Man will die Fremden nicht

Krimis Der griechische Kriminalschriftsteller Petros Markaris über Bertolt Brecht, Heiner Müller, Griechenland und die Globalisierung

Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist auch für die Jungen ein aufregender Schriftsteller. Zwischen Populär- und Hochkultur, zwischen Deutschland und Griechenland, zwischen Theater, Kino und Prosa oszilliert sein Werk. Als Drehbuchautor ist er ein enger Mitarbeiter von Theo Angelopoulos, dem unbestritten wichtigsten griechischen Regisseur. Markaris verfasste aber auch die Krimiserie Anatomie eines Verbrechens, schrieb Theaterstücke wie Fremdgeblieben (griechisch 1978, deutsch 1988) und Romane wie Hellas Channel (griechisch 1995, deutsch 2000) und - eben erschienen - Nachtfalter (griechisch 1998). Er übersetzt aus dem Deutschen - vor allem Brecht - und beendete gerade eine Neuübersetzung von Goethes Faust I und II.

FREITAG: Wie entstand eigentlich die Figur des Kommissars Kostas Charitos?
MARKARIS: Er ist zu mir gekommen, nicht ich zu ihm. Ich schrieb in den Jahren 1991 - 93 an der Krimiserie Anatomie eines Verbrechens. Es war ein riesiger Erfolg, aber nach drei Jahren hatte ich die Nase voll davon. Der Sender wollte nicht aufhören, schließlich sind wir zu dem Kompromiss gekommen, dass ich noch ein halbes Jahr weitermache. Da bin ich auf eine typische griechische Kleinbürgerfamilie gestoßen, ich wusste nicht, dass es eine Polizistenfamilie ist. Ich wusste nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Kleinbürgergeschichten erzählt jeder in Griechenland, das wollte ich nicht machen. Also habe ich die Idee fallen gelassen, aber der Mann wollte nicht weg. Er war jeden Tag in meinem Kopf anwesend. Ich wurde von ihm gefoltert. Folter, dachte ich, so bin ich zum Polizisten gekommen. Es war wichtig, dass ich mit der Familie angefangen habe. Als Altlinker habe ich keine Sympathie für Bullen, die waren ja in Griechenland das Synonym für Faschisten. Aber da hatte ich diese Kleinbürgerfamilie. Und da sah ich zum ersten Mal ein, dass diese armen Polizisten Kleinbürger sind. Sie haben die gleichen kleinen Träume, dass ihre Kinder studieren, Ärzte und Anwälte werden sollen. So kam diese Konstruktion zustande, aus einer Verbrechens- und einer Familiengeschichte, die parallel, nicht ineinander verflochten, erzählt werden.

Ihre Krimis weiten sich zu Gesellschaftsromanen. Recherchieren Sie dafür?

Ja, immer. Bei Hellas Channel ist es ja das soziale Netz der Medien. Ich sah diese Leute aus der Nähe und sagte mir: das ist doch kein Leben. Die arbeiten sich tot für den täglichen Erfolg, nicht den Erfolg eines Lebens, sondern den einer Stunde, einer Minute, einer Sendung. Ich habe weiter recherchiert, erlebte, wie freundlich sie miteinander sprechen, sich duzten, aber auch so eifersüchtig versuchen, einander auszustechen. Bei Nachtfalter wunderte ich mich, woher die kleinen Fußballklubs, die dritte Liga, die Plebejer des Fußballs, soviel Geld haben. Ich recherchierte und habe das herausgefunden - das steht im Roman. Immer suche ich Leute, die in die Sache verstrickt sind. Zuerst versuchte ich, mit Fußballspielern zu reden, die wollten aber nicht mitmachen. Über einen Bekannten eines Schwagers, dem ich Verschwiegenheit zusichern musste, bin ich dann doch dahintergekommen.

Was kommt nach der Recherche?

Ich brauche ein Bild. Irgendeines, mit dem ich anfangen kann. Wie es weitergeht, das weiß ich nicht, das merke ich dann beim Schreiben. Die dramatische Handlung entwickle ich von Kapitel zu Kapitel.

Ein zentrales Thema Ihres Werkes sind die Einwanderungswellen ...

Früher wollte keiner nach Griechenland einwandern. Deshalb konnten die Griechen sagen: Wir sind keine Rassisten. Jetzt, wenn die Albaner scharenweise kommen und auch die Rumänen und die Serben, jetzt stellen die Griechen fest, dass sie auch rassistisch, dass sie auch nationalistisch sein können - wie die übrigen Europäer. Man will die Fremden nicht. Das hängt allerdings davon ab, welche Politik betrieben wird, ob sie die Fremden aufnimmt. Wenn sie es macht, kann es langsam, sehr langsam gelingen. Sonst bleibt der Fremde noch nach Jahren fremd. In Griechenland ist es so, dass nicht nur die Griechen die Albaner hassen, sondern die Albaner hassen auch die Griechen. Jeder verhält sich abschätzig zum anderen. Natürlich hängt das auch vom Kulturniveau des Herkunftslandes ab. Zum Beispiel gibt es eine starke polnische Gemeinde in Griechenland. Das ist sehr komisch, sie sind gekommen, scharenweise, weil irgendjemand mal gesagt hat, man könne von Griechenland leichter nach Kanada emigrieren. Das war aber nicht so. Sie sind stecken geblieben. Gute Handwerker und Arbeiter - die Griechen mögen sie. Wenn die Deutschen sich über die Polen beschweren, sagen die Griechen: "Wieso denn, dass sind doch ganz nette Leute." Vieles hängt nicht von der Nationalität, sondern vom Kulturniveau ab.

Sie entwickeln ihr fiktives Athen aus realen Orten. Die Wege aller Figuren sind so, dass man alle auf einem Stadtplan findet. Spazieren Sie oft durch Athen?

Ich kenne die Arbeiterviertel und die Vororte so gut, dass ich nicht mehr hingehen brauche. Ich kann es mir vorstellen.

Sie beschreiben aber konkrete Straßen.

Ja, und die sind so, wie ich sie beschrieben habe. Eine Journalistin wollte einige Orte besichtigen, da bin ich mit ihr erstmals in eine Straße gegangen. Und siehe, diese Blumentöpfe, diese kleinen Häuser mit der schmalen Eisentreppe, die man hinaufsteigen muss, um in ein Einzelzimmer zu gelangen. Alles war, wie ich es beschrieben hatte. Ich habe jahrzehntelang in solchen Vierteln gelebt. Die krassen Unterschiede finde ich spannend. Wenn Sie zum Beispiel nach Kifissia hinausfahren, da sind Sie in einem Milieu von Reichtum wie in bestimmten Vierteln von Berlin, München oder Paris. Aber wenn Sie nach Nea Philadelphia fahren, da sind diese alten Arbeiterviertel, die Sie so nicht mehr finden im übrigen Europa. Das ist typisch Athen, das ist typisch griechisch. Der Unterschied zwischen diesem EU-Griechenland und diesem alten Griechenland interessiert mich. Ich glaube, dass wir diesen Unterschied erleben wie nie zuvor in unserer Geschichte.

Geboren sind Sie aber nicht in Athen, sondern 1937 in Istanbul ...

Ja, mein Vater war Kaufmann, meine Mutter Hausfrau. Typischer Mittelstand, zwei Kinder - meine Schwester und ich. Die unsicheren Verhältnisse spürten wir zwar, dennoch war es ein angenehmes Leben. Wir hatten griechische und türkische Freunde. Weil ich auf ein österreichisches Realgymnasium ging, war ich täglich zusammen mit Türken, Griechen, Armeniern, Juden. Es gab keinen Nationalismus. Seit 1956 ging es immer mehr bergab, es wurde unerträglich. Jetzt hat sich die Situation wieder verbessert - mehr zwischen den Völkern, weniger bei den Politikern. Ich gehöre zu den Leuten, die glauben, dass die ganz großen Monarchien des 19. Jahrhunderts eines geschafft haben: Die Bürger waren nicht nationalistisch geprägt. Nach dem ersten Weltkrieg hat es angefangen. Das alte osmanische Reich kannte den Nationalismus gar nicht. Jahrhunderte lang war der Außenminister ein Grieche. Aber die geschichtliche Tendenz ging hin zum der Nationalstaat. Atatürk, den ich bewundere, weil er in so kurzer Zeit viel geschaffen hat, benutzte den Nationalismus als ein starkes Mittel, um die Glieder dieser Gesellschaft zusammenzuhalten. Auch in Griechenland, auch in Serbien gibt es diesen aggressiven Nationalismus seit dem Zerfall der großen Monarchien. Jetzt erleben Sie ihn bei den Albanern. Es ist ein Teufelskreis, und es gibt keine politischen Lösungen. Leider. Bis wir soweit sind, werden wir nicht glücklich. Aber das ist nicht nur auf dem Balkan so. Als die Regierung Jospin das freie Selbstbestimmungsrecht anerkannte, waren die Spaniern unglücklich - wegen der Basken. Und in Belgien waren sie es wegen Flandern. Wenn es so weiterginge wie auf dem Balkan hätten wir ganz kleine Flecken als Nationalstaaten.

Zurück zu Istanbul ...

Ich habe den Kontakt zu meiner Geburtsstadt aufrechterhalten. Ich fahre drei bis vier Mal im Jahr nach Istanbul. Ich finde Istanbul eine spannende, eine ausgesprochen erotische Stadt. Man verliebt sich in Istanbul. Diese alten, zum Teil verfallenden Stadtviertel, das Zentrum, den Bosporus, das Meer. Dieses Pendeln zwischen Europa und Asien ist einmalig.

Könnten Sie sich vorstellen, auch einen Krimi in Istanbul anzusiedeln?

Ich hab sogar schon eine Idee dafür. Ich weiß aber nicht, ob er in der Türkei Erfolg habe würde. Wissen Sie, die Griechen haben ja seit 1974 Demokratie, sie können heute mit Polizisten zusammenleben. Aber die Türken ... Wenn ich denen sage, dass ein türkischer Bulle sympathisch ist, das werden sie nie verdauen.

Aber Ihre Romane sind erfolgreich in der Türkei, weil ein griechischer Bulle ...

Ja, schon. Die türkischen Krimis aber spielen alle mit Privatdetektiven, nicht mit Polizisten. Das ist typisch.

Man liest häufig, dass Brecht Sie prägte ...

Mutter Courage sah ich im Berliner Ensemble, 1957, ein Jahr nach Brechts Tod. Ich war theaterkrank, habe alles gesehen. Nach der Mutter Courage wusste ich: das ist das, was ich gern machen möchte. Die Erzählweise faszinierte mich, ich las auch viel Theoretisches von Brecht. Ich war so begeistert, dass ich zu übersetzen begann - es gab damals in Griechenland keine guten Übersetzungen. Meine eigene distanzierte Erzählweise, auch diese Art, immer die Welt zu kommentieren, das kommt von Brecht.

Was halten Sie von Heiner Müller?

Heiner Müller war der letzte universelle Dramatiker im Sinne Goethes. Die heutigen Autoren - besonders im Theater - schreiben über kleine gesellschaftliche Einzelfälle. Heiner Müllers Art zu denken und zu schreiben war einmalig. Die beste Auseinandersetzung über die Revolution habe ich im "Auftrag" gelesen. Ein Satz wie DIE REVOLUTION IST DIE MASKE DES TODES DER TOD IST DIE MASKE DER REVOLUTION, das kann nur von einem Autor geschrieben werden, der die Revolution erlebt hatte und auch darunter gelitten hat. Er setzt sich mit dem auseinander, was er liebt und was er hasst. Es gibt keinen anderen Autor, der so gut erklärt hat, was es bedeutet, Revolutionär zu sein und von der Revolution enttäuscht zu sein. Beides.

Wo würden Sie sich in der griechischen Literatur einordnen?

Ich fühle mich der deutschen Literatur näher als der griechischen. Ich lasse mich dort nicht einordnen - diese Art rundherum um Griechenland zu kreisen, die mag ich nicht. Diese Nabelforschung widerspricht meinem Charakter. Die Kleinwelt Griechenlands interessiert mich insoweit, als ich ihre Widersprüche und ihr Verhältnis zur übrigen Welt entdecke. Die großen modernen griechischen Autoren sind Einzelgänger. Seferis zum Beispiel. Das Interessante an seiner Dichtung ist der Widerspruch zwischen Griechenland und Nichtgriechenland. Er war Kosmopolit, lebte ein Großteil seines Lebens außerhalb und hob Griechenland immer als Idee hervor. Griechenland ist für Seferis eine Sehnsucht, mehr als ein Erlebnis.

Sie sind also einerseits geprägt von der deutschen Hochkultur - Goethe, Brecht, Müller -, andererseits vom realistischen amerikanischen Krimi wie ihn Ed McBain schreibt ...

Widersprüche gefallen mir - bin ich doch selbst widersprüchlich.

Woran arbeiten Sie?

Ich schreibe einen Roman über einen Serienkiller, der eigentlich gar keiner ist. Das Sujet zeigt die Zusammenarbeit der Finanzwelt mit den Mafiosi.

Also wieder das Thema Globalisierung und Verbrechen?

Die Globalisierung der Wirtschaft und des Verbrechens laufen nebeneinander her. Es gibt ein Verbrechernetz von Russland bis Amerika. So arbeiten südamerikanische Kokainkartelle mit der russischen Mafia zusammen, und die macht große Immobilengeschäfte. Es gibt ganze Viertel in Griechenland, die ihr gehören. Das ist auch in England so. Man kann das Legale vom Illegalen nicht mehr klar unterscheiden. Die russische Mafia schickt Emigranten nach Griechenland. Leute aus Usbekistan werden nach Moskau gebracht. Dort zahlen sie von den notwendigen 5.000 Dollar 2.000. Dann werden sie über Bulgarien nach Griechenland geschleust. In Griechenland dürfen sie das restliche Geld in Raten zahlen. Eine Geschichtslehrerin aus Usbekistan - sie arbeitet in Athen als Putzfrau - bezahlt jeden Monat ihre Rate. Nur ein gut funktionierendes Wirtschaftssystem kann Ratenzahlungen akzeptieren. Ich fürchte, die Einnahmen aus illegalen Geschäften, die in das legale Finanznetz fließen, können so groß werden, dass man sie nicht herausziehen kann, ohne eine Finanzkrise zu verursachen. Das globalisierte Verbrechen arbeitet daran, dass man Legales und Illegales nicht mehr trennen kann.

Das Gespräch führte Achim Engelberg

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00:00 05.10.2001

Ausgabe 41/2021

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