Man kann nicht beides haben

Kosovo, Israel - entgleitende Vergleiche Von der notwendigen und beinahe unmöglichen Aufgabe, eine zukünftige Gesellschaft zu bauen

Aus welcher Perspektive betrachtet ein deutsch-österreichischer Jude, der derzeit im Kosovo lebt, die aktuellen Vorgänge in Israel? Das war die Frage, die uns leitete, Michael Daxner um einen Beitrag für den Freitag zu bitten. Daxner, geboren 1947 in Wien, Professor für Soziologie und Jüdische Studien, hat sich als Präsident der Universität Odenburg und als Bildungspolitiker einen Namen gemacht. Seit zwei Jahren ist er als Beauftragter der UN im Kosovo für den Aufbau des Erziehungs- und Bildungssystems zuständig.

In Pristina sitzen, täglich an Israel denken, nicht darüber räsonieren, keine Resolutionen unterschreiben, sich zurückhalten, aus Gründen der mir auferlegten Beschränkungen und weil es schwer ist, etwas zu sagen, wo sich jeder in seine Ratlosigkeit hinein und aus ihr herausredet. Die Not ist groß, es naht "Das Rettende" nicht, schon gar nicht stellt es sich ein, wenn man bloß hofft, und was könnte man politisch Besseres, Knapperes sagen als Joschka Fischer in seinem letzten Zeit-Interview oder, wenn man seine Meinung nicht teilt, sich wenigstens daran abarbeiten?

Ich war grade in Frankreich mit seinen vielen Juden und Palästinensern und brennenden Synagogen und dem Streit, ob es schon wieder einen neuen Antisemitismus gäbe, oder ob der alte immer noch da sei. Ratlosigkeit dort, wie überall. Für mich waren die drei Tage wichtig, weil ich die Welt außerhalb des Kosovo nicht nur aus dem Fernsehen und den Nachrichtenmedien erfasste, sondern ein wenig von der Realität öffentlicher Auseinandersetzung mitbekam, die trotz ihrer platten Parolen oder gedrechselten Ausweichmanöver ein Gefühl für Angehen, für politische Öffentlichkeit hinterlässt.

Ein Freund in Israel sagt, resigniert, eine Friedensbewegung wieder aufzubauen, sei fast unmöglich, weil nichts klar ist und moralische Positionen, Realpolitik und die tatsächlichen Interessen sich nicht mehr rational vereinbaren lassen. Der Freund hat als Jude jahrelang mit den Palästinensern unter erheblichen Gefahren und Schwierigkeiten medizinisch gearbeitet und ist seit einem Jahr dahingehend völlig resigniert. Er wechselt nicht das Lager, aber natürlich ist es nicht die Chiffre Sharon, die der Chiffre Arafat gegenübersteht. Sein Sohn sagt: abwarten. Es wird sich klären. Es - fast möchte man es glauben. Ich selbst, assimiliert, so weit es geht, also nie so richtig, halte mich an die Erfolge des Exils und trage seine Katastrophen mit mir, als deutscher und österreichischer Staatsbürger auch noch in der Doppelhaftung der beiden Nationen, in der besonderen Beziehung zu Israel. Schweigen? Warum nicht?

Ich lebe seit über zwei Jahren in einem Land, das eine Demokratie, eine zivile Gesellschaft, vielleicht ein Staat, werden soll. Ich arbeite an der Schnittstelle zwischen dem, was defizitäre Bürgergesellschaft sein könnte in den Ruinen einer sozialistischen Diktatur mit vielfältigen nationalistischen Segmenten, und in den Ruinen einer Gemeinschaft aus längst erodierenden Familienclans. Jahrhunderte stoßen höchst unkoordiniert aufeinander, die modernste Kommunikationstechnologie verbindet sich mit einem Code, den wir nur ganz oberflächlich verstehen und den wir nicht ganz knacken können, auch wenn wir es wollten.

Ich habe gelernt, welche ungeheure Rolle das Erziehungssystem in Konflikten spielt, die nicht einfach geopolitisch, ökonomisch oder militärisch zu erklären sind. Und dauernd spukte Israel in meinem Kopf herum, als Analogie und als Unvergleichbares.

Im Kosovokonflikt ist es nicht so schwierig, zwischen historischen Konstellationen über Jahrhunderte und aktuellen Schuldfragen zu differenzieren. Wenn aber historische Konstellationen die konkrete Politik unvermittelt legitimieren, moralisieren und kultivieren, dann wird plötzlich das für sicher Geglaubte schwankend, unscharf. Die Huntington-Falle tut sich auf: sind es nicht doch Mentalitäten, unverrückbare Habitus, Religionen, Staatstraditionen, die das Muster vorgeben, aus dem auszubrechen fast unmöglich ist? Wolfgang Ullmann sagte mir einmal, Huntington zu kritisieren, sei einfach (in der Tat), ihn zu widerlegen sei aber ein schwieriges Unterfangen. Wir brauchen mehr als empirische Gegenbefunde, weil seine Beobachtungen ja gerade in Europa nicht von der Hand zu weisen sind.

Im Laufe meiner Zeit hier habe ich gelernt, dass der aktuelle, tatsächliche Status der Gesellschaft, ihr Republikanismus, ihre Behandlung von Öffentlichkeit und Privatheit, ihr Blick auf den nächsten Schritt, mehr hergeben für gute Politik als die dauernde regressive Legitimation mit historisch erworbenen Rechten. So wenig die serbische Unterdrückung historisch begründet werden kann, so wenig die Geschichte der Albaner im Kosovo ihren jeweiligen Widerstand präfiguriert, so wenig wird eine Zukunft schon deshalb weniger wert, weil sie sich ihrer historischen Fundierung zu entziehen versucht. Das lehrt auch die Dialektik von Zionismus und Shoa im Israel der ersten Jahre, das lehrt die Palästinenser und Kosovaren die Tatsache, dass man nicht auf einen früheren Staat zurückgreifen kann, um einen künftigen zu entwerfen. Das klingt fast zu einfach, aber schauen wir näher hin: wenn Kinder etwas lernen, das sie, im Heranwachsen und späteren Leben brauchen können, wird es entweder die Gesellschaft prägen, oder zu Widerstand gegen die Umgebungskultur führen. Wenn die Lehrer dieser Kinder die Leitbilder entwickeln, statt sie einfach zu übernehmen, können sie besser Geschichte erklären. Das hat Implikationen für ein Curriculum, denn in diesem aufklärerischen Sinn impliziert es Säkularisierung, Entmythologisierung, soziale Sensibilität - und so lese ich die Gründungsschule für Israel nach 1948, so möchte ich sie für Kosovo lesen (wir haben gerade erst angefangen). Nach meiner Kenntnis war dies auch ein säkulares Programm für die Palästinenser.

Man kann nicht beides haben: ein imperatives Über-Ich, das sich auf die Bibel, den Koran oder auf andere Gründungsdokumente beruft, und eine Gemeinschaft, die, sei sie noch so klein, sich universalistisch definiert. Der Interessenkonflikt, was jeweils mehr zählt, ist nicht rational, sondern hat seine ›kommunitaristischen‹ Teilrationalitäten (die Franzosen haben diesem Begriff des Kommunitarismus breiten Raum gewidmet). Wenn es um Land geht, sich auf die Bibel zu berufen, wenn es um Identität geht, sich zuvorderst als Araber, Jude, Muslim, Europäer, Albaner zu definieren, geht in der Praxis niemals auf, weil jede Definition einer anderen Schicht zugehört. Im Kosovo haben wir politische, ethnische, sprachliche, kulturelle und religiöse Grenzen und die sind nicht kongruent. Israel hat heute religiöse Parteien, komplizierte innerjüdische Ethnien und eine Menge von Nichtjuden, für die der "jüdische Staat" natürlich etwas anderes bedeutet als für die Juden, zionistisch oder nicht. Die Palästinenser überdecken ihren internen Konflikt mit dem einigenden Befreiungswillen zum Staat, dessen Inhalt aber schlicht nicht wahrnehmbar, nicht konstituiert ist. Genauso hier: wir können den jungen Menschen im Kosovo nicht klar machen, dass "Unabhängigkeit" ein leerer Wert ist, solange er nicht mit praktischen Bedeutungen gefüllt ist, mit einer Zivilität, die sich in Prozeduren, Verhaltensweisen, Vermittlungsprozessen, Toleranzkorridoren ausdrückt. Auch im Kosovo regiert noch der Primat des "Blutes", nicht selten und hoffnungsspendend durchbrochen unter der kollektivierenden Oberfläche. Dieses Durchbrechen habe ich während der ersten Intifada in Jerusalem erlebt, ich glaube, es existiert in Resten noch heute.

Aber der Ansatz verweist doch wieder zurück auf das grundlegende Geschäft des Erziehens, des Heranwachsens, des Findens eines Platzes in einer Gesellschaft, die erst dabei ist, sich selbst zu erschaffen. Da sind die Israelis sicher weiter als die Palästinenser, da waren die Serben oder Jugoslawen sicher weiter als die Kosovaren, und viel Verantwortung für die Verspätung kann in beiden Fällen außerhalb der Gemeinschaften gesucht und gefunden werden, aber eben nicht alle Verantwortung. "Weiter" heißt einfach, dass Prozeduren erprobt sind, wie Wahlen, Gerichte, Rechtsstaat (das gilt für Israel), oder dass es ein, wenn auch zerstörtes und dysfunktionales Fundament für diese Strukturen gibt, das sich weiter entwickeln kann (das gilt hoffentlich für Serbien). Das "weniger weit" muss kränken und beleidigt auch. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass es zutrifft, und dass die herrschenden Blockaden dergestalt offen gelegt werden müssen, dass man an die Baustelle heran kann. (Viele Kosovaren schleppen den Mythos ihres Heldentums und ihrer letztlich doch nicht vergeblichen Martyriums als Denkmalsikonen mit sich herum, und haben deshalb noch nicht einmal Zugang zu ihrer Geschichte: sie interpretieren ihre Gegenwart voluntaristisch).

Ich erlebe, wie wenig die Intervention von außen beim Ändern der Mentalität bewirkt hat und ich mag das englische Wort "Mindset" mehr als das Wort "Mentalität", denn es drückt etwas von gesellschaftlichem Bewusstsein aus. Aber ich bin glücklich über die Beispiele, die wir gemeinsam mit den Menschen hier erarbeiten können, ziemlich hart und kontrafaktisch zum geglaubten und eingetrichterten Wertesystem. Oft sind es die Methoden, die den Durchbruch erbringen und nicht die Inhalte: ein wenig Kind-Orientierung oder Empathie für den Lernenden zerreißen schon die Gespinste eingeübten Verhaltens. Ich bin nun kein Advokat der pädagogischen Substitution von Politik. Aber die minimal art der gesellschaftlichen Re-Konstruktion durch Arbeit mit den künftigen Eliten hat mich vorsichtig gemacht, unseren Bildern gesellschaftlicher Konstruktionen nicht zu weit zu trauen. Will sagen: Wenn Konfliktparteien auf die Interessen der künftigen Generationen verzichten, um ihre Gegenwart zu sichern, dann läuft alles aus dem Ruder.

Israel, Kosovo. Ich bin in den Kosovo gegangen, weil ich meinte, dass als Ergebnis eines blutigen, grausamen Konflikts Kindern ihre Kindheit, Heranwachsenden ihre Entfaltung, der Gesellschaft ihre zivile politische Klasse wiedergegeben werden müsse. Das ist auch im Nahen Osten nicht falsch, und es kann statthaben, wie weit auch immer der Prozess der Verständigung gediehen ist. Wahrscheinlich wird man die Konfliktparteien erst trennen müssen, bevor sie zusammenkommen können. Wahrscheinlich kann nur die Wiederherstellung von Vernunft in jedem Lager für sich den Wunsch, zusammenzukommen, diskutierbar machen. Wahrscheinlich muss jede Erziehung als Kern lehren, dass keine Erinnerungskultur die Wahrnehmung von Gegenwart ersetzen kann. Dass damit der Wunsch nach Ablösung der herrschenden politischen Klassen verbunden sein dürfte, mag als Beweis dafür dienen, wie hilfreich demokratische, zivile Bildung im Prozess der Friedensstiftung sein kann. Der Gegenbeweis wäre ein endgültiger Abschied von der Generation unserer Kinder.

00:00 19.04.2002
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