Manchmal wie ein Prosagedicht

Leben Irina Liebmann wird für ihren Roman „Die Große Hamburger Straße“ mit dem Uwe-Johnson-Preis 2020 ausgezeichnet. Das ist wohlverdient

Die Schriftstellerin Irina Liebmann (Jahrgang 1943) ist eine hartnäckige Spurenleserin. Der Boden dafür ist Berlin, einst das geteilte, dann das wiedervereinigte. Sie mischt Recherche, Begegnung mit Menschen und Flanieren zu einer eigenen Form des Erzählens. Ansätze dazu zeigten sich bereits 1982 in ihrem ersten Buch Berliner Mietshaus. Darin erzählt sie von den Bewohnern eines Mietshauses im Ost-Berliner Prenzlauer Berg. Unter den Porträtierten befand sich eine Familie, erfährt der Leser aus dem Nachtrag, die „bald darauf die DDR illegal verlassen wollte und inhaftiert worden ist“. Das Buch unterschlägt diese Wahrheit nicht. In der DDR hätte sie die Veröffentlichung kosten können. Für die Autorin war schon damals die Frage „Wie etwas wirklich ist“ eine ethische Frage der Darstellung: „Ich wollte immer schreiben für lebendige Menschen, die wach sind und sich nicht für dumm verkaufen lassen. Ich will der Wirklichkeit ihre magische Ausstrahlung lassen.“

Gerade wurde bekannt, dass sie für ihren Roman den mit 20.000 Euro dotierten Uwe-Johnson-Preis erhält. Sie ist damit im Jahr des dreißigjährigen Jubiläums der deutschen Einheit nach Helga Schubert und Elke Erb die dritte Schriftstellerin aus der ehemaligen DDR, die einen großen Literaturpreis erhält. Späte Anerkennung dieses Teils der deutschen Literatur bedeutet dies sicher nicht, denn immer schon sind Ex-DDR-Schriftsteller gleichberechtigt mit Literaturpreisen bedacht worden. Leider in der Regel immer dieselben. Dennoch ist es – insbesondere da die Wahl auf drei Schriftstellerinnen der älteren Generation gefallen ist – eine erfreuliche Tatsache, die den Literaturverhältnissen im wiedervereinigten Deutschland gut tun.

Irina Liebmann hat bereits eine Reihe von Büchern verfasst, für die sie im Berliner Scheunenviertel auf Spurensuche unterwegs war. Berliner Mietshaus, dem Debüt, folgte 1994 mit In Berlin einer der intensivsten Berlin-Romane. Er erzählt vom Klima des Umbruchs in der Stadt vor und nach dem Mauerfall. In Stille Mitte von Berlin (2002) ist die Autorin dann schon in der Großen Hamburger Straße angekommen, der sie jetzt ein ganzes Buch gewidmet hat.

19 Schaufenster, drei Etagen

Zwischen Auguststraße und Oranienburger Straße ist die „Große Hamburger“ keine Attraktion. Man ist schnell hindurchgegangen. Aber Irina Liebmann ist in ihr steckengeblieben. Bereits im Jahr 1983. Seitdem hat sie begonnen hinter alle Haustüren dieser Straße zu schauen und mit Menschen, die dort leben, zu sprechen. Sie entdeckt die „Große Hamburger“ als Hauptstraße des Scheunenviertels. Selbst der Kaiser hat sie anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Sophienkirche 1912 besucht. Nur kurz hielt er sich auf. Er sei erkältet, ließ er wissen. Seit der Preußenkönig Wilhelm I. 1737 den Berliner Juden, die kein eigenes Haus besaßen, befahl, ins Scheunenviertel zu ziehen, lebte es von jüdischer Tatkraft. Ende der 1930er-Jahre des vorigen Jahrhunderts befanden sich hier Sammelpunkte für die Transporte der Juden in die Vernichtungslager der Nazis. Der recherchierte Stoff wird von der Autorin geformt zu einem Roman in Bildern. Manchmal in Sprache gefasst wie ein Prosagedicht. Für beides steht die kleine Episode vom Haus mit der Nummer 17. Hier gab es früher einen Fechtsaal, heute steht er leer. Die Autorin kann nicht widerstehen und öffnet seine Tür: „Und doch ist ein Atmen im Raum. Ein Pfeifen auf Schwingen, als ob immer noch Degen und Säbel die Luft hier durchschlagen, zerschneiden, zerquirlen, und es ist ja auch Freude dabei, die Freude zu siegen, zu leben, zu springen! Ich weiß, und es ist lange her.“

Für die Entdeckung einer Straße in Berlin, ihrer Häuser, ihrer jetzigen und einstigen Bewohner, benutzt Irina Liebmann alte Adressenverzeichnisse, die sie sich aus dem Stadtarchiv besorgt hat. Ins Tagebuch ihrer Recherche schrieb sie, sie sei in das „Loch dieser Straße“ gefallen. 2015 nimmt sie es sich wieder vor. Es gibt staunenswerte Entdeckungen. Beispielsweise hat es in der Straße das größte Kaufhaus für Spielzeug gegeben, das sich in Europa damals finden ließ: 19 Schaufenster, drei Etagen, für jede Art Spielzeug ein eigenes Zimmer. Und wie viele Kneipen, Gasthäuser und Restaurants es in der „Großen Hamburger“ gab! Mitunter Wand an Wand. Manche warben mit Tabakspfeifen, denn bis 1848 war Rauchen in der Öffentlichkeit verboten. Heute existiert noch ein einziges Café, wo sie sich in ihren Pausen mit Manne, dem Tischler, Heini, Eva und den anderen trifft, mit denen sie sich bei ihren Wegen durch die Große Hamburger Straße angefreundet hat. Der Roman der Straße setzt sich zusammen aus den Lebensgeschichten ihrer Bewohner, den lebenden und den toten. Vergangene und bestehende, öffentliche und private Geschichte, erlebte und erzählte Wirklichkeit werden in einer offenen Erzähldramaturgie ständig ineinander geblendet.

Alles, was Irina Liebmann seit Berliner Mietshaus, ihrem Debüt aus dem Jahr 1982, an Nähe und an literarischer Erfahrung beim Schreiben über Häuser und Straßen in Berlin gewonnen hat, findet in Die Große Hamburger Straße zusammen. Für das Fehlen einer Handlung wird der Leser mit dichter Sprache und intensiver Atmosphäre reichlich entschädigt. Ein unbedingt empfehlenswertes Buch.

Info

Die Große Hamburger Straße ist bei Schöffling (240 S., 22 €) erschienen. Die feierliche Preisverleihung findet im Rahmen der Uwe-Johnson-Tage am Freitag, dem 9. Oktober 2020, in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern in Berlin statt

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10:40 20.07.2020

Ausgabe 39/2020

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