Magnet zum Geldsammeln

Super-Universität Das KIT in Karlsruhe zieht die Mittel an, die dann an Hochschulen in Vechta oder Greifswald fehlen

Als Horst Hippler, Chemiker und bisher Rektor der Fridericiana, der ältesten deutschen technischen Hochschule, einmal in einem Interview gefragt wurde, ob er einer Elite-Uni vorstehe, antwortete er: "Wir selbst würden uns nie als Elite-Uni bezeichnen. Wenn uns aber andere zu den Elite-Universitäten zählen, sind wir durchaus stolz darauf."

So viel Bescheidenheit kann sich leisten, wer zu den ersten drei als exzellent eingestuften deutschen Hochschulen zählt. Karlsruhe konnte vor zwei Jahren in der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs unter den deutschen Hochschulen traditionsreichere Anstalten wie Heidelberg ausstechen. Ebenso andere Hochschulen, die ihre Hand nicht weniger dicht am Puls der Zeit und am Portemonnaie der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Europäischen Kommission haben: die RWTH Aachen zum Beispiel.

Den Ausschlag für Karlsruhe hat KIT gegeben - KIT ist kein Müsliriegel und keine Katzennahrung, es ist auch kein Werkzeug. Obwohl, man kann es auch englisch aussprechen Ki: ai ti:, wie die Sprecherin Gabriele Zuber-Knost versichert. KIT heißt Karlsruher Institut für Technologie, aber wir dürfen auch Karlruhe Institute of Technology sagen. Und damit sind wir auf der richtigen Spur - sie führt nämlich nach Massachusetts, zum MIT. Unter neuem Namen wollen sich die Universität und das Karlsruher Großforschungszentrum zu einer neuen Super-Universität zusammenschließen. Bereits im Februar fand die Gründungsfeier statt, sogar eine eigene Hymne wurde in Auftrag gegeben. Die werde man künftig als Warteschleifenmusik in die Telefonanlage einspielen, verspricht Zuber-Knost.

Gemeinsam hat man 8.000 Mitarbeiter und einen Jahresetat von 600 Millionen Euro - damit wäre das KIT die größte deutsche Forschungseinrichtung, noch dazu mit angeschlossener Universität. Ein Leuchtturm - das ist die heute übliche Metapher - im Meer der Mittelmäßigkeit, muss man ergänzen. Doch eigentlich würde das Bild eines Magneten besser passen, eines Kassenmagneten.

Und der funktioniert so: Erst einmal werden die Landesmittel für die Hochschule und die Bundesmittel für das ehemalige Kernforschungszentrum des Bundes zusammengelegt. Dann kommen schon mal die 80 Millionen Prämie aus dem Exzellenzwettbewerb drauf. Und diese Akkumulation zieht dann weiteres Geld an. Zum Beispiel eine Spende von 200 Millionen Euro des SAP-Gründers Hector. Sie ist der Grundstock einer Stiftung, aus der künftig Professorengehälter aufgebessert werden sollen - damit man in Karlsruhe beim Einkauf von Spitzenforschern mithalten kann. KIT ist ein Tool, ein Magnet, um alles Geld aufzusammeln, was in Forschung und Wissenschaft zu holen ist. KIT ist irgendwie aber auch die Geschichte eines Widergängers des Hochschuldiskurses, der Humboldt´schen Einheit von Forschung und Lehre.

Gegründet wurde die Hochschule 1825 als Polytechnikum, nach dem Vorbild der ja auch als Elite gehandelten Ecole Polytechnique in Paris - also einer auf Nützlichkeit ausgerichteten Ausbildungseinrichtung. Das ist etwas anderes als Humboldts Ideal von Bildung durch Wissenschaft. 1865 wurde sie durch den badischen Großherzog Friedrich in den Hochschulrang erhoben. Gerade zu der Zeit, 1861, gründete William Barton Rogers eine polytechnische Schule in Boston, das MIT. Sein Vorbild war das Polytechnikum in Karlsruhe, das einige Jahre später zur Fridericiana geadelt wurde, - ein Label, das so viel Tradition ausstrahlt wie es sich jede US-Hochschule wünschen würde. Nun re-importiert man an der Fridericiana einen Namen, von dem man sich mehr Renommee verspricht als von dem eines badischen Fürsten.

MIT, beziehungsweise nun KIT, steht für eine Hochschule, in der mit viel Geld, mit sehr viel Geld geforscht wird - das MIT hat einen Jahresetat von zwei Milliarden Dollar, plus rund 600 Millionen Forschungsdrittmittel, eine Hochschule, in der handverlesene, gut zahlende Studenten noch erleben können, was früher deutsche Universitäten, und nicht die polytechnischen Institute à la Karlsruhe, verkörperten: die Einheit von Forschung und Lehre. Insofern steht KIT auch für den Traum deutscher Professoren, die Forschung aus den Großforschungs- und Max-Planck-Instituten wieder in die Universitäten zu holen. Und es steht für den Traum von einer amerikanisierten Hochschullandschaft - mit einigen wenigen Kassenmagneten, die das Geld aus öffentlichen und privaten Schatullen anziehen, das dann an den Unis in Vechta oder Greifswald fehlt.

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