Man sieht, was fehlt

Die Patin Eine Reise mit Katja Lange-Müller nach Lublin

Wie übersetzt man "Mausepuppe"? Und wie erklärt man polnischen Studenten die Besonderheit West-Berlins? Auch wenn sie erst 1989 geboren wurden, wissen sie, dass Berlin 28 Jahre lang durch eine Mauer geteilt war. Doch was es hieß, von Ost nach West zu übersiedeln, weiter in der selben Stadt zu leben, aber nicht mehr im selben Land, das geht dann doch über ihre Vorstellungskraft. Katja Lange-Müller erklärt es geduldig. Sie ist 1984 diesen Weg in den Westen gegangen. Ihr aktueller Roman Böse Schafe (Freitag 41/2007) erzählt davon. Erst wenn die Studenten begriffen haben, was das bedeutete, können sie das Wortspiel vom "Stadtsmann" im Unterschied zum "Landsmann" angemessen ins Polnische bringen.

Lange-Müller ist als eine Art Botschafterin der deutschen Sprache ins ostpolnische Lublin gereist. Im Rahmen der Initiative "Menschen und Bücher" hat sie die Patenschaft für die Bibliothek der Marie-Curie-Sklodowska-Universität übernommen. Im vorigen Mai war sie bei großer Hitze zum ersten Mal da; jetzt wollte sie sehen, was am Ende dabei herausgekommen ist. 29 Bibliotheken aus Mittel- und Osteuropa und aus Zentralasien nahmen an diesem Projekt teil, das vom Auswärtigen Amt verantwortet, vom Goethe-Institut organisiert und von zahlreichen privaten Stiftungen gefördert wurde. In drei Jahren konnten insgesamt 500.000 Euro zur Verfügung gestellt werden. Die Lubliner Universitätsbibliothek erhielt Bücher im Wert von rund 17.000 Euro. Alle Fachbereiche konnten ihre Wünsche einreichen. Einzige Bedingung: Es mussten Bücher aus deutschen Verlagen sein. Eine kleine Auswahl davon ist nun in einer Ausstellung im Foyer zu sehen. Teure englischsprachige Fachbücher für Medizin und Physik sind darunter. Aber auch Literarisches, von einer Grass-Werkausgabe bis zu diversen Reclam-Bändchen.

Deutsch als Fremdsprache

Der eigentliche Anlass der Initiative "Menschen und Bücher" war die Sorge um die deutsche Sprache. Angeblich wird zu wenig Deutsch gesprochen im Osten Europas. Für Polen stimmt das allerdings nicht ganz, denn immer noch ist Deutsch dort nach Englisch mit Abstand die häufigste Fremdsprache. Die jungen Übersetzer im Lubliner "Haus des Fernstudenten", die sich an Lange-Müllers Böse Schafe erproben, sprechen fließend und nahezu akzentfrei. Da wirkt die doch sehr deutsche Angst vor dem Verschwinden der deutschen Sprache einigermaßen skurril - zumal in den Ländern, in denen die Deutschen einst "Lebensraum" suchten und nichts als verbrannte Erde hinterließen. Heute treten wir als Kulturnation auf und versuchen, mit Bücherspenden einen besseren Eindruck zu machen. Die Zukunft der deutschen Sprache hängt auf vertrackte Weise mit der Geschichte zusammen. "Ich versuche, über meine Person mein Land so sympathisch zu repräsentieren, wie es geht", sagt Katja Lange-Müller. "Mehr kann ich nicht leisten."

Die Studenten interessieren sich eher für die deutsche Gegenwart. Wenn schon Geschichte, dann ist ihnen die Debatte um DDR-Hinterlassenschaften, Stasi-Verstrickungen und das Erbe des Sozialismus näher, denn damit haben sie auch im eigenen Land zu tun. Die Schriftstellerin, die Ost und West gleichermaßen kennt, ist ihnen deshalb nicht so fremd. Aber sie wollen auch wissen, wie man vom Schreiben leben kann und warum man überhaupt zu schreiben beginnt. Sie stellen die einfachen Fragen, die schwer zu beantworten sind.

Boguslaw Kasperek, der Direktor der Bibliothek, ist stolz auf die Plakatsammlung aus den Jahren 1918-1939 mit eindrucksvollen Graphiken, Holzschnitten und Farblithografien. Sie werben für polnische Städte und Regionen und demonstrieren das neue Selbstbewusstsein der wiedererstandenen polnischen Nation, zu der damals auch Lemberg und Wilna gehörten. Auch Lublin wurde, nach langer Zugehörigkeit zum russischen Reich, 1918 wieder polnisch. Lange-Müller bewundert als gelernte Setzerin die technischen Fertigkeiten polnischer Plakatkünstler. "Deren Schwarz war schwärzer als unser Schwarz in der DDR. Keine Ahnung, wie die das hinbekommen haben."

Alte Kostbarkeiten

Auch die Handschriftenabteilung hat einige wertvolle Bände aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu bieten. Ein Mitarbeiter mit flaschenbodendicken Brillengläsern blättert die Kostbarkeiten vorsichtig auf. Er muss die Bücher dicht vor die Augen halten, um etwas lesen zu können. Seine Hände haben sich in schützenden Papierhandschuhen verheddert, so dass ein einzelner Fingerling leer herunterhängt. Viele Materialien stammen aus Bibliotheken in Schlesien, aus Schweinitz zum Beispiel. Sie sind nach 1945 hier gelandet. "Wir verstecken das nicht", sagt der Direktor. "Es ist nun mal so gekommen, und wir müssen dafür jetzt die Verantwortung tragen."

Lange-Müller, das ist ihr anzumerken, würde lieber mit Druckern fachsimpeln als die Autorin im diplomatischen Dienst zu geben. Doch die Gastgeber haben auch noch ein Treffen beim Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland organisiert. Andrzej Kidyba ist im Hauptberuf Jura-Professor und Dekan der Fakultät. Im neu eingerichteten Konsulat in einem alten Bürgerhaus aus dem 15. Jahrhundert am Rynek (Marktplatz) fühlt er sich sichtlich wohl. "Wir befinden uns hier auf deutschem Boden", sagt er, während neben ihm, sehr aufrecht, eine Sekretärin mit Schreibblock und gespitztem Bleistift sitzt. Der Raum mit schwerem, braunem Mobiliar, einem ausladenden Schreibtisch, Fahnen und Urkunden an den Wänden, ächzt unter seiner weihevollen Repräsentationsbestimmung. Ein Gespräch über "bilaterale Angelegenheiten", oder noch allgemeiner: "die Zukunft", will sich nicht so recht einstellen. Es ist nicht leicht, als Bibliothekspatin unterwegs zu sein.

Bis Lange-Müller von ihren Polenerfahrungen aus früher Jugend erzählt, als sie von zu Hause abgehauen war, durchs Land trampte und in Hauseingängen schlief. "Polen war unser Indien. Das war das Hippierefugium des Ostens, wo in den Kellern Blues-Bands spielten. Das gab es in der DDR nicht." Da taut auch der Honorarkonsul auf und berichtet, wie er jahrelang als Schwarzarbeiter in Deutschland gelebt habe. Vom Programm "Menschen und Bücher" hat er aber noch nie gehört. Da hat er als Dekan etwas verpasst. Jetzt will er sich darum kümmern, dass solche Dinge "mehr Transparenz" erhalten. Nicht auf die Stempel auf den Formularen kommt es an, sagt er ein paar Mal zu oft, sondern auf zukunftsweisende Gespräche. Die Zukunft ist seine bevorzugte Zeit.

Doch in Lublin dominiert die Geschichte, und vielleicht ist das Gerede von der Zukunft nur ein Versuch, ihr zu entkommen. Majdanek liegt vor der Stadt, direkt an der Hauptstraße nach Zamosc: ein riesiges, gut einsehbares, stacheldrahtumzäuntes Gelände, über das ein kalter Wind pfeift. Zu sehen sind dort Holzbaracken, Wachtürme, Duschen, Gaskammer, Krematorium und ein Mausoleum, das mit einem gewaltigen Berg Asche aus den Überresten der Opfer gefüllt ist. Die 42.000 Lubliner Juden, mehr als ein Drittel der Einwohnerschaft, sind aber nicht hier, sondern im etwas weiter entfernten Belzec ermordet worden.

Grabsteine in Majdanek

In der Stadt ist deutlich zu sehen, dass etwas fehlt. Der jüdische Friedhof ist so leer wie das Feld in Majdanek. Die Grabsteine wurden von der SS benutzt, um die Wege im KZ zu pflastern. Die Leere fällt umso deutlicher auf, weil der katholische Friedhof gleich daneben geradezu überquillt vor Gräbern.

Die kleine, pittoreske Altstadt endet abrupt. Das Schloss liegt ihr gegenüber auf einem Hügel, umgeben von einer weiten Grünfläche und einem seltsam deplazierten Parkplatz. Hier war einst der Mittelpunkt des ärmlichen jüdischen Viertels, bis es von den Deutschen vollständig zerstört wurde. Im Stadttor, das einst die katholische Stadt von der ausgelagerten jüdischen trennte, ist seit einigen Jahren das Museum "Brama Grodzka - Teatr NN" untergebracht, das die vergessene jüdische Geschichte Lublins rekonstruiert. Höhepunkt ist eine Sammlung mit Fotos von Stefan Kielsznia, der im Jahr 1938 die ganze Stadt, Straße für Straße und Haus für Haus, dokumentierte. Es ist, als hätte er geahnt, dass diese Welt nicht mehr lange existieren würde. 150 seiner 600 Bilder haben die Museumsleute wiedergefunden. Es sind Momentaufnahmen, die aus dem Fluss der Geschichte herausgelöst sind: Straßenszenen, Handwerker bei der Arbeit, Markttreiben. Da kann man sehen, was fehlt. Lange-Müller verspricht, sich bei ihrem Verlag für einen Bildband einzusetzen, um diese außerordentlichen Dokumente publik zu machen.

Ein paar hundert Meter weiter, außerhalb der Altstadt, hat vor einem Jahr die alte Rabbinerschule, die "Yeshirat Chachmei Lublin" wieder geöffnet. Sie existierte von 1930 bis 1939 und war die größte jüdische Hochschule Polens. Die Nazis machten daraus ein Militärhospital. Nach dem Krieg wurde das Gebäude zum Sitz der Medizinischen Fakultät und erst in den neunziger Jahren der jüdischen Gemeinde rückübertragen. Nicht mehr als zwanzig Mitglieder hat diese Gemeinde heute. Ein alter Mann führt die deutschen Gäste herum. Brückenbau-Ingenieur sei er früher gewesen, doch vielleicht ist das, was er jetzt tut, etwas Ähnliches. Das Gebäude mit einer wie neu erstrahlenden Synagoge ist definitiv zu groß. Es riecht nach frischer Farbe und nach Möbelhaus. Der Toraschrein aus heller Kiefer sieht aus wie eine Kommode von Ikea. Die Bibliothek, die einst 25.000 Bände umfasste (sie wurden von den Nazis im Hof verbrannt), ist noch leer. Fünf Bücher verlieren sich in der großen Regalwand, die darauf wartet, gefüllt zu werden. Die Jeshiwah ist ein Symbol für einen Neuanfang. Das ist viel, auch wenn sie gegenwärtig vor allem die Leere sichtbar macht. Es sind diese Leerstellen, die als Eindruck von Lublin bleiben.

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00:00 28.03.2008

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