Malen statt zahlen

Tauschhandel Kann man wirklich nur mit Euro bezahlen? Von wegen, alternative Währungen florieren. Entlohnt wird nicht mit Geld, sondern lieber mit Bonuspunkten oder Kunst

Es klingt wie ein Kindertraum. Wie wäre es, sich Geld einfach selbst zu malen? Das fragte sich der dänische Künstler Lars Kræmmer und hatte die Idee, Kunstwerke als Währung einzuführen. Dahinter steht bei ihm auch die alte Vorstellung vom Eigenwert eines Zahlungsmittels. "Wie früher, als Geld noch aus Gold und Silber gemacht wurde, dachte ich mir, Geld aus Kunst würde wieder einen Eigenwert repräsentieren", sagt Kræmmer.

Aus seiner Idee ist das Artmoney-Projekt entstanden, für das heute mehr als 1.000 Künstler aus über 40 Ländern „Kunst“-Geld produzieren, dessen Akzeptanz erstaunlich hoch ist. Statt Geldscheine sind die Tauschmittel kleine Kunstwerke von 18 mal 12 Zentimeter Größe, ihr Wert ist auf 200 Dänische Kronen (zirka 27 Euro) festgelegt. Man kann sie online kaufen und eine offizielle Liste mit 100 Shops einsehen, die Artmoney akzeptieren. Wenn man Kræmmer glauben mag, ist das aber bloß ein Bruchteil des inoffiziellen Netzwerks an Läden, die die Bilder akzeptieren. Viele Geschäfte ließen sich spontan von der Idee überzeugen. „Ich bezahle mit Artmoney bei meinem Zahnarzt, meinem Anwalt, in Klamottenläden, Restaurants und Hotels“, sagt er.

Das Ibsen-Hotel in Kopenhagen ist das erste Hotel, das Artmoney als 100-prozentige Bezahlung akzeptiert. Wie bei anderen Währungen ergibt sich auch bei Artmoney der Wert des Tauschmittels aus der Bereitschaft des Gegenübers, ihn anzuerkennen. Oft werden die Bilder nur als Teilzahlung akzeptiert, der Rest muss in Kronen beglichen werden. Im Ibsen-Hotel hängen die kleinen Bilder auf den Fluren. Wenn ein Gast eines kaufen möchte, kann er das tun – dann bekommt das Hotel wieder Kronen, gute Eigen-PR gibt’s gratis dazu.

Artenvielfalt beim Geld

Das Artmoney-Projekt ist dabei nur eine Variante alternativer Zahlungsformen. Das moderne Geld ist Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Wertübertragungsmittel, Wertmaßstab und Spekulationsobjekt zugleich. Sind das zu viele Funktionen? Der Belgier Bernard Lietaer sieht das so. Der Ex-Zentralbanker ist für viele ein Guru auf dem Gebiet alternativer Währungen. Er macht die „Monokultur von Nationalwährungen“ dafür verantwortlich, dass das Finanzsystem instabil ist und fordert: „Wir brauchen beim Geld eine ‚Artenvielfalt‘.“

Diese entwickelt sich derzeit – selbstorganisiert und innovativ. In Spanien sind etwa Zeitbanken auf dem Vormarsch. Hier ist Zeit die Währung, mit der Mitglieder sich untereinander entlohnen. In Online-Netzwerken wie comunitats.org erstellt man ein Profil mit seinen Fähigkeiten und durchstöbert die Liste der Projekte, die um Mithilfe werben. Ein Mann namens José will etwa einen Gemüsegarten anlegen und sucht Leute, die sich mit dem Gärtnern auskennen. Wer ihm fünf Stunden hilft, bekommt diese auf seinem Zeitkonto gutgeschrieben und kann nun für diese Zeit die Hilfe anderer Mitglieder in Anspruch nehmen. Etwa von Toni, dem Informatiker, oder Catalina, der Englischlehrerin. Mehrere tausend Stunden qualifizierte Arbeit wurden so bereits geleistet.

Viele der Projekte bei Comunitats sind Geschäftsideen, Gehversuche aus der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit. Also letztlich Projekte, die dem offiziellen Wirtschaftszyklus auch wieder zugutekommen werden. Überhaupt möchte hier niemand das Geld gänzlich abschaffen, lediglich seine Bedeutung etwas relativieren.

Neben dem Euro bestehen

In Griechenland hat sich diese Relativierung offenbar ganz automatisch vollzogen. Seit Beginn der Krise musste jedes vierte Geschäft schließen, der Tauschhandel dagegen boomt. Bei dem Netzwerk xariseto.gr wird verschenkt, was man nicht mehr braucht. Bis zu 150 neue Anzeigen kommen täglich zu den 9.000 aktiven Angeboten hinzu. Von Kinderschuhen bis hin zu Autos. Makis Podromou, Gründer von Xariseto, glaubt fest an die Idee: „Schon bald werden überall in Europa diese Strukturen zur Verfügung stehen – und sie werden vieles vereinfachen.“

Andere Griechen nutzen ausgeklügelte Punktesysteme, die sie zu einer „sozialen Währung“ ausrufen – wie den Ovolos. Auf der Website suchen und bieten die Mitglieder sowohl Waren als auch Dienstleistungen und wer etwas Passendes findet, bezahlt in Punkten, die virtuellen Ko nten gutgeschrieben werden.

Geradezu sinnbildlich für eine sich verschärfende Situation in Griechenland, wurden 2009 mit dem Ovolos noch meist Dienstleistungen gehandelt, heute sind es vor allem selbstangebaute Lebensmittel. Der Ovolos soll dabei mehr als eine kurzfristige Selbsthilfe sein – er soll dauerhaft neben dem Euro bestehen. Er biete „eine alternative Ökonomie“ und die „Lösung der Krise unserer Zeit“, sagt Nikos Bogonitolos, Gründer des Ovolos. „Nicht Profit, sondern unsere Mitglieder zu versorgen“, sei das Ziel. Tatsächlich werden hier ohne Bargeld Ressourcen verfügbar gemacht. Nur der Fiskus geht leer aus. Die Schuldenkrise wird ein solches System daher nicht lösen.

Ein Problem, das jede Währung hat, betrifft auch alternative Tauschsysteme: Es funktioniert nur, wenn es genügend aktive Mitglieder gibt. Ist das Angebot zu klein, bekommt man für seine Punkte nicht, was man braucht. Von der Virtualität alternativer Währungen sollte sich indes niemand abschrecken lassen. Auch die Papierwährung des Staates erhält ihren Wert ja nur dadurch, dass sich die meisten einig sind, sie als Zahlungsmittel zu akzeptieren.

Ovolos-Gründer Bogonitolos hat jedenfalls große Ziele: „Wir können mit einer anderen Währung eine soziale Nebenökonomie entwickeln.“ Und Lars Kræmmer arbeitet daran, eine ganze Shoppingmeile in Kopenhagen in eine Artmoney-Straße zu verwandeln. Er ist sich sicher: „Die Zeit ist reif für utopische Ideen!“

09:44 26.03.2012

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