Man sagt Frau Dombaumeister

Alltag Kölner Tradition: Seit 760 Jahren ist Barbara Schock-Werner die erste Frau in diesem Amt

Dombaumeister haben es eilig. In der Hand voll Zeit angesichts der Ewigkeit, die ihnen bleibt, wollen sie dem Bauwerk ihren Stempel aufdrücken. Das Tempo, das sie vorlegen, hat im Kölner Dom Tradition. Es soll dem Vernehmen nach schon Meister Gerhard, den ersten Baumeister des Kölner Doms, geprägt haben, dem 15 Jahre gegeben waren, ehe er davon musste, wobei ihm der Teufel zur Hand gegangen sein soll, so schnell habe er den Bau hochgezogen.

Auch Barbara Schock-Werners Vorgänger, der legendäre Arnold Wolff, machte Druck. Ihm blieben 26 Jahre, um vor allem die schlimmsten Kriegszerstörungen nach 1945 zu beseitigen. Vor nunmehr acht Jahren trat Professorin Barbara Schock-Werner in seine großen Fußstapfen. "Den Dom, den kriege ich nie fertig, aber die Fenster im Südflügel, die müssen schnellstens eingebaut werden!" Sagt´s, und steht, wenn sie telefoniert, wie auf glühenden Kohlen, eilt im Laufschritt an die Westpforte des Doms, um dort den Fortgang der Arbeiten an den Windfängen zu kontrollieren und läuft und rennt, als sollte der Dom nun doch an einem Tag fertig gestellt werden. Sie ist der achte Dombaumeister seit 1833 und seit rund 760 Jahren - 1248 war die Grundsteinlegung - die erste Frau in diesem Amt. "Nichts Ungewöhnliches", sagt sie, auch in Straßburg, Ulm, Nürnberg und Magdeburg wären auf vergleichbaren Posten Frauen.

Als Dombaumeister Wolff einst gefragt wurde, was man sein müsse, um Dombaumeister zu werden, antwortete er lakonisch: "Das ist ganz einfach - katholisch und schwindelfrei." Die ironische Barbara Schock-Werner ergänzt die Bewerbungsanforderungen um die Vokabeln: "ungeduldig und schnell".

"Ich bin ein bisschen fixer als die meisten Leute und mit einer praktischen Intelligenz gesegnet", vermutet sie. "Sie ist die Beste", beschwichtigte damals der Kölner Domprobst Henrichs Zweifler. Aber die Beste musste noch mehr vorlegen außer Tempo: die richtige Qualifikation zum Beispiel. Professor Dr. Barbara Schock-Werner ist Architektin und habilitierte Kunsthistorikerin, ihre Sporen hat sie sich unter anderem an den Universitäten Stuttgart, Bonn, Wien und Kiel verdient. Für ihre Dissertation studierte und analysierte sie die mittelalterlichen Rechnungen im Straßburger Münster. "Etwas unerhört Aufregendes", versichert sie. "Seither weiß ich, wie diese Bauhütte funktioniert hat und wie die Leute damals gelebt haben."

Managementqualitäten, um einen Betrieb wie den Dom mit knapp hundert Mitarbeitern zu leiten, brachte die Mutter zweier Töchter ebenfalls mit. Als sie am 1. Januar 1999 ins Amt eingeführt wurde, war die Sensation groß. Zum ersten Mal in der Geschichte des Doms machte eine Frau das Rennen. Journalisten fragten sie nach einer weiblicheren Gestaltung des Doms. Schlagfertig kam die Antwort: "Wenn Sie denken, dass ich Spitzendeckchen auslegen werde, kann ich sie beruhigen, das wird nicht der Fall sein." Dennoch stand eine Grundreinigung der Kathedrale ganz vorn auf ihrer Agenda. "Als Neue, noch mit dem Blick von außen, fielen mir besonders unangenehm die Dreck- und Staubschichten auf", sagt sie. "Kein Wunder bei 20.000 Besuchern pro Tag." "Typisch Frau", war dann auch der Kommentar vom Dompropst. Sie hätte ihm erst mal klar gemacht, wie dreckig der Bau sei.

Schnell geklärt war in einem Brainstorming mit den Mitarbeitern die Anrede. Meisterin Barbara kam nicht in Frage, implizierte das doch im Baubereich die Frau des Meisters. Eine doppelte Verweiblichung schien auch nicht passend. Geblieben ist: Frau Dombaumeister.

Nachdenklich beantwortet sie noch heute die Frage nach ihren weiblichen Führungseigenschaften. "Vielleicht ist es doch, dass man mehr über die Menschen nachdenkt, mit denen man arbeitet. Und dass man versucht, ein gutes Klima zu schaffen, das die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter herauskitzelt." Wütend machen sie Trägheit und Unfähigkeit. Und obwohl die gotische Kathedrale, die den Himmel mit der Erde versöhnen soll, zur Engelsgeduld mahnt, gesteht die gradlinige und kantige Dombaumeisterin: "Ich bin kein geduldiger Mensch. Das gebe ich gerne zu. Selten werde ich, wenn jemand meine Nerven zu sehr strapaziert hat, laut. Aber ich bin nicht nachtragend!"

Groß geworden ist sie in einer schwäbischen Handwerkerfamilie, eine passende Eheschließung war da eine Option, höhere Bildung exotisch. Die Eltern haben ihr den praktischen Verstand mit auf den Weg gegeben, ihr Wissensdurst aber wunderte sie. "Ich war jung zur Zeit der 68er", sagt sie. "Damals habe ich, ohne irgendwo aktives Mitglied zu sein, den berühmten Kick bekommen - die Veränderung des Weltbildes. Der gesellschaftliche Aufbruch, die Frauenbewegung faszinierten mich und die Musik der Beatles."

Wer sich heute die Dombauverwaltung als leicht angestaubte, still vor sich hin arbeitende Institution vorstellt, irrt. Das kompakte Tagesprogramm der Dombaumeisterin beginnt Schlag acht Uhr. Zunächst werden Post und dringende Anrufe erledigt.

Beinahe täglich gegen zehn Uhr macht sie einen Gang durch den Dom, sieht nach dem Rechten und besucht die Werkstätten. Schaut, wie die Arbeit vorangeht, redet mit den Handwerkern, trifft Absprachen. Jeden Mitarbeiter der Schmiede, Schlosserei, Schreinerei, Malerei, die Dachdecker und Zimmerleute, sozusagen alle Heinzelmännchen vom Kölner Dom kennt sie beim Namen. An diesem Tag steht gleich danach ein Arbeitsessen an: Mit den Senatoren der Ehrengarde des Karnevalsvereins bespricht sie beim Diner im besten Haus am Platz die Finanzierung eines neuen Fensters. Nach der Sponsorenpflege führt sie eine ausländische Gruppe durch die Domgrabungen.

Zurück in der Domverwaltung, warten hausinterne Beratungen auf sie. Neue Verfahren für die Werterhaltung müssen besprochen, Texte für den hauseigenen Verlag begutachtet werden, ein Termin mit der Domkonferenz - Domforum, Dompfarrer und Dombaumeisterin tauschen sich regelmäßig aus - steht an. "Ein Ende der Arbeiten am Dom wird es nicht geben!", verteidigt sie fast vorwurfsvoll ihren straffen Terminplan. "Jeder, der ein Reihenhäuschen hat, das älter als 15 Jahre ist, weiß, es gibt immer etwas zu tun. Das gilt erst recht für ein Gebäude, das so viel älter, größer und komplizierter ist. Ein ›Fertig‹ gibt es nicht, es sei denn, wir gießen das Ganze in Glas."

Meist erst ab 15 Uhr wird es ruhiger. Bis 19 Uhr sitzt sie dann am Computer und schreibt Texte - über den Dom, seine Schätze und Geheimnisse. Eloquent stellt sie am Abend in einer Buchhandlung das neue Buch der früheren Stadtkonservatorin Kleine Kunstgeschichte Kölns vor. Jeder Stuhl ist besetzt, ist doch der Dom Familienangelegenheit der Kölner und alles, was ihn betrifft, von magischer Anziehungskraft. Und endlich in den Federn, muss die Dombaumeisterin manchmal sogar um ihre Nachtruhe fürchten. Als Lordsigelbewahrerin 50 Meter vom Dom entfernt, direkt am Roncalliplatz wohnend, ist sie für die Polizei erste Anlaufadresse bei Fehlalarm in der Schatzkammer oder wenn sich in der Dombauhütte verirrenden Hunde verirren.

Nach mehr als acht Jahren trägt der Dom auch ihre Handschrift: Die modernen, besucherfreundlichen Automatiktüren, das mehrsprachige Beschriftungssystem, die Erneuerung der Buntglasfenster im Westdom, das digitale Dominventar, die Sanierung der steinernen Fassade gegen die Angriffe der Zeit. Ihre ständige Aufgabe: der Schutz der Steine.

Auf ihre Idee geht zurück, dass erstmalig blinde und sehbehinderte Menschen die Möglichkeit haben, den Kölner Dom selbstständig für sich zu entdecken. In einem Reliefbuch sind alle Texte in Großdruck 21 Punkt und in Brailleschrift abgedruckt. Mit Hilfe von Reliefbildern lassen sich neben der Architektur zum Beispiel auch das berühmte Gerokreuz und der Dreikönigsschrein ertasten.

"Mitunter überkommt mich Ehrfurcht", gesteht sie. "Besonders, wenn ich mich in über 100 Metern Höhe bewege und seine Größe spüre, oder wenn ich sonntags in der Messe sitze, und diese enorme Aura fühle." Ihre Berufsehre? "In jeder Minute das Beste zu leisten, was ich kann." Wer das Glück hat, mit ihr eine Führung durch den Dom zu erleben, vergisst den pointierten und berührenden Vortrag nie wieder. Zum Ende hin regt Barbara Schock-Werner ihre Besucher zum Nachdenken an, in dem sie sie angesichts dieses grandiosen Bauwerks darauf hinweist, zu welch unerhörten Leistungen die Menschheit fähig ist, wenn ihr eine Idee wirklich wichtig ist.

Ihr Lieblingsplatz im Dom ist der Blick vom Westtriforium. Ihr Herz aber, das hängt an den Fenstern, den alten und den neuen. Fast 70 aus dem 19. Jahrhundert sind noch in Kisten verpackt, müssen restauriert und erneuert werden. In ihrer Dienstzeit sollen sie wieder eingebaut werden. So freut sie sich über die originalgetreue Erneuerung der kriegszerstörten Johannes-Klein-Fenster aus dem Jahre 1870 durch die Glasabteilung der Dombauhütte. Und ein Höhepunkt steht bevor: Am 25. August wird das 100 Quadratmeter große farbige Fensterbild von Gerhard Richter im Südquerhaus eingeweiht. Über 100 Domfreunde haben dafür gespendet.

Während der irdische Dom so langsam seiner Vollendung entgegengeht, dirigiert die Dombaumeisterin bereits die Arbeiten am nächsten Bau der Superlative - im virtuellen Raum. Die Bewohner der Stadt Köln im Second Life bauen derzeit die Online-Version der Kathedrale. Im August soll sie fertig sein. Um Pfusch am Nachbau zu verhindern, berät und überwacht Barbara Schock-Werner das Projekt penibel. "Wenn der Dom im virtuellen Köln im Second Life entstehen soll, muss er die Qualität des wirklichen Gebäudes haben", darauf besteht die Baumeisterin. Schließlich erwarte auch dieser Dom Millionen Besucher aus der ganzen Welt.

Die 60-jährige agile Barbara Schock-Werner will ihren Job als Dombaumeisterin für den Rest ihres Lebens machen. "Was soll ich denn sonst noch werden", spottet sie und schaut schon wieder auf die Uhr. "Höher hinaus geht´s nicht, oder? Bundeskanzlerin etwa?"


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00:00 20.07.2007

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