Man braucht Hände und Kopf

Den Blick von unten schärfen Der Weg der Gewerkschafterin Gisela Kessler aus dem Postamt 1 in Frankfurt/Main in den Vorstand der IG Druck und Papier

"Wir möchten dich fragen, ob du für unseren Hauptvorstand kandidierst." "Wofür? Frauensekretärin? Was für´n Quatsch, das ist doch nichts für mich. Nein, das mach ich nicht."

Der Anruf kam aus der Zentrale der IG Druck und Papier, der späteren IG Medien, in Stuttgart. Sie war damals schon Rechtsschutzsekretärin des DGB in Wiesbaden und hatte Hunderte Kollegen vor Arbeitsgerichten vertreten. In der Druckergewerkschaft war sie bekannt, weil sie in deren Schule in Springen Seminare über Rechtsfragen hielt. Von dem Angebot berichtete sie ihrem vertrautesten Kollegen in Wiesbaden, salopp und mit Stolz auf ihre klare Ablehnung. Der war empört: So kannst du mit unserer Gewerkschaft nicht umgehen.

Verdattert fuhr sie nun doch zu einem Gespräch nach Stuttgart, am Ende sagte sie: Ja. Das war 1971 und der Anfang einer fast 25-jährigen ereignisreichen Laufbahn. Als sie sich 1995 vor dem großen Publikum eines Gewerkschaftstags der IG Medien aus ihrer Funktion verabschiedete, sagte der Vorsitzende Detlef Hensche, dessen Stellvertreterin sie inzwischen war: "Frauensekretärin in der männerdominierten Facharbeitergewerkschaft - das war 1971 nicht so leicht. Du hast in der Frauenarbeit Impulse gegeben, die deutlich über die Grenzen unserer Gewerkschaft hinausweisen. Du sagst, es sei notwendig, stets den Blick von unten zu schärfen. Wenn du das sagst: Dir glaubt man das."

Gisela Kessler hat bei der Post in Frankfurt am Main Kontoristin gelernt. "Mein Vater war Nazi und blieb einer, auch nach dem Krieg und der Scheidung von meiner Mutter. Die Schulbildung war Mist. In die Gewerkschaft bin ich gegangen, weil ich zur Jugendvertreterin gewählt und dann zu einem Seminar eingeladen wurde. Es gefiel mir. Das ergibt sich dann so." - Wenn man interessiert und wach ist und wohl auch bereit, für andere ein Wort einzulegen, darf man hinzufügen.

Ihre Mutter war eine Freundin für sie, die beiden haben immer zusammen gelebt. Eine einfache Frau sei die Mutter gewesen, bodenständig und solidarisch. 1965 kam Gisela von einer Fortbildung an der Sozialakademie Dortmund zurück: Mutti, ich bin schwanger. Die fragte: Willst du ihn heiraten? Eigentlich nicht, meinte die Tochter. "Wenn du nicht heiraten willst, machen wir das mit dem Kind", war die Antwort. So wurde sie eine der ersten "ledigen Mütter", die aus freier Entscheidung allein blieben. Den Begriff "allein erziehende Mutter" gab es noch gar nicht. Eigenständig zu sein, war ihr Antrieb, woher sie das hatte, weiß sie bis heute nicht. Die Gewerkschaft schickte sie noch zu einem zweiten Jahresstudium an die Akademie der Arbeit in Frankfurt. Der Sohn wuchs mit den beiden Frauen heran. Manchmal nahm sie ihn zu Konferenzen mit, er fragte: Folgen dir die ganzen Männer? Und sie sagte zu ihm: Mehr als du. Mit 20 musste er sich abnabeln, sie sah es voraus und verstand es, aber hart fand sie es doch.

Keine Arbeit mehr geben, nur das Gehalt auszahlen

Am ersten Arbeitstag in Stuttgart bei der IG Druck und Papier - sie stand noch im neuen Raum herum - kam "käsweiß" ein Kollege vom Hauptvorstand, lehnte sich in den Türrahmen und fragte: Sag mal, bist du in der DKP? Und sie antwortete: Ja, warum? Da ist er noch bleicher geworden, und ihr wurde schlecht. Es war die Zeit, in der die Konflikte um die "Unvereinbarkeitsbeschlüsse" in der SPD, aber auch in den Gewerkschaften, hoch kochten. Es ging um die flächendeckende Trennung von Mitgliedern der 1968 gegründeten DKP. "Mit Parteipolitik im engeren Sinn hatte ich nichts zu tun, bin nicht als Fahnenträgerin aufgetreten, habe nichts Konspiratives gemacht, sondern normale Gewerkschaftsarbeit. Ich bin froh, dass ich die DKP-Mitgliedschaft offen vertreten habe. Etwas zu verbergen, ist nicht mein Ding."

Eines Tages traf der Brief eines Landesvorstands ein: Gisela Kessler sofort unter Verfassungsschutzbeobachtung stellen, keine Arbeit mehr geben, nur das Gehalt auszahlen.

Da sagte der damalige Vorsitzende Loni Mahlein: So machen wir es nicht. Sie fragte: Soll ich gehen? Nein, mach du deine Arbeit weiter so gut. Detlef Hensche erinnerte in seiner Abschiedsrede daran, sie habe "die Ehre gehabt, einige Male im Verfassungsschutzbericht gestanden zu haben, was kein Hindernis war, mit großen Mehrheiten wiedergewählt zu werden." Zuletzt als stellvertretende Vorsitzende der IG Druck und Papier, der einzigen Gewerkschaft, die einen solchen Konflikt durchstand.

Sie hatte, als sie in Stuttgart anfing, keine Ahnung von Frauenpolitik, auch nicht von der Druckindustrie. Sie beschloss und verkündete sofort, dass sie in Betriebsversammlungen gehen wolle, regelmäßig. Da war sie die einzige aus dem Apparat der Gewerkschaft. "Übers Arbeitsrecht bin ich rangegangen. Da kannte ich mich aus. Ich habe mir Frauenfälle gesucht, habe die ›Aktion gerechte Eingruppierung‹ ins Leben gerufen und alles mit meinem Wissen über das Arbeitsrecht verschachtelt. Das war ein ganz neues Herangehen, es hat den Kollegen gefallen."

So hat sie die Frauenarbeit in ihrer Gewerkschaft aufgebaut, es wurde für sie selbst immer packender, je mehr sie sich hineinbegab.

Einmal wurde sie zum 1. Mai als Rednerin nach Nürnberg eingeladen. "Ich habe gerade den Text fertig, da kommt ein Anruf: In Nürnberg brennt die Hütte. Die FAZ verbreitete das Gerücht, der DGB Nürnberg hätte auf Bundeskanzler Helmut Schmidt und DGB-Chef Heinz Oskar Vetter als Redner verzichtet - zugunsten einer Kommunistin. Ein einstiger SPD-Bundestagsabgeordneter rief daraufhin über die Presse zum Boykott der Mai-Kundgebung auf.

Aus Betrieben fluteten Telegramme bei ihr ein: Bleib bloß stark. Als sie nach Nürnberg fuhr, hatte sie schlottrige Knie. "Du musst dich allein durchgraben, auch wenn du noch so getragen wirst. Im Hotelzimmer nachts haben sich Felsen und Dämme über mir zusammengeschoben, ich wusste kaum noch, was in meiner Rede stand. Morgens kam ich an den Platz, die Demo zog heran, vorneweg Frauen mit einem Riesentransparent ›Wir Gewerkschaftsfrauen begrüßen unsere Gisela Kessler‹. Ich habe geredet ohne einen Versprecher. Unten viel Applaus, ich konnte die Sätze kaum zu Ende bringen. In der Mitte der Rede habe ich einen Einschub gemacht, habe ohne Gift gesagt: Hier ist bekanntlich das und das passiert, ich halte mich an Willi Bleicher, wir müssen die Einheitsgewerkschaften hüten. Es ist wahr, meine Lehrer kommen aus beiden Flügeln der Arbeiterbewegung, das stimmt schon. Und die Leute tobten."

Vieles wurde möglich mit dem Rückenwind der politischen Aufbrüche in den siebziger Jahren. Mit der aufkommenden Frauenbewegung gab es Reibung und Annäherung. "Autonomie und Integration waren unsere Stichwörter, wir haben vieles neu sortiert und dabei nicht nur die Geschlechterfrage, sondern immer auch die Klassenfrage hoch gehalten." Die Klasse - einer der Begriffe, die heute wieder als inakzeptabel gelten.

An ihrer Biografie lassen sich einige Wellenbewegungen der Zeiten nachzeichnen. Gisela Kessler stellte die Frauenemanzipation in den sozialen Kontext, mit den 29 Frauen der Heinze-Labors erkämpfte sie vor Gericht und im Betrieb erfolgreich "gleiche Löhne für gleiche Arbeit". Der Konflikt dauerte über zwei Jahre.

Es kam zu großen Aktionen wie dem "Tribunal gegen Flexibilisierung und ungeschützte Arbeitsverhältnisse" 1988 in Wiesbaden, über fünf Stunden, im Saal 4.000 Leute, das Motto: "Wir Frauen kochen schon lange, jetzt machen wir einen Auflauf". Sie schrieb ein Drehbuch dafür, Detlef Hensche war Richter mit zwei Beisitzern, sie selbst trat als Anklägerin auf gegen die Regierung Kohl und die Unternehmerverbände als Angeklagte. Professionelle Sachverständige wurden gehört, Zeuginnen aus Nachtarbeit und prekären Arbeitsverhältnissen vernommen.

Zu ihrem Abschied auf dem Gewerkschaftstag 1995 sagte sie: "Am schönsten war es eigentlich, nach Veranstaltungen, nach Betriebsversammlungen ganze Nächte mit Kolleginnen nachdenklich in der Küche zu sitzen, oft bis die Sonne aufgegangen ist. Da haben wir die Dinge von unten, vom Leben her beleuchtet und betrachtet. - Ich will arbeiten und kämpfen, dort, wo das Leben ist."

Vergilbte Zeitungsseiten der Deutschen Volkszeitung (DVZ) mit ihren Interviews aus den achtziger Jahren lösen heute Bestürzung aus: Wie sehr hat sich die Lage der (Lohn-) Arbeitenden verändert. Als 1984 zwei große Gewerkschaften, die Drucker und die Metaller, für die 35-Stunden-Woche streikten, vertraten sie nicht nur soziale Interessen, sondern ein ganzes Menschenbild. Die damaligen Argumente würden die Eingeschüchterten von heute, die sich klein machen in der Sorge um den "Standort", kaum zu nennen wagen. Der Kampf um mehr Zeit, hieß es in den Streiks, ist auch einer für mehr Bildung, Gesundheit, für die Persönlichkeitsentwicklung. Die Arbeitenden müssten üben, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. In den langen Arbeitstagen, die sprachlos und gedankenleer machen, würden sie oft verschütt gehen. In Umfragen unter Frauen wurde von dem Wunsch nach Lesen, Tagebuch schreiben, dem Gespräch, nach Zärtlichkeit gesprochen.

Es war die Zeit der beginnenden Massenarbeitslosigkeit. "Wir können nur dumpf ahnen, was auf uns zukommen mag", sagte Gisela Kessler in einem Interview 1984. Die Verkürzung der Arbeitszeiten war ein naheliegendes, realisierbares Mindestprogramm. Es hätte die einleuchtende Antwort der Gesellschaft sein können, sowohl aus ökonomischen Erwägungen als auch um der solidarischen Beziehungen willen. Statt dessen werden nun die Arbeitszeiten heraufgesetzt. Gisela Kessler kann nur sagen: "Es ist gegen jede Logik, alles steht auf dem Kopf, es ist Irrsinn. Der Irrsinn des Systems."

1984 endeten die Streiks, die sich drei Monate hinzogen, mit der 38,5-Stunden-Woche. Die Unternehmerverbände kämpften mit einem "Tabu-Katalog" für den Acht-Stunden-Tag, als wäre er eine naturgegebene Grenze. Sie versandten Briefe an die Ehefrauen der Beschäftigten mit Angstszenarien, bombardierten mit Meinungsumfragen, die angebliche Mehrheiten gegen die 35-Stunden-Woche nachwiesen. Es wurde auch Stimmung für eine neue Mütterlichkeit gemacht. Die Medien standen wie üblich nicht auf Gewerkschaftsseite, die Politik ebenso wenig.

Und dann wird die Figur rund, auch das Gesicht

Die Umbrüche der neunziger Jahre fand sie schwer. "Ich hatte etwas zu verlieren, eine Weltsicht, eine Bindung. Es hat sich mit der Krankheit meiner Mutter sehr verknäult." Seit 1991 war die Mutter nach einem Schlaganfall gelähmt. Sie lebte in Tagträumen. Zwei ein halb Jahre hat sie ihre Mutter gepflegt und die Pflege organisiert. "Man kann alles lernen", sagt sie, "aber man muss es eben erst lernen." - 1995 ist Gisela Kessler in den Ruhestand gegangen, sie hatte noch einige Jahre ein Büro in der Stuttgarter Zentrale, setzte ehrenamtlich die Betriebsarbeit beratend fort. "Ich konnte auch ohne Funktion und große Rolle." Das Streben nach persönlicher Macht, auch in den Gewerkschaften, sieht sie mit großer Kritik. Jetzt lebt sie in Fürth bei Nürnberg in der Nähe ihres Sohnes. Das Fränkische gefällt ihr. In Nürnberg war sie früher schon oft, während der sieben Jahre im Aufsichtsrat eines Unterkonzerns von Quelle, in einer Zeit, in der "gerade neue Management-Strategien aufkamen und ich nächtelang über Bilanzen gebüffelt habe."

Sie hat sich gleich für die WASG engagiert, als die gegründet wurde, und im Sommer den Wahlkampf für die Linkspartei mit organisiert. Wieder stand sie an Informationsständen, die Füße klein, die Beine schlank, auch die Hüften schmal - alles schien Ausdauer anzuzeigen. Eine, die nicht leicht zu ermüden ist. Und dann wird die Figur rund, auch das Gesicht, der Mund ist voll und beweglich. Ihre Augen sehr hell und aufmerksam, die Stimme tief und heiser. Wenn sie an einer Zigarette zieht, sind ihre lackierten Fingernägel im Blick. Sie schminke sich immer, sagt sie, auch, wenn sie allein sei, an den seltenen Tagen zu Hause, an denen sie nur liest oder auch häkelt. Im Gespräch nimmt sie jeden Faden auf, sie versteht Fragen auf Anhieb, selbst ein noch nicht klar formuliertes Interesse hinter einer Frage. Dann verblüfft sie mit ihrer Offenheit, erzählt anschaulich in hessischem Tonfall.

"Ich bin glücklich, dass wir sagen können: Die Linke - es gibt sie. Was auch daraus wird, Kinderkrankheiten kennen wir." Sie beobachte allerdings auch, wie Solidarität als Grundverhalten "verdampft", durch soziale Erpressung, Spaltung, Vereinzelung. Jüngere Leute "fahren die Ellbogen aus, als hätten sie Rasierklingen drin. Das schmerzt mich. Für sie ist Solidarität einfach nur ein Wort. Man braucht Hände und Kopf, das Scharnier dazwischen sind solidarische Gefühle. Das ist meine Formel. Und schon im Wahlkampf wie in diesem Sommer entsteht so etwas. Die da mitgemacht haben, sind danach nicht mehr dieselben wie vorher."

00:00 23.12.2005

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare