Florian Schmid
Ausgabe 3413 | 22.08.2013 | 06:00 7

Magische Klassenkämpfer

Utopie Früher war auch die Zukunft besser: Science-Fiction bot einmal Alternativen der Emanzipation. Heute ist das Genre leider reaktionär

Magische Klassenkämpfer

Bild: Advertising Archives

Science-Fiction muss man, wie jede literarische Gattung, im sozialpolitischen Kontext ihrer Entstehung lesen. Und diese Gattung blüht mehr noch als andere im Kontext der Krise. Es fällt auf, dass sich die Zahl aufwendiger Sci-Fi-Produktionen im amerikanischen Kino häuft. Und es liegt nahe, diesen Boom mit der Krise zu erklären, in die der Kapitalismus sich seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 hineinmanövriert hat. Wenn das so ist, dann geben die Filme traurige Antworten auf die Krise: Der Fortbestand der Zivilisation wird durch die Kraft kämpferischer Männer gesichert. Mehr nicht. Emanzipatorische Vorstellungen sucht man vergebens. Einige Filme sind offen reaktionär.

Den Auftakt machte Ridley Scotts enttäuschendes Prequel zur Alien-Serie. Die Verfügbarkeit über den weiblichen Körper und eine außer Kontrolle geratene Waffentechnologie – das waren Scotts Themen in den siebziger Jahren gewesen. Aber Prometheus bietet nur eine banale Herleitung des Alien-Motivs, in der ein schwarzeneggersch gepimpter Außerirdischer ungebetene Besucher aus seinem Raumschiff prügelt. Mit viel Faustkampf wartet auch der neue Star Trek auf, der Männerfreundschaft und Pflichterfüllung mit schicker Jungsromantik kombiniert, nebenbei noch das 9/11-Motiv ins Star Trek-Universum einschreibt und zu einem soldatisch düsteren Antiterrorspektakel verkommt. Will Smith führt in After Earth eine autoritäre Vater-Sohn-Beziehung, um das Überleben nach der Apokalypse zu gewährleisten, während in Pacific Rim das Grauen aus dem Meer kommt und plumpe Riesenkampfroboter die Schwerfälligkeit der marktorientierten Science-Fiction-Erzählung in Szene setzen.

Reale Dystopie in Mexiko

Dagegen mutet Elysium mit Matt Damon geradezu als Werk sozialkritischer Aufklärung an. Der Film bietet immerhin eine – wenn auch arg verkürzte – Kapitalismuskritik an: ein bisschen „Wir sind die 99 Prozent!“ Die böse Elite befindet sich im wahrsten Sinne „oben“ und die Masse „unten“. Einen Kampf um sozialen Ausgleich gibt es aber auch hier nicht, allenfalls – wie in der Obama-Administration – eine Auseinandersetzung um medizinische Versorgung für alle. Die Aufständischen sind eigentlich eine mafiöse Privatmiliz. Die dystopischen Zukunftsbilder wurden in Mexiko-Stadt gedreht, wo die spätkapitalistische Realität bereits alle Anforderungen an eine solche Filmkulisse erfüllt.

All dies sind Zukunftsentwürfe, die ein Zuviel an männlicher Gewalt und ein Zuwenig an utopischer Perspektive kennzeichnet. Die Krise wird autoritär gelöst. Am deutlichsten zeigt sich das in World War Z. Brad Pitt verteidigt die bürgerliche Kleinfamilie gegen eine Flut unkontrollierbarer Aufständischer. „Unser Krieg hat gerade erst angefangen“, lautet das Schlusswort des Films, in dem das Militär in einem fort systemgefährdende Untote abknallt.

Man sollte Science-Fiction als in die Zukunft projizierte Geschichtsschreibung verstehen. Darum handelt es sich immer um ein politisches Genre. Und jetzt setzt Hollywood in den Zeiten globaler Aufstände die Konterrevolution in Szene.

Von São Paulo bis Istanbul wird unterdessen heftig um sozialen Ausgleich und politische Repräsentanz im postdemokratischen Zeitalter gerungen. Gerade Science-Fiction könnte nun das Genre sein, in dem flankierend Zukunftsszenarien durchgespielt werden. Das gilt besonders auch für die Literatur. Ein Utopieforscher wie der Deutsche Richard Saage oder der US-Literaturwissenschaftler Darko Suvin haben gezeigt, dass utopische Entwürfe vor allem in sozial dynamischen Zeiten verfasst werden, um historische Umbrüche zu spiegeln.

Der hiesige Kulturbetrieb vernachlässigt Science-Fiction dagegen immer noch als minderwertige literarische Gattung. Sogar als der FAZ-Autor Dietmar Dath kürzlich sein Weltraumepos Pulsarnacht vorlegte, übersah ihn das Feuilleton einfach, was man nicht nur damit erklären kann, dass das Werk im Heyne-Verlag erschienen ist.

Welch emanzipatorisches Potenzial in der Science-Fiction-Literatur steckt, zeigte sich in den Siebzigern, als Frauen die vermeintliche Jungsdomäne revolutionierten. Ursula K. Le Guin, Marge Piercy und Joanna Russ bildeten ein Triumvirat linksradikaler Feministinnen, die fast zeitgleich anarchistische Utopien vorlegten. Den Anfang machte 1974 Ursula K. Le Guin mit Die Enteigneten (früher: Planet der Habenichtse). Eine frei assoziierte Gesellschaft ist darin nach einer gescheiterten anarchistischen Revolution auf einen Mond ausgewandert. Ein Physiker nimmt nach Jahrzehnten strikter Trennung Kontakt zum Heimatplaneten auf, da dort seine bahnbrechende Entdeckung zur interstellaren Kommunikation gefördert wird. Anfangs begeistert vom Luxus, den der Kapitalismus auf dem Planeten hervorbringt, kehrt er nach einem niedergeschlagenen Aufstand in die anarchistische Gesellschaft zurück.

Rollback der Achtziger

Le Guins utopischer Entwurf ist eine Mischung aus Landkommune und Kibbuz samt urbanen Ballungsräumen. Sie thematisiert Kindererziehung, Bildung, Arbeit, Wissenschaft, das Wohnen, die Paarbeziehungen, die Stellung der Frau, das ständige Umherreisen und, in Gestalt ihrer Hauptfigur, die Frustration. Anarchistische Freiheit geht hier mit materiellem Mangel einher, dessen Beseitigung immer wieder gesellschaftlich neu ausgehandelt werden muss.

Mangel herrscht weder auf Joanna Russ’ Planet der Frauen (1975) noch in der utopischen Welt, die Marge Piercy zeichnet. In Frau am Abgrund der Zeit (1976) pendelt eine zwangseingewiesene schwarze Frau zwischen der Psychiatrie, wo ein gehirnchirurgischer Eingriff vorgenommen werden soll, und einer phantastischen Zukunft hin und her. Diese, so wird im Lauf des Romans klar, kann nur Wirklichkeit werden, wenn sie sich der Operation in ihrer Gegenwart widersetzt.

Mit dem konservativen Rollback der Achtziger verschwinden solche Utopien. In Marge Piercys dystopischem Roman Er, sie und es (1990) kämpft eine anarchistische Stadtgemeinde jüdischer Emigranten an der US-Ostküste in einer hyperkapitalistischen Welt gegen übermächtige Konzerne mithilfe eines golemartigen Cyborgs. Am Ende des Romans bilden sich basisgewerkschaftliche Organisierungen in den gigantischen Elendsvierteln heraus. Der Widerstand an sich wird hier zum utopischen Moment.

Ähnlich ist das bei dem britischen Schriftsteller China Miéville. Der 40-Jährige ist nicht nur Autor voluminöser Fantasy-Romane inklusive ekliger Rieseninsekten und mit magischen Fähigkeiten ausgestatteter Klassenkämpfer, sondern auch Mitglied einer trotzkistischen Partei und Mitherausgeber der marxistischen Theoriezeitschrift Historical Materialism. 2001 kandidierte er für die „Socialist Alliance“ erfolglos für das Unterhaus. Den Aufstand als utopische Projektion setzt er am deutlichsten in dem von der globalisierungskritischen Bewegung beeinflussten Roman Der eiserne Rat (2004) um.

Sehnsucht nach Militanz

Darin reorganisiert sich der Widerstand, um gegen die Herrschaft in der krisengeschüttelten Handels- und Kriegsmetropole New Crobuzon zu Felde zu ziehen. Miéville fährt eine Menge proletarischer Helden auf, die in freier Assoziation leben und gegen Rassismus und Homophobie kämpfen. Die Idee, eine Widerstandsbewegung vergangener Zeiten zu reaktivieren, findet sich auch in Dietmar Daths Pulsarnacht. Dort wird die Befreiung des ehemaligen Oberbefehlshabers der geschlagenen Rebellenarmee von einem Gefängnisplaneten vorbereitet. In beiden Romanen wird der Aufstand in Stellung gebracht. Das utopische Element verharrt in der Sehnsucht nach einer militanten Aushebelung der bestehenden Ordnung, wie sie philosophisch auch im Theoriebestseller Der kommende Aufstand verhandelt wurde.

Es mag verführerisch sein, wenn soziale Bewegungen die kapitalistische Herrschaftsordnung zeitweise außer Kraft setzen und die widerständige Ästhetik als utopisches Element reproduzieren. Aber es reicht nicht. Trotz aller Alternativlosigkeit gilt es, sich das utopische Denken wieder anzueignen. Den waffenstarrenden Kampfformationen in World War Z und dem autoritären väterlichen Kommando in After Earth muss man mehr entgegenhalten – Utopien, die nicht kollektive Ängste schüren, sondern das Begehren nach einer anderen, besseren Welt wecken. Science-Fiction kann das.

Florian Schmid ist Historiker. Für den Freitag schrieb er über das Dietmar-Dath-Jahr 2012

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 34/13.

Kommentare (7)

Vielleser 22.08.2013 | 12:15

Relativ gut lässt sich die im Artikel beschriebene Entwicklung meiner Meinung nach bei Star Trek nachvollziehen.

Während in den älteren Filmen u.a. noch thematisiert wurde, wo denn Moral, Menschlichkeit und Glauben in einem von Technologie und Rationalität bestimmten Alltag noch Platz haben oder Sprüche fallen wie "Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben - wir arbeiten um uns selbst zu verbessern und damit den Rest der Menschheit" (Picard, Der Erste Kontakt), geht es in den letzten drei Filmen fast nur darum, möglichst schnell, möglichst viel zu Schrott zu schießen.

Es wird immer weniger eine utopische Gesellschaft gezeichnet, über deren Lebensweise und Ideale man hinterfragen kann oder nicht - es gibt aber etwas zu hinterfragen und es werden nicht nur einfach heutige Probleme ein paar Jahrunderte in die Zukunft projieziert.

attika 22.08.2013 | 12:47

Der Artikel urteilt sehr selektiv. Zum einen hat in einer (westlichen) Welt, die die Emanzipation längst aufgegeben hat, emanzipatorische Science Fiction einfach keinen Platz. Gerade World War Z schildert, natürlich reaktionär und mit viel Geballere, daß was die Menschen für die Zukunft befürchten. Bis auf LeGuin dürften die anderen Autorinnen wohl nur SF-Nerds bekannt sein. Und ausgerechnet William Gibson, der die SF in den achtziger und neunziger Jahren dominiert hat nicht einmal zu erwähnen zeugt von Unkenntnis oder einer willkürlich gewählten Tendenz. Dabei haben die technologischen und sozialen Ideen Gibsons in einigen Bereichen unser heutiges Leben erreicht.

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Ehemaliger Nutzer 22.08.2013 | 16:51

Ich bezweifle bei der Entwicklung-suggereirenden(?)Auflistung, dass man sich ernsthaft genug um den Begriff Emanzipation (und was er wirklich - im Privaten - bedeutet, und nicht, wozu er derzeit -im Öffentlichen - missbraucht wird) gekümmert hat. So kommen Gegensätze heraus, die keine sind (oder sein müssen.)

Außerdem habe ich den Eindruck, dass die hier allgemein angesprochenen filmisch verarbeiteten Themen nicht wirklich einfach so gedeutet werden können; da aber alles nur angedeutet wird, kann man auch nur andeutend antworten.

Zum Beispiel ist fraglich, ob im Film dargestellte Utopien, wirklich dieselbe Funktionen wie im realen Leben erfüllen sollen oder wollen, oder ob sie nicht von gänzlich andere Bedürfnissen oder Engpässen erzählen.

Wenn da ein 'mehr' gefordert wird, dann zeigt das m.E.n. dass der Autor glaubt, dass der Mensch mal eben ein anderer (mit +) wird, werden könnte. Und dazu vermute icheben ein völlig falsches Bild von Emanzipation, als ob da ein Menschn+ rauskäme. Echt Emanzipation ist eher erst einmal ein Mensch- (und wer jetzt aufbegehrt, der versteht nicht, was damit gemeint ist).

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Ehemaliger Nutzer 23.08.2013 | 20:47

"Science-Fiction muss man, wie jede literarische Gattung, im sozialpolitischen Kontext ihrer Entstehung lesen."

Tut man das, wird man schnell feststellen, dass es in der Science-Fiction schon immer alle möglichen religiösen, politischen und ideologischen Tendenzen gab und gibt, oder sie in der Science-Fiction abgebildet wurden und werden.

Einen untersuchenden Anfang setzend beginnt man dann mit Tomas Morus (1478–1535) Utopia geht weiter über Francis Bacon (1561–1626) Neu-Atlantis und springt in die beginnende Moderne des 19/20 Jh. zu Jule Verne (1828–1905). Von da ab entwickelt sich das Genre Science-Fiction parallel zu der modernen Massenbuchdrucktechnik und den Heftromanen, der industriellen Technik und Naturwissenschaft sowie der Nutzung des Radios, der Kinos und des Fernsehns. Die Anzahl der Schreiber nimmt zu, aber das mag auch einfach eine parallele Entwicklung mit der allgemeinen Zunahme der Weltbevölkerung und verbesserter Lebensbedingungen in der westlichen Welt sein.

Beschränkte man sich auf die Autoren des 20./21. Jahrhunderts, hätte man sehr viel zu lesen, zu hören oder zu gucken und auszuwerten. So ist es also schwer zu beurteilen, was da veröffentlicht wird. Mag sein, dass es Interessengruppen gibt, die bestimmte Richtungen in der Scienc-Fiction fördern, dem kann man etwas entgegensetzen, indem man die aus der eigenen Sicht guten Stoffe empfiehlt. Vielleicht fehlt es gegenwärtig aber auch einfach an Autoren mit Utopien und guten neuen Ansätzen. Oder man kennt sie nur nicht.

lichtspiel 23.08.2013 | 23:26

Schön, dass der Freitag sich diese Genres annimmt. Schade, dass das Ergebnis so schwach ist. Der Artikel wirkt wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung: man pickt sich bestimmte Filme und Bücher raus und, schwupp, hat man reaktionäre Filme und fehlende Utopien und alles ist schlecht. Wobei das mit den fehlenden Utopien wahrscheinlich sogar stimmt, jedenfalls kenne ich kein aktuelles Buch in der Art, wie der Autor es sich wünscht. Was aber die Filme angeht: ja, die vielen Haudrauf- und Machtsieplatt-SF-Filme nerven, aber das sind eben nur ein paar, und manche davon (After Earth z.B.) wohl auch eher ein Flop. Es gibt jedoch genug andere SF-Filme, die nicht auf dieser Welle reiten. Um die wird nur meistens nicht so viel Werbegeschrei gemacht. Und was die Männerdominanz angeht: der Film-Dienst berichtet in der aktuellen Ausgabe, dass Filmprojekte, die bei der diesjährigen Comic-Con vorgestellt werden, auf starke Frauenfiguren setzen.

Insofern: danke für den unausgegorenen Versuch. Den letzten Satz unterschreibe allerdings ich sofort.