Mallorca ist ein Traum

Alltag Vor einer, die auszog, im Paradies zu leben

Gearbeitet habe ich hier und dort, war mir für keinen Job zu schade, habe in Berliner Hotels gekellnert, in diversen Cafes mein Geld verdient. Selbst Putzjobs schreckten mich nicht ab. Als mir ein Bekannter meiner Mutter vorschlug, zu ihm nach Mallorca zu gehen, bei ihm zu wohnen, bis ich dort einen Job gefunden hätte, kam mir das gelegen.

Zugegeben, es waren das Meer, die Palmen und die Sonne, die ich im Kopf gehabt habe. Seitdem ich denken kann, war ich eine Sonnenanbeterin. Auch die Vorstellung, die Menschen seien dort glücklicher, freundlicher und arbeiten gelassener, hat mich gelockt, ich dachte, dort kannst du mit Spaß am Job Geld verdienen. So machte ich kurzen Prozess, verkaufte mein Auto, kündigte meine Jobs und vermietete meine Wohnung. Einfach weg, tschüss kaltes Deutschland, tschüss Wirtschaftskrise. Ich war übersättigt von den Leuten, ihrer Perspektivlosigkeit, ihren aufgegebenen Träumen. Es schien, sie kommen aus ihrem monotonen Leben nicht mehr heraus. Mich hat das richtig angekotzt, Leute, die an ihrem schlecht bezahlten Job festhalten, frustriert sind und nicht weiterkommen.

Anfangs flog ich also zu dem Bekannten rüber. Drei Freundinnen, die gerade ihr Abitur abgeschlossen hatten, folgten mir. Hatte keine Ahnung wie lang ich bleiben werde, Wochen, Monate, Jahre oder für immer, ich war einfach für alles offen. Alex, der Bekannte meiner Mutter, hütete ein Haus auf Maraxxi, kannte viele Leute und wollte mir zeigen, was da so läuft. Den ersten Job in Puerto Portals habe ich durch ihn bekommen, in einer richtig dekadenten Bar am Jachthafen, total Schickimicki, oberflächlich, voll von Dior und Gucciverfechtern. Als ich das sah, wollte ich gar nicht dort anfangen, zumal die Chefin mir zu wenig Geld bot. Dachte, nee, für 600 Euro im Monat gehst du nicht arbeiten. Dann war aber Not am Mann, sie rief an und bat mich zum Probearbeiten zu kommen. Sie wollte mich unbedingt behalten, bot mir 200 Euro mehr damit ich bleibe. 800 Euro, sechs Tage die Woche à fünf Stunden, war okay und so blieb ich. Dass es bei den fünf Stunden am Tag nicht bleiben würde, wusste ich zuerst nicht, auch nicht, dass die zahlreichen Überstunden nicht bezahlt werden.

Am ersten Arbeitstag packte mich die Chefin am Arm und erzählte mir, wie der Hase läuft. Etwas über 40 muss sie gewesen sein, eine Deutsche, so schön, dass ich sie immerzu anstarrten musste. Sie sagte mir, ich soll mich bitte sexy anziehen, falls ich High Heels tragen kann, würde sie es begrüßen, die Gäste sehen es nämlich gern. Sollte ich nichts Passendes haben, würde ich es von ihr bekommen. Als Kellnerin habe ich dafür zu sorgen, dass Gäste herangezogen werden, mich darum bemühen, dass sie am nächsten Tag wieder kommen, indem ich sie schlichtweg unterhalte. Dabei soll ich es darauf anlegen, eingeladen zu werden, versuch bitte nur Champagner zu trinken, das 0,1-Glas für 10,40 Euro, sagte sie, so würde sie es auch handhaben.


Die ersten Wochen auf der Insel waren einfach mal richtig geil. Wir waren mit dem Cabriolet des Hausherren unterwegs, gingen schön teuer Essen oder lagen am Strand, ließen uns den Wind um die Ohren blasen. Arbeit war Nebenbeschäftigung. Ich ging ständig einkaufen, lernte jede Menge neuer Leute kennen und fühlte mich einfach total cool. Die Euphorie verflog aber schnell, denn die Arbeit wurde zunehmend mehr, und die Fassade der ach so netten Leute bröckelte allmählich. Plötzlich fand ich mich inmitten einer Gegend reich an Zuhältern, Nutten, Prinzen, Ölscheichsöhnen und vor allem Blendern wieder.

Schnell hatte ich die verschwenderische Klientel und ihr dekadentes Gehabe satt. Meine Chefin organisierte gern Partys für ihre Freunde, so auch den Geburtstag einer der Szene nicht unbekannten Prinzessin. An diesem Tag stand der Laden Kopf, ich kam früher zur Arbeit, um alles vorzubereiten. Wir gaben uns Mühe, deckten schöne weiße Tischdecken ein und hängten silberne Luftballons auf. Ich freute mich auf einen anspruchsvollen Abend. Dann kam, begleitet von seinem Bodyguard, der Ehegatte der Prinzessin, der große Prinz, der nur Dank 10.000 Euro zu einem solchen wurde. Bei der Dekoration ging er uns zur Hand, stellte seine angelieferten Utensilien, darunter weiße Pudel mit leuchtenden rosa Augen, Plastikschweine mit überdimensionaler Hängebrust, Frösche mit riesigen Phallussymbolen, die als Aschenbecher dienten sollten, überall auf und gab dem Raum somit eine persönliche Note.

Dann kam Prinzessin, Nase, Lippe und Titte offensichtlich operiert, und ihr Volk. Gin Tonic und jede Menge Koks heizte den Leuten ein, meine Chefin tanzte auf dem Stuhl. Der Umsatz brummte, die feine Gesellschaft bestellte einen Longdrink nach dem anderen, ohne jemals auszutrinken, Champagner floss ohne Ende. Ich hasste sie, all die Blender darunter, die zwar eine Jacht pachten, aber nicht die Kohle haben, sie aus dem Hafen zu bringen. Hauptsache dick auftragen, diese Einstellung machte mich krank.

Krank machte mich auch meine Chefin, plötzlich durften wir nur noch Drecksarbeit verrichten, das Lager aufräumen, während sie mit den Gästen ein nach dem anderen kippte. Hatte das Gefühl, sie kam mit unserer Jugend nicht klar, wurde mit ihrem Alter konfrontiert. Vielleicht lag es aber daran, dass wir nicht so wild anheizten, wie sie es gern hätte. Wenn es nach ihr ginge, hätten wir, à la Coyote Ugly, in Minirock auf dem Tresen tanzen müssen. Der Verdacht bestätigte sich, sie suchte schon nach Ersatz, diesmal nach Mädels, die sich für nichts zu schade sind. In Magaluf, dem Ballermann-Ort schlechthin wurde sie fündig, ein englisches Mädel, 24 und einiges gewohnt. Gleich am ersten Arbeitstag folgte sie einem reichen Kerl auf sein Boot. Niemand hat sie je wieder gesehen, sie verschwand spurlos, ihr Zimmer hat sie nie wieder betreten. Der Vater gab eine Vermisstenanzeige auf.


In der Hoffnung auf etwas Neues schmiss ich das Handtuch. Mittlerweile wohnte ich in einer riesigen Finka in Binessalem. Dort umsorgte ich Haus, Garten und Tiere. Meine Freundinnen und ich mussten aber auch von dort flüchten, denn der Hausbesitzer hat plötzlich am Rad gedreht. Ursprünglich wollte er gar nicht anwesend sein, doch genoss er es total, in unserer Nähe zu sein, und war plötzlich ständig da, ständig wollte er etwas mit uns unternehmen. Richtig angegraben hat er uns aber nicht, war so ein Schwanzloser. Der alte Sack wollte uns auch noch mit der Miete übers Ohr hauen. Durch seine dubiosen Beziehungen zahlte er nur 1.000 Euro fürs ganze Haus, von uns Mädels verlangte er tatsächlich 700 Euro, und das für zwei mickrige Zimmer.

Wir sind dann nach Paguera gezogen, einen Touristenort im Südwesten der Insel. Der Freund einer Exkollegin führte dort einen großen Club am Strand. Ich hatte einiges gegen ihn in der Hand, denn ich wusste, dass er eine Affäre hatte, der Haushüter des größten Drogendealers Mallorcas war und junge Mädels auf die Bootsparties schleppte. So war es nicht so schwer, ihn davon zu überzeugen, meine Freundinnen bei ihm arbeiten zu lassen. Allerdings war es ein scheiß Job, sie arbeiteten dort Doppelschicht, einmal von 12.30 bis 16 Uhr und dann von 19 Uhr bis Open End, für sechs Euro die Stunde. Mit Ach und Krach haben wir auch ein Appartement gefunden, zwar sehr überteuert, 900 Euro für ein Zimmer, aber wir waren ja zu dritt. Ich habe mich dann auch umgehört, bin losgezogen und in eine Bar reinspaziert, von der ich wusste, dass sie Personal suchen. Einmal Probearbeiten und dann ging es los. Der Chef sagte, ich würde 1000 Euro verdienen, aber sieben Tage die Woche arbeiten müssen. Das wollte ich nicht, ein freier Tag muss doch drin sein, wenn man über acht Stunden arbeitet. Er sagte, gut, das kriegen wir schon hin, ich verließ mich darauf und unterschrieb. Aus dem freien Tag wurde natürlich nichts, ich brauchte das Geld. Mit der Zeit erfuhr ich, dass der Laden zu der ortsansässigen Mafia gehört, einer spanischen Familie vom Festland, die mehrere Läden im Ort beherrscht. Direkt gegenüber der Bar war einer dieser Nachtclubs. Abend für Abend sah ich ´rüber. Mädels in High Heels, Minirock, auftoupierten Haaren und dicker Schminke im Gesicht, stolperten Tag für Tag unter Aufsicht des Besitzers auf vorbeilaufende Touristen zu, um sie in den Club zu kriegen. Sie erzählten ihnen, der Eintritt wäre frei, es wäre eine super Stimmung drin. Dass sie aber einen Mindestverzehrbon bekommen werden, sobald sie den Laden betreten, sagten sie ihnen nicht. Das erste Getränk, sei es nur Wasser, bekam man nicht unter fünf Euro.

Die Mädels kamen aus Deutschland und waren gerade mal 18, sie hielten den harten Umgang aus. Sie kamen auf Pauschale, 1.500 Euro wurde ihnen versprochen, wovon aber Unterkunft und Shuttle abgezogen wurden, so dass nicht viel übrig blieb. Eine von ihnen, die auf diese miese Behandlung keinen Bock hatte, sich sträubte, wurde einfach aus der Unterkunft rausgeschmissen, fand sich am Strand wieder, wo sie nächtigte, bis sie in dem ausgebuchten Ort etwas fand. Zurückgehen wollte sie nicht, sie war zu stolz.

Bis auf meinen Job und meinen Chef sah ich von nun an nicht mehr viel. Er selbst hatte früher in dem gegenüberliegenden Schuppen als Barmann auf Rollschuhen gearbeitet und sich zum Teilhaber der Bar hochgedient. Kein leichter Job, täglich von 17 bis 5 Uhr morgens im Laden zu stehen, setzt einem ganz schön zu. Ich fragte mich immer, wie er das schafft, er war immer total aufgedreht und sah aus wie der Tod. Es gab nur wenige Momente, in denen ich ihn nüchtern erlebte. Immer dann räumte er ein: Bleibe auf dieser Insel nie allzu lange, sie macht dich einfach kaputt, irgendwann geht´s nicht ohne Drogen.


Mein Traum von Mallorca verflog allmählich, den Strand sah ich so gut wie nie. Die Tage, an denen du glaubtest, du weißt, wofür du kämpfst, voll von Cava, Red Bull, Jet Ski, waren einfach geil und doch so selten.

Gerade deshalb freute ich mich als meine Freundinnen mich auf eine Fete einluden, die ihre Chefs nach Ladenschluss organisierten. Als ich dort ankam, waren sie bereits richtig abgefüllt. Wir gingen nachts an den Strand um zu Baden, drei Kerle und wir Mädels. Meine Freundin tanzte oben ohne im Meer herum und wurde von den nackten Männern, die sich um sie herum postiert haben, nass gespritzt. Sie war so voll. Einer von ihnen fand es lustig ihren Bikini auf dem Kopf zu tragen. Kurz darauf gingen wir uns das Salzwasser abduschen, hüllten uns in die Laken ein, die wir bekommen hatten und gingen wieder in die Strandbar. Die Männer mischten uns einen Cocktail und setzten sich zu uns. Auf einmal sah ich, wie meine Freundin bewusstlos wurde. Mir selbst war es plötzlich ganz komisch und meine Augen kämpften damit, offen zu bleiben. Das letzte was ich wahrgenommen habe, ist, dass ein Kerl an den Busen meiner bewusstlosen Freundin fasste, und dass ich los ging, um ihn wegzuschubsen, während sich alles um mich herum drehte. Dann war ich weg, wie die beiden Freundinnen auch. Keine Ahnung, was gelaufen ist. Am nächsten Morgen wachte ich auf und stellte fest, dass ich an einer ganz anderen Stelle lag. Mir wurde schlecht. Ich fragte den Kerl, der immer schon versucht hat mich rumzukriegen, wie ich dort hingekommen sei. Lag wohl so unbequem, da trug er mich einfach rüber. Mir kamen die ganzen Geschichten hoch, von Mädels denen etwas ins Glas geschüttet wird um sie gefügig zu machen. Ich denke nicht darüber nach, was sie mit uns in dieser Nacht gemacht haben, versuche es zu verdrängen.

Jeder kennt jeden auf der Insel, ich sprach nicht darüber, denn wenn du bei einem verschrien bist, kannst du es vergessen. Brauchte meinen Job, denn ich war pleite. Die zusammengesparten 2.000 Euro aus Deutschland waren weg, mein Verdienst dort ein Witz. So arbeitete ich weiter, animierte die Touristen, die ich bald nicht mehr sehen konnte.

Das Paradies entpuppte sich als Illusion. Klar stehst du auf und die Sonne scheint, deine Laune wird besser, du hast das Meer. Doch genießen kannst du es nicht, alles ist so falsch, alles nur eine Heuchelei, niemand da dem du vertrauen kannst. Eine Scheinwelt, so krass irreal. Egal wohin du dich drehst, hörst du Menschen schreien, die Opfer ihrer Träume geworden sind. Schicksale von Mädels, die hier her kommen, finanziell ausgebeutet werden, Lohnschecks unterschreiben, die sie niemals kriegen und den einen oder anderen Klaps auf den Po einstecken, das ist das andere, wahre Mallorca. Die Freundlichkeit und das Glück in den Menschen, das ich hier finden wollte, lediglich Ausdruck einer gepfefferten Dosis Koks.


Dann kam die Nachricht! Mein Stiefvater sei gestorben, teilte mir meine Mutter am Telefon mit. Ich begann zu weinen. Mein Chef sagte mir, ich solle einfach nicht daran denken und weiter lächeln. Du bist hier im Job, sagte er, stellte mir alle halbe Stunde einen Schnaps hin, damit ich lockerer werde. Am Tisch lächelte ich die Gäste an, wenn ich mich umdrehte, kamen mir die Tränen.

Es wurde mir zu viel, ich musste gehen. Meine Freundinnen hatten sich auch total verändert, waren so naiv und haben sich zu allem mitreißen lassen, ließen sich auf teuren Jachten von alten Säcken befummeln. Ich entschied, nach Deutschland zurückzukehren und klärte meinen Chef auf. Für die letzten zwei Wochen standen mir noch 350 Euro zu. Er gab mir 150 Euro und sagte, sei froh, dass du überhaupt etwas bekommst, so wie du die letzten Tage über drauf warst. Ich wollte einfach nur zu meiner Mutter.

Im Flieger zurück nach Hause empfand ich nur noch Freude, Freude auf so viele Sachen, Nachos mit Käse und Kino. Vor allem natürlich auf meine Mutter und echte Menschen, die einfach das sind, was sie sind, und nicht krampfhaft versuchen, dazu zu gehören. Trotz Schulden und meinen scheiß Erfahrungen, ich bereue es nicht, sehe Menschen jetzt in einem ganz anderen Licht, traue grundsätzlich so schnell niemanden.

Aufgeschrieben von Andrzej Frydryszek


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00:00 14.10.2005

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