Makel bei "Made in China"

Gefährliche Milch Es wird dauern, bis sich die einheimische Wirtschaft von dem entstandenen Vertrauensverlust erholt

Abends um acht Uhr vor der Milchtheke des Jingkelong-Supermarktes im Osten Pekings nimmt Frau Dai eine Packung Trinkmilch der australischen Firma Yakult in die Hand, liest sich die Angabe über Inhaltsstoffe durch und legt das Produkt in ihren fahrbaren Einkaufskorb. "Bei meinem Sohn entscheide ich mich lieber für ausländische Waren", sagt sie, er habe gottseidank "immer nur Milchpulver einer amerikanischen Firma bekommen". In ihrem Wagen liegen auch zwei Flaschen Joghurt des chinesischen Herstellers Mengniu. Die seien für ihren Mann, meinte Frau Dai. Auch wenn dieses Produkt laut Testergebnis keine Spuren von Melamin aufweise, habe sie doch ein flaues Gefühl. Eine dabei stehende Verkäuferin im blauen Kittel rollt mit den Augen. Alles, was hier in den Regalen stehe, sei makellos und könne ohne Bedenken gekauft und konsumiert werden. "Nur ein kleiner Teil der chinesischen Milchprodukte ist qualitativ schlecht", fällt ihr ein junger Mann ins Wort und schaut die vereinzelt um die Milchtheke stehenden Kunden herausfordernd an. "Wir sollten doch Vertrauen in unsere Produkte haben." Alle schweigen. Bestimmt werde das Ausland jetzt wieder sämtliche Erzeugnisse Made in China schlecht reden, ist der Student Meng überzeugt, der gerade vom Studium in Japan auf Heimaturlaub ist.

Beim letzten großen Skandal um Waren aus China - es ging damals, im Sommer 2007, um Spielzeugexporte - flackerte jenseits der chinesischen Grenzen die Empörung lichterloh. Fabrikation und Qualitätsmängel von Erzeugnissen aus der Volksrepublik wurden beklagt. Viele Chinesen empfanden das als undifferenzierte und schulmeisterliche Kritik. Auch jetzt, angesichts des Milchskandals, berufen sich viele auf Produkte und Praktiken im Ausland, um die eigenen Verhältnisse zu verteidigen oder zu erklären.

"Ausländische Firmen denken nicht nur ans Geldverdienen, sondern auch an die soziale Verantwortung. Chinesischen Firmen geht es nur noch ums Geld", schreibt hingegen ein nur per IP-Nummer identifizierter Nutzer im Diskussionsforum Starkes Land, das vom Pekinger Parteiorgan Volkszeitung betrieben wird. Ein anderer ergänzt, er vertraue "jetzt nur noch dem ausländischen Markt".

Die Berufung auf westliche Muster dürfte der chinesischen Regierung nicht übermäßig gefallen. Bei vielen Ereignissen in jüngster Zeit - etwas dem Aufruhr in Tibet - war es möglich, eine im Internet aufscheinende anti-westliche Stimmung für die eigene Legitimation zu nutzen. Nun schlägt der Administration in den virtuellen Sphären massive Polemik entgegen. Im Forum des Bailing-Portals schreibt ein Nutzer: "Was soll es für einen Sinn haben, nationale Unternehmen zu unterstützen, die unsere Kinder vergiften?" Auf der gleichen Plattform wird ihm geantwortet: "Von vergiftetem Alkohol, über vergifteten Reis und vergiftete Eier bis hin zu Milchpulver - sind das die Ergebnisse unserer Solidarität mit nationalen Produkten? Womit werden wir noch vergiftet?"

Weniger emotional, mehr analytisch schreibt ein Autor namens Tang Xuepeng in seinem Aufsatz Der Vorfall um das Sanlu-Milchpulver und eine demokratische Kontrolle über ein bruchstückhaftes Prüfsystem, mit dem es leider verhindert werde, Verantwortlichkeiten klar zu benennen. Tang Xuepeng skizziert in groben Zügen englische, amerikanische und japanische Qualitätskontrollen. Diesen Beitrag kopierten chinesische Internetnutzer in alle großen Webforen - ohne weiteren Kommentar.

Als Coca-Cola am 3. September bekannt gab, den chinesische Safthersteller Huiyuan für 2,5 Millionen Dollar zu übernehmen, ging ein Aufschrei der nationalen Erregung durch das Land. Nach einer Umfrage des Webportals Finance Sina gaben sich 83 Prozent der Befragten - gut eine halbe Million Internetsurfer - als Gegner einer solchen Übernahme zu erkennen. "Wenn sich chinesische Unternehmen nicht selbst lieben - sprich: nicht ordentlich verwalten - interessiert sich zwar keine ausländische Firma für sie, aber irgendwann machen sie sich selbst den Garaus", schließt ein Text bei Finance Sina.

Es sei kein Wunder, dass sich unter den 100 "most valuable brands" des US-Magazins Business Weekly kein einziger chinesischer Betrieb befände, schreibt Xu Yaping auf der Seite des China Economic Net. Die 15 chinesischen Unternehmen, die unter den TOP 5000 der Welt auftauchten, seien zudem alle in staatlicher Hand. Es werde dauern, bis der Imageschaden für nationale Produkte überwunden sei, mutmaßt Wen Liu in der Zeitung Economic Observer. Das Unternehmen Guoxin Securities geht von drei bis fünf Jahren aus. Ein Teil des Vertrauens der Bürger sei für immer verloren, meint Herr Wen.

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