Man soll von Liebe nicht zuviel erwarten

Gut ist gut und böse bleibt böse Spielzeitbeginn am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin mit Shakespeare und Sibylle Berg

Düster ist die Welt, und sie geht aus den Fugen. Musik erdröhnt, und ein Hofnarr eröffnet das Spiel mit Sinnsprüchen. Wenn er einen Dominostein anstößt, pflanzt sich die Fallbewegung nach beiden Seiten um die Bühne fort. Regisseur und Schauspieldirektor Peter Dehler liebt eindeutige Bilder und große Gesten: sein König Lear kommt im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters als Bildertheater wie aus einer fremden, fernen Zeit daher. Im E-Werk, der kleinen Spielstätte des Schweriner Theaters, springen die Schauspieler dagegen über die Alltagsabgründe eines Labyrinths. Holger Syrbes Bühne für Sibylle Bergs Schauspiel Das wird schon. Nie mehr lieben präsentiert mit einem filzbesetzten Zimmer, dessen Boden zu klar gewinkelten Gängen ausgeschnitten ist, eine zeitgenössische Metapher. Die zwei Frauen, die hier aus dem Publikum zum Workshop auf die Bühne gehen, erzählen dessen männlichem Leiter und seiner als Klageweib fungierenden Mitarbeiterin alle wahren Klischees, die wir schon immer über scheiternde Liebesversuche von Frauen wussten. Regisseurin Lydia Bunk, langjährige Regieassistentin von Frank Castorf, inszeniert Bergs Stück mit Figuren, die in posthumanen Zeiten den Impuls zum Lieben endgültig verlernen wollen, als zwischen Kabarett und Beziehungsspielen changierende Alltäglichkeit.

Zwei Stücke, zwei Geschichten von den Schwierigkeiten, Liebe auszudrücken und wahrzunehmen.

Eine richtige Sommerpause kennt das Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin nicht. Das Fünf-Sparten-Theater in Deutschlands mit 96.000 Einwohnern kleinster Landeshauptstadt bemüht sich nicht nur mit dem Erfolgsmodell der sommerlichen Freilichtoper (Rigoletto zog in diesem Sommer 45.000 Zuschauer an) um sein Publikum, sondern auch mit Sommertheater im Domhof (Shakespeares Ein Sommernachtstraum). Außerdem beginnt man die neue Spielzeit früher als andernorts. Dabei muss das Theater mit vielen Kulturinstitutionen konkurrieren. Während auf den Straßen die Gilde der Straßenmusikanten von Ziehharmonikaspielern bestimmt wird, findet im Fridericianum ein Landes-Chortreffen statt, das Theater bietet ein Sinfoniekonzert und der Dom im Rahmen der Mecklenburg-Vorpommerschen Festspiele ein Konzert mit Werken von Heinrich Schütz. Der Schweriner Kultursommer lockt tags die Menschen mit Sonderausstellungen in die Museen, während abends rund 5.000 Zuschauer den "Söhnen Mannheims" auf der Freilichtbühne lauschen.

"Die Bestandteile der Medien- und Kulturwirtschaft können sich selbst vermarkten", schreibt Horst Wernicke, Vorsitzender des Landesarbeitskreises Kultur, in der Schweriner Volkszeitung und stellt für eine Podiumsdiskussion die Frage "Machen wir zu viel Theater?" Für das Schweriner Theater eindeutig die falsche Frage. Denn gerade mit viel Theater hat die Bühne ihre Existenzberechtigung nachgewiesen. In der vergangenen Spielzeit lockte man 200.000 Zuschauer und will bei einem Etat von 20,8 Millionen 22 Prozent der Kosten eingespielt haben. Das wäre ein absoluter Spitzenwert in deutschen Theaterlanden. Interessanter scheint die Frage: "Welches Theater will und bekommt das Publikum?"

Schiller und Brecht, Gorki und Grimm, die Olsenbande und die Comedian Harmonists, Goldonis Der Diener zweier Herren und den Glöckner von Notre Dame kündigt das Schauspiel neben zwei kleinen zeitgenössischen Stücken für die neue Spielzeit an. Hatte Alexander Lang am Ende der letzten Spielzeit Strindbergs Ein Traumspiel immerhin als formal avanciertes, analytisches Schauspielertheater vorgeführt, so bietet Peter Dehler mit seinem König Lear pures Behauptungstheater der eindrücklichen Form. Der Narr, bei Shakespeare bitterer Gesprächspartner Lears, ist hier anfangs Spruchweiser, dann stummer Zeremonienmeister eines Spiels mit Figuren wie von Beckett. Die werden nicht psychologisch erklärt, sondern mit ihren Haltungen gesetzt. Dehler aktualisiert nicht, er erzählt einfach eine Geschichte. Nicht Abgründe werden aufgerissen, sondern Abbilder gezeigt. Statt Analyse bekommt man Eindrücke, statt Brüchigkeit von Menschen und Welt gibt es das bruchlose Elend. Böse ist bös und gut ist gut: das ist holzschnittartiges Theater wie aus einer uralten Zeit. Voll großer Gesten, klarer Arrangements, kräftiger Musik und Bildern wie Bedeutungszitaten. Bärtige Krieger marschieren mit Standarten auf, als kämen sie direkt aus dem Schrebergarten. Es wird zum Flackern des Lichtzerhackers gekämpft und immer nur jeweils eine Emotion gezeigt. Dehlers Inszenierung balanciert als durchaus beeindruckend eigensinniges Bildertheater der pathetischen Form öfter hart an der Grenze zur unfreiwilligen Komik. Solch Theater sah man lange nicht mehr. Wenn der böse Bastard Edmund zwischen aufdringlicher Verstellung und aufgedrehter hämischer Bosheit wechselt, dann wirkt sein Darsteller Nils Brück, als werfe er nur einen Schalter um. Und eine Figur wie Johann Zürners Haushofmeister Oswald, der mit schütteren Haaren und knickebeinig gebückter Statur mit verschlagenem Blick wie eine Vorgriff-Figur aus dem geplanten Glöckner von Notre Dame durch die Inszenierung humpelt, begeistert trotz oder gerade wegen ihrer altväterlich gestrigen Rollenfach-Darstellung das Publikum. Klar und deutlich geben David Emig den Edgar und Judith Raab, Antje Charlotte Sieglin und Berit Totschnig die Töchter, wobei die einfarbigen, ästhetisch faszinierenden Wollkostüme von Franziska Just ihnen schöne Konturen geben. Horst Rehberg, der vor 45 Jahren als Statist am Schweriner Theater begann, spielt den Lear als kraftvollen, selbstbewussten Mann. Der weißbärtig hagere, hochgewachsene Rehberg vermag wunderbar trocken zwischen Wahn und Wahrnehmung zu changiereren. Wie sein Lear ohne Pathos, mit ganz zarter Mimik und Körpersprache, die Schicksalsschläge hinnimmt und sogar im Chaos des Leids noch zarte Komik erkennen lässt, das ist von faszinierender Leichtigkeit und Eindrücklichkeit.

Ganz andere Lockerheit gibt es in Lydia Bunks zeitgeistiger Inszenierung. Sie stellt Sibylle Bergs komödiantischen Szenen einen analytischen Text über die Erfahrungen unserer Gesellschaft mit Freiheit und Orgien voran und kontert dies mit einem indischen Bollywood-Liebesfilm und ironischen Liedern. Die handwerklich solide Inszenierung bewegt sich auf einer unaufgeregten Mittelposition ohne Grellheiten: weder wird das Kabarettistische unziemlich verstärkt noch das Existentielle betont. Da auch die guten Schauspieler nur den Text spielen, statt sich artistisch oder komisch in Szene zu setzen, bleibt ein allzu einverständig temperiertes Spiel über die Unnötigkeit und/oder Unmöglichkeit der Liebe zwischen Mann und Frau heute.

Zwei Stücke von gestern und heute, inszeniert ohne alle postdramatischen oder dekonstruierenden Mittel. Mit eindeutigen Aussagen und einfachem, klarem Spiel auf sehr unterschiedliche Weise um das gleiche Thema kreisend: Sie erreichten in Schwerin ihr Publikum deutlich. Ovationen für den Lear, fröhlicher Jubel bei Nie mehr lieben. Was will man mehr? Will man wirklich nicht mehr?


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