Man muss dem Volk aufs Maul schauen

Vom Bau zum Buch Andreas Gläser erzählt, wie er vom Tiefbauer zum Schriftsteller wurde

Es ist eher verbaler Punkrock als Literatur, was die Autoren ihrem Publikum auf den Berliner Vorlesebühnen in verrauchten Kellerkneipen und ostigen Klubgaststätten bieten: abgefahrene Alltagsgeschichten, peinliche Kindheitserinnerungen, schräge Songs. Keine "Popliteraten" in Markenhemden und keine "Fräuleinwunder" mit Silberblick stehen dort Woche für Woche auf der Bühne, sondern kahl geschorene und zerzauselte Dreißiger mit bewegten Biografien, die ihnen den Stoff für ihre Erzählungen liefern. Seit einigen Jahren boomt die Szene. Journalisten entdeckten die Veranstaltungen und füllten ganze Feuilletonseiten über die "jungen Wilden". Auch Agenten und Verlagslektoren kamen und witterten Morgenluft im krisengebeutelten Literaturbetrieb. Zuerst schaffte Wladimir Kaminer mit seinem Erzählband Russendisko den Sprung vom Kneipenpoeten zum Bestsellerautor. Andere folgten ihm mit eigenen Buchpublikationen. Vor kurzem wartete auch Andreas Gläser, gelernter Tiefbauer und eingefleischter Fußballfan, mit seinem Debüt auf: Der BFC war schuld am Mauerbau.

FREITAG: Es kommt nicht gerade häufig vor, dass Bauarbeiter Bücher herausbringen. Viele Ihrer ehemaligen Kollegen nehmen nicht mal freiwillig eins in die Hand. Auf welchem Weg sind Sie zum Schriftsteller geworden?
ANDREAS GLÄSER: Mitte der Neunziger habe ich unter dem Pseudonym Jan Schlendrian angefangen, für verschiedene Fußball-Fanzines zu schreiben. Es ging aber nicht nur um Fußball, sondern um Arbeit, Sport und Spiel allgemein. Nach dieser Phase habe ich ein Jahr lang gar nicht geschrieben und eher von einem Hauptgewinn im Fußball-Toto geträumt. Anfang 98 jubelte ich einem Social-Beat-Guru einige Geschichten für seine Zeitschrift unter, worauf er mich ermunterte, sie auch vor Publikum zu lesen. Social Beat ist sozusagen die studentische Bukowski-Fraktion; eine lose Bewegung literarischer Trash-Piloten. Jedenfalls gab ich mein Debüt im "Sportlertreff", einer Kneipe in einem ex-besetzten Haus. Wenige Wochen vorher, im Januar 98, habe ich mir auch zweimal die "Reformbühne Heim und Welt" angesehen, eine der immer überfüllten Berliner Vorlesebühnen im Kaffee Burger in der Torstrasse. Bei meinem dritten Besuch habe ich dort selbst meine proletarische Prosa zum Besten gegeben. Von da an war ich häufiger Gast der verschiedenen Bühnen: "Surfpoeten", "LSD - Liebe statt Drogen" und so weiter. Im Oktober 1999 habe ich mit ein paar anderen eine eigene Bühne gegründet: die "Chaussee der Enthusiasten".

Vor gar nicht langer Zeit standen Sie als Arbeiter fest in Lohn und Brot. Wann hat man da überhaupt Zeit und Nerven für das Schreiben?
Wenn ich so vor mich hin gearbeitet habe, spukten oft Geschichten in meinem Kopf herum. Einmal bin ich beim Bau der Autobahn Neukölln den ganzen Tag mit so einem Rüttler rumgerannt. Da habe ich ab und zu einen Zettel rausgeholt und ein paar Sätze aufgeschrieben, zum Feierabend war eine komplette Geschichte fertig: "Blitzbulimie".

War das Schreiben für Sie ein Ausgleich zur stumpfsinnigen Arbeit auf dem Bau?
Warum sollte künstlerische Kreativität in der Arbeitswelt verloren gehen? Meine Aufsätze in der Schule waren halbwegs okay. In Ausdruck und Literatur entwickelte ich mehr Ehrgeiz als in Grammatik und Rechtschreibung. Fast jeder hat doch so einen Ausgleich: Viele Baufressen machen Sport, Tauchen oder irgend so was. Und für mich war es eben das Schreiben. Mitte der achtziger Jahre habe ich immer nur geackert, aber irgendwann gemerkt, dass einige Leute, die ganz normal arbeiten gingen, interessante Sachen machen. Sie bastelten Hefte mit eigenen Geschichten, produzierten irgendwelchen Kram, der Spaß machte. Mitte der Neunziger habe ich in einer Firma gearbeitet, deren ewig besoffener Chef überwiegend pensionierte Steineschmeißer einstellte. Die Vorstellungsgespräche fanden in einer Kreuzberger Kneipe statt, viele Kollegen waren "musizierende" Punks. Das waren wichtige Einflüsse für mich. Man musste damals wie heute nicht unbedingt im offiziellen Kulturbetrieb mitmachen. Es geht ja auch um Volksnähe.

Die Vorlesebühnen im literarischen Untergrund Berlins waren Ihr erster Schritt auf dem Weg in den offiziellen Literaturbetrieb. Werden Sie den Wurzeln treu bleiben und auch nach der Veröffentlichung Ihres Buches noch auf diesen Veranstaltungen auftreten?
Ich bin jetzt nicht mehr regelmäßig bei der "Chaussee der Enthusiasten", zwei ein halb Jahre waren für mich genug. Ich habe einfach nicht mehr so viele neue Geschichten geschrieben, trotzdem mache ich mir in Sachen Schreibkrise wenig Sorgen. Die Zeit der Arbeitslosigkeit habe ich schon immer genossen. Aber ich finde es stark, dass Leute wie Wladimir Kaminer, Jakob Hein, Ahne oder Jochen Schmidt sich nicht auf Solo-Auftritte beschränken. Wladimir hat ja neben seinen eigenen Büchern auch den Band Frische Goldjungs herausgegeben, der jeweils drei Texte von zehn Autoren aus unserem Kreis enthält. Solche Aktionen sind wichtig. Für mich war es einfach Klasse, über den Erfolg beim Publikum bei den Verlagen ins Gespräch zu kommen. Ich wollte nicht an irgendwelchen Wettbewerben teilnehmen, an diesen traurigen Sichtungen der Verlage, wo das Fußvolk lieber fernbleibt. Mein spröder Charme ist ohnehin nichts für Juroren und andere Kunstpatienten. Unsere allwöchentlichen Vorlesepartys sind doch meist besser besucht als groß angekündigte Lesungen von was weiß ich wem.

Durch Ihre Buchpublikationen sind einzelne Vorlese-Autoren inzwischen einem größeren, überregionalen Publikum bekannt. Auf den Veranstaltungen habe ich manchmal den Eindruck, dass die Leute kommen, um Wladimir Kaminer oder Jochen Schmidt zu sehen, nicht wegen des Ganzen. Läuft diese Entwicklung dem Wir-Gefühl der Bühnen entgegen?
Ich glaube nicht, dass die Bücher dem Pioniergeist der Vorlesebühnen schaden. Jochen Schmidt hat zum Beispiel auf der "Chaussee der Enthusiasten" niemals sein Buch hochgehalten. Er wollte nie als Preisträger der Literaturwerkstatt angekündigt werden. Unter den Kollegen zählen diese Holzmedaillen nicht. Wenn ich neue Texte habe, werde ich sie auch wieder auf den Bühnen vorstellen. Man bekommt dort eine direkte Rückkopplung vom Publikum, die dem Schriftsteller im stillen Kämmerlein fehlt. Das kann sehr hilfreich sein.

In Ihrem Leben spielt der Fußball eine wichtige Rolle. Als Fan des BFC-Dynamo lassen Sie auch nach dem Zwangsabstieg in die Verbandsliga kaum ein Spiel aus. Wie wirkt sich dieser "Fanatismus" auf ihre Texte aus?
Fußball gehört zu meinem Leben. Aber im Buch handeln eigentlich bloß die vierteilige Titelgeschichte und einige Zockergeschichten davon. Auf den Vorlesebühnen, die hauptsächlich von Studenten besucht werden, interessieren sich höchstens fünf Prozent des Publikums für Fußball. Für mich war es eine Herausforderung, mein prolliges Zeug in eine literarische Form zu bringen. Nur weil viele Studenten das nicht kennen, muss es ja nicht langweilig sein. Das Leben auf dem Bau kennen sie schließlich auch nicht und hören trotzdem gerne zu, wenn ich davon erzähle.

Wenn der Alltag nur immer so lustig wäre wie Ihre Texte. So authentisch sie auch wirken, Abbildung einer objektiven Realität sind die Geschichten nun wirklich nicht.
Wenn man einzelne Erlebnisse zu Kurzgeschichten zusammenschraubt, werden sie oftmals interessanter. Klar gibt es fließende Grenzen zwischen Wahrheit und Fantasie. Der Ich-Erzähler hat immer einen passenden Spruch parat. Aber wenn man nur fantasiert und der andere Mensch nur als Stichwortgeber für die eigenen coolen Sprüche fungiert, werden die Geschichten eindimensional. Früher habe ich viel mehr erfunden und irgendwann gemerkt, dass der Alltag aberwitziger und interessanter ist. Man muss dem Volk aufs Maul schauen.

In Ihrem Buch erinnern Sie sich auch an Ihre Kindheit in der DDR. Wie bei anderen Leuten von der "Chaussee der Enthusiasten" beziehen sich viele Geschichten auf die Vergangenheit ...
Diese Geschichten machen doch bloß einen geringen Teil aus. Als Übersiedler, der kurz vor dem Mauerfall nach West-Berlin ausreisen durfte, trauere ich der DDR jedenfalls nicht nach, wie es uns manchmal vorgeworfen wird. In meinem Buch sind auch viel mehr Neunziger-Jahre-Geschichten. Eine lockere Aufarbeitung der Jugendzeit ist doch keine Verherrlichung.

Wie sind Ihre für den mündlichen Vortrag geschriebenen Erzählungen zum Buch geworden?
Anfang 2000 haben immer mehr Besucher mit einem Presseausweis gewinkt. Plötzlich wurden wir für jedes misslungene Experiment gelobt. Ein halbes Jahr später hatte ich ein heißes Techtelmechtel mit dem "HSV" unter den Verlagen. Aber weil ich meine Geschichten nicht zu einem Roman verschlimmbessert habe, wurde nichts aus uns. Also schickte ich zehn Manuskripte an ebenso viele Verlage, deren Programme ich kaum kannte. An "Bayern München" und "Borussia Dortmund", aber auch an kleine Berliner Vereine. Gerade die müssten doch froh sein, dachte ich, aber sie wollten die lächerliche DDR weiterhin ernsthaft aufarbeiten. Der Aufbau-Verlag hat das Manuskript dann recht schnell genommen.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit dem Verlag gemacht? Verlief alles sportlich-fair?
Alles in allem schon, obwohl ich ein paar Geschichten, die mir wichtig waren, erst durchkämpfen musste. Außerdem wird das Buch hier und da als "Episodenroman" angepriesen, im Klappentext steht aber "Geschichtensammlung", darauf habe ich bestanden. Die Verlage sagen, Romane verkaufen sich besser. Meinen Fans aus Lesebühnen- und Heftchenzeiten sind irgendwelche Verkaufsstrategien aber scheißegal. Und vielen anderen an der Subkultur interessierten Lesern garantiert auch. Ich muss nicht jeden Idioten erreichen, der siebenfuffzich in der Tasche hat. Trotzdem ist jetzt mein Ehrgeiz geweckt. Um es gleich vorwegzunehmen: Mein nächstes Buch wird ein Roman.

Das Gespräch führte Manfred Hatzius

Andreas Gläser: Der BFC war schuld am Mauerbau. Ein stolzer Sohn des Proletariats erzählt. Aufbau Taschenbuchverlag, Berlin 2002, 220 S., 7,50 EUR

Kontakt: baufresse@t-online.de

00:00 15.11.2002

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