Marion Kraske
18.03.2012 | 08:00 4

Mal schauen, was geht

Wendeverlierer Nur noch die NPD kümmert sich um die Bewohner der trostlosen Plattenbausiedlung in Hagenow. Und ein christlicher Streetworker

Der Untergrund erinnert eher an einen Bolzplatz als an einen Rasen. Die steinerne Sitzgruppe ist von Moos überzogen, Abfall liegt überall auf dem Boden herum. Wenige Schritte weiter steht ein SB-Frischemarkt. „Isch tu gut“, steht mit roter Schrift auf einer Schaufensterscheibe. Fast könnte man meinen, dass die Zeit im Stadtteil Kiez im mecklenburgischen Hagenow seit Jahren stehen geblieben ist. Alles ist grau und unscheinbar.

Ein paar Meter entfernt stehen einige Kiez-Bewohner beisammen: Ein junges Ehepaar, zwei ältere Männer, der eine trägt Wollmütze und Tarnjacke, sein Kompagnon hat einen Händedruck wie ein Seefahrer. Ihre Blicke sind glasig, aus der Tasche schaut eine Bierflasche heraus. Es ist kurz nach elf – Zeit für den morgendlichen Nachbarschaftstreff. Regelmäßig kommen sie hier zusammen, vis-à-vis der Plattenbauten, in denen sie alle wohnen. Kein Bäcker, kein Café, kein Freizeittreff. Ihr Stammtisch ist die windstille Ecke vor dem SB-Markt.

Ein roter Transporter fährt auf dem Parkplatz vor, Volx-Mobil steht mit riesigen Buchstaben darauf. Ein Mann mit kurzem Haar und Brille springt heraus und geht auf die Gruppe zu: Thomas Ruppenthal von der Evangelischen Jugend Schwerin beginnt seinen „Hagenow“-Tag, wie er es nennt und gesellt sich zu der Runde. Eine eine Weile hört er den Geschichten aus der Platte zu. Dann sagt er: „Wir müssen uns demnächst treffen und schauen, was geht“.

Von der Gesellschaft entkoppelt

Schauen, was geht, das ist Ruppenthals Job. Mit seiner Kapuzenjacke und dem Daunenanorak sieht der 59-Jährige fast aus wie ein Jugendlicher. Ruppenthal ist Streetworker. Stadtteile wie Kiez in Hagenow, in Wittenberg oder Neustadt-Glewe sind sein Revier, genauer gesagt: die öden Plattenbauten. Zu DDR-Zeiten waren es beliebte Wohnviertel. Jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, sind es prekäre Lebenswelten, die lediglich in den Armutsberichten der Sozialhilfeorganisationen vorkommen. Ein eigener Kosmos, entkoppelt vom Rest der Gesellschaft.

Ruppenthal versucht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ihre Bedürfnisse zu erkunden. „Wir wollen sie stärken und motivieren, damit sie wieder für ihre eigenen Belange eintreten.“ Der Ansatz kommt aus den USA und nennt sich Community Organizing. Ganze Stadtteile wurden damit neu belebt. Auch Barack Obama arbeitete früher in Chicago in heruntergekommenen Stadtteilen und half mit, Armenviertel aus der Abwärtsspirale von Verelendung und Verzweiflung wieder herauszuholen.

Straße ins Nirgendwo

Auch Ruppenthal will zusammen mit den Anwohnern neue Ideen entwickeln, Denkanstöße geben. Was braucht ihr, um euer Leben lebenswert zu machen?

Es geht um Menschen wie Jürgen. Er steht vor dem SB-Markt, einen Krückstock in der Hand. Ehemaliger Alkoholiker. Demnächst muss er ins Krankenhaus, die Prostata. „Früher“, sagt Jürgen und meint damit die DDR, „früher gab es hier wenigstens Kultur“. Konzerte. Tanz. Und heute? Heute hat Kiez für seine Bewohner nichts zu bieten. Die Menschen fühlen sich abgehängt, gefangen in der Trostlosigkeit der Umgebung, die immer mehr zum Spiegelbild ihrer eigenen Ausweglosigkeit wird. Viele von ihnen greifen regelmäßig zur Flasche. Auch andere Drogen sind im Umlauf, solche, die man zu Hause anrühren kann.

Langsam geht Ruppenthal durchs Viertel, die Straße des Friedens entlang, dann die Straße der Jugend, die Sportstraße – es sind öde Verbindungslinien, die ins Nirgendwo führen. Vorbei an Wohnkästen, vier Stockwerke hoch, an den Fassaden sprießen grüne Flecken. Einen neuen Spielplatz, immerhin, hat die Wohnungsbaugesellschaft aus dem Westen kürzlich errichten lassen. „Das ist es dann aber auch“, brummt Ruppenthal und man merkt, wie ihm die Verwahrlosung gegen den Strick geht. Er kann und will sich nicht damit abfinden, dass sich ein so reiches Land aus einigen Gegenden einfach zurückzieht.

Ruppenthal kennt die Verhältnisse seit Langem. Mehrere Jahre leitete er die Evangelische Jugend Schwerin, dann hängte er den Bürojob an den Nagel, wollte wieder näher an der Wirklichkeit sein. „Vergessene Stadtteile“ nennt Ruppenthal die Gebiete, in denen er unterwegs ist, in Beton gegossene Verwahranstalten an den Rändern der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmungsschwelle. Kaum ein Politiker verirrt sich hierher, nicht einmal zu Wahlkampfzeiten. Bis auf jene, die hier ihre Chance wittern: die NPD. Erfolgreich hat die rechtsextreme Truppe es in den vergangenen Jahren geschafft, sich als „Kümmerer-Partei“ zu etablieren. Mit Hartz-IV-Beratungsbüros und Kinderfesten hat die NPD im Nordosten an vielen Orten eine Rolle übernommen, die andere Parteien nicht mehr spielen können oder wollen. So ist es der Neonazi-Partei gelungen, sich nach und nach im Alltag der Menschen zu etablieren. Zum zweiten Mal zog die NPD im vergangenen Herbst in den Schweriner Landtag ein. Diesen Erfolg verdankte sich nicht zuletzt auch ihrer Bürgerarbeit.

Die Politiker der etablierten Parteien, glaubt Ruppenthal, haben dagegen das Interesse an den Menschen verloren. Man sehe doch, sagt er und zeigt auf die umstehenden Gebäude, „welch geringen Stellenwert der Bürger hier hat. Wer nichts mehr zum Bruttosozialprodukt beiträgt, muss damit rechnen, keine Rolle mehr zu spielen.“ Kein Beitrag zur Allgemeinheit, keine Infrastruktur. So einfach sei das.

Rund 2.500 Einwohner leben im Stadtteil Kiez. Es sind Menschen, die keine Wahl haben, die die Billigmieten gerade noch bezahlen können – Arbeitslose, Hartz-IV-ler, 1-Euro-Jobber, Spätaussiedler. Eine Kita, die „Europaschule“ und der SB-Frischemarkt – das ist alles, was es hier im Viertel gibt.

Es ist Donnerstag, 15 Uhr, Ruppenthal macht mit seinem Volx-Mobil am Spielplatz halt. Dann packen er und seine Helfer Boxhandschuhe, Bälle und Springseile aus. In Windeseile spricht sich ihre Ankunft herum. Einige Kinder spielen Brennball. Wer getroffen wird, muss raus aus dem Feld. Und in gewisser Weise gilt das auch im übertragenen Sinne für sie – denn sie sind raus dem Fokus der Stadtväter, aus dem Blickwinkel jener, die nur ein paar Kilometer entfernt in einer der eleganten Hagenower Villen wohnen oder in den schmucken Fachwerkhäuschen der Altstadt.

Hier, im Kiez stehen viele Wohnungen leer. In manchen Häusern ist nur noch eine einzige Einheit belegt, der Rest: Geisterwohnungen. Wer kann, sucht das Weite. Auch Annik will weg. Die 26-Jährige sucht einen Job als Altenhelferin. Gar nicht so einfach, sagt die junge Frau, die auf den ersten Blick viel älter wirkt. Hier gebe es eine Kinderbetreuung, aber keine Arbeit. Und in Hamburg, wo sie ein Jobangebot hatte, fehle die Kita, mit der sie als Alleinerziehende den Schichtdienst hätte meistern können. Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma?

Annik versucht noch, aus ihrem Leben etwas zu machen. Die meisten Kiez-Bewohner haben dagegen aufgegeben. Die Wende brachte für sie keinen Gewinn, sondern nur den sozialen Abstieg. Von der Politik erwarten sie nichts. Dadurch werden sie anfällig für einfache Lösungen und Parolen. Sie werden anfällig für die NPD.

Schon Zehnjährige kommen zu Ruppen­thals Team und erzählen, dass sie „Schwarze hassen“. Der Sozialpädagogen wundert sich über solche Äußerungen schon lange nicht mehr. „Die Menschen hier sind so bedürftig, dass sie alles aufsaugen wie ein Schwamm.“ Sind sie erst einmal überzeugt von den Ideen, die die Gesellschaft in gute und nützliche Menschen einerseits und unnütze Menschen andererseits einteilen, ist es schwer, sie wieder zurückzuholen.

Überall altgediente Kader

Ruppenthal weiß, wovon er spricht. Sein Sohn war jahrelang in der rechten Szene aktiv. Damals, als die Familie noch in Karlsruhe lebte, kam der Sohn eines Tages mit weißen Schnürsenkeln an, in Neonazikreisen ein Symbol für Kampfbereitschaft. Er hörte Skinhead-Musik, traf sich mit schweren Jungs. Eine schwierige Zeit, sagt Ruppenthal und blickt zu den spielenden Kindern. Er habe versucht, das Gespräch aufrechtzuerhalten. Am Ende schaffte der Sohn den Absprung aus der rechtsradikalen Szene – wie sein Vater arbeitet auch er heute im sozialen Bereich.

Ruppenthal kommt aus einer christlichen Familie, sein Engagement für die sozial Schwachen ist weniger politisch als religiös begründet. Und doch hat Ruppenthals Optimismus in jüngster Zeit einen Dämpfer bekommen. Er sei zum „Systemkritiker“ geworden, bekennt er, und in seinen weichen Badener Akzent mischt sich ein bitterer Unterton. Ein System, das weite Teile seiner Bürger ausgrenze, sei ein Skandal. Die Politik übe sich in Feuerwehrmentalität: Erst wenn es brenne, rafften sich die Parteien auf, um einige Projekte anzuschieben, um die angespannte soziale Lage zu verbesseren. Ansonsten herrsche Ignoranz. „Wir haben es in den Verwaltungen mit altgedienten Kadern zu tun. Die sind nicht Teil der Lösung, sie sind Teil des Problems“, sagt er bitter.

Immerhin, in Neustadt-Glewe haben die Stadtväter erkannt, dass es der Arbeit von Ruppenthal und seinem Team zu verdanken ist, dass ein ganzes Problem-Viertel aufwertet wurde. Statt stundenlang vor dem Fernseher zu hocken, statt Gewalt und Missbrauch ausgesetzt zu sein, kommen die Kinder in das kleine Büro, das die Stadt inzwischen finanziell unterstützt. Hier können sie spielen und basteln, Geschichten hören. Auch die Eltern schauen ab und zu vorbei, trinken Tee, packen mit an, wenn es etwas zu tun gibt. Erstmals ist im Viertel so etwas wie Gemeinschaftsgefühl entstanden.

In Hagenow sind sie noch lange nicht so weit. Die Stadt ist nicht bereit, einen Anteil an den Kosten für eine Spielstätte zu tragen – trotz der geradezu lächerlich niedrigen Mieten in Kiez. Doch auch hier ist „der Thomas“ für die Kinder ein Held. Da macht es nichts, dass der Ort für Spaß und Begegnung einmal in der Woche aus einem zugigen Spielplatz besteht.

Am nächsten Tag steigt Ruppenthal mit einigen Kindern in den Zug nach Hamburg. Um ihnen zu zeigen, dass die Welt mehr zu bieten hat als Arbeitslosigkeit und Armut, stehen neuerdings Ausflüge auf dem Programm. Aufgeregt steht die elfjährige Jasmin wenig später an den Landungsbrücken und blickt mit großen Augen zu den Containerschiffen hinüber, die den Hafen ansteuern.

„Eigentlich ist es ganz simpel“, sagt Ruppenthal, „es geht darum, die Herzen der Menschen zu erreichen. Der Glaube, dass man ohne Personal und direkte Ansprache etwas bewirken kann, ist ein Irrglaube.“ Wenn die Gesellschaft es nicht schaffe, den Bürgern auch in Notlagen ein Mindestmaß an Respekt entgegenzubringen, so ist er überzeugt, laufe das System auf eine Katastrophe zu.

Dicke Eisschollen treiben vorbei, es ist kalt und windig. Die Hafenrundfahrt ist beendet, die Döner aufgegessen. Langsam macht sich die Gruppe auf den Weg zum Zug, der sie zurück in ihre Platte bringen wird. Dort, wo nach Aussage von Ruppenthal derzeit drei Weltanschauungen um die Deutungshoheit ringen: Nationalisten, Ewiggestrige und Christen. Noch ist nicht entschieden, wer das Rennen machen wird.

Marion Kraske arbeitete früher für den Spiegel und betreibt die Plattform debattiersalon.de

Kommentare (4)

rolf netzmann 18.03.2012 | 12:29

In der aktuellen Printausgabe des FREITAG findet sich auf Seite 3 eine Reportage über Hagenow. Das ist eine Kleinstadt in Meck-Pom mit zwei unterschiedlichen Gesichtern. Auf der einen Seite Reihenhäuser und Villen, auf der anderen Seite ein noch aus DDR-Zeiten stammendes Neubaugebiet, das schon in die Jahre gekommen ist. Und hier leben die, die abgekoppelt wurden in den letzten Jahren, von der gesellschaftlichen wie auch wirtschaftlichen Entwicklung. Hier hat sich ein Milieu entwickelt, das durchaus slumähnliche Züge aufweist. Nun gibt es solche Reportagen immer wieder, nur, was bei dieser auffällt, ist die genaue Zeichnung dieses Milieus. Das Treffen mit der Bierflasche in der Hand vor dem Supermarkt, und später kommt das Volx-Mobil des kirchlichen Sozialarbeiters. Die Stadt zieht sich mangels finanzieller Mittel zurück und überlässt diese Ecke sich selber. Wer es schafft, zieht weg, und , dumpfes deutschnational-rechtes Gedankengut wird hier als Lösung gern angenommen.

Zwei Schlussfolgerungen lassen sich aus dieser lesenswerten Reportage ableiten.

Erstens. Kein Bundesland und auch keine Kommune kann es sich eigentlich leisten, ganze Landstriche abgekoppelt vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung sich selber zu überlassen. Was dann passiert, wird hier deutlich beschrieben. Verwahrlosung der Bevölkerung, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit führen zu einer Apathie der Bewohner, die in Drogenmissbrauch und dem Wegbrechen moralischer Grundwerte endet. Von den Folgekosten in Form staatlicher Unterstützung bis hin zu Sicherheitsbehörden und Justiz möchte ich gar nicht schreiben.

Zweitens. Nicht nur der Staat, sondern auch alle ihn tragenden Parteien haben sich aus dem Hagenower Problemkietz zurück gezogen. Und damit bieten sie einer Partei eine Chance, sich zu profilieren, die von allen bekämpft wird. Die NPD hat hier erfolgreich ihr Image als Kümmerpartei aufgebaut und wird akzeptiert. Hier hat sie auch ihre Stimmen geholt, die ihr die zweite Legislaturperiode im Schweriner Landtag gesichert haben. Krass ausgedrückt, hier haben sie alle anderen politischen Kräfte durch ihre Ignoranz stark gemacht.

Und daraus ergibt sich eine entscheidende Frage. Unabhängig von der wieder aufkeimenden Diskusion über ein NPD Verbot, warum bieten Staat und andere Parteien den Rechten diese Möglichkeiten? Wie auf dem Silbertablett servieren sie den NPD-Kadern eine Chance, sich dauerhaft und nachhaltig zu etablieren. Wo bleibt hier die Linke, die Partei, die angeblich vor Ort ist? In Hagenow ist sie nicht, hier überlässt sie dem politischen Gegner kampflos?? das Feld. Gerade sie müsste in diesem Kietz präsent sein, etwas anbieten, auf Veränderungen nicht nur in den kommunalen Parlamenten drängen. Doch das passiert scheinbar nicht.

Der Kampf gegen rechte Strukturen muss vor Ort geführt werden, ein Etablieren der Ewiggestrigen als Kümmerpartei muss von Anfang an verhindert werden. Das ist nicht nur in Hagenow versäumt worden, sondern auch in anderen ländlichen Gebieten von Meck-Pom, Brandenburg oder Sachsen. Und so erleben wir heute, wie die NPD von Vielen als völlig normal angesehen wird, weil sie Möglichkeiten zur Etablierung nutzt, die ihr von ihren politischen Gegnern zur Verfügung gestellt werden. Es ist paradox aber wahr.

Solange das allerdings eine deutsche Realität ist, muss über ein neuerliches Verbotsverfahren nicht nachgedacht werden.

zuerst veröffentlicht unter mann-im-netz.blogspot.com

Sinan A. 18.03.2012 | 15:40

Was im Osten vor allem fehlt, ist ein gesundes links-liberales Bürgertum. Das ist dort fast nicht vorhanden. Eine Art Andock-Station für alle, die drohen abzudriften. Denen fehlt die historische Basis der Bonner Republik.

Die Gegenüberstellung im Text von "etablierten Parteien" und der NPD, die sich kümmere, ist mir ein wenig zu schönfärberisch. Die Linke ist ja nicht deshalb nicht präsent, weil sie nicht wollen, sondern weil denen sofort die Scheiben eingeworfen werden und man sie zum Teufel jagt. Die einzigen, die an diese Plattenbau-Menschen ran kommen, sind rechte Streetworker und NPD. Das darf man nicht übersehen. So sieht's nunmal aus.

Leninkult.de 18.03.2012 | 23:09

Das ist nun wirklich zu kurz gesprungen. Die "Journalistin" arbeitet noch oberflächlicher als die Streetworker. Kurz rein in den Problemkiez, ein paar Klischees suchen und finden (Alkohol, triste Plattenbauten, fehlende Kulturangebote) und daraus einen "Artikel" zusammenschustern, der dann auch noch laut einiger Kommentatoren eine "genaue Milieuzeichnung" darstellt.

Mitnichten. So einfach ist die Realität leider nicht. Sie ist komplexer, vielschichtiger und nicht mit einem Recherchevormittag am Kiez zu erfasssen. Hagenow ist eine der wenigen ostdeutschen und zumal mecklenburgischen Provinzstädte, die zu den Wendegewinnern zählen dürften. Die Nähe zu Hamburg lässt alle jungen und mobilen Bewohner in der Hansestadt gutes Geld verdienen (1 h Fahrt auf der A24) und lässt sie abends in gepflegten Hagenower Reihenhäusern den Feierabend genießen. Bei gutem Einkommen.

Außerdem hat sich in Hagenow eine gute Wirtschaftsbasis erhalten, ein Mix aus Handwerksbetrieben, Traditionsfirmen wie der Mecklenburger Kartoffelveredlung und Neuansiedlungen westlicher Investoren wie Kühne aus Hamburg.

Der Arbeitsamtsbezirk Hagenow hatte im Februar 2012 eine Erwerbslosenquote von 8,8%. So niedrig wie nirgendwo sonst im weiten Mecklenburg. Von dieser Quote würden einige ehemalige Zonenrandgebiete in Schleswig-Holstein und Niedersachsen träumen. Kurzum: In Hagenow findet sich kein wirtschaftlicher Niedergang, nirgends.

Journalistische Regel Nummer Eins: News is what is different. Dass in einem mecklenburgischen Kaff Plattenbaugebiete wenig Flair bieten, eher Hartz-4-Publikum und Spätaussiedler anziehen, die wiederum empfänglich sind für billige Parolen, ist ein alter Hut.

Wie schwach der Artikel recherchiert ist, zeigen die inhaltlichen Fehler: Der beschriebene Stadtteil heißt nicht Kiez (Wir sind hier nicht in St. Pauli, Marion!) sondern K-I-E-T-Z. Das "T" sollte dort vor Ort irgendwo zu finden gewesen sein. Außerdem fährt der Streetworker nicht wie im Text beschrieben nach Hagenow und Wittenberg (und Neustadt-Glewe), denn das würde seine Spritkosten überstrapazieren. Der gute Mann fährt nach WittenbUrg. Denn das ist von Hagenow nur 12 km entfernt.

Gut, dass es den Freitag gibt, der solche Geschichten aufgreift. Schlecht, dass sie letztendlich wieder nur einen arg verzerrten Ausschnitt aus einer Scheinrealität darbieten.