Magna Carta Florum

Radikal Es braucht doch kein Hirn: Die Intelligenz der Pflanzen sitzt in den Wurzeln. Der Mensch sollte das nicht länger ignorieren
Jeremy Hance | Ausgabe 33/2015 9
Magna Carta Florum
Pflanzen sind durchtrieben, sagt der Pflanzenneurobiologe Stefano Mancuso
Foto: Blickwinkel/Imago

Pflanzen sind klug. Pflanzen sollten Rechte haben. Pflanzen sind wie das Internet. Oder besser umgekehrt, das Internet ist pflanzenartig. Für die meisten von uns klingen diese Aussagen sicher schräg. Nicht jedoch für den Pflanzenneurobiologen Stefano Mancuso, der in Florenz das Internationale Labor für Pflanzenneurobiologie leitet; Manusco ist ein überzeugter Anhänger der Pflanzenrechte.

Und er weiß: Auch Tiere galten in der westlichen Philosophie und Wissenschaft jahrhundertelang als Sklaven ihrer Instinkte, unfähig zu denken. Die Forschung hat diese Sicht längst entkräftet. Wir wissen, dass Oktopoden Werkzeuge verwenden, Wale singen und Bienen zählen können. Sie alle haben jedoch etwas gemeinsam, das Gehirn. Pflanzen aber haben kein Gehirn. Wie können sie also Probleme lösen, intelligent handeln oder auf Reize reagieren?

Darwin scherte aus

„Unsere heutige Vorstellung von Intelligenz ist eine brutale Vereinfachung“, sagt Mancuso. „Wir stellen uns Intelligenz als Produkt des Gehirns vor, geradeso, wie Urin ein Produkt der Nieren ist.“ Mit seinen radikalen Ansichten ist er in guter Gesellschaft. Charles Darwin, der Pflanzen akribisch studierte, war einer der ersten Wissenschaftler, die ausscherten und erkannten, dass Pflanzen sich bewegen und auf Sinneseindrücke reagieren – also empfindungsfähig sind. Darwin beobachtete darüber hinaus, dass die Keimwurzel „wie das Gehirn eines niederen Tieres funktioniert“.

Pflanzen stehen vor ähnlichen Problemen wie Tiere: Sie benötigen Energie, sie müssen sich fortpflanzen und Feinde abwehren. Dafür, sagt Mancuso, haben sie Grips und Empfindsamkeit ausgebildet. „Intelligenz ist die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Darin sind Pflanzen ausgesprochen gut.“ Um ihren Energiebedarf zu decken, richten sich die meisten nach der Sonne aus. Andere jagen Tiere, von Insekten über Mäuse bis hin zu Vögeln. Die Venusfliegenfalle ist das bekannteste Beispiel, aber es gibt mindestens 600 fleischfressende Pflanzenarten, die komplexe Lockmittel und schnelle Reaktionen ausgebildet haben. Pflanzen werben außerdem trickreich um Bestäuber, sie täuschen und belohnen, jüngsten Forschungsergebnissen zufolge unterscheiden einige sogar qualitativ und lassen ihren Pollen nur für die besten Bestäuber keimen. Zudem haben Pflanzen eine unglaubliche Vielfalt an giftigen Stoffen entwickelt, mit denen sie Feinde abwehren. Sie versprühen sie nicht freigiebig, sondern leiten sie oft nur in das eine Blatt, das angeknabbert wird. Pflanzen sind also so durchtrieben wie sparsam.

„Jede Entscheidung einer Pflanze basiert auf einer Kosten-Nutzen-Rechnung: Wie löse ich ein Problem mit möglichst geringen Ressourcen?“, schreibt Mancuso in seinem Buch Die Intelligenz der Pflanzen, das er mit der Journalistin Alessandra Viola veröffentlicht hat (auf Deutsch erschienen bei Kunstmann, 2015). Anders gesagt: Pflanzen reagieren nicht einfach auf Bedrohungen und Gelegenheiten. Sie entscheiden, wie weit sie bereit sind zu gehen.

Am kultiviertesten ist ihr Unterbau. Wissenschaftler haben beobachtet, dass Wurzeln nicht wahllos wuchern, sondern die beste Position ausloten, um Wasser und Mineralstoffe aufzunehmen und Konkurrenz zu umgehen. Wurzeln ändern durchaus ihren Kurs, bevor sie auf ein Hindernis stoßen, was bedeutet, dass sie es mit ihren vielen Sinnen „sehen“ können.

Der Mensch verfügt über fünf Sinne. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Pflanzen mindestens 20 haben. Sie können damit Luftfeuchtigkeit messen, die Erdanziehung wahrnehmen und elektromagnetische Felder erspüren. Pflanzen sind außerdem höchst kommunikativ. Neben flüchtigen Verbindungen – dem Grund, warum manche Pflanzen duften und andere stinken – kommunizieren sie auch mit elektrischen Signalen und sogar über Vibration. Pflanzen warnen ihre Artgenossen, wenn Gefahr droht, und sie erkennen sogar ihre nächsten Verwandten. Sie reagieren nachweislich anders auf Sprösslinge derselben Eltern als auf fremde. Mancuso und Viola gehen sogar so weit, dass sie Pflanzen Verhaltensweisen attestieren, die an Schlaf oder Spiel erinnern.

Darwin scheint übrigens richtiggelegen zu haben: Mancuso hat Beweise dafür gefunden, dass sich der Schlüssel zur Intelligenz der Pflanzen im Wurzelkeim oder in den Wurzelspitzen findet. Er und seine Kollegen nahmen Signale auf, die von diesem Teil der Pflanze ausgehen. Dieselben senden die Nervenzellen eines Tiergehirns aus. Eine Wurzelspitze allein mag nicht allzu viel leisten können, aber die meisten Pflanzen haben Millionen von Wurzeln.

Babys lieben Tiere

Anstelle eines einzigen leistungsstarken Gehirns, so argumentiert Mancuso, verfügen Pflanzen also über eine Million rechnende Einheiten. Die Stärke dieser evolutionären Entscheidung ist, dass eine Pflanze selbst dann überleben kann, wenn sie 90 Prozent oder mehr ihrer Biomasse verloren hat. „Das war der Hauptantrieb in der Evolution der Pflanzen“, sagt er. „Pflanzen sind aus einer immensen Anzahl einfacher Module aufgebaut, die als Schnittpunkte eines Netzwerks interagieren.“

Da sie keine einzelnen Organe oder zentralisierten Funktionen haben, können sie eine Räuber-Beute-Beziehung zulassen, ohne ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren. Das Internet wurde aus demselben Antrieb entwickelt und gelangte zur selben Lösung. Hätten Pflanzen ein einziges Gehirn – oder ein Herz oder ein Paar Lungen –, wären sie wesentlicher einfacher zu vernichten. Es macht aber Sinn, eine Pflanze als Volk zu sehen, und nicht als Individuum. So wie der Tod einer Ameise nicht den Untergang des Ameisenvolks bedeutet, so verhindert die Zerstörung eines Blatts oder einer Wurzel nicht, dass die Pflanze weitermachen kann.

Warum aber wurden die Empfindungen und das Verhalten der Pflanzen so lange ignoriert? Mancuso zufolge liegt es daran, dass sie sich so grundlegend von uns unterscheiden. Es sei eben unmöglich, dass wir uns in eine Pflanze hineinversetzen. „Wir sind das Ergebnis zweier unterschiedlicher evolutionärer Wege. Am Ende reagieren wir aber gleich auf dieselben Impulse.“

Pflanzen haben jedoch eine andere Zeitskala. Sie bewegen sich und handeln so langsam, dass wir ihre Reaktionen kaum wahrnehmen. „Die Liebe zu Pflanzen ist eine sehr erwachsene Liebe“, sagt Mancuso. „Sie werden kaum ein Baby finden, das sich für Pflanzen interessiert. Babys lieben Tiere. Kein Kind findet eine Pflanze lustig. Bei mir war das nicht anders: Erst als Doktorand wurde mein Interresse geweckt, als ich feststellte, welche überraschenden Fähigkeiten sie haben.“

So kommt es, dass nur wenige Forscher das Verhalten und die Intelligenz von Pflanzen studieren. Doch unser Desinteresse könnte uns das Überleben kosten. Pflanzen machen heute 99 Prozent der Biomasse des Planeten aus. Man muss sich das vergegenwärtigen: Alle Tiere – Ameisen, Blauwale, wir – weniger als ein Prozent. Das Handeln des Menschen führt jedoch ein Massenaussterben herbei. Pflanzen wurden in der Geschichte des Planeten immer wieder ausgerottet, oft gediehen sie danach besser als zuvor. Doch es gibt keine Garantie, dass es wieder so sein wird.

20.000 Arten sind Wissenschaftlern derzeit bekannt. „Jeden Tag sterben Pflanzenarten aus, die wir nie kennengelernt haben“, warnt der Neurobiologe. „Ich glaube, dass Pflanzen bei aller Vielfalt nicht gerne verschwinden.“ Sicher ist, dass wir von ihnen abhängig sind. Nicht nur als Rohstoffe und Nahrung, sondern auch wegen des Sauerstoffs, den wir atmen, und wegen des Regens. Pflanzen sind die Triebkräfte vieler biophysischer Vorgänge, die unsere Erde bewohnbar machen. „Es geht nicht darum, die Pflanzen zu schützen“, sagt Mancuso. „ „Die Pflanzen werden uns überleben. Es geht um den Erhalt der Menschheit: Wir sind fragile und abhängige Organismen.“

Große Pflanzenschutzorganisationen gibt es bisher nur wenige. Die meisten NGOs wenden sich aus den genannten Gründen lieber Tieren zu. So wie die pflanzliche Verhaltensforschung ist auch der Pflanzenschutz bisher unterfinanziert. Mancuso ist der Ansicht, dass der Mensch etwas sehr Radikales in Betracht ziehen sollte: Pflanzenrechte.

„Wir können die Debatte nicht länger aufschieben. Was für ein Nonsens, ist man versucht zu sagen. Aber als bei den alten Römern die Forderung aufkam, dass auch Frauen und Kinder Rechte haben sollten, fiel ihre Reaktion ähnlich aus. Pflanzenrechte sind der einzige Weg, wenn wir unseren Untergang abwenden wollen.“

Jeremy Hance ist Redakteur des Umweltmagazins Mongabay und Guardian-Autor

06:00 23.09.2015

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