Manet, Monet, Money

Kehrseite I Die Neue Nationalgalerie eröffnete ihre Impressionisten-Show mit einem Eleven-Evening-Event, das heißt, an elf aufeinander folgenden Abenden wurden ...

Die Neue Nationalgalerie eröffnete ihre Impressionisten-Show mit einem Eleven-Evening-Event, das heißt, an elf aufeinander folgenden Abenden wurden so viele Besucher in die Ausstellungsräume gelassen wie auf dem Hauptbahnhof Fahrgäste auf verspätete Züge warteten. Gesponsert wurde die ganze Aktion "by Deutsche Bahn", und das Happening war echt gut. Am zwölften Tag allerdings wurde die Stimmung etwas gedämpft, als ruchbar wurde, dass der Raub eines Gemäldes geplant war. Man wusste auch schon welches. Die Freunde, Freundinnen, Bekannten und Verwandten der Nationalgalerie waren echt aus dem Häuschen, man wusste keinen Rat, die Polizei war gerade in Heiligendamm. Dann aber klingelte das Telefon, und das war auch gut so, die Sekretärin ging ran und sagte: "Hallo."

"Hallo", antwortete eine Männerstimme, "hier spricht Hollmes, können Sie mir helfen."

"Hollmes, Hollmes, der berühmte Detektiv?" fragte die belesene Sekretärin, "eigentlich würde ich gern Sie um Hilfe bitten!" Sie schilderte ihm kurz den Fall, daraufhin rief Hollmes aus seinem Seniorenstift in meinem an: "Watzon, ziehen Sie sich sofort an und kommen Sie mit." Zuerst konnte ich mich an keinen Hollmes erinnern, außerdem hatte ich mich seit Tagen nicht ausgezogen, weshalb ich mich auch nicht anzuziehen brauchte.

Fast zeitgleich langten wir an der Nationalgalerie an, er mit dem Arbeiter-Samariter-Bund, ich mit dem Roten Kreuz. "Watzon, Sie halten draußen die Stellung, ich mach mich drinnen auf Spurensuche", wies Hollmes mich an. Er zeigte auf einen Stuhl, der vor dem Eingang stand. "Und halten Sie die Augen offen", kam er noch einmal zurück, wohl wissend, dass sie mir schon zugefallen waren.

Sie hielten die Galerie geschlossen. Der berühmte Detektiv sollte ganz in Ruhe seine Arbeit tun. Ließ sich der Raub noch vermeiden, der von der internationalen Manet-Mafia geplant war? Das war die bange Frage der Freunde, Freundinnen u.s.w. Allmählich versammelten sich Menschen vor meinem Stuhl. Viele Menschen. Menschen aus aller Herren Länder. Menschen jeglichen Alters. Sie rüttelten an der verschlossenen Tür. Ich grinste sie an. Sie machten Fotos von mir.

Nach drei Stunden kam ein Mann heraus, der mir bekannt vorkam. "Watzon", sagte er verschwörerisch, "folgen Sie mir." Es war Hollmes, wie er mich im Café erinnerte, als ich mich ihm gegenüber setzte. Einen Augenblick schwieg er nachdenklich. Dann griff er in seine Tasche. Ich erstarrte. Er zog eine schwarze Socke heraus. Sie baumelte zwischen unseren Gesichtern. Ich war gespannt auf seine Ausführungen.

"Sie gehört einem Mann."

Ich nickte. Das sah man.

"Es ist ein armer Mann." Die großen Löcher im Fersen- und im Zehenbereich belegten das. "Es ist ein alter Mann", Hollmes holte aus der Socke einen erstaunlich großen, abgebrochenen Zehnagel, "der sich nicht oft wäscht." Der Geruch bestätigte es. Und wieder nickte ich. Ich lehnte mich zurück. Es war wie in alten Zeiten. Unglaublich, wie der Meister die Spuren analysierte.

"Vierzig Prozent Baumwolle, Rest Chemiefaser, rechter Fuß."

Ich nickte anerkennend, ja, erstaunt.

"Wahrscheinlich aus England."

Ich stutzte. Aus England?

Hollmes drückte den Teebeutel in den Aschenbecher und zündete sich seine Pfeife an.

"Es ist meine Socke", fuhr er fort, "ich hatte sie in der MoMa-Ausstellung verloren. - Erinnern Sie sich?" - MoMa? - "Ich saß damals im Rollstuhl", fuhr er fort. "Nach der Hüftoperation. Mit dem Fuß blieb ich an etwas hängen, weg war die Socke. Die Pflegerin wollte sich nicht extra darum kümmern. Jetzt habe ich sie wieder."

Hollmes´ Socke! Mir fiel ein Stein vom Herzen. Dann aber kam mir ein Gedanke. "Der Diebstahl, Hollmes, wie wollen Sie ihn verhindern?"

"Auch daran hab ich schon gedacht. Ich habe alle Bilder in der Galerie umgehängt, die Namensschilder aber an Ort und Stelle gelassen. Das dürfte es der Bande schwer machen." Der Tüftler, der. Wieder einmal war ich von der einfachen Lösung tief beeindruckt. "Aber die Besucher der Ausstellung - werden die nicht etwas merken? Wird es nicht Aufregung geben?"

Hollmes blieb gelassen. Er griff in den Aschenbecher, prüfte mit den Fingern, ob der Teebeutel getrocknet war, riss ihn auf und stopfte sich mit dem Inhalt erneut die Pfeife. "Sie überschätzen die Kunstliebhaber, Watzon. So lang die Bilder da sind, so lang die Titel ihnen vertraut vorkommen, wird keiner etwas merken. Die Ausstellung kann nun wie geplant ihren Fortgang nehmen." Er lehnte sich zurück.

Dennoch meldeten sich in mir Zweifel. "Und wenn nun doch die Bande ... sie könnten sich doch vorher genau informieren, wie das Bild aussieht."

Hollmes hustete kurz, dann lächelte er mich zahnlos an. "Machen Sie sich keine Sorgen, es ist schon nicht mehr da, Watzon."

"Was sagen Sie da? Es war schon weg? Wir sind zu spät gekommen?"

Er beugte sich vor und flüsterte: "Lassen Sie uns abhauen, die Zeche prellen, ja? - Oder haben Sie etwa Geld dabei?"

Auf der Straße hüllte er sich in seinen großen, karierten Mantel. Der Hol- und Bringdienst des Arbeiter-Samariter-Bundes und der des Roten Kreuzes warteten schon auf uns.

"Einbrecher sind Männer", sagte er kurz. "Ich hab´s ins Damenklo gehängt, da wird es keiner vermuten."

Ich hätte ihn umarmen können. Aber sein Wagen war schon weg. War schon unterwegs zu seinem Seniorenstift in Hellersdorf. Meines liegt in Marzahn.

Dirk Werner, 1961 in Gera geboren, lebt als Filmvorführer und Autor in Esslingen/Neckar. Zuletzt erschien im Freitag 24/2007 seine Geschichte Ritterretter.


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00:00 20.07.2007

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