Man spricht Nichtdeutsch!

Ausländerintegration Für die geplanten Sprachkurse stehen weder genug Geld noch Lehrkräfte bereit. Für Migranten sind sie weniger attraktiv, als viele glauben

Politische Forderungen, über die es einen überparteilichen Konsens gibt, sind selten. Dass die Bundesrepublik Einwanderung braucht und Bemühungen nötig sind, um die deutschen Sprachkenntnisse von Zuwanderern zu verbessern, ist seit kurzem eine dieser wenigen parteiübergreifend akzeptierten Postulate. Und dennoch hat die Bundesregierung ein Sprachkonzept aufgelegt, das kaum etwas ändern wird.

Die Bundesmittel für Deutschkurse werden von 274 auf 340 Millionen Mark aufgestockt. Das ist die gute Nachricht. Aber die zusätzlichen Gelder gehen für höhere Honorare für die Lehrkräfte drauf. Der Schritt war längst überfällig, denn die Bildungsträger finden kaum noch ausgebildete Lehrkräfte, die bereit sind, für Stundensätze zwischen 25 und 35 Mark - von denen man sich selbst sozialversichern und Steuern zahlen muss - Deutschstunden zu geben. Dass bisher ausgebildete Fachleute dazu bereit waren, lag lediglich an der hohen Lehrerarbeitslosigkeit. Die geht zurück, und es ist abzusehen, dass auch zu den gestiegenen Honorarsätzen bald Lehrermangel in der Deutschausbildung für Ausländer herrscht. Wegen der schlechten sozialen Bedingungen lassen sich zunehmend Honorarkräfte nach wenigen Jahren umschulen, wenn sie nicht im Schuldienst unterkommen.

Die Bundesausländerbeauftragte Marieluise Beck (Bündnisgrüne) hat bereits auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Es sei fraglich, ob die kalkulierten Kurskosten von 3.000 Mark pro Teilnehmer für ein hochwertiges Angebot ausreichend seien. Die Niederlande stellten 6.900 Mark pro Teilnehmer bereit. Nach dem Konzept der Süßmuth-Kommission soll es außerdem ein Angebot von jährlich 220.000 Kursplätzen geben. Auch dies ist nach Berechnungen von Beck aus den bisher veranlagten Bundesmitteln nicht zu leisten.

Dabei hat die Bundesregierung vor, ab dem nächsten Jahr den Kreis der Zugangsberechtigten für Deutschkurse zu erweitern und die Kurse für die verschiedenen Zielgruppen zusammenzuführen. Bisher gibt es Kurse für Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge aus den GUS-Staaten, getrennt davon aus anderen Bundestöpfen finanzierte Kurse für Asylberechtigte, Akademiker sowie Arbeitnehmer aus früheren Anwerbestaaten. Von der Zusammenführung versprechen sich die Bundesbeamten, dass es nicht länger Kurse gibt, in denen die Teilnehmer untereinander nur russisch sprechen. Lernen Spätaussiedler gemeinsam mit türkischen und jugoslawischen Zuwanderern, dann muss man sich auch in den Pausen deutsch unterhalten, was dem Spracherwerb und der Sprachmotivation zweifellos dient.

Darüber hinaus dürfen ab 2002 fast alle Zuwanderergruppen auf Staatskosten deutsch lernen. Aber die neuen Teilnehmergruppen bekommen während des Kurses keinen Unterhalt gezahlt. Wer keinen reichen Ehepartner, Erspartes oder einen einsichtigen Arbeitgeber hat, kann sich den Kurs trotzdem nicht leisten.

Hinzu kommt, die Bundesregierung stellt sich ebenso wenig wie die Oppositionsparteien die Frage, wie man Ausländer motivieren kann, die deutsche Sprache zu erlernen. Die Frage ist berechtigt. Längst haben sich ethnisch geschlossene Subwirtschaften entwickelt, in denen man vor allem die Herkunftssprache sprechen und in der Herkunftskultur zu Hause sein muss, um einen Job zu bekommen und innerhalb der Subwirtschaften aufzusteigen: Das türkische Dönergewerbe ist ebenso ein Beispiel wie der Textilverkauf auf ostdeutschen Wochenmärkten, der fest in vietnamesischer Hand ist, oder griechische und indische Restaurantketten, vielerorts auch der Obst-, Gemüse- und Blumenverkauf.

Wer in den Subwirtschaften arbeitet, braucht kein Deutsch. Im Gegenteil

Diese Subwirtschaften bildeten sich heraus und expandierten, weil Zuwanderer auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance hatten. Für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter, die nach der Wende arbeitslos geworden waren, war der Textilhandel oft die einzige legale Erwerbschance, die Alternative zur Arbeitslosigkeit. Weil viele Vietnamesen solche Stände betrieben, entstanden schnell wirtschaftliche Verbindungen unter ihnen. Ab Mitte der neunziger Jahre kann man in Ostdeutschland von einer solchen Subwirtschaft sprechen: Vietnamesische Wochenmarktverkäufer beziehen die Textilien von ebenfalls vietnamesischen Großhändlern, die sie in Fabriken von Verwandten in Vietnam fertigen lassen. In den Großhandelszentren bieten andere Händler asiatische Lebensmittel, Imbissgerichte oder Videokassetten an, damit die Wochenmarkthändler alles unter einem Dach haben. Wer hier arbeitet, braucht kein Deutsch. Im Gegenteil: Wenn jüngere Vietnamesen, die in Deutschland aufgewachsen sind, innerhalb dieser Subkultur die traditionellen hierarchischen Prinzipien aufbrechen wollen, werden sie nicht akzeptiert und scheitern meist auch wirtschaftlich. Sich über einen Sprachkurs die Voraussetzungen zu erwerben, um aus der Subwirtschaft auszubrechen, ist praktisch unmöglich. Denn die Betroffenen würden während des Kurses keinen Unterhalt bezahlt bekommen und wären als ehemalige Selbstständige auch später von der Arbeitsförderungspolitik ausgeschlossen.

Dass solche Subwirtschaften expandieren, ist eine Folge der Ausländerpolitik der letzten Jahre. Will ein abgelehnter Asylbewerber oder ein geduldeter Ausländer ein Aufenthaltsrecht erwerben, so muss er bisher einen Arbeitsplatz nachweisen. Meist waren es nur Angehörige der eigenen ethnischen Gruppe, die dann einen Arbeitsvertrag für wenige Wochen anboten, mit dem er darauf hoffen konnte, die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu bekommen oder zu verlängern.

Spracherwerb und Integration können nur funktionieren, wenn mit der restriktiven behördlichen Politik gebrochen wird. Das Ende der Subwirtschaften würde dann auch Gelder sparen: Denn Zuwanderer, die sich von der Gesellschaft angenommen fühlen, sind auch bereit, ihre deutschen Sprachkenntnisse an ihre Kinder weiterzugeben. Das wäre dann Deutschunterricht, der kein Geld kostet. Doch eine solche Forderung ist parteiübergreifend nicht akzeptiert.

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00:00 31.08.2001

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