Man muss einfach erst mal losgehen

Promenadologie Immer der Parthe nach oder ein Blick auf die Landschaft von heute. Unterwegs mit dem Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar in Leipzig aus Anlass einer Berliner Ausstellung

Der Spaziergangsforschung geht es zuerst um die Frage: Wie wird Stadt wahrgenommen? Und die zweite, daraus folgende Frage lautet: Wie kann man an der gewöhnlichen Wahrnehmung etwas verändern? Oft, in dem man Dinge, die zwar sichtbar sind, aber nicht gesehen werden, ins Bewusstsein bringt. Wie die Parthe, ein kleiner Fluss, zu dem ich gerade ein Projekt entworfen habe. Es gibt einen Zweckverband, bestehend aus den Gemeinden, die außerhalb von Leipzig entlang der Parthe liegen. Von dem wurde ich letztes Jahr beauftragt, dieser Landschaft mehr Bedeutung zu verschaffen. Noch im 19. Jahrhundert gab es die Tradition, von Leipzig aus am Sonntag zu Fuß oder mit dem Fahrrad einen Ausflug auf die Parthendörfer zu machen. Ein Ziel wäre es, diese Tradition auf eine neue Art wieder zu etablieren.

Über die Brücke, auf der wir uns gerade befinden, läuft man eigentlich nur drüber. Wer nicht gerade die Parthe sucht, der nimmt die Brücke als Brücke gar nicht wahr. Für die meisten ist das einfach nur eine Straße. Man kann unter ihr nicht entlang gehen, und es ist gibt auch keinen Fußweg, der parallel zur Parthe verliefe. Um die zu sehen, muss man um den Block herumlaufen, und an der nächsten Straße kommt man wieder auf eine Brücke, von der aus man die Parthe wieder sehen kann. Das gilt es bewusst zu machen, der Stadtpolitik zu sagen: Hier ist die Verbindung zu einem wertvollen Landschaftsraum. Es wäre besser, diese Verbindung zu pflegen, statt sie mit noch mehr Verkehrsprojekten zu verhunzen.

Spaziergangswissenschaft bedeutet mehr, als nur durch die Gegend zu laufen. Sie führt vom Sehen zum Erkennen. Und zwangsläufig wird es dann irgendwann politisch, weil man merkt: Das hier ist so, aber das könnte doch auch anders sein. Es geht darum, das bestehende Bild zu erweitern, indem unbekannte, übersehene Dinge und vergessene Orte wieder inszeniert werden. Nicht selten verbindet sich damit eine Forderung, die in unserem Fall lautet: Hier muss ein Spazierweg entstehen. Die aktuelle Planung sieht aber vor, eine Verkehrstangente zu bauen. Aus Sicht des Spaziergängers ist das natürlich grober Unfug.

Bei einem Projekt 2003 hatte ich die Frage gestellt: Was sind eigentlich Sehenswürdigkeiten? Und daraus folgte: Was sind Würdigkeiten? Da fallen einem Denkwürdigkeiten genauso ein wie Merkwürdigkeiten, wobei "merkwürdig" zumeist einen negativen Unterton hat. Aber für den Touristen wie für den Bewohner einer Stadt sind Merkwürdigkeiten doch ebenso wichtig wie Sehenswürdigkeiten. Deswegen muss man den Blick und die Erwartungen nicht immer nur auf die letzteren fokussieren. Ich würde vorschlagen, ganz allgemein von Würdigkeiten sprechen. Mit so einer Herangehensweise entdeckt man plötzlich viel mehr in einer Stadt.

Die Unbekanntheit der Parthe resultiert aus einem Wechselspiel. Weil dieser Raum wenig beachtet ist, macht sich im Stadtparlament niemand für ihn stark. Kein Politiker schreibt sich als Programm die Entwicklung der Parthe auf die Fahne, denn er wird damit auf kurze Sicht keinen Erfolg ernten. Also passiert nichts. Und weil nichts passiert, verkümmert die Landschaft immer mehr. In so einer Situation nützt klassische Landschafts- oder Stadtplanung wenig. Man braucht einen Kunstgriff, um aus diesem Katz-und-Maus-Spiel herauszukommen. Diese Landschaft muss man sich erst wieder erarbeiten. Aber wenn man sich auf den Weg begibt und nach ihr sucht, dann wird sie allein dadurch zu etwas Besonderem.

Man muss einfach erst mal losgehen. Am Anfang gibt es ein Interesse, man stellt sich eine Frage. Dass man nicht einfach zu einer klassischen Sehenswürdigkeit läuft oder zu einem altbekannten Park, sondern dass man sich fragt:Wie sieht´s denn in diesem Stadtteil aus? Oder: Wie verläuft denn jener Fluss? Und dann geht man. Als nächsten Schritt nimmt man den Stadtplan zur Hand, um sich zu informieren. Oder ein Luftbild, denn Luftbilder sind sehr aufschlussreich. Inzwischen kann man über Google-Earth in jede Straße hineinsehen. Aus der Vogelperspektive nimmt man Zusammenhänge wahr, die man nicht erkennt, wenn man auf der Straße läuft.

Seit Längerem schon gibt es Menschen, für die spazieren gehen bedeutet, herumzustrolchen. Die empfinden leerstehende Häuser und Anlagen als schön wie andere einen Park. Was in der Anlage der Parks ein besonderer Blickpunkt war, sind für diese Leute besagte Ruinen. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die so etwas schön finden. Und wenn man mit ihnen einmal in ein Haus hineingeht, berührt sie das. Allein deshalb, weil es sich um ein verbotenes Gelände handelt. Gerade bei den Brachflächen, die in unseren Städten zu finden sind, erweist es sich oftmals als völliger Blödsinn, dass sie eingezäunt sind. Da muss man die Grenze geradezu überschreiten. Auch das gehört zum Blick auf die Landschaft von heute: Man will nicht nur sanierte Stadt mit sanierten Gebäuden, man will auch mal eine Ruine zwischendrin.

Freilich darf man Landschaft nicht reduzieren auf solche Brachen, nach dem Motto: Nur das Verfallende ist interessant. Damit wäre man ins Abseits gelaufen, denn nach der fünften Brache kann man keine Brachen mehr sehen. Außerdem klebt die Spaziergangsforschung nicht am Vergangenen. Man muss offen sein für verschiedene Entwicklungen.

Heute braucht man ein anderes Verständnis von Stadt und Landschaft als im letzten Jahrhundert. Da wurde gesagt, die Stadt ist kompakt, und außerhalb der Stadt liegt die Landschaft. Das liegt nun übereinander, Stadt und Landschaft. Wie bei einem Offsetdruck, wo vier Farben übereinander gedruckt werden und sich so ein Gesamtbild ergibt.

Die Stadt Leipzig etwa ist bis an die Autobahn ausgeufert. Und im Gegenzug ist die Landschaft in die Stadt gewachsen. Wir sehen sie nur noch nicht, weil sie uns überall durch Zäune verwehrt wird und wir nie in diesem Landschaftssystem, das entstanden ist, spazieren gehen können. Wir sollen immer auf der Straße bleiben. Wenn man das aber nicht macht, sondern über einen Zaun klettert zu einer Grünfläche durch eine Brache über ein stillgelegtes Bahngleis auf die nächste Brachfläche und so weiter - dann kann man von der Innenstadt fast bis ins Umland strolchen, ohne die Stadt zu sehen. Wenn die Zäune weg wären und wir die vereinzelten Flächen in ein Gesamtbild brächten, dann würden wir erkennen: Die Landschaft ist schon da.

Da haben wir unser Flüsschen wieder, die Parthe. Da drüben ist die Güterstraße. Auf der Bahn werden noch Güter transportiert. Aber hier wird nichts mehr verladen, die Stadt hat sich zurückgezogen, früher gab´s hier Gewerbe, Industrie. Wir sind nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt und befinden uns an einem verlassenen Ort, der bei den Bürgern völlig unbekannt ist. Genau genommen sind wir hier schon außerhalb der Stadt. Obwohl wir geografisch gesehen mittendrin sind.

Oft ist bei Bahnhöfen die Rückseite schäbig. Man braucht offenbar nicht mehr so viel Fläche wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Und es ist schwer, diese Flächen in die Stadt hineinzuholen, weil es da schon viel zu viele Freiflächen gibt. Es existiert ein Überangebot an leerstehenden Flächen. Hinzu kommt, dass die Bahn und ihre Tochtergesellschaften, die diese Flächen verwalten, große Apparate sind, die man schwer zu kleinen, lokalen, unkonventionellen Nutzungen bewegen kann, weil sie immer darauf warten, dass das riesige Millionenprojekt gestartet wird. Deshalb sieht es in Deutschland entlang der Bahn überall gleich aus. Das ist ein wenig boshaft von mir und ein wenig verkürzt, aber im Kern trifft das zu.

Vegetation ist eine Folie, die einem hilft, Resträume als Landschaft zu begreifen. Und Bebauung. Hier haben wir so eine Situation: Da wurde unmittelbar an den Fluss herangebaut, fast wie bei einer Kanalmauer, eine Wand aus Ziegelsteinen mit Rundbögen und gemauerten Kellerfenstern. Da hat mal ein Haus gestanden. Derart wird das Bild für den Spaziergänger hier unglaublich bereichert: Das ist ein Geschichtsort, da war mal etwas anderes, wo jetzt wieder urwüchsige Natur herrscht. Solche Momente sind sehr schön.

Mitte der neunziger Jahre habe ich Spaziergänge in stillgelegten Braunkohletagebauen gestaltet. Der Tagebau war zu dieser Zeit das Bild für zerstörte Landschaft in den Medien. Tatsächlich empfand ich die leeren Gruben als wunderschön. Das musste man den Leuten erst mal beibringen. Sie anlocken und ihnen sagen: Alles, was ihr bis jetzt gehört habt über diesen Ort, müsst ihr für einen Augenblick vergessen und euch einlassen auf das, was euch hier begegnet. Es ist Landschaft! Nach einer halben Stunde wussten die alle nicht mehr, dass sie in einem ehemaligen Bergbau unterwegs waren.

Bei der Spaziergangswissenschaft geht es darum, Fantasie freizusetzen, Dinge in Bewegung zu bringen. Eine Vorliebe für die Landschaft fördert den Reflex: Das muss man weiter entwickeln und als Landschaft sehen. Und dann darf da natürlich keine Straße gebaut werden. Bei leerstehenden Gebäuden denkt man, da könnte eine gute Wohnadresse entstehen, wo neue Formen des Wohnens realisiert werden.

Hier verschwindet die Parthe in einem Tunnel und quert die Gleise, die zum Hauptbahnhof führen. Das ist wirklich nur noch ein Kanal, links und rechts gemauert, ökologisch ein Desaster: Der Fluss ist sogar überdacht, so dass kein natürliches Licht einfällt, und vermutlich ist die Sohle auch noch betoniert - kurz: eine Barriere für die Vegetation entlang des Flusses und das Leben in ihm. Und außerdem kann man da nicht mehr spazieren gehen. Aber gut, das ist das nur erste Bild. Dann sieht man die deutlichen Kontraste zwischen der Landschaft und den gebauten Bögen der Brücke. Die Brücke führt an dieser Stelle eigentlich nirgendwo hin, darauf wachsen zwei Bäume. Höchst merkwürdig, das Ganze. Und wenn wir uns umdrehen, dann haben wir plötzlich einen überraschenden Blick auf die Stadt mit dem Riesenhotel im Hintergrund. Das sind schöne, unverhoffte Ansichten, die aber unbekannt sind bislang. Schließlich stehen wir vor der Frage: Wie findet man, wenn man der Parthe nachgehen will, wieder zurück zu ihr? Da geht die Suche los, und das Suchen-Müssen macht den Spaziergang spannend.

Ökologisch wertvolle Räume sind übrigens nicht unbedingt besonders interessant für den Spaziergänger. Wenn sie zu wertvoll sind, darf man da gar nicht hin. Dann tritt der Naturschutz auf wie der Privatgrundbesitzer, der keinen auf sein Gelände lässt.

Über uns sind nun die Gleise, die zum Hauptbahnhof führen. Sehr viele Gleise, deshalb ist die Unterführung, durch die wir gerade gehen, so lang. Im ersten Moment ein relativ schrecklicher Raum: verdreckt, ungepflegt, es dominiert der Straßenlärm. Aber sieht man genauer hin, dann merkt man, dass der Tunnel durch die Struktur und die Klinker, mit denen die Seitenwände ausgeschmückt sind, ein Kulturdenkmal darstellt. Das wird nur nicht wahrgenommen, weil es nicht so gepflegt wird. Wenn dieses bemerkenswerte Bauwerk der Ingenieurskunst aber etwa mit Licht inszeniert wäre, würde man den Straßenlärm schon nicht mehr so stark wahrnehmen. Dann würde sich die Wahrnehmung nämlich auf die interessante Eisenkonstruktion konzentrieren.

Die Entdeckung solch vergessener Orte sollte nicht automatisch dazu führen, diese Vergessenheit konservieren zu wollen. Im Gegenteil. Landschaft ist immer in Veränderung, die Stadt auch. Manchmal hat das Bewahren natürlich seine Berechtigung. Bei den Tagebauen, die inzwischen alle geflutet sind, kam ich irgendwann zu dem Schluss, dass man eine Grube mal nicht fluten sollte, weil es landschaftlich etwas Besonderes ist.

Hier haben wir die Parthe wieder. Sie liegt zwischen den Gleisen und Industriearealen. Sehr unromantisch. In den letzten dreißig Jahren hat sich bei vielen Menschen aber ein Sinn für die Ästhetik von Industrielandschaften entwickelt. Mit dieser Brille kann man hier wieder was entdecken. Es braucht immer so ein Moment, das die Eindrücke, die Stationen auf einem Spaziergang zusammenbringt.

Dort steht ein Wasserturm. Womöglich noch in Betrieb, neulich war da mal Licht. Darunter, in der Tür, da sind nur ein paar Blätter golden lackiert. Aber dadurch springt mein Blick dahin. Das ist das, was den Unterschied ausmacht zwischen Sehen und Wahrnehmen. Man sieht immer alles, aber in der bewussten Wahrnehmung kommt vieles nicht an, etwa weil das Hören manches wegfiltert. Wahrnehmung vollzieht sich eben im Kopf.

Hier kann man wieder über die Parthe. Die Straße geht einfach durch, wenigstens hat man links und rechts Türme gebaut. Dadurch könnte der Autofahrer merken, dass er eigentlich über eine Brücke fährt. Wir stehen jetzt wieder über der Parthe. Aber die Straße ist so glatt und so breit, und die Autos fahren hier so schnell, dass es fast keine Chance gibt, den Fluss wahrzunehmen.

Man kann nicht sagen, dass es bei der Wahrnehmung nur um Schönheit ginge. Der Begriff ist mir zu eng. Man entdeckt Situationen, die für Fußgänger oder Radfahrer völlig misslungen sind. Oder dass eine Personengruppe in der Stadt nicht zu ihrem Recht kommt. Das gehört aber auch ins Bild, das man sich beim Spazierengehen formt. Man darf die Wahrnehmung nicht nur auf Schönheit reduzieren.

Zwei Begegnungen haben mich zur Spaziergangsforschung geführt. Die eine war die mit Lucius Burckhardt, der die Spaziergangswissenschaft geprägt hat an der Gesamthochschule Kassel. Dort habe ich in den neunziger Jahren studiert, Landschaftsplanung. Die Spaziergangswissenschaft kommt aus der Stadt- und Landschaftsplanung, da ist sie zu Hause gewesen. Von Burckhardt habe ich gelernt: Landschaft gibt es nicht, die entsteht im Kopf. Und gleichzeitig habe ich diese Tagebaue kennen gelernt. Für mich war das Landschaft, aber die meisten Menschen sahen das nicht als Landschaft an. Wie verändere ich also die Wahrnehmung, dass dieser Raum als Landschaft erkennbar wird? Ein Architekt entwirft etwas, was in Zukunft entsteht anstelle dessen, was gerade ist. Das, was ich in den Gruben vorgefunden habe, war schon schön, nur hat es eben keiner gesehen. Wie kommt man dahin, das Bild, das man selbst wahrnehmen konnte, in die Wahrnehmung anderer zu bringen? Im Grunde ist das der Kern der Kunst.

Ich würde vorschlagen, dass wir die Parthe an dieser Stelle verlassen.

Protokolliert von Matthias Dell
Mitarbeit: Brigitte Lünser-Weigang

Bertram Weisshaar, geboren 1962, lebt als Spaziergangsforscher seit 2002 in Leipzig. Von 1995 an hat er zahlreiche Projekte an der Grenze zwischen Kunst und Landschaftsplanung durchgeführt. Im Rahmen der Berliner Ausstellung "WALK! Spazierengehen als Kunstform. Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Gehen", die noch bis 14. Oktober vom Kunstraum Kreuzberg ausgeht, wird Weisshaar am 2. Oktober einen Vortrag halten. Am 5. Oktober wird ebenfalls in Berlin sein GPS-gesteuerter Spaziergang "Zwischen Avus, Bahngleis und Knüppeldamm" Premiere haben. www.ateliert-latent.de


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