Man benimmt sich nicht wie ein Kannibale

Im Gespräch Peter Scherrer, Generalsekretär des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes, über den Mehrwert grenzüberschreitender Kooperation und den Nährwert nationaler Interessen

FREITAG: Wenn man sich Debatten in den Gewerkschaften anschaut, scheint die "Europäische Solidarität" enorm wichtig. Was hält sie auf?
PETER SCHERRER: Zum Beispiel können natürlich Standortschließungen in A dazu führen, dass der Standort B an Sicherheit und Perspektive gewinnt - also das Problem der Konkurrenz untereinander. Niemand wird den Arbeitnehmern erzählen, wir verzichten zugunsten der anderen. Man kämpft erst einmal - völlig legitim - für den eigenen Standort. Aber weil das so ist, gilt bei uns die Losung "to share the pain". Das heißt, man benimmt sich nicht wie ein Kannibale und überlässt die anderen sich selbst.

Wie kann Solidarität auf europäischer Ebene überhaupt funktionieren?
Durch einen engagierten Eurobetriebsrat. Wenn der viel Erfahrung hat in grenzübergreifender Zusammenarbeit, ist das immer gut. Ebenso wichtig ist der Organisationsgrad der Betriebe. In der Automobilindustrie etwa haben wir in aller Regel Großbetriebe mit 2.000 bis 4.000 Beschäftigten und einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 60 bis 80 Prozent, zumindest bei den Arbeitern. Um eine anderes Beispiel anzuführen: Bei dem Haushaltsgerätekonzern Elektrolux dagegen handelt es sich um Betriebe mit teilweise 200 oder 300 Beschäftigten irgendwo im ländlichen Raum. Da haben wir einen Organisationsgrad von 15 Prozent und vielleicht noch 80 Leiharbeiter, die sowieso in keiner Gewerkschaft sind. Da ist Solidarität viel, viel schwieriger.

Außerdem sind die Gesetze von Land zu Land unterschiedlich.
Das stimmt, in Italien gibt es ein individuelles Recht auf Streik - in Deutschland oder in Schweden nicht. Dafür haben die Betriebsräte in Deutschland vom Gesetz her Möglichkeiten, die es wiederum in Italien oder Frankreich nicht gibt.

Gibt es Beispiele, bei denen europäische Gewerkschaftskooperation sehr gut funktioniert hat?
Denken Sie an die Schließung des Nürnberger Elektroluxwerkes. Der Streik dauerte sechseinhalb Wochen und hat das Unternehmen sehr viel Geld gekostet. Wir haben einen der besten Sozialpläne erkämpft, den es jemals gab. Und Elektrolux hat die Ankündigung zurückgenommen, eine europaweite Restrukturierung durchzuführen und die Hälfte der 35 Standorte in Westeuropa zu schließen. Oder das Volkswagenwerk in Brüssel - durch europaweite Aktionen und den Einfluss der IG Metall in der Wolfsburger Konzernzentrale konnte das Werk gerettet werden.

Gibt es Fälle von völlig selbstloser Solidarität?
Ganz selten. Streiks französischer Postboten aus Solidarität für tschechische Stahlarbeiter oder umgekehrt - das ist zu abstrakt. Aber es gibt Solidaritätsaktionen ohne unmittelbares Eigeninteresse. Vorzugsweise natürlich in Konzernen. Wenn man weiß, die machen jetzt das und das in Spanien und in Irland, dann wissen die tschechischen Beschäftigten des gleichen Unternehmens, dass sie vielleicht die nächsten sind. Dann ist es gut, wenn man mitmacht, weil man vielleicht selbst bald Solidarität braucht.

Machen osteuropäische Gewerkschaften mit?
Sie veranstalten keine Sympathiestreiks. Dafür kriegen sie die Leute nicht aus den Firmen, aber sie informieren, sie verteilen unsere Flugblätter und nehmen an den Koordinierungstreffen in Brüssel teil.

Ein Konzern, beim dem es zuletzt heftige Kontroversen gab, ist der Flugzeugbauer Airbus. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen dort?
Mit gemischten Gefühlen. Einerseits läuft die Zusammenarbeit im Eurobetriebsrat sehr gut. Der Konzern hat auch hohe Ansprüche an Corporate Social Responsibility, andererseits gibt es keine Vertretung der Arbeitnehmer im Management Board wie bei anderen Unternehmen.

Und wie ist das Verhältnis der verschiedenen, bei Airbus involvierten Gewerkschaften?
Nicht immer so einfach, weil es bei den Franzosen eine heftige Konkurrenz zwischen den verschiedenen Gewerkschaften gibt. Die CGT und CFDT wollen Gespräche mit dem Management auf europäischer Ebene. Dagegen will Force Ouvrière die einzelnen Punkte des Restrukturierungsprogramms "Power8" nur national verhandeln. Das erschwert die Abstimmung mit den deutschen, spanischen und englischen Kollegen, wo die Positionen relativ einheitlich und pro-europäisch sind.

Haben Ihnen nicht die teils ungestümen Konflikte zwischen französischen und deutschen Betriebsräten Sorgen bereitet?
Schon, weil die Angriffe einiger lokaler Gewerkschaftler in Toulouse gegenüber den deutschen Kollegen meiner Meinung nach zu weit gingen. Da wurde versucht, mit nationalen Egoismen Politik zu machen. Es gab da unangenehme Flugblätter einiger französischer Gewerkschaften mit dem Unterton, die Deutschen kriegen alles - und wir müssen leiden.

Wie haben Sie reagiert?
Wir haben versucht, klar zu machen, dass diese nationalistischen Untertöne den gemeinsamen Kampf gegen "Power8" gefährden. Die Betriebsräte aus Deutschland sind auch nach Paris gefahren und haben sich mit den Verantwortlichen getroffen - es war wichtig, wieder Vertrauen aufzubauen.

Welche Rolle spielte nach Ihren Eindruck die Politik dabei?
Angela Merkel und andere Politiker haben mit ihren Äußerungen dazu beigetragen, dass es zu diesen nationalen Verstimmungen kam. Ich finde es unhaltbar zu sagen, wir müssen unsere nationalen Interessen durchsetzen. Wir müssen vielmehr europäische Interessen durchsetzten. Es geht darum, dass dieses Unternehmen wettbewerbsfähig ist und die Beschäftigten eine Zukunft haben.

Worin sehen Sie die große Herausforderung für den Europäischen Metallgewerkschaftsbund?
Dass europäische Politik in den Betrieben erkennbar ist. Wir werden als europäische Organisation nur dann von unseren Mitgliedsorganisationen unterstützt, wenn die Menschen im Betrieb spüren, dass europäische Gewerkschaftsarbeit einen Mehrwert hat und Europa keine Bedrohung ist.

Das Gespräch führte Marcus Engler

00:00 02.11.2007

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