Mangel an Größe

Neuverfilmung Timur Bekmambetovs Version von „Ben-Hur“ wird bald vergessen sein. Auch wegen der Jesus-Nummern
Lukas Foerster | Ausgabe 35/2016

Fünf Jahre verbringt Judah Ben-Hur (Jack Huston) angekettet im Bauch einer Galeere, mit der er, so brüllt ein Sklaventreiber, sich eins fühlen, verschmelzen soll: Der Körper des Schiffs ist auch dein Körper, der den Ruder-Rhythmus vorgebende Paukenschlag dein Puls, und mit dem Schiffsleib wird auch deiner untergehen. Ganz nah ist der ansonsten eher unmotiviert zwischen allzu vielen Handlungssträngen hin und her springende Film in dieser Passage bei seiner gemarterten, in eine unbarmherzige Kraftübertragungsmaschine eingespannten Hauptfigur.

Die Kamera vollzieht mit Judah gemeinsam die Ruderbewegungen nach, wie aus seinen Augen blicken wir eher hilflos als wirklich noch sehnsüchtig durch die wenigen Lücken in den Planken ins Freie. Den Höhepunkt erreicht diese wechselseitige Identifizierung von Schiff, Heldenkörper und Kamera im Verlauf einer Seeschlacht, während der der Film sich fast durchweg im Bauch der Galeere aufhält: Nicht den aktiv Handelnden, den taktierenden Generälen und ihren heroischen Soldaten, nicht dem wuchtigen Kriegsgerät gilt die filmische Aufmerksamkeit, sondern allein dem passiven Ausgeliefertsein der aneinandergeketteten Leiber unter der Deck, dem eingeschränkten Sichtfeld der Sklaven, dem knochenbrecherischen impact, den sie beim Zusammenprall der Boote erfahren.

Im gegenwärtigen Hollywood-Blockbusterkino ist das eine bemerkenswert formale Entscheidung; werden die Attraktionen in der Regel und mit Vorliebe doch quasipornografisch ausgestellt, also wie auf einem Präsentierteller, damit die Zuschauerin auch ja jede einzelne der vielen Millionen Dollar bewundern kann, die in die jeweilige Produktion geflossen sind.

Noch einmal erstaunlicher ist die Galeerensequenz, weil der Film, der sie umgibt, ansonsten wenig Anstalten macht, sich von der Unmenge an Großproduktionen, die derzeit fast im Wochentakt in die Multiplexe gespült werden, positiv abzuheben. Ganz im Gegenteil. Spätestens in ein paar Jahren dürfte die aktuelle Neuverfilmung von Ben-Hur kaum mehr sein als eine Fußnote zu der Charlton-Heston-Fassung von 1959, die sich in den vergangenen Jahrzehnten als einer der zähesten Evergreens des alten Hollywood erwiesen hat.

Nazarenischer Handwerker

Man kann sich jedenfalls kaum vorstellen, dass Timur Bekmambetovs Film ebenfalls zu einem generationsübergreifend vor dem Fernseher rezipierten Sonntagnachmittagsklassiker avancieren wird. Dazu fehlt es ihm vor allem an Grandezza, am Gespür für die Tonlage des Epischen. Man schreibt das selten über die notorisch aufgeplusterten Blockbuster dieser Tage, aber im neuen Ben-Hur ist trotz des 100-Millionen-Budgets alles eine Nummer zu klein gedacht.

Der zentrale Konflikt zwischen Judah und seinem in der römischen Armee Karriere machenden Adoptivbruder Messala (Toby Kebbell) kommt nie über den Status einer jugendlichen Kabbelei heraus und beschränkt sich bis zum Schluss größtenteils auf den Austausch beleidigter Blicke. Die Liebesgeschichte von Judah und seiner Frau Esther (Nazanin Boniadi) bleibt sogar noch mehr Behauptung, weil es da gleich gar keine reziproke Dynamik gibt. Wenn sie sich nach langer Trennung wieder in die Arme fallen und der Film sogleich keusch auf ein nächtliches Postkartenpanorama schneidet, nimmt man ihnen den implizierten Sex nicht ab. Wahrscheinlich starrt sie ihn einfach nur die ganze Nacht über an mit ihrem ewig flehenden Blick.

Selbst als Actionkino-Showman ist auf Bekmambetov, der mit seiner ersten US-amerikanischen Arbeit Wanted (2008) einen der wahnwitzigsten Hollywoodfilme dieses Jahrtausends hingelegt hatte, nur noch bedingt Verlass. Mit der – im besten Sinne erschütternden – Galeerenszene hat er sein Pulver verschossen, selbst das finale Wagenrennen bleibt trotz einiger effektiver Kameratricks ein eher fader Budenzauber.

Was vielleicht damit zu tun hat, dass es von Anfang an krachen muss, während sich in der Heston-Version der halsbrecherische Geschwindigkeitsrausch erst allmählich, aus einer kontinuierlichen Bewegung heraus entwickelt. Und warum lässt die Neuverfilmung ausgerechnet die vielleicht größte Attraktion der Vorlage, die an den Wagenrädern befestigten Messerklingen, unter den Tisch fallen?

Und dann noch der nazarenische Handwerker, der gelegentlich ins Bild drängt. Eine religiöse Schlagseite hatten schon ältere Bearbeitungen des Stoffs – der komplette Titel von Lew Wallaces Romanvorlage lautet schließlich Ben-Hur: A Tale of the Christ. Bekmambetovs Ben-Hur ist allerdings der erste, der explizit mit Blick auf christlich affiliierte Kinozuschauer entworfen ist. Mit Son of God konnte die Produktionsfirma Lightworkers Media 2014 im boomenden Marktsegment der faith based movies einen Überraschungserfolg feiern.

Jetzt soll das Ganze zwei Budgetklassen höher wiederholt werden. Das Ergebnis ist ein ziemlich schizophrener Film. Eigentlich hat Jesus (Rodrigo Santoro) keine dramaturgische Funktion, ist kaum mehr als eine unter mehreren für einen Hauch von Zeitkolorit sorgenden Nebenfiguren. Seine wenigen Auftritte werden allerdings durchweg von inszenatorischem Bohei begleitet. Da schwillt die Musik schicksalsschwer an, da verdunkelt sich der Himmel in Sekundenschnelle, da erstarren die härtesten Römer zur Salzsäule. Der besonders bizarrre Epilog ist eine einzige christologische Antiklimax: Der blutige, heidnische Spaß ist vorbei, jetzt wird erst einmal gründlich durchversöhnt.

Info

Ben-Hur Timur Bekmambetov USA 2016, 125 Minuten

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