Manches war besser

Medientagebuch Kult aus Bayern: "Irgendwie und Sowieso" in der siebten Wiederholung

Sowieso" sagt man in Bayern, wenn man Zustimmung signalisiert, also einfach "ja" meint. Aber so einfach sind die Bayern nicht, und die Niederbayern schon gleich gar nicht. "Naa" heißt denn auch nicht schlicht "nein", wie das jeder Nicht-Bayer, gemeinhin "Preuße" genannt, vielleicht deuten würde. Vielmehr schwingt in dem langgezogenen "a" bei "naa" das Ungefähre mit, in dem sich der gemeine Bayer auszudrücken pflegt: "Host mi?" (Hast du, haben Sie mich verstanden?) Irgendwie so. So tiefgründig wie die bayerische Sprache ist auch der Bayer (notabene die Bayerin) an sich, dabei schlitzohrig, manchmal hinterfotzig, sogar treuherzig, und wenn´s drauf ankommt, kann er auch weichherzig sein. Eher Querkopf als Querdenker, Grantler statt Kritiker, Dickschädel, aber mit Gemüt. Kurz, er ist für Überraschungen immer gut, weshalb der Stamm im Süden Deutschlands denn auch vielfach als exotisch gilt.

Und dann dieser spezielle Humor, der weder schwarz noch krachern, sondern zuweilen ausgesprochen subversiv daherkommt. Wo also Tradition und Hirnriß so nah beieinander sind, liegt die Tragik in der Komik, oder auch andersherum, die Komik in der Tragik. Die Bayern lieben das, selbstbewusst, wie sie sind. Und weil das so ist - sowieso! -, haben sie auch solch gelungene Übertragungsmodelle ihrer Eigenart wie allerlei Fernsehserien (Monaco Franze, MünchnerG´schichten) entwickelt, die doppelt erfolgreich sind. Einmal, weil sie zum eigenen Ergötzen taugen, und zum anderen, weil sie den Außerbayerischen Hilfen zum ethnischen Verständnis (siehe oben) vermitteln. Damit aber nicht genug, sind sie begeisterungsfähig, wohlorganisiert und hartnäckig und erreichen in dem angeblich von einer Partei dominierten Landes-Sender BFS immer wieder Wiederholungen dieser schließlich irgendwie auch Regime- und selbstkritischen Serien.

"Weil die Fans nicht locker lassen", heißt es beinahe schon leidgeprüft ob der "unablässigen Anfragen, vor allem über Internet", bei der BR-Pressestelle, "geht nach dreijähriger Pause (!) Franz Xaver Bogners Irgendwie und Sowieso am 24. Juli 2003 zum siebten Mal an den Start". Kultstatus habe die Serie erreicht, wenn Fan-Clubs ein- oder zweimal im Jahr mit Zelt und Schlafsack ausgerüstet hintereinanderweg die zwölf Folgen lang von Einbruch der Dunkelheit bis zum Morgengrauen auf eine Großleinwand irgendwo im Bayerischen starren. Da haben wir´s wieder, die geborene Anarchie aus Tradition und Irrsinn, Schmu und Schmarrn, Gedeih und Verderb, kurz: die (Untertitel) Geschichten aus ´68 für die Fan-Gemeinde, die sich nicht satt sehen kann an den Landeiern aus Niederbayern, die doch schon bei ihrer ersten Ausstrahlung 1986 pure Nostalgie sein mussten.

Nun weiß man leidlich durch auch qualitativ unterschiedliche Erinnerungssendungen, dass "die 68er" sich aus bösen Buben, die sich mit der Polizei rumgeschlagen haben, und leichtgeschürzten Mädels, die das Kommunendasein aufpeppten, rekrutierten, und sie allesamt mit erhobener Faust unter Ho-Tschi-Minh-Rufen den Muff unter den Talaren hinwegpusten wollten. Aber wie die revolutionären Umtriebe in Niederbayern, sozusagen im tiefsten Hinterland, verlaufen sind, das erfährt man nur aus dieser Serie. Weder Kommune noch Wasserwerfer, und Demos nur vom Hörensagen aus der Großstadt München. Dafür Schlaghosen, Dorfdiscos mit Cola und Neonlicht, Ochsen, die "Ringo" heißen und auf Penny Lane stehen und dermaßen angetörnt bei den "Bayerischen Meisterschaften im Ochsenrennen" als erste durchs Ziel laufen, US-Hit-Narrische wie "Sir Quickly", der "Sowieso", weil der dicke Bauernsohn immer auf einem NSU-Moped durch die Gegend braust, während der dünne "Irgendwie" (oder auch "Effendi") der einzige weit und breit bleibt, der seine Umgebung mit Apo-Parolen nervt.

Soviel zur Revolution, die angesichts der amerikanischen Popsongs, Amerikanismen und vor allem des Ami-Schlittens des local hero Sepp, seines Zeichens Auto-Mechaniker, absolut randständig bleibt. Die Russen überfallen gerade im Autoradio die Tschechoslowakei, aber Knutschen ist wichtiger. Hauptsächlich geht es um eine eingeschworene Clique und ihr Erwachsenwerden, um vergebliche und endgültige Liebesmühn, um Generationen-Konflikte, um Patriarchentum, ökonomische Konzentration und politischen Filz, um dörflichen Mief und die Illusion von Freiheit und Männlichkeit, die sich in umweltpolitisch als auch individualpsychologisch absolut unkorrekter Weise in irrsinnigen Straßenkreuzer-Rasereien auf der Dorfkreuzung manifestieren. Es geht um ein grundlegend anarchisches Lebensgefühl, das zwischen unfreiwilliger Komik und tragischer Melancholie pendelt, abstrus genug zwischen Blasmusik und den Oldies der AFN-Hitlisten, die den Sound der Serie abgeben. Noch nicht einmal Happy-Ends, sondern ein Open-End: "Let it be, with the words of wisdom, let it be". Wende-Zeit in Niederbayern.

Nostalgie kommt auch angesichts der Darsteller auf. Ottfried Fischers erste Rolle war der "Sowieso Sir Quickly", und damals war er noch ambitioniert im Spiel und nicht ganz so monströs als endloser Himbeer-Joghurt-Löffler. Elmar Wepper sprang noch Sturm-und-Drang-mäßig mit der motorbesessenen Risikobereitschaft eines Cadillac-Lüstlings herum. Und - er ist es tatsächlich! - Bruno Jonas mimte den braven Postboten im Geldberuf und den Hüftschwingenden Dorf-Elvis ("Tango Fredy") im richtigen Leben. Unverbraucht auch noch die Frauen: von Michaela May bis Hannelore Elsner, von Barbara Rudnik bis Dolly Dollar und Olivia Pascal - ach, lang ist´s her, und so jung waren die auch einmal!? Und überhaupt, Louise Martini als gerissene Bauunternehmerin mit Schlips und Kragen, und Ruth Drexel als g´scherte Bürgermeisterin des Ortes - wer hätte das zu jener Zeit von Bayern gedacht!

Vielleicht ist das das Geheimnis des Erfolgs von bairischen Serien, dass sie für jedes Alter kompatibel sind, man sowohl mitwächst als auch zurückschauen kann und jedes Mal wieder Erkenntnisse gewonnen oder aufgefrischt werden, wobei die Botschaft der G´schicht nicht moralinsauer daherkommt, sondern mit (der niederbayerischen Rock-Gruppe) Haindling als Evergreen versöhnlich stimmt: Weil i di mog. Und weil´s gar so gut gemacht ist, ist der Sender so nett und lässt alle Beteiligten im Abspann schön langsam zum Mitlesen und Merken durchlaufen. Ach ja, war doch manches besser, früher, im Fernsehen, in Bayern.

Ab dem 24. 7. 2003 jeweils Donnerstags um 21.45 Uhr im BFS

00:00 18.07.2003

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