Mahmud kniet und betet

Frankreich Die jetzt so häufig angestimmte Marseillaise singen längst nicht alle mit. Die Vorstädte bleiben stumm
Hansgeorg Hermann | Ausgabe 49/2015 1

Zwei Wochen nach den mörderischen Anschlägen von Paris hat Präsident François Hollande von seinen Landsleuten verlangt, am 27. November „die Fenster zu öffnen und unsere Fahne zu zeigen“, doch stößt das nicht überall auf Gegenliebe. Emily, 17 Jahre alt und aus Lyon, bringt es bei Radio France Info auf den Punkt: „Die Parteien, die Politiker haben das Blau-Weiß-Rot Frankreichs regelrecht konfisziert. Indem wir die Fahne zeigen, holen wir es uns zurück!“ Emily und ihre Freunde in Paris sammeln sich nicht hinter dem Präsidenten und seinem Ersten Offizier, dem Premier Manuel Valls, sondern vor ihm, sie schauen ihm ins Gesicht. Sie sind in den Widerstand gegangen gegen eine politische Klasse, die in den Tagen nach den Attentaten, nach dem Feuergefecht von Saint-Denis und im geltenden Ausnahmezustand Gewalt predigt, anstatt Frieden zu suchen.

Die Marseillaise, dieser während der Revolution 1792 entstandene Schlachtgesang, in dem geköpft wird und das „unreine Blut“ des Feindes „unsere Äcker tränkt“, ist wahrlich kein Angebot zum Frieden. Die Melodie, die sich so wunderbar in Fußballstadien intonieren lässt, ist längst nicht mehr der Ruf nach Freiheit. Während der Oktoberrevolution von 1917 war sie noch zu hören, bevor sich die Bolschewiki für ein anderes Lied entschieden und die Internationale sangen. Auf der Place de la République im Herzen von Paris, unter der „Marianne“, der neuneinhalb Meter hohen eisernen Inkarnation der Republik, hat in diesen Tagen die Internationale der Marseillaise schon manchmal den Rang abgelaufen.

Ein Wall aus Blumen und Kränzen schützt die Säule. Drüben auf der anderen Seite des Platzes dräut ein wuchtiger Klotz aus gehauenem Stein – die alte Kaserne der Garde Républicaine. Ein hagerer Mann kniet am Freitagabend, zwei Wochen nach der furchtbaren Nacht, vor den Kerzen, die man für die Opfer des Konzerthauses Bataclan oder in den Restaurants und Bistros im X. Arrondissement angezündet hat.

Er heiße Mahmud, sagt der Mann in die Kamera eines Fernsehteams. „Es tut weh, es tut verdammt weh“, wiederholt er drei, vier Mal und sagt dann noch: „Ich bin Muslim, auch deshalb tut es so weh.“ Zwei Tage zuvor sind Hollande und Angela Merkel dort gewesen, wo Mahmud jetzt kniet und betet. Sie legten weiße Rosen nieder, jeder eine, der Platz war weiträumig abgesperrt. Eine Demonstration gegen das seit der Attentatsnacht verhängte Demonstrationsverbot war gerade zu Ende gegangen. Weil mehrere Hundertschaften der Polizei die Kundgebung nicht friedlich auflösen konnten, marschierten die Beamten einfach mit. „So sieht Frieden aus“, kommentierte das ein Passant, ein Mann im Rollstuhl mit grauem Bart und fadenscheiniger Winterjacke.

Klavier auf dem Gehsteig

Zwei Wochen nach den Anschlägen wollten viele Pariser ihrem chef de guerre zeigen, was diese Stadt sonst ausmacht. Schließlich steht seit langem ein Wahlspruch im Wappen der Metropole. Auch die von der Restauration unter dem späteren Präsidenten Adolphe Thiers niedergeschossene Kommune (mehr als 30.000 Tote) hatte sich an dieses Credo geklammert: „fluctuat nec mergitur“ – Paris „schwankt, aber es geht nicht unter“. Auch jetzt tanzen die Pariser auf der Straße und trinken Bier. Vor dem Bataclan steht ein Klavier auf dem Gehsteig, es wird ein Konzert improvisiert. Kultur ersetzt keine Waffen, aber Kultur ist eine andere Welt als die der Waffen.

Im französischen Fernsehen war in der Woche vor dem 27. November Freddy Kemayo zu sehen, 31 Jahre jung, ein farbiger Franzose mit einem Gewicht von wohl mehr als einhundert Kilo. Freddy war vor einiger Zeit champion du monde, Weltmeister im Kickboxen, Kategorie Superschwergewicht. Er erzählt, wie es dort aussieht, wo er herkommt. Wie man lebt in Villepinte im Nordosten von Paris, wo 100 Meter lange Wohnblöcke am Rand des internationalen Flughafens Charles de Gaulle stehen. Er sagt: „Es gab dort nur Hass. In der Familie, auf der Straße, im Supermarkt, im Treppenhaus, im Lift – Hass überall.“ Freddys Gesicht ist gezeichnet von den Schlägen seiner sportlichen Gegner. Tiefe Stirnfurchen unterstreichen, was er mit voller, leiser und fester Stimme erklärt, damit die Zuschauer sich vielleicht ein besseres Bild machen von ihren Landsleuten in den quartiers sensibles, wie die Vorstädte in der Sprache des Innenministeriums euphemistisch genannt werden – „sensible Viertel“.

Freddy Kemayo arbeitet heute als Trainer in einem „Gym“, einer kleinen Sporthalle mit dem mittendrin aufgebauten Boxring. Er hat einige hagere, aber muskulöse Jugendliche um sich geschart und sagt: „In Wirklichkeit boxe ich nicht meine Gegner, in Wirklichkeit kämpfe ich gegen den Hass.“ Das sei seine Philosophie, eine andere habe er nicht anzubieten. Die Jungs grinsen. Freddy ist überzeugt, dass er etwas leistet, was eigentlich die Gesellschaft übernehmen müsste. Er holt die Jugendlichen von der Straße, er lässt sie auf einen Sandsack eindreschen. Der eine oder andere kann vielleicht einmal seinen Lebensunterhalt mit Kickboxen verdienen. Arbeit gibt es sonst keine in Villepinte.

Nach Syrien katapultiert

Eine Bahnstation weiter liegt das große, grüne Ausstellungsgelände von Paris, der Parc des Expositions. Dort zeigen Amerikaner, Japaner oder Chinesen von Zeit zu Zeit, wie das Kapital mit immer ausgefeilterer Technik noch mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert. „Es macht Spaß, hier zu trainieren“, sagt einer von Freddys Sportlern. „Was danach kommt, weiß keiner. Nicht jeder kann Weltmeister werden.“

In den letzten Buchhandlungen, die in Paris durchhalten, dieser Weltmetropole der Kunst, Mode und Literatur, wird seit Jahren geboxt und gerungen. Es geht gegen das Internet, gegen Amazon, gegen die Handelsriesen, die der mondialisation entsprungen sind wie Monster. Die Buchhändler stehen auf verlorenem Posten, glauben die einen; sie werden immer wertvoller und am Ende unentbehrlich sein, hoffen die anderen. Was davon auch zutreffen mag – die Mörder des Bataclan haben diesen Läden ein Geschäft beschert. Seit dem 13. November verkauft sich Ernest Hemingways Sammlung autobiografischer Kurzgeschichten Paris, ein Fest fürs Leben wie seit Jahrzehnten nicht. Im Schnitt 500 Exemplare gehen pro Tag über den Ladentisch. Die Buchhändler von Saint-Germain strahlen wieder. Die Leute wollen lesen, wie Paris einst war, als Gertrude Stein und James Joyce durch die Straßen der Stadt flanierten. Als in den Kaffeehäusern Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir saßen und für das emanzipierte Denken warben.

Am 27. November, dem Tag der offiziellen Trauerzeremonie, starten vom Flugzeugträger Charles de Gaulle ununterbrochen Bomber des Typs Rafale. Sie werden in Richtung Syrien katapultiert, hinein in den Luftraumraum über Ar-Raqqa, der IS-Hochburg und 400.000-Einwohner-Stadt im Norden des verwüsteten Landes. Die Terrormilizen, denen die Attacken gelten, sitzen in Erdtunneln und Bunkern – die Zivilbevölkerung ist den Angriffen ungeschützt ausgesetzt. Oder sie ergreift die Flucht und bricht zu Fuß auf nach Europa.

Zum Staatsakt im Ehrenhof des Hôtel des Invalides sind am 27. November nur Ehrengäste geladen. Im hufeisenförmigen Hof steht die Tribüne für 2.000 Menschen mit ernsten Gesichtern. Der Präsident, dazu Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy, der den rund 11.000 Dschihad-Verdächtigen in Frankreich elektronische Fussfesseln anlegen will, seine Schwester im Geiste, Marine Le Pen, die Chefin des Front National, und der omnipräsente Wortführer des Front de gauche, Jean-Luc Mélenchon. Alle sind sie vereint unter dem – nach eigenem Bekunden – „Banner der Republikaner“. Was nicht unbedingt mit „Demokraten“ gleichzusetzen ist. Es fehlen: Freddy, der in Villepinte gegen den Hass kämpft; Mahmud, den Gewalt so furchtbar schmerzt; Emily, die das Blau-Weiß-Rot der Trikolore für ihre Generation zurückerobern will.

Das Streichorchester im Hôtel des Invalides sitzt in glänzenden Uniformen auf Klappstühlen, man spielt schwere Musik. Feines Tuch hüllt die wenigen Damen ein. Es ist kalt in Paris, der Himmel grau. Auf einer Leinwand werden die Fotos der Opfer gezeigt. Ein Sprecher und eine Sprecherin lesen die Namen und das Alter vor, bei manchen auch ihre ehemalige „Funktion im Leben“, wie es heißt. Hollande sagt: „Freitag, der 13. November 2015, ist ein Tag, den wir nie vergessen werden. 130 Opfer, 130 Lächeln, die verschwunden sind. Die meisten waren junge Menschen, die geboren wurden, als in Berlin die Mauer fiel.“ Er sagt nicht: Europa ist nun dabei, Mauern wieder aufzubauen, um Menschen draußen stehen zu lassen, denen die Flucht vor denen gelang, die ihre Mörder zum Bataclan schickten.

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06:00 04.12.2015

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