Man muss lernen, Geschichten zu schreiben

Postkoloniale Perspektiven Die indische Soziologieprofessorin Shalini Randeria über die Frage, warum Europa ohne den Einfluss der Kolonien nicht vorstellbar ist, wie man es provinzialisiert und Geschichte neu schreibt

Es gibt im deutschsprachigen Raum bis heute nur wenige Institutionen, die sich mit den Auswirkungen beschäftigen, die die Kolonialzeit und die Einwanderungspolitik auf die europäischen Gesellschaften ausgeübt haben und ausüben. Die Debatte darüber - auf anderen Kontinenten, zum Beispiel in Indien, seit Jahrzehnten präsent und in den zivilen Wissenschaften weiterentwickelt - tröpfelt im deutschsprachigen Europa nur langsam in die institutionellen Wissenssysteme und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Stattdessen wird die Auseinandersetzung mit dem hegemonialen Anspruch der europäischen und nordamerikanischen Nationalstaaten vorauseilend verabschiedet; so beispielsweise in dem Resumee von Hans Christoph Buch, der am 3. Januar 2003 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anlässlich seiner Doppelbesprechung der Katalogbücher der Documenta11-Plattformen und des neuen Sammelbandes von Sebastian Conrad und Shalini Randeria feststellt: »Fünfzig Jahre nach der Entkolonisierung kehrt die Kolonialherrschaft auf die Tagesordnung zurück - nicht als Tragödie, sondern als Farce: eine akademische Mode, die zumeist keinen konkreten Bezug hat zu den Realitäten der Dritten Welt.« Die jahrzehntelange Phase demütigender Unabhängigkeitsverhandlungen seit Ende der fünfziger Jahre, der schwerwiegende Einschnitt 1989/90 für Länder der sogenannten Dritten Welt, die nach dem Fall der Mauer ins weltpolitische und finanzielle Abseits geraten, und der neu aufgelegte Kolonialismus in Form turbokapitalistischer Globalisierung - dies alles wischen KritikerInnen wie Christoph Buch mit ein paar Anschlägen auf die Tastatur beiseite. Der Begriff der »Tragödie«, den die Kolonialherrschaft angeblich darstellt, verharmlost zudem die systematische imperiale Unterwerfung und Ausbeutung fremder Völker und Kulturen, zu der der eurozentristische Machtanspruch geführt hat.

Das Wissenschaftskolleg Berlin ermöglichte zwischen 1999 und 2001 das Forschungsprojekt AGORA. Schwerpunkte waren die Themen: Arbeit - Wissen - Bindung, über die junge WissenschaftlerInnen gemeinsam geforscht haben. Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften heißt der Sammelband, den Sebastian Conrad und die indische Soziologieprofessorin Shalini Randeria Ende 2002 herausgegeben haben. Ihr Augenmerk legten die AutorInnen des Bandes auf den Vergleich von Geschichtsschreibung und kulturellen Diskursen in der europäischen und nicht-europäischen Welt, deren Gesellschaften zugleich alle durch die europäische Tradition der Aufklärung beeinflusst worden sind, freiwillig und unfreiwillig. Viele der Texte sind schon vor Jahren im angloamerikanischen Raum veröffentlicht worden und erscheinen hier das erste Mal auf deutsch. Der Band ist ein guter Einstieg in die Debatte über den Postkolonialismus.

FREITAG: Den »Eurozentrismus« möchte ich ganz verkürzt definieren als das Dogma der »europäischen Aufklärung«, das allen anderen Kulturen in der Welt als Maßstab aufgepfropft werden sollte und zum Teil ja auch jahrzehntelang aufgepfropft worden ist. Das Verhältnis war gegen die landläufigen Meinungen keine Einbahnstraße. Sie selbst haben den Begriff und das Modell der »geteilten Geschichten« erfunden. Welcher Erkenntnisgewinn, welcher Vorteil liegt in dem Modell, das Sie vertreten?
Shalina Randeria: Dieser Ansatz der »geteilten Geschichte« hilft uns, den nationalzentrierten Blick zu überwinden. Er öffnet damit eine transnationale Perspektive und eine, die uns eigentlich als allererstes lehrt, dass die Globalisierung eine Geschichte hat. Das zweite Motiv für die Erfindung dieses Modells war der Versuch, den sehr starken Dualismus zu überwinden, der mit einer Weltsicht einhergeht, die auf einer grundsätzlichen epistemologischen und ontologischen Differenz zwischen dem Westen und dem Nicht-Westen basiert, und dass dieser Dualismus wirklich nach wie vor sehr sehr stark alle Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften, Literaturwissenschaften prägt. Bis hin zu der Art und Weise, wie Disziplinen institutionalisiert worden sind: Also die Soziologie ist die Sozialwissenschaft, die sich mit den Industriegesellschaften des Westens beschäftigt, und die Ethnologie beschäftigt sich mit den nicht-westlichen Gesellschaften. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, die Verflechtung Europas mit der nicht-europäischen Welt zu betonen, weil es dadurch möglich wäre, zu erkennen, dass die europäische Geschichte nicht etwas ist, was sich nur aus Antike, Griechenland und römischer Geschichte speist. Europa hat nicht eine Geschichte sui generis, wogegen die ehemaligen Kolonien alle nur Ableger europäischer Ideen und Institutionen waren. Es geht darum, eine Verflechtungsgeschichte zu schreiben, so dass man sieht, dass die europäische Moderne ohne den Kolonialismus nicht denkbar wäre, dass der Kolonialismus ein integraler Bestandteil westlichen Kapitalismus ist.

Es gibt auch Rückwirkungen aus den Kolonien auf die Kultur in Europa, nicht wahr?
Ja, erstens müssen wir diese Innen-Außen-Grenze radikal in Frage stellen, weil wir die Kolonien nur als etwas Externes zu Europa betrachten können, wenn wir diese nationalstaatliche Sicht so stark verinnerlichen. Und die möchte ich mit diesem Modell der »geteilten Geschichte« in Frage stellen, denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass der Nationalstaat das einzige Subjekt moderner Geschichte sein soll, oder dass moderne Gesellschaften so selbstverständlich nur als nationalstaatlich verfasste Gesellschaften begriffen werden. Die postkoloniale Perspektive lehrt uns, die vielfältigen Austauschprozesse und Beziehungen zu sehen, von rein wirtschaftlicher Natur bis hin zu sehr differenzierten kulturellen Phänomenen. Ein paar Beispiele: Eine These, die von verschiedenen AutorInnen in dem Buch vertreten wird, ist, dass wir die Kolonien als ein Labor zur Erprobung der europäischen Moderne sehen sollten. Das sind zum Beispiel Dinge wie Fingerabdrücke für die Identifizierung von Personen, die erstmals von der britischen Kolonialverwaltung in Indien ausprobiert wurden, bevor sie überhaupt in Europa verwendet wurden. Oder dass die französische Kolonialbürokratie Katasterämter in den Kolonien erst ausprobiert hat, bevor sie sie überhaupt, gegen den Widerstand von französischen Bauern in Frankreich, durchsetzen konnte. Medizinische Maßnahmen wie Impfungen wurden oft erst in den Kolonien erprobt, auch hygienische und eugenische Maßnahmen. Ideen, Rassentheorien wurden sehr stark erst in den Kolonien durchexerziert und dann nach Europa rückimportiert. Auch die wissenschaftliche Entwicklung der Botanik oder Geographie ist ohne Kolonien kaum vorstellbar. Und wenn wir die europäische Säkularisierung so wunderschön abtrennen, dann übersehen wir, dass gerade die Europäer ihre Religion in den Kolonien auf vielfältige Weise bis hin zu erzwungenen Konversionen praktiziert haben. Wenn wir diese zwei Geschichten als gemeinsam geteilte Geschichte begreifen, und nicht als getrennte Geschichten, dann wird man ein ganz anderes Bild von Europa und den vielfältigen Wechselwirkungen mit außer-europäischen Gesellschaften und Kulturen überhaupt erst verstehen.

In dem Band sind auch Beiträge zur Geschichte als Herrschaftstechnik enthalten, insbesondere von dem indischen Historiker Dipesh Chakrabarty, der in Chicago lehrt. Er sagt, Geschichte war eine Herrschaftstechnik, die es dem Westen ermöglicht hat, seine Vormachtstellung zu befestigen. Begriffe wie »Nation« oder »Gesellschaft«, »Identität« sind nicht wertneutral. Er spricht in dem Zusammenhang davon, »Europa solle provinzialisiert« werden. Heißt das, auf den Punkt gebracht, »Jenseits des Eurozentrismus liegt die europäische Provinz?«
(lacht:) Nein, nicht in dem Sinne. Oder? Das Paradoxe an europäischen Selbstbildern ist für uns, die wir von außerhalb Europas kommen, dass Europa sich zugleich als universal und als einzigartig begreift. Und daher wäre es eigentlich ein ganz wichtiger Schritt, denke ich, Europa zu provinzialisieren, in dem Sinne, dass man viele dieser Begriffe, wie »Geschichte«, »Nation« als Begriffe sieht, die sehr stark durch die europäische historische Erfahrung geprägt sind und daher nicht so einfach universalisierbar sind.

Nur so kann man auch die Verflechtungen wahrnehmbar machen, oder?
Ja. Und da fällt mir ein wunderbares Zitat von Mahatma Gandhi ein, der einmal sagte, »nur eine Nation ohne Geschichte ist eine glückliche Nation«. Und warnte eindringlich davor, die europäische Idee und Praxis der nationalen Geschichtsschreibung zu übernehmen. Er schrieb in diesem Zusammenhang, dass es für multireligiöse, multiethnische, multikulturelle Gesellschaften wie in Indien oder in Afrika eine sehr gefährliche Entwicklung sei, die nationale Geschichtsschreibung europäischer Prägung zu übernehmen, weil sie eine Gewalt in sich verbirgt, weil sie immer die Geschichte der ethnischen Mehrheit als nationale Geschichte schreibt. Und daher zwangsläufig die anderen Gruppen ausgrenzt. Wenn wir heute beispielsweise Israel vor Augen haben und sehen, wie beide Seiten mit Rekurs auf die Geschichte Gewalt legitimieren, dann sieht man die Sprengkraft, die in der Geschichte liegt, wenn sie als nationale Geschichte geschrieben wird. Und ich finde, es war eine politisch kluge Überlegung von Mahatma Gandhi zu sagen, ein Volk mag eine Geschichte haben, aber eine Nation nicht, wenigstens nicht eine Geschichte, man muss lernen, Geschichten zu schreiben. Aber jenseits des Eurozentrismus, und das betone ich stark, liegt nicht eine authentische, eigene indische oder chinesische oder afrikanische Geschichtsschreibung. Das wäre ein fatales Missverständnis. Ich erwähne das, weil ich denke, dass das politisch ein Fehler und theoretisch auch falsch wäre. Und ich erwähne es auch, weil es in manchen Teilen der islamischen Welt heute doch Tendenzen in dieser Richtung gibt. Wohingegen unser Buch deutlich macht: Es gibt keine reine Geschichte, weder europäische noch andere, die wir uns heute nach diesen 200, 300 Jahren Verflechtungsgeschichte wünschen können oder auch sollen.

Deutschland ist in einer speziellen Situation, es hat nur eine kurze, wenn auch sehr grausame Zeit lang Kolonien gehabt und war nicht zentral in den Kolonialismus involviert. Der Philosoph der afrikanischen Freiheitsbewegungen, Frantz Fanon, hat einmal festgestellt, daß der »europäische Faschismus ein nach innen gekehrter Kolonialismus war«. Was bedeutet die veränderte Sicht auf die Geschichtsschreibung heute für die Situation und das Selbstverständnis in Deutschland?
Das ist interessant, Frantz Fanon hat es gesagt, und Hannah Arendt hat es auch gesagt, in einem nicht sehr viel beachteten Argument, mit dem sie genau diesen Zusammenhang zwischen Faschismus und dem Fehlen des deutschen Kolonialismus sozusagen hergestellt hat. Und Sheldon Pollock macht in unserem Buch auch auf eine spezifische Art und Weise deutlich, wie die deutsche Indologie mit dem Nationalsozialismus verflochten ist. Gerade auch diese Art im Umgang mit dem Anderen, der nach innen gekehrt wird, weil die Kolonien nach außen sozusagen fehlen. Was eine geteilte Geschichte uns lehren soll für einen Perspektivwechsel hinsichtlich des Selbstverständnisses in Deutschland, wäre, dass die deutsche Vergangenheit mehr ist als nur die Vergangenheit, die immer wieder mit dem Nationalsozialismus bewältigt werden muss. Dass die deutsche Vergangenheit eigentlich eine komplexere ist, und dass der Kolonialismus daher nicht gleichgesetzt werden darf, mit einer ganz kurzen Episode der direkten kolonialen Herrschaft, sondern dass die Auswirkungen des Kolonialismus - insbesondere des kolonialen Denkens und der Denkkategorien und Denkschemata - wesentlich tiefer gehen.

Eine zweite Lehre, die wichtig wäre, aber nicht nur spezifisch für Deutschland, ist, dass die Globalisierung eine lange Geschichte hat. Für Europa erscheint diese Geschichte zunächst überhaupt nicht, weil es so aussieht, als ob die Globalisierung erst vor zehn Jahren angefangen hatte, als Europa begann, sich überhaupt wieder mit transnationalen Verflechtungen zu beschäftigen. Für diejenigen von uns, die von außerhalb Europas kommen, ist das anders. Unsere Großeltern haben sich mit genau diesen transnationalen Verflechtungen in verschiedenster Weise beschäftigt, mussten sich damit beschäftigen. Für sie war der Nationalstaat keine Selbstverständlichkeit und der nationale Blick auf Geschichte und Gegenwart ebensowenig. Und daher denke ich, wenn uns die postkoloniale Sicht etwas Grundsätzliches lehrt, dann dies: dass die europäische Expansion für die Welt grundlegende Folgen hatte, aber auch für Europa selbst.

Das Gespräch führte Marie Elisabeth Müller

Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, herausgegeben von Shalini Randeria und Sebastian Conrad. Campus 2002, Frankfurt/Main, New York, 398 S.

00:00 14.03.2003

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