im März 2009 einigte man sich auf Grundsätze mit stark umweltpolitischem Akzent, die alle Bewerber mit dem Markenzeichen Grillo vertreten sollten. Die Community war bereit, eine „Bewegung“ zu formieren (Casaleggio hält nichts vom Begriff „Partei“), sodass am 4. Oktober 2009 der MoVimento 5 Stelle am Gedenktag für den heiligen Franz von Assisi entstand. Zum Gründungskonsens gehörte eine umbrisch-mystische Verachtung des Geldes. Casaleggio: „Unsere Abgeordneten werden 5.000 Euro Gehalt annehmen und den Rest zurückgeben.“ M5S brauche kein Geld. Der einzige Input, den man benötige, bestehe in der Zeit und Mühe der Aktivisten. Wie viele das sind? Einem Post auf Grillos Seite zufolge hat der M5S über 255.000 Mitglieder, von denen sich aber nur 31.612 registrieren ließen, um am internen Votum über die Kandidaten zur Parlamentswahl teilzunehmen (tatsächlich abgestimmt haben 20.252).

Die Wärme der Menschen

Wegen des Votums wurde Casaleggio von der M5S-Basis beschuldigt, dieser Prozess sei nicht von unabhängiger Seite überprüft worden. Ein Streit, der noch durch Grillos Forderung angereichert wurde, Vertreter der Bewegung sollten nicht in Fernsehtalks auftreten. Casaleggio bleibt stur. „Das Statut enthält Regeln. Wer sie ändern will, kann eine andere Bewegung gründen.“ Und wer schrieb das Statut? „Grillo und ich.“

Der interne Streit hat für Vorwürfe gesorgt, die Bewegung sei undemokratisch, besonders Casaleggio verfolge eine geheime Agenda. Der entgegnet: „Das Problem mit diesen Leuten besteht darin, dass sie davon ausgehen, man engagiere sich grundsätzlich nur, um dafür bestimmte Gegenleistungen zu erhalten. Das Einzige, was wir bekommen, ist die Wärme der Menschen. Es ist die einzige Gegenleistung.“

John Hooper ist Italien-Korrespondent des Guardian . Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 12