Manche bezahlen mit dem Leben

Türkei Als die Proteste im Istanbuler Gezi-Park begannen, waren Homosexuelle und Aktivisten der Transgender-Bewegung von Anfang an dabei
Hanna Mühlenhoff | Ausgabe 27/2013

Als die Proteste im Istanbuler Gezi-Park begannen, waren Homosexuelle und Aktivisten der Transgender-Bewegung von Anfang an dabei. Nicht weit, im Stadtteil Osmanbey, leben viele von ihnen. Das hat ihre Position in der Zivilgesellschaft gestärkt – vielleicht ein Vorteil im Kampf gegen die Homophobie.

Denn die ist hier weitverbreitet. Erdem Gür von der Organisation Black Pink Triangle in Izmir erzählt: „Die Organisationen werden immer noch systematisch eingeschüchtert und müssen zum Beispiel Geldstrafen zahlen.“ Schwule und Lesben werden wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert und manchmal sogar ermordet: Im Jahr 2012 allein fünf Männer und sechs Transgeschlechtliche.

Besonderes Aufsehen erregte die Ermordung von Ahmet Yildiz, der von seinem Vater wegen seiner Homosexualität 2008 erschossen wurde. „Schwule und Lesben werden oft von ihren Familien ausgeschlossen“, sagt Gür. Am Arbeitsplatz verstecken viele ihre sexuelle Identität. Auch dürfen Schwule keinen Militärdienst leisten; gleichzeitig aber müssen sie Homosexualität medizinisch belegen. „In der Gesellschaft, in der Wirtschaft und in den Schulen – überall gibt es Homophobie“, berichtet Gür.

Dennoch gab es in letzter Zeit auch Erfolge. Seit 2009 hat es kein Verbotsverfahren gegen eine der Organisationen gegeben. Ihre Anzahl und Größe wachsen. Ein Gericht gab im Januar 2012 einer Klage gegen die Tageszeitung Vakit statt; dort wurden Homosexuelle als „sexuell Perverse“ bezeichnet.

Homosexualität ist legal in der Türkei. Er gibt aber kein Gesetz, das die Rechte von Schwulen und Lesben schützt. Versuche, dies zu ändern, lehnt Tayyip Erdoğan ab. Obwohl die Kemalisten die Rechte Homosexueller lange Zeit nicht anerkannten, brachten im Mai Abgeordnete der kemalistischen Oppositionspartei CHP und der kurdischen Partei BDP einen Antrag ins Parlament ein. Sie wollen ihre Rechte stärken und sprachen sich für die Homo-Ehe aus. Die AKP-Vertreter bleiben dagegen.

Gerade wurde der Fall des türkischstämmigen Yusuf bekannt: Ein lesbisches Paar in Holland hat ihn als Pflegekind aufgenommen. Für Erdoğan verletzte dies „die moralischen und religiösen Werte der türkischen Nation“. Die homophobe Rhetorik der Regierung hat sich verschärft, aber die Lesben und Schwulen kämpfen dagegen.

Endlos verdorben, so bezichtigt eine Türkin sich selbst

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06:00 18.07.2013

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