Mampf

Linksbündig Politisiert wird, was auf den Tisch kommt: McDonald´s, die Gesundheit und die Linke

Seit einigen Monaten hat die deutsche Politik die Suchtbekämpfung wiederentdeckt. Die flächendeckende Einführung von Rauchverboten ist gerade erst ohne nennenswerten Widerstand beschlossen worden, da erklärt die große Koalition, unterstützt von nahezu allen übrigen Parteien und relevanten Interessengruppen, einem weiteren Übel den Krieg: der schlechten Ernährung. Wie genau staatlich interveniert werden kann, um der Vorliebe für Fastfood und Süßkram zu begegnen, ist zwar noch unklar. Einig ist man sich jedoch darin, dass Eltern verstärkt angehalten werden sollen, ihren Nachwuchs "ausgewogen" zu füttern. Die elterliche Förderung frühkindlicher Verfettung soll sogar, wie nicht nur Unions-Politiker einklagen, als Kindesmisshandlung juristisch geahndet werden.

Umfragen zeichnen derweil ein erschreckendes Bild der Alltagsmentalität: Wurde noch das Rauchverbot selbst von Gewohnheitsrauchern unterstützt, scheinen sich Dicke wenig darum zu scheren, dass ihr Aussehen nicht der DIN-Norm von Germany´s Next Topmodel entspricht. Nur eine Minderheit wäre bereit, das eigene Ernährungsverhalten im Sinne der neuen Gesundheitsideologie umzustellen. Parteien und Medien begegnen dieser Verweigerung mit manifesten Drohungen. Dicke, heißt es, seien auf dem Arbeitsmarkt schlechter vermittelbar und überhaupt ein Schandfleck auf der von Schlankheit und Munterkeit bestimmten repräsentationspolitischen Fassade, mit der der deutsche Alltag künftig identisch sein soll. Dicke sind träge, unbeweglich, sie schnaufen und schwitzen.

Gerade die Linke tut alles, um bei der Hetze gegen Dicke ganz vorn dabei zu sein. Ihrer Vorliebe für exotisch-unterernährte Völker wie Somalier und Ruandesen korrespondiert ein vehementes Ressentiment gegen Burger- und Kartoffelchip-Proleten. Wer sich zu dieser Form von Nahrungsaufnahme herablässt, gilt in linken Milieus als Bündnispartner der amerikanischen Konsumkultur und potentieller Klassenfeind. In Berlin-Kreuzberg lässt sich diese linke Variante der Kiez-Bodenständigkeit derzeit anschaulich studieren. Dort soll bald die erste Kreuzberger McDonald´s-Filiale eröffnet werden. Seither haben sich ein Internet-Forum und ein Protest-Komitee gegründet, die unter dem Motto "Kein McDonald´s in Kreuzberg" gegen das Fastfood-Lokal demonstrieren. In dem Gesundheitsdiskurs dieser Gruppen verbinden sich die Agitation gegen "Amerika", die provinzielle Verherrlichung des "eigenen Bezirks" und die Berufung auf "Basisdemokratie", die schon in den Achtzigern nicht immer angenehme Blüten getrieben hat, zu einem linkspopulistischen Ganzen. Das neue McDonald´s, heißt es, passe nicht in das von Kinderläden, vegetarischen Imbissen und asiatischen Restaurants geprägte Kiezmilieu und möge etwa durch eine Integrationseinrichtung wie einen deutsch-türkischen Kindergarten ersetzt werden.

Natürlich ist jeder multikulturelle Kindergarten besser als ein Fastfood-Imbiss. Doch die Sachlichkeit der Argumente ist in der Debatte nur Fassade. Dass McDonald´s (Wallraff sei dank) in punkto Hygiene und Personalpolitik verglichen mit den meisten Döner-Buden, in denen Großmutter unentgeltlich die Fliesen putzt, mittlerweile vorbildlich sein dürfte, interessiert die Gegner nicht. McDonald´s ist für sie identisch mit "Amerika", mit neoliberaler Ausbeutung. Verknüpft wird dieser antiamerikanische Diskurs mit Ängsten vor dem Verlust kindlicher Unschuld. Wie die Bundesregierung berufen sich "linke" Gesundheitsapostel auf die körperliche und seelische Verwahrlosungsgefahr, die für Minderjährige von der Fastfood-Kultur ausgehe. Freilich ließen sich in Kreuzberg, wo türkische Mädchenläden mit Hassparolen beschmiert werden, Obdachlose auf die Gunst von Minipizza-Verkäufern angewiesen sind und jedes Szene-Café mit denselben Prinzipien der Selbstausbeutung organisiert wird wie die Bars in Mitte, virulente Formen sozialer Unterdrückung auch andernorts studieren. Doch dafür gäbe es keine Mehrheit; die gibt es nur im Kampf gegen McDonald´s. Vergessen wird dabei, dass Dicksein längst ein Zeichen von Armut geworden ist. Wer sich Bioprodukte ebenso wenig leisten kann wie die von Horst Seehofer favorisierte vollwertige Schweinshaxe, der kann "Gesundheit" oft genug einfach nicht bezahlen. Der satte Großbürger à la Kohl gehört der Vergangenheit an. Deshalb kann es, wenn demnächst im Kiez ein Fastfood-Imbiss eröffnet, für wahre Dissidenten nur eins geben: hingehen und stopfen.


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00:00 15.06.2007

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