Magic Mayer

Anschauungsmaterial Der Film "Here we come" erzählt, wie Breakdance dank Harry Belafonte und Westfernsehen nach Dessau oder Görlitz kam

Am Schluss des Films ist es wieder reine Leidenschaft. Wenn einer aus der Menge der alten Breaker nochmals zur Windmühle, zur windmill ansetzt, die bei ihnen Helikopter hieß.

Sich liegend um die eigene Achse drehen, nur auf den Schultern und dem oberen Rücken, während die Beine den Boden nicht berühren: Wie das geht, hatten die ersten Breakdancer Anfang der achtziger Jahre im Westfernsehen bei Mr. Robot gesehen. Dann hob der Helikopter ab, landete zwischen den Plattenbauten von Dessau, Leipzig, Berlin oder Görlitz. Später dann in den Kulturhäusern der Republik und ziemlich zum Schluss war der Breakdance aus der DDR bei Lippi in der Sendung Ein Kessel Buntes angekommen. Aber da war aus Breakdance und Electric Boogie ein "Ballett" geworden, wie Wolfram Otto von der Automatic Freaszy Crew sagt, und mancher hatte sich mit Grausen ab- und dem Rap zugewendet.

Ein "Zeichen gegen die Ostalgieverdummung" wollte der 29-jährige Regisseur Nico Raschick mit seinem Dokumentarfilm über die Breakdance- und Hip Hop-Kultur in der DDR setzen. Das ist ihm gelungen, auch wenn Here we come nicht frei von Sentimentalität ist. Weißt du noch, wie wir damals den Pumastreifen auf unsere Turnschuhe malten? Einige Breaker hatten Westklamotten, es war wie in den anderen Subkulturen der DDR auch. Im Gegensatz etwa zu den Ostpunks, von denen der Film Too much future in diesen Tagen ebenfalls ein Zeugnis ablegt, ist allerdings kaum ein Breaker oder Hip-Hopper im Knast gelandet.

"Es hört sich jetzt zwar blöd an, aber wir waren damals schon sehr kommerziell." Es hörte sich schon Ende der achtziger Jahre blöd an, blöd genug jedenfalls, dass eine englische Zeitschrift die Frage stellte, ob es wirklich Sinn mache, wenn Downtown Lyrics aus Ostberlin "We are not commercial" rappen. Ihr Rap war gegen die Superstars des DDR-Hip-Hops gerichtet, gegen die Electric Beat Crew, und manchmal, sagt Rene, hat man einfach vergessen, dass man in der DDR lebte. "Du bist nicht in New York, du bist in Dessau", musste sich ein anderer anhören, obwohl auch Bern, Mannheim oder Klagenfurt nicht die Bronx waren, wo der Breakdance seine Wurzeln hat. Das nimmt sich im Systemvergleich wenig.

Dennoch: Unleugbar war Breakdance ein westliches Phänomen, und das erregte in der DDR erst einmal das Misstrauen des Staates. Eher skurril wirkt, dass man ihn zwischendurch "Akrobatischen Showtanz" nannte, schließlich wurde er gefördert, eingestuft und nicht nur die Crew von Quick-Time als "verdientes Volkskunstkollektiv" auszeichnet.

Wesentlich für die Verbreitung und Akzeptanz von Breakdance war der US-amerikanische Film Beat Street, der 1984 in die Kinos kam. Harry Belafonte hatte ihn produziert und finanziert, und Belafonte war in der DDR sakrosankt. Noch heute können die alten Breaker, die sich Magic Mayer oder Beatschmidt nannten, ganze Dialoge aus dem Film auswendig.

Wie man überhaupt sagen muss, dass sich das gute Dutzend Zeitzeugen gut gehalten hat. Breakdance hält fit und macht cool. Mithin erzählt Nico Raschicks Dokumentarfilm ein Kapitel über Coolness made in GDR - oder wer das Wort nicht so gerne mag: über das Leben, wenn es Stil und Leidenschaft wird. Eine eher männliche Leidenschaft allerdings, die erste Frau taucht erst nach einer runden halben Stunde im Film auf, und sie bleibt auch fast die einzige, die spricht. Wenigstens in den "Breakdance Arbeitsgemeinschaften" waren Frauen aber gut vertreten, wie entsprechende Dokumente aus dem verblüffend reichhaltigen Material zeigen, das die Macher für Here we come ausgegraben haben.

Here we come. Dokumentation von Nico Raschick. Miromar, 80 Minuten, Single DVD Edition 9,99 EUR; Doppel Deluxe DVD (inkl. 250 Minuten Bonus-Material und Soundtrack-CD) 24,99 EUR


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