Man atmet bereits Kriegsluft

RAUCHZEICHEN Für die UN ist ein Waffengang zwischen Serbien und Montenegro im Frühjahr wahrscheinlich - das UNHCR bereitet sich auf Zehntausende von Flüchtlingen vor

Seit der Ermordung des jugoslawischen Verteidigungsministers Pavle Bulatovic wächst die Kluft zwischen Belgrad und Podgorica täglich. Die Regierung Montenegros war mit der Einführung der DM als offizielles Zahlungsmittel aus dem Finanzverbund der gemeinsam mit Serbien gebildeten Bundesrepublik Jugoslawien ausgestiegen. Vor Wochenfrist kam auch der bilaterale Warenverkehr zum Erliegen. Die Anzeichen für eine Separation Montenegros verdichten sich.

In einem Artikel für die italienischen Zeitung Il manifesto, der Ende Januar veröffentlicht wurde, verweist der Autor Claudio Bazzocchi darauf, dass inzwischen ein weiterer post-jugoslawischer Krieg nicht mehr auszuschließen sei. Er beschreibt, wie sich die Vorkehrungen der UNO momentan vor allem darauf konzentrieren, die Aufnahme möglicherweise Zehntausender Flüchtlinge abzusichern. Wir dokumentieren die wesentlichen Passagen dieses Berichts.

Seit Tagen schon spekulieren albanische Medien über einen neuen Krieg auf dem Balkan - diesmal zwischen Serbien und Montenegro. Und sie fragen gleichfalls, ob nach den Erfahrungen im Kosovo vor knapp einem Jahr, diesmal eine humanitäre Katastrophe vermieden werden kann. Das Büro des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) in Tirana hat daher diverse Treffen mit in Albanien ansässigen NGOs abgehalten, um zu prüfen, inwieweit eine "latente (Infra-) Struktur" geschaffen werden kann, die bei Kampfhandlungen in Montenegro einem zu erwartenden Flüchtlingsstrom gewachsen wäre.

Augenblicklich werden folgende Szenarien durchgespielt: erstens - Zustrom von 10.000 bis 15.000 Flüchtlingen (vor allem Bewohner der Grenzregion zu Albanien); zweitens - Exodus von 45.000 Menschen (vor allem aus der albanischen Community Montenegros); drittens - 80.000 Flüchtlinge (Albaner sowie Teile der muslimischen Bevölkerung). Seit Januar sind vom UNHCR in Albanien Arbeitsgruppen für die klassischen Notstandsmaßnahmen gebildet worden: zum Schutz vor Wind und Wetter, zu Transport sowie Trinkwasserversorgung und Gesundheit.

Am Hauptsitz des UNHCR in Genf hieß es dazu, sämtliche Vorkehrungen würden als ausgesprochen wichtig betrachtet, wenngleich aus Montenegro keine sonderlich alarmierenden Nachrichten vorlägen. Allein die Möglichkeit einer Eskalation zeitigt bereits profunde Konsequenzen. Seit einer Woche kursiert die Nachricht, es gäbe gemeinsame Bestrebungen Albaniens und Montenegros, die Grenzübergänge von Hani i Hoti, Muriqani und Vermoshi zu öffnen. Feststeht indes, dass die Regierung in Tirana ein Memorandum über Wirtschaftskooperation mit Montenegro vereinbart hat, das unter anderem eine bilaterale Ad-hoc-Kommission vorsieht. Die albanische Presse deutet diesen Schritt Montenegros so, dass über eine Partnerschaft mit Albanien ein Beitritt zum Stabilitätspakt für den Balkan vorbereitet werden soll. In diesem Zusammenhang war es offenbar von erheblicher Bedeutung, dass sich die Regierungschefs Albaniens, Mazedoniens und Montenegros im mazedonischen Ohrid trafen und dafür plädierten, den Komplex der Hilfsmaßnahmen, die der Pakt vorsieht, künftig auf Montenegro auszudehnen. Montenegros Premier Vujanovic hatte zudem seine Partner um die Öffnung eines Verbindungskorridors zwischen Mazedonien und Montenegro durch Albanien gebeten.

Die albanische Zeitung Koha Jone interpretiert das Dreiertreffen als Zeichen wachsender Distanz zwischen Podgorica und Belgrad. Im gleichen Atemzug berichtet das Blatt von einer UNHCR-Mission in der albanischen Stadt Scutari. Die Verantwortlichen des Hochkommissariats hätten dort sowohl mit dem Bürgermeister wie auch dem Präfekten logistische Kapazitäten sondiert, die bei einer Aufnahme von Flüchtlingen aus Montenegro unverzichtbar seien. Koha Jone nennt Scutari denn auch das Kukes (*) der nächsten Krise, die aus albanischer Sicht "nunmehr unvermeidlich" erscheint, denn - so die Zeitung - es sei nur noch eine Frage der Zeit, dass Podgorica die Trennung von Belgrad verlangen werde. In den Städten atme man bereits Kriegsluft.

Wie auch immer man die Lage beurteilen mag, die albanischen Medien sind jedenfalls dabei, die öffentliche Meinung ihres Landes auf die Eventualität eines neuen Balkan-Krieges einzustimmen und weisen bereits auf mögliche Vorteile hin: Eine weitere Destabilisierung des großen Feindes Milosevic - wenn nicht seinen Sturz -, außerdem einen neuerlichen Zustrom humanitärer Hilfsleistungen, sofern es zu einem Exodus aus Montenegro kommen sollte. Doch es wird auch darüber spekuliert, dass Ex-Präsident Berisha im Fall eines neuen Waffengangs die Gunst der Stunde nutzen könnte, um die Instabilität Albaniens zu schüren. Mafiöse Clans träumen von einem Boom für den illegalen Handel entlang der Grenze.

Soviel steht fest, die Mehrheit der albanischen Regierung erwartet, dass Nationalismus und Hass auf die Serben einen weiteren Schub erfahren und so die eigene Position stärken: beim Empfang von UÇK-Führer Thaci mit allen militärischen Ehren Mitte Januar offenbarte sich diese Hoffnung in aller Deutlichkeit.

Übersetzung: Robert Hagen

(*) Zufluchtsort für Zehntausende Flüchtlinge aus dem Kosovo im vergangenen Jahr

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Ausgabe 41/2021

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